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Berlin Fashion Week Was Berlin aus jungen Designerinnen macht

Nein, Berlin ist nicht Paris, London oder New York. Aber es ist ein Ort, an dem aufregende Modemacher gedeihen. Während dieser Fashion Week konnten sie glänzen. Von

Sie ist fast schon ein Urgestein, auf jeden Fall kein Nachwuchstalent. Trotzdem muss dieser Text über die Berlin Fashion Week, die diese Woche über die Bühne, über den Laufsteg und über das Parkett des Kronprinzenpalais ging, mit ihr anfangen: mit Leyla Piedayesh, mit Lala Berlin. Weil Piedayesh diese Woche ein Zeichen setzte, was Berlin eigentlich sein sollte und vielleicht auch schon geworden ist. Trotz der nicht verstummenden Kritik an seiner Internationalität. Trotz der vielen Labels, die in den vergangenen Jahren aufgeben mussten oder abgewandert sind.

Berlin ist, was das Design angeht, ein Ort für Experimente. Das Geld wird anderswo gemacht. Lala Berlin zum Beispiel verdient es in Kopenhagen, wo Piedayesh ihre Mode klassisch als Schau präsentieren wird, weil das Publikum dort nicht nur aus Journalisten, Freunden und Prominenten besteht, sondern auch aus Einkäufern. Für Berlin hat sie sich stattdessen zu etwas hinreißen lassen, was dieser Stadt als Modemetropole lange fehlte: Sie wählte eine mutige, neue Art, ihre Mode auch ohne Models und ohne eine fünfstellige Summen verschlingende Show zu präsentieren.

In der Tradition von Kostas Murkudis, der etwas Ähnliches 2011 mit dem Klangkünstler Carsten Nicolai versucht hatte, zeigte Piedayesh eine Filminstallation an drei Wänden: Drei Frauen, eine 13, die andere 26, die dritte 74, laufen, schauen, räkeln sich, streicheln, wundern sich in Lala Berlins Mode – im Hotelzimmer, auf der Straße, im Tiergarten. Dazu lief das Lied The Parched Well von Jesper Munk, der so schmerzhaft schönen Bluesrock macht, dass einigen der rund 300 Gäste während der Präsentation Tränen in den Augen standen.

Niemand wusste vorher, was passieren würde, die meisten waren irritiert und berührt, als sie den Raum im ME Collectors Room in der Linienstraße nach einem anschließenden Minikonzert von Jesper Munk wieder verließen. Eine Frage schwebte über allen: Was ist da gerade passiert?

Und genau das möchte und sollte man sich als Besucher der Berlin Fashion Week viel öfter fragen. Man musste sich in den vergangenen acht Jahren viel zu selten wundern. Diese Woche war endlich Raum dafür. Raum für neue Ansätze und Raum für eine ganze Reihe von vielversprechenden Nachwuchsdesignern und mittlerweile etablierten Berliner Größen.

Korsetts aus dem 3-D-Drucker

Wie Marina Hoermanseder, die die aufregendste Kollektion dieser Woche zeigte, obwohl ihr Vorhaben war, leichter tragbare Mode zu entwerfen. Üblicherweise genügt den Schauen eine Etage des Kronprinzenpalais. Hoermanseder brauchte zwei, um alle Interessierten unterzubringen. Die Österreicherin ließ sich von der amerikanischen Flugpionierin Amelia Earhart inspirieren und zeigte Fliegerjacken, Bundfaltenhosen und Blazer aus Wolle und Leder. Ihre Markenzeichen, Schnallen und Riemen, fanden an den Ärmeln Platz oder an bis zur Taille geschnürten Röcken. Zum Glück verzichtete sie bei all der Tragbarkeit aber nicht auf ihre Korsetts aus dem 3-D-Drucker und die Brustpanzer in Pastellfarben. Mit ihnen knallt Hoermanseder dem Berliner Publikum ihre Botschaft vor den Latz: "Ich kann was! Ich will was! Aber ich lasse mich nicht verbiegen! Ebenso wenig wie meine Röcke und Oberteile."

Wie wichtig es ist, seiner Linie und Formensprache treu zu bleiben, zeigten auch Johanna Perret und Tutia Schaad. Vor zwei Jahren ließen sie ihr Publikum ihre Mode noch durch die Glaswände der Neuen Nationalgalerie bestaunen. Die wird nun renoviert. Berlin bewegt sich. Perret Schaad auch und zwar raus aus der Stadtmitte, in einen Baumarkt in Schöneberg. Dort zeigten sie seidene Kleider, silberne Lamé-Oberteile und großkarierte Kleider. Ihre Pullover, die breiten Pelzstreifen in Brusthöhe besetzt waren, durfte nicht nur das Schauenpublikum, sondern auch die Baumarktmitarbeiter und Einkaufenden bestaunen. Für jeden Look hob sich das Rolltor, und heraus kam eben kein Gabelstapler, sondern eines der wenigen Labels der Stadt, die es geschafft haben, jede Saison das Gleiche zu zeigen, ohne sich zu wiederholen.

Zu diesem Typus gehörten bisher auch Augustin Teboul. Bisher. Die Marke, die mit ihren vielen Farben von Schwarz bekannt geworden ist, machte diesmal tatsächlich etwas anders und griff in die Kiste mit dem Buntgarn. Annelie Augustin und Odély Teboul assoziierten zu ihren schwarzen Strick-, Häkel-, und Stickereien knalliges Pink, Orange, Türkis. Ein bisschen erinnern ihre Entwürfe stets an die amerikanischen Strickschwestern Mulleavy vom Label Rodarte, die so etwas wie Tim Burtons modische Schwestern sind.

Für die moderne Nomadin

Aber es sollte ja um den Nachwuchs gehen und da fielen besonders drei Frauen auf: Malaika Raiss, Nobieh Talaei und Louise Friedlaender. Sie alle zeigten, was Berlin aus jungen Designerinnen macht: selbstbewusste Frauen, die Mode für selbstbewusste Frauen machen. Für Frauen, die weit gereist sind oder weit reisen wollen. Wie Talaei, die ihre Kollektion der modernen Nomadin widmete und in ihren Entwürfen ihre eigene Mehrstaatlichkeit verarbeitete.

Talaei kam mit elf Jahren mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland. Ihr Schneiderhandwerk lernte die heute 38-Jährige bei ihrer Großmutter, die regelmäßig die Hochzeitskaftane ihrer Nachbarinnen schneiderte. Aus dieser Spannung heraus entwirft sie heute Mode, die zur Zeit passt: Weil sie das Vermögen hat, die ganze Welt in sich aufzunehmen und trotzdem eigenwillig ist. Talaeis Stil ist nicht folkloristisch, sondern modern, ohne auf Opulenz zu verzichten. Weite Überwürfe aus Fell deuten fremde Klimazonen an, die Farben sind sandig und erdig. Talaeis Mode wird mittlerweile im Onlineshop Stylebop und im Kadewe verkauft. Nach nur einer Saison ist das beachtlich. Das weiß auch Christiane Arp zu schätzen, die Chefredakteurin der deutschen Vogue. Sie holte Talaei kürzlich mit Marina Hoermanseder ins Förderprogramm des Fashion Council Germany.

Malaika Raiss und Louise Friedlaender stehen derweil für das neue junge Berlin, das zugezogen ist, hierhin gehört und so schnell auch nicht wieder weg will. Ihre Mode ist im besten Sinne schlicht. Raiss zeigte seidene Negligés und zarte weiße Organzamäntel, sauber geschnittene Blazer und Röcke mit flatterndem Saum.

Friedlaender bewies etwas mehr Mut und führte vielleicht die zeitgenössischste aller Kollektionen dieser Woche vor. Die Absolventin der Modeschule Esmod macht keine Kleidung zum "Einfach-so-drüber-ziehen", wie sie es selber nennt. "Dafür ist meine Mode zu kompliziert." Die Entwürfe sind auf jeden Fall anspruchsvoller zu tragen, als das meiste, was während dieser Fashion Week zu sehen war. Eben darin liegt ihr Reiz. So setzt sie ein riesiges, tropfenförmiges Loch auf die Taille eines schlichten schwarzen Kleides. Sie zieht den Schlitz eines orangenfarbenen Taillenrocks so weit nach oben, dass die Trägerin schon sehr selbstbewusst mit ihrer Unterwäschewahl umgehen muss. Sie entwirft eine Patchworkhose, die aus Nadelstreifen, Samt, Jeans und Leder besteht. Wer die Entwürfe von Phoebe Philo für Céline mag, wird Friedlaender lieben. Auch für ihre Preise.

Bei so viel Abwechslung, so vielen vielversprechenden Talenten und neuen Ideen wie der von Leyla Piedayesh durfte man sich über die Berlin Fashion Week endlich mal wieder im positiven Sinne wundern. Es war dringend an der Zeit.

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