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Mailand Fashion Week Die Revolution der Freaks

Lange dümpelte die Mailänder Modewoche so vor sich hin. Nun ist wieder Bewegung in der Stadt. Weil sich die Designhäuser auf ihre Stärke, den Spaß am Spiel, besinnen. Von

Riesige Nerdbrillen, Rüschenblusen, Jacquard-Anzüge, Glitzerkleider. Auf den Mailänder Laufstegen war einiges los. Jahrelang galt die Mailänder Modewoche als arriviert, ein bisschen angestaubt, handwerklich auf hohem Niveau, aber etwas langweilig und zu sehr dem Jetset gewidmet. Damit ist spätestens Schluss, seit Gucci vor einem Jahr die Kreativdirektion in die Hände eines langhaarigen Mannes namens Alessandro Michele legte und damit etwas in Gang brachte, was man vielleicht als Revolution der Freaks bezeichnen könnte.

Eine Auswahl von Entwürfen für den kommenden Winter aus den Kollektionen von Prada, Marni, Missoni, Dolce & Gabbana und Gucci von der Mailänder Modewoche.

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Michele besinnt sich im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Frida Giannini nicht auf die Tom-Ford-Tradition des Hauses, die in den Neunzigern den Sex zurück in die Mode brachte. Michele schaut viel weiter zurück, in die Archive, in die Werkstätten und sucht dort eben nicht nach den Klassikern und Bestsellern, sondern nach den Stücken, die zu weit gingen, nach den Tabubrechern. Er hat riesige Rüschenblusen gefunden und wild gemustertes Jacquard, fellbesetzte Detektivponchos und Tüllkleider, die aussehen, als hätten sich die Rosenranken von Julia Capulets Balkon in ein Kleid verwandelt. Das ist mutig und schön, nostalgisch und zugleich völlig ungesehen, übertrieben und hässlich, das ist alles, was man von der Mode von heute, die ansonsten jeden gestalterischen Mut in Verkaufszahlen, Lieferdaten und Kostennutzenrechnungen versenkt, fordern kann: ein großer Spaß.

Davon haben sich auch die anderen prominenten Häuser anstecken lassen. Es scheint, als habe Micheles Mut unter den italienischen Designern einen neuen Ehrgeiz entfacht. Als sähen Miuccia Prada, Angela Missoni, Consuelo Castiglioni von Marni, der Deutsche Tomas Maier von Bottega Veneta und Domenico Dolce und Stefano Gabbana es nicht ein, diesem bisher unbekannten Mitvierziger kampflos das Feld zu überlassen. Sie alle haben vergangene Woche eine Schippe drauf gelegt, sich etwas getraut, sind über die Standards, Verkaufsschlager und ein, zwei Showpieces, die sie sonst zu präsentieren haben, hinausgewachsen. 

Prada nahm die Zuschauer mit auf eine Tour durch die Kostümgeschichte. Ihre Kollektion war ein Pastiche aus Zitaten und Referenzen, weit fallende Röcke, in der Taille mit Gürteln und Gürteltaschen beschwert, erinnerten an die viktorianische Zeit, wilde Muster und Stilmixe an die Sechziger und Siebziger, weit geschnittene Steppjacken und Creepers an die Neunziger. Und um den Hals der Models baumelte Schmuck aus schweren Schlüsseln und Ketten.

Angela Missoni fand in langen Strickkleidern, Kurzjacken und weit fallenden Hosen zu alter Zick-Zack-Größe zurück. Castiglioni interpretierte für Marni die Steghose neu und plädiert für neuen Mut rund um die Taille, mit Jacken, die auf den Rippenbögen enden und Hosen, die erst auf der Hüfte anfangen, sodass um den Bauch herum ein textiles Loch entsteht, das mit Blusen in kontrastierenden Farben und Mustern umhüllt werden kann. Ihr aufregendstes Teil war allerdings ein Detail: riesige weit aufpuffende Glockenärmel von der Ellenbeuge abwärts.

Tomas Maier besann sich für Bottega Veneta hingegen auf die Schönheit der klaren Linie und auf die Kunst der Zurückhaltung. Pastellfarbene Strickkleider umspielten sanft die Kniekehlen, das Gewebe um die Brust so dünn, dass gleichfarbige schlichte Bustiers hindurchschienen. Für Pullover und Lederjacken wählte er herausfordernde Farben wie dreckiges Giftgrün oder Laubfroschblau. Dolce & Gabbana feierten indes eine große Märchenprinzesinnenparty, mit Bärchenprints und pinkfarbenen Glitzerkleidchen, aufwendigen Blumenstickereien und einer klaren Botschaft: Seid laut, lacht, tanzt, stolpert und steht wieder auf.

Mailand macht endlich wieder Lust auf Mode. Viva la rivoluzione!

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