Das Finale der Herbst-/Wintershow von Dior © Getty Images

Paris Fashion Week Die neue Unangezogenheit

Die Modewochen in New York und London drehten sich ums Geschäft und Mailand feierte den Freak. In Paris wurde nun Exzentrik neu definiert. Man trägt jetzt Katzenmasken. Von

Ein Entwurf von Vetements © Getty Images

Die Modewelt ist in Aufruhr, ihre Hauptstadt bleibt cool. Noch bevor das erste Model dieses Jahr in Paris über den Laufsteg lief, stellte die französische Industrie klar: Das System ist intakt, zumindest bei uns. Keine neuen Strukturen notwendig. Das Statement ist eine Reaktion auf die Entwicklungen in London und New York. Vor fünf Wochen verkündete das britische Modelabel Burberry, seine Kollektionen künftig direkt nach der Schau in die Läden zu bringen. In New York denkt man schon länger darüber nach, die Präsentationen auch für die normale Kundschaft zu öffnen. Einen Vorgeschmack darauf, wie Mode in Zukunft präsentiert werden könnte, gab diese Schauensaison ausgerechnet ein Außenseiter: Kanye West, der mit seiner weltweit in Kinos live übertragenen Show für Adidas bewies, dass man mit High Fashion sehr wohl die Massen erreichen kann. Doch in Paris glaubt man weiter an die Magie der Sehnsucht. Das, woran immer mehr Modemarken zweifeln – nämlich, dass sich die Leute auch noch ein halbes Jahr nach der Show, wenn die Entwürfe endlich in den Läden hängen, für die Kleider interessieren – steht hier außer Frage.

Das unterstreicht auch Ralph Toledano, Präsident des Branchenverbands Fédération Française de la Couture, du Prêt-à-Porter des Couturiers et des Créateurs de Mode, wenn er sagt: "Was ist Paris? Paris ist unumstritten die Stadt der Kreation. Aus unserer Sicht ist das aktuelle System der Branche nach wie vor valide." Und François-Henri Pinault, Chef des Luxusmodekonzerns Kering, erklärt, Sofortkauf-Kollektionen würden den Traum vom exklusiven Luxus zunichtemachen. Die zeitliche Lücke zwischen Präsentation und Verkauf sei nicht nur aus logistischer Sicht notwendig, sondern auch, um das Begehren der Kundschaft zu steigern. Und um Begehren geht es in der Mode. Non?

Entwurf von Vetements © Getty Images

Doch welche der Tausenden Entwürfe, die in den letzten Tagen in Paris präsentiert wurden, weckten tatsächlich Herzenswünsche? Auf vielen Pariser Laufstegen setzte man auf die Wirkung nachlässiger Exzentrik. Während das Publikum auf der Straße eher schlicht gekleidet für die Fotografen posierte, dominierte der schrullige, latent verwirrte Look die Kollektionen. Ob das Vetements, dem zurzeit begehrtesten Pariser Label des neuen Balenciaga-Kreativdirektors Demna Gvasalia, zu verdanken ist? Dort sind die Schultern von Hemden und Pullovern jedenfalls so breit wie die von Football-Spielern, die Röcke minikurz und an den Hosen baumeln breite Metallringe, eine praktische Vorrichtung, um lästig gewordene Jacken aufzuhängen. Dazu gibt es graukarierte Faltenröcke mit Tennissocken, die bis übers Knie gehen, nachlässig in den Bund gestopfte weite Hemden; auf Blusen, Jogginghosen und Kapuzenpullovern prangen Zeilen wie "Sexual fantasies", "May the bridges I burn light the way" und "You fuck'n asshole". Und das in einer Kirche!

Ein Entwurf des spanischen Modelabels Loewe, das in den letzten Jahren unter der Leitung des Briten J.W. Anderson einen neuen Aufschwung erfahren hat. © Getty Images

Auch die Kollektion von Loewe wirft Fragen auf: Lederbustiers über transparenten Rollkragentops? Röcke aus Grobstricknetz? "Ärmel" aus flatternden Silberkettenfäden? Goldene Kringelhalskrausen? Katzenmasken als Halsschmuck? Designer Jonathan Anderson glaubt vielleicht, ein Schuss Rätselhaftigkeit sorge heute für den stärksten Nachhall. Bis man eine Kollektion wie die seine für Loewe verdaut hat, vergeht eine Weile. Und dann kann man sie kaufen.

Ein Entwurf von Loewe © Getty Images

Ohnehin wäre es ein Trugschluss, an der Zeitlosigkeit von Exzentrik zu zweifeln. Im Pariser Kaufhaus Le Bon Marché hat parallel zur Modewoche eine Ausstellung über die 94-jährige Modeikone Iris Apfel eröffnet. Dort kann man nicht nur, genau wie bei Loewe, eine Kette mit Maskenanhänger bewundern, sondern allerlei schräge und einfallsreiche Outfits aus Apfels persönlicher Sammlung – darunter ein orangefarbenes bodenlanges Woll-Cape mit Volantsaum oder ein Ballonärmelkleid zu schwerem chinesischen Schmuck. Nach Basics muss man in Apfels Kleiderschrank lange suchen. Die Amerikanerin ist der lebende Beweis dafür, dass Exzentrik kein Haltbarkeitsdatum hat.

Außerdem kann sie viele Formen annehmen. Wo wir wieder bei Demna Gvasalia wären, der am Sonntagmorgen in einem riesigen Fernsehstudio sein Debüt als neuer Kreativdirektor von Balenciaga gab. Der Termin wurde mit größter Spannung erwartet. Gvasalia wurde letztes Jahr im Oktober berufen, um aus dem Traditionshaus wieder eines zu machen, über das man spricht. Was er mit seiner eigenen Marke Vetements geschafft hat, nämlich einen Hype zu kreieren, soll auch bei Balenciaga wirken. Und das tut es. Zu sehen gibt es karierte Doppelreiher mit luftigen Hüftpolstern, schmale Röcke mit vorn aufspringenden Faltenvolants, dazu auch hier die in den Bund gestopften übergroßen Männerhemden, voluminöse Funktionsjacken und Daunenjacken, die von den Schultern rutschen. Interessant ist, dass jedes Kleidungsstück für sich genommen bekannt ist, ja, eigentlich sogar in den meisten Kleiderschränken vorhanden: warme Anoraks, schmale Bustierkleider, Trenchcoats, Ledermäntel, Seidenkleider mit Blumendruck. Gvasalia hat sie nur verfremdet und neu zusammengesetzt.

Das Nachlässige, Unangezogene seiner Entwürfe ist in Paris auch bei anderen Häusern ein Thema. Vielerorts wirkt die Kleidung nur schnell übergeworfen, mit halb offenem Reißverschluss, in der Eile verrutscht. Bei Christian Dior legen Wollmäntel mit breit ausgeschnittenen Kragen die Schultern frei, bei Céline schlackern nicht ganz zugeknöpfte Ledertuniken über weiten Hosen und tief sitzende Gürtel mit praktischen integrierten Lederbeuteln sorgen für Handfreiheit. Bei Maison Rabih Kayrouz sieht man seitlich geschlitzte Wollmäntel und Blusen mit dekorativ deplatzierten Hemdkragen. Auch hier wieder: Blazer, die von den Schultern rutschen, Hemden und Jacken, die nur am obersten Knopf geschlossen sind. Bei Givenchy wirkt die exzentrische Lässigkeit mit Minibomberjacken zu geschlitzten Schlangenlederkleidern, engen Strumpfstiefeln und Print-Blusen mit von Volants eingerahmten Rückenausschnitten wiederum eher erotisch.

Und ein überraschender Höhepunkt der Fashion Week Paris ist am letzten Abend die Show von Off/White: Der Amerikaner (und nebenbei Creative Director für Kanye West) Virgil Abloh zeigt schräg geknöpfte Blazer, knöchellange Hosen mit rot-weißem Absperrband anstelle eines Smokingstreifens, asymmetrisch drapierte Röcke mit surrealistischem Print, eine hinterrücks geknöpfte Jeansjacke und lederne Hüfttaschen. Die Kollektion ist von Pretty Woman inspiriert, schon am Eingang leuchtet in großen Neonlettern das Filmzitat der schnippischen Verkäuferin: "You're obviously in the wrong place". Gerade richtig deplatziert wirken auch die Ärmel und Ausschnitte der gezeigten Kleider.

Ein Entwurf von Dior – das Designteam ist nach dem Abgang von Raf Simons immer noch führungslos. © Getty Images

Aber ist all das tatsächlich so aufregend, dass die Sehnsucht danach ganze sechs Monate anhalten kann? Viele Kollektionen scheinen austauschbar, die meisten Labels halten sich an das, was sich im Einzelhandel bewährt hat. Dass Kleidung exzentrisch und auf interessante Weise schrullig ist, muss eben noch lange nicht heißen, dass sie durch übertriebene Innovation besticht. Vielleicht ist das Neue aber auch gar nicht mehr der Antrieb von Mode. Wo Trends ausgestorben sind, braucht man keine mehr zu setzen. Was gar nicht erst in war, kann ebenso wenig ein paar Wochen später wieder out sein. Möglicherweise ist es genau das, was den Marken helfen könnte, die erste Euphorie zu überdauern: sich einerseits von Trenddiktaten unabhängig zu machen, andererseits Kleider zu zeigen, die man auch tatsächlich anziehen will – mit eigenen stilistischen Tricks. Mit nackten Schultern zum Anorak, beispielsweise. Oder Katzenmasken als Halsschmuck.

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