Berlin Fashion Week Innen Fashion, außen Dreck

© Andreas Rentz/Getty Images
Kein VIP-Shuttle, die Heizpilze sind leer und Gigi Hadid ist auch schon wieder weg! Berlin ist nicht Paris, nicht London und auch nicht Mailand. Aber dafür sehr cool. Von

Natürlich kann man das Wetter zur Banalität erklären, als Modeschöpfer muss man das sogar. Wer wollte sich seine Schnitte schon vom Meteorologen diktieren lassen? Über Wetter redet man nicht, man hält es aus. Nur ist dieser Berliner Winter ein Phänomen, das sich nicht einfach ignorieren lässt. Schon gar nicht, wenn Wollsocken und Wattejacken von Berufs wegen keine Option sind. Berlin ist nicht Mailand, das sich hinter den Alpen vor nordeuropäischen Kaltfronten verstecken kann. Während der winterlichen Fashion Week begegnen sich hier zwei Welten, die noch nicht richtig warm geworden sind miteinander.

Ick fahr nur die VIPs und die woll'n ihre Ruhe haben.
Chauffeur der Fashion Week

Dabei fängt es besser an, als erwartet. Die Sonne scheint und der Mann am Informationsschalter im Flughafen Tegel weiß tatsächlich, wo die Shuttlebusse zur Fashion Week abfahren: raus gehen, rechts abbiegen und nach den schwarzen Kleinbussen Ausschau halten. Da parkt auch schon einer, die Schiebetür mit einem pink unterlegten Kosmetik-Logo steht bereits offen, was für ein Empfang! "Ick fahr nur die VIPs", sagt der breitschultrigen Chauffeur, "und die woll'n ihre Ruhe haben." Er zeigt ein joviales Türsteherlächeln und erklärt, dass er gerade auf einen Fahrgast warte, den er zum Hotel de Rome nach Mitte bringen soll, fünf Sterne. Ganz bestimmt ein schönes Topmodel, oder? "Leider nein", er schüttelt den gegelten Kopf, "aber die Lena Gehrke war wohl och schon dabei heute." Ein Kollege hatte das Glück sie zu kutschieren. Wo die Shuttles für die VUPs fahren, weiß er nicht: "Tut ma leid!"

Wenigstens kommt gerade der normale BVG-Bus, dessen verdreckte Scheiben an diesem lichten Wintertag besonders gut die Sicht vernebeln. Wobei, die dieselgefärbten Schallschutzwände der Stadtautobahn will sowieso niemand sehen, der wenigstens mit einem zarten Gespür für Ästhetik angereist ist.

Ein Model wird für die Schau von Malaikaraiss im Backstagebereich geschminkt. © Kay Nietfeld/dpa

Es ist nicht nur das Wetter, die Stadt selbst ist im Grunde völlig ungeeignet für die glänzende Aura der zur Schau getragenen Couture – so unreflektiert unprätentiös, dass es an Frechheit grenzt. Berlin ist nicht Paris, wo die Leute in kleinen Dachkammern hausen, um sich die richtigen Schuhe für die Boulevards draußen leisten zu können. Der Berliner will einen Südbalkon und es ist ihm von ganzem Herzen egal, dass er dafür Jeans von der Stange tragen muss, deren Waschung aussieht, als sei die Blondierung in der Einkaufstüte explodiert. Seien wir ehrlich: Die Fashion Week in der deutschen Hauptstadt ist wie ein Konzert der Berliner Philharmoniker auf dem R'n'B-Floor einer Großraumdisco.

Dieses Jahr macht die Show and Order den Anfang, eine Messe für Damenmode und Accessoires im Kraftwerk Berlin. Vom S-Bahnhof Jannowitzbrücke läuft man zehn Minuten, vorbei an Gittis Bierbar, wo es mutmaßlich keine Cola Zero gibt, vorbei am Orient Style Friseur, der für acht Euro Frisuren ohne Schere erstellt, Form follows Schneidemaschine. Und dann ist da noch der Messerladen gegenüber der chinesischen Botschaft, aus dem in diesem Moment eine bis an die Zähne mit Solinger Stahl bewaffnete volksrepublikanische Delegation stürmt. Das Zusammentreffen überfordert zwei Fashion-Week-Besucher sichtlich. Als hätten sie nicht schon genug damit zu tun, ihre Rollkoffer mit einem fiesen Kratzgeräusch über das Muster aus Eiszungen, Beton und Streugut zu ziehen, das die Berliner Bürgersteige überzieht.

Die Messe Show and Order findet im Berliner Kraftwerk statt. Hier finden Einkäufer Damenmode und Accessoires. © Alex Krex für ZEITmagazin Online

Im Kraftwerk stolzieren gut aussehende Menschen mit voluminösen Halstüchern durch ein Labyrinth aus Kleiderstangen. Nur dem Team der Brandsicherheitswache geht die Leichtfüßigkeit etwas ab, in schweren Arbeitsstiefeln und Blaumännern schlurfen sie durch die Halle. Der grauhaarige Mann mit kastigem Kassengestell geht voran, hinterher seine Kollegin mit dem roten Pferdeschwanz. "Und, watt für dich dabei?", fragt er irgendwann. "Nö", sagt sie. Und bleibt nach einer Weile plötzlich doch stehen: "So'n Poncho wollt ick immer mal haben." Sie steckt sich das Walkie Talkie an den Gürtel und tastet prüfend einen ab. "Aber ditt hier is mir zu bunt." Er: "Damit siehste aus wie die in Mexiko, wa?" Sie laufen weiter und halten erst wieder an, um einem unechten Merino-Schaf über die Schnauze zu streichen, das einen Stand bewacht.

Am Ausgang stehen frierende Raucher vor der Tür und ein Sicherheitsmann, der ständig von einem Bein aufs andere steigt. "Gas leer", sagt er und zeigt auf den Heizpilz, "aber is ja och nur noch 'ne Stunde. Morgen jibt's wieder watt."

Die wichtigsten Schauen der Fashion Week finden anderswo statt, in einem unspektakulären Pavillon am Brandenburger Tor. Nähert man sich von Osten, sieht man den weißen Kasten schon von Weitem durch die klassizistischen Sandsteinsäulen leuchten. Nur sollte man trotzdem darauf achten, nicht von der Weihnachtsbeleuchtung erschlagen zu werden. Die wird gerade von den Ästen der Lindenbäume gerissen und liegt in großen Knäulen auf dem Gehweg. Männer mit Zigaretten im Mundwinkel übernehmen das, und es scheint nicht einfach zu sein, sonst würden sie weniger fluchen.

Da fahren sie hin, die VIP-Shuttles. In einem unauffälligen Zelt am Brandenburger Tor werden die Schauen der Fashion Week gezeigt. © Adam Berry/Getty Images

Vor dem Pavillon stehen allwettertaugliche Buchsbaumtöpfe auf der sechsspurigen Straße und Pressefotografen mit langen Unterhosen und Objektiven. Weil ihnen niemand gesagt hat, wen sie eigentlich fotografieren sollen, schießen sie einfach jedes hochgewachsene Mädchen mit hohen Wangenknochen ab. Und sicherheitshalber all jene, die aus den VIP Shuttles steigen. Löschen kann man die Bilder hinterher immer noch.

Du meinst die Gigi Hadid, die immer mit Cara Delevingne rumhängt. Die is' schon abgehauen. Verstehste?
Ein Fotograf der Fashion Week

Ein Fotograf mit Wollmütze erklärt, er verlasse sich auf den Buschfunk. Das heißt: Werden die Kollegen nervös, wird er auch nervös. Die Einzige, die er ganz allein erkennen würde, ist die Ex von Ronaldo. "Diese Russin, weisste? Die sollte ja eigentlich kommen." Er habe aber erfahren, dass die nun doch schon abgereist sei. Ein anderer Fotograf mischt sich ein, wegen der riesigen Kapuze erkennt man wenig von seinem Gesicht, dafür hat er Ahnung: "Quatsch, die Irina Shayk is' noch da! Warum soll'n die weg sein? Die kommt 17.00 Uhr zur Show von Marc Cain. Du meinst die Gigi Hadid, die immer mit Cara Delevingne rumhängt. Die is' schon abgehauen. Verstehste?" Achso, sagt der mit der Wollmütze, und dann: "Scheißkälte, ich geh ma' rein, mich aufwärmen."

Zur selben Zeit wird im alten Postbahnhof nachhaltig produzierte Mode gezeigt. Die Location ist super zu erreichen, allein der Weg durch die Vorhalle des Ostbahnhofs ist nichts für Schöngeister. Der Bahnhof ist für zwei Dinge bekannt, seine Hässlichkeit und seinen Lidl-Markt, der auch sonntags offen hat. So beschissen angezogen, dass man hier auffällt, kann man gar nicht sein. Berlin ist nicht London, wo die Leute die Farbe ihrer Schuhe nach der Uhrzeit richten. Das Einzige, was die eingeflogenen Modeversteher diesem Nichtort inmitten der Stadt abgewinnen könnten, ist seine Eignung als Kulisse für ein Street-Wear-Shooting. Vielleicht gleich hier, zwischen den Obdachlosen im Wartebereich und den beiden Taxifahrern, die sich gerade so schön anschreien. Keep it real und so.

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