Designer Alessandro Michele hinterfragt für Gucci, was typisch männlich ist. © Gucci

Männermode Was Männer wollen

Auf der Mailänder Männermodewoche ist nicht in, wer drin ist, sondern draußen. Die Designer entdecken die Brauchbarkeit, die Männer auf der Straße experimentieren. Von

Die Männer in Mailand sehen gut aus. Sie tragen bunt bedruckte Schals unter ihren Wolljacketts, espressofarbene Lammfelljacken, karierte Mäntel und Turnschuhe zu Anzughosen. Sie sehen lässig aus, ohne eitel zu wirken. Oder gar feminin – die größte Angst des Mannes.

Aber es ist ja auch Männermodewoche in Mailand. Hier kommen die Stilsicheren zusammen. Zu Hause, im privaten Umfeld, macht der modische Mann sich rar. Gut angezogene Männer, ja, die gibt es. Männer, die Sneaker sammeln wie Frauen High Heels, ebenso. Aber interessieren sich tatsächlich auch Männer außerhalb der Branche für Mode? Das ist die Frage, die zu den Männermodenschauen immer wieder aufkommt.

Die Zahlen geben eine Antwort: Seit Jahren ist von einem Boom der Männermode die Rede. 2014 verzeichnete der Markt ein globales Wachstum um 4,5 Prozent auf ein Volumen von 440 Milliarden US-Dollar. Indes wuchs die Damenmode um lediglich 3,7 Prozent, dafür immerhin auf satte 662 Milliarden US-Dollar. Verantwortlich dafür sind verschiedene Faktoren: Hedi Slimane, der Anfang der nuller Jahre mit seinen schmalen Anzügen bei Dior Homme einen Jugendwahn entfachte, für den sogar Karl Lagerfeld Diät hielt. Der Erfolg der Fernsehserie Mad Men, die den US-amerikanischen Designer Thom Browne zum Entwurf des "shortened suit" mit körpernaher Taille und Hochwasserhose inspirierte. Oder die wachsende Zahl von Streetstyle-Blogs, auf denen sich Männer von Männern inspirieren lassen, mit denen sie sich identifizieren.


Daraus ist ein Markt von bisher unterschätztem Potenzial entstanden. "Früher kauften Männer Kleidung, wenn sie welche brauchten", sagt Toby Bateman, Chef-Einkäufer beim 2011 gegründeten Männermode-Onlineshop Mr. Porter. "Mittlerweile sind immer mehr Männer über aktuelle Trends informiert und kaufen entsprechend auch stärker nach Interesse und Saison ein."

Prada sticht in See – mit Matrosenhütchen und blauen Cabanjacken. © Prada

Sonntagabend in Mailand. Für die Prada-Show wurde eigens eine Hofanlage mit Galerien und Balustraden aus Holz errichtet. Es sollte wie ein großer Markplatz aussehen, erklärt Miuccia Prada nach der Show. Die Kulisse korrespondiert mit dem Seefahrer-Thema der Kollektion. Die Models tragen Matrosenhütchen, Hemden mit Schnürbändern aus Nappa-Leder, goldene Schlüssel am Hosenbund, gewachste Capes, Mäntel mit abfallenden Kragen und Manschetten. Illustrationen von kämpfenden Kriegern zieren knittrige Seidenhemden, der französische Künstler Christophe Chemin hat sie gezeichnet. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass es gar keine Krieger sind, die sich da in den Armen liegen, sondern historische Prominenz: Sigmund Freud, Che Guevera und Pier Paolo Pasolini. 

Die Nützlichkeit steht im Vordergrund

Prada zeigt eine der stärksten Kollektionen in Mailand. Funktionalität und Avantgarde, so wird hier klar, schließen sich nicht aus. Das galt lange Zeit als Problem der Männermode: Entweder war sie zu schlicht und langweilig oder zu feminin und aufgerüscht. "Brauch ich das?", rätselte der praktisch denkende Mann. Die Schauen in Mailand haben jetzt gezeigt, dass den Designern offenbar wieder eingefallen ist, für wen sie da eigentlich entwerfen. Der Boom der Männermode scheint nicht unbedingt zu mehr Wagnissen auf den Laufstegen zu führen, sondern eher zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen des modernen Mannes. So ist trotz wachsender Begeisterung für das Modische in der Männermode immer noch die Nützlichkeit ein Kriterium – anders als in der Frauenmode, die in den Winterkollektionen immer wieder transparente Seidenkleider zeigt oder im Sommer schwarze Lederhosen.

Bomberjacken schmeicheln der männlichen Silhouette. Hier bei MSGM © MSGM

Utility, also Brauchbarkeit, ist auf den Mailänder Laufstegen ein großes Thema. Während draußen der norditalienische Boden gefriert, zeigt Brioni vor der Kulisse schneebedeckter Berge übergroße Parkas, Kaschmirschals, Rucksäcke und Wanderschuhe. Die Männerhandtasche scheint vergessen, stattdessen sieht man jetzt viele aufgesetzte, geräumige Brust- und Hosentaschen, die dekorativ wirken und dabei funktional sind: Bei Marni und No21 auf luftigen, kragenlosen Hemden, bei Bottega Veneta quer über der Brust eines wollenen Trenchcoats. Omnipräsent ist auch die Bomberjacke. Sie schmeichelt der klassischen Männersilhouette: oben breit, unten schmal. Calvin Klein zeigt dick aufgeplusterte, mit goldener Isolierfolie ausgekleidete Kapuzenmodelle, MSGM honigfarbene Nylonjacken über zerschlissenen Wollpullovern, die konservativeren Herrenausstatter vornehme Variationen der Fliegerjacke: bei Ermenegildo Zegna aus schimmerndem Jacquard zu Anzughosen, bei Salvatore Ferragamo aus Wildleder mit farblich abgesetzten Ärmeln, bei Bottega Veneta aus karierter Wolle und dunkelgrünem Leder.

Bei Bottega Veneta steht die Tragbarkeit im Vordergrund. © Bottega Veneta


Dabei sind trotz dieser allgemeinen Stoßrichtung in der Männermode immer noch sehr unterschiedliche Ideale von Männlichkeit zu entdecken. Versace steckt muskulöse Schlägertypen mit Gelfrisur in nietenbesetzte weiße Jeans. Dolce & Gabbana kostümieren die Models ihres "Sicilian Western" in hautengen Anzügen mit aufgestickten Colts und Kakteen.

Colts, aus Perlen gestickt, zieren die Mäntel bei Dolce & Gabbana. Jedes Designhaus interpretiert den Mann von heute anders. Hier kommt er als Großstadtcowboy daher. © Dolce Gabbana

Und bei Gucci sehen die Jungs aus wie sensible Tagediebe, die früher im Physikkurs einsam in der letzten Reihe vor sich hin träumten. Ihre dünnen Leiber hat Alessandro Michele, der die Modewelt zurzeit mit seinen widersprüchlichen Entwürfen aus Opulenz und Schrulligkeit beschäftigt, in barock ornamentierte Mäntel mit ausgefransten Säumen, petrolfarbene Samtbademäntel, geblümte Siebziger-Anzüge, Persianer-Capes zu Fetzenjeans und weiße Nerzmäntel zu Pyjamahosen gekleidet. Es ist ein großes Durcheinander, in dem alle Außenseiter dieser Welt fündig werden sollten. Für die erfolgreichen Business-Männer gibt es glücklicherweise noch die italienischen Traditionshäuser, bei denen etwas so Unseriöses wie ein roter Strickumhang in absehbarer Zeit nicht zu befürchten ist.  

Der tagträumende Mitschüler aus der letzten Reihe? Bei Gucci feiert er ein Revival. © Gucci

"Ein Mann fragt sich, wo er hingehört"

In der Damenmode ist die Orientierung gerade eindeutig: Designer wollen emanzipierte, starke Frauen anziehen. Dabei wandelt sich die Definition weiblicher Stärke je nach Marke und Saison. Doch während sich Frauen immer wieder von Trends leiten lassen, eben noch Miniröcke trugen, während einige Monate später plötzlich knöchellange Hippiekleider modern sind, scheinen sich die Männer nach etwas anderem zu sehnen. "Männern geht es eher um Zugehörigkeit zu einem bestimmten tribe, weniger um Individualität", sagt Scott Schuman vom Streetstyle-Blog The Sartorialist. "Ein Mann fragt sich, wo er dazu gehört, und kleidet sich dann entsprechend. Zu den Musikern, zu den Skatern, zu den Dandys, Rockern oder Golfspielern. Tatsächlich geht es Männern nicht wirklich um Mode, sondern eher um einen bestimmten Stil."

Vielleicht hat die Stadt Berlin den Zegna-Designer Stefano Pilati zu diesem nach Second Hand aussehenden Pullover inspiriert. © Ermenegildo Zegna

Der im Gegensatz zur Damenmode deutlich kleinere Spielraum der Männermode ist also nicht unbedingt ein Zeichen für mangelnde Offenheit. Vielleicht sind die modischen Männer den Frauen, die sich in ständiger Verschwendungsbereitschaft auf jeden neuen Trend stürzen und bereitwillig von Zeitschriften und prominenten Vorbildern leiten lassen, in Sachen Stilfindung sogar voraus. Das macht die Männermode ja auch so spannend: Es geht hier eher um subtile Veränderungen – raffinierte Details, Schnitte, Stoffe, Muster und Farben –, weniger um bahnbrechende Verrücktheiten. Und deshalb ist, wenn von einem Boom der Männermode gesprochen wird, wohl auch gar nicht ein so drastisch gestiegenes Interesse an wechselnden Trends gemeint, sondern eher ein geschärfter Sinn für Ästhetik – und die Frage, mit der jede Stilfindung beginnt: Wer will ich sein?

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