Gesellschaftskritik Es gibt nur ein' Vokuhila

© Christian Charisius/dpa

Seit es Fußballspieler gibt, wird über ihre Frisuren gestritten. Haarschnitte sind für Fußballer sehr wichtig, denn von manchen Fußballern bleibt vor allem das Hairstyling in Erinnerung. Paul Breitner wurde durch seinen Afro unvergesslich, Günter Netzer durch seine Matte und die Vokuhila zu Rudi Völlers Zeiten hat etwa in den Niederlanden den Ausdruck duitse mat (Deutsche Matte) geprägt. 

Sie alle waren gewiss auch hervorragende Fußballer. Doch die Frisuren machten Ikonen aus ihnen. Noch heute sind Netzer, Breitner und Völler gefragte Männer. Eine unverkennbare Frisur ist für einen Fußballer also eine Art Altersvorsorge. Kein Wunder, dass sie so viel Mühe darauf verwenden.

Durch was sollte ein Fußballer, abgesehen von seiner sportlichen Leistung, auch auffallen? Er ist ja gezwungen, ein Trikot zu tragen – da bleibt der Haarschnitt die einzige Möglichkeit, sich sichtbar von den Teamkollegen zu unterscheiden, abgesehen von der spielerischen Leistung natürlich. Dazu kommt, dass ein Fußballer ziemlich viel Zeit hat, um sich um seine Frisur zu kümmern – abgesehen natürlich von der Zeit, in der er fußballerisch tätig sein muss.

Zur EM kann man sich auf den belgischen Nationalspieler Marouane Fellaini freuen, der seinen schwarzen Afro gerade blond gefärbt hat. Oder auf den Spanier Andrés Iniesta, der eigentlich kaum Haare hat, die aber zu einer Punkfrisur drapieren kann.

Nur bei der deutschen Nationalmannschaft ist auf dem Kopf nichts los. Sami Khedira und Mesut Özil haben die Langhaarfrisuren aufgeben und tragen nun einen Bürstenschnitt, der seitlich rasiert ist. Ihre Frisur ist nicht gut zu unterscheiden von dem Haarschnitt Manuel Neuers, der so ähnlich aussieht wie die Frisur von Toni Kroos und auch nicht wesentlich anders als der Schopf von Thomas Müller. Die längsten Haare in der Nationalmannschaft hat der Trainer. Ansonsten tragen alle denselben Kurzhaarschnitt.

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür: Möglicherweise hat Jogi Löw darunter gelitten, dass zu viel über die Frisuren der Mannschaftsspieler geschrieben wurde und zu wenig über seine. Also hat er dafür gesorgt, dass er den einzigen markanten Haarschnitt hat, über den die Reporter noch berichten können. Oder man verspricht sich einen taktischen Vorteil davon. Die gegnerischen Spieler sollen Schwierigkeiten haben, die deutschen Nationalspieler auseinanderzuhalten. Oder aber es ließ sich nicht mehr problemlos durchsetzen, dass Spielerfrauen das Mannschaftshotel betreten dürfen. Weswegen Löw zum Ausgleich wenigstens die Mitnahme von Frisuren nach Frankreich untersagt hat. 

Fragt sich nur, was man eigentlich bei der EM noch kommentieren soll, wenn man nicht mehr über die Frisuren der Spieler diskutieren kann – abgesehen natürlich von der fußballerischen Leistung.

Kommentare

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Geht es nur mir so, oder harmonieren die Haarschnitte unserer Kicker immerhin prächtig mit dem Grad der Inspiriertheit und Kreativität beim Torjubel? Finde jedenfalls, dass sie ähnlich daherkommen, wie sie zu zelebrieren pflegen, understated trifft es gut. Das war nicht immer so, sieht man nun aber seit vielen Jahren und ich wollt fast meinen, genau solange Löw führt. Und das trotz vieler junger Spieler. Eine (hin und wieder) Ausnahme davon ist sicherlich Müller, der aber auch anders tickt, ansonsten sehnt man sich doch häufig nach einem Klose, der zeigte wenigstens mal seinen Salto, obschon auch er dabei auffällig selten lächelte.

Besonders krass zu sehen war das im letzten Spiel gegen England. Deutschland trifft: die Spieler klatschen sich artig ab (??!!). England trifft: eine Jubelorgie. Man muss vielleicht einräumen, dass nicht jeder engl. Fans hat, sowas natürlich auch von außen animiert wird und das dem deutschen Länderspiel-Publikum nicht recht liegt, das war aber nie anders. Kann es also nicht sein. Die Nationalspieler dürfen sich ruhig mal freuen! Ansonsten wirkt das leider schnell mal arrogant.