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Berlin Fashion Week Der Charme der zweiten Liga

Die Fashion Week gewinnt an Kontur. Viele Kollektionen überzeugen durch gutes Handwerk und eigenständige Designs. Das haben auch die Einkäufer großer Kaufhäuser bemerkt. Von

"Den Namen der deutschen Vogue-Chefredakteurin kannten wir vor zwanzig Jahren nicht", sagt Daniel Marks von der britischen PR-Agentur The Communications Store auf die Frage, wie sich Mode verändert hat, "wir waren arrogant und hielten das nicht für nötig. Das hat sich geändert." Inzwischen kennt er nicht nur Christiane Arp. Er arbeitet auch mit deutschen PR-Agenturen wie Loews und Schoeller von Rehlingen zusammen, wenn er Marken wie Roland Mouret, Christopher Kane und Erdem betreut. Deutschland ist in den letzten Jahren wichtig geworden, als Markt.

Und so wie die Stadt Berlin international Strahlkraft entwickelt hat, als Schmelztiegel für Kunst, Kultur und die kreativen Industrien, wird Deutschland nun auch als Standort für Mode relevant. Das sah man auch auf der Berliner Fashion Week.

Bei René Storck, der zum ersten Mal auch Männermode zeigt, sitzt Shadi Halliwell vom Londoner Kaufhaus Harvey Nichols in der ersten Reihe. Gut möglich, dass die Kollektion des Frankfurters – strahlend weiße, lässige Hosenanzüge für beiderlei Geschlecht, gepaart mit geradlinigen Overcoats in Beige und Schwarz – demnächst auch in der britischen Hauptstadt erhältlich ist.

Eindrücke von der Berlin Fashion Week mit Mode von Odeeh, Marina Hoermanseder, Malaika Raiss, René Storck, Perret Schaad, Michael Sontag, Hien Le, Augustin Teboul und William Fan

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Brian Phillips, der in New York die PR-Agentur Black Frame führt und Modemarken wie Rodarte vertritt, ist in der Stadt, um sich einen Überblick über die Kunstszene zu verschaffen und erkundigt sich, ob er besser im Petit Royal oder Shaniu's House of Noodles essen sollte. Leaf Greener, die sechs Jahre als Senior Editor für Elle China arbeitete und seither als "Influencer" und Herausgeberin ihres eigenen digitalen Magazins Leaf von sich reden macht, überlegt, ihren zweiten Wohnsitz nach Berlin zu legen. Das koreanische Brillenlabel Yun, das dank Hightechmanufaktur Brillen binnen zwanzig Minuten maßschneidert, eröffnet gerade seinen ersten Laden außerhalb Koreas in Berlin.

Tim Labenda, bekannt für opulente und feminine Mode, gewinnt derweil die europäische Vorausscheidung für den renommierten Internationalen Woolmark Prize. Die Designerin Nobieh Talaei zeigt in Berlin auf dem "Sustainability and Style"-Cocktail der Vogue, wie sie auch aus weichem Tencel eine robuste Jeansoptik herstellt. Otto Drögsler und Jörg Ehrlich von der Marke Odeeh präsentieren ihre Mode dieses Jahr in Berlin und nicht in Paris. Und zwar in der Location der Woche: auf der Baustelle des neuen Berliner Stadtschlosses. Ein Coup – mithilfe des Fashion Council Germany. "Das war ein einmaliges Angebot. Wir haben lange keine Livepräsentation gemacht und hier passt der Rahmen", sagt Otto Drögsler von Odeeh. "Ursprünglich wollten wir etwas Großes, Florales machen, aber dann haben wir unsere Kollektion auf diese Kulisse abgestimmt und ganz andere Stoffe bestellt." Aufwendige Musterprints und Metallicstoffe in einer stimmigen Kollektion, die sich vor allem durch ihr sportives Layering auszeichnet. "Wir haben ein Tapetenmuster der siebziger Jahre mit einem der dreißiger Jahre zusammengebracht", sagt Otto Drögsler, "durch das Styling mutet es ein wenig japanisch an."

Fördern, fordern, nicht aufgeben

Es gibt viele Kollektionen, die an Orten gezeigt werden, die ebenso sehenswert sind wie die Mode selbst: Der griechische Hof des Neuen Museums, in dem der Nachwuchs im Rahmen des European Fashion Award gefeiert wird. Eine Westberliner Dachterrasse, auf der Leyla Piedayesh ihre aktuelle Lala Berlin-Kollektion zeigt. Sie setzt auf starke Farbkontraste in Rot und Schwarz, und kombiniert Strick, Seide und Leder zu tragbaren Looks mit rockigem Beigeschmack. Das Palais am Festungsgraben funkelt so opulent in Gold, das man sich auf der Schau von Michael Sontag ein wenig konzentrieren muss, um die Key Pieces, zwei drapierte, seidig glänzende Kleider in Rot und Beige, nicht zu übersehen.

Im grünen Garten des Kronprinzenpalais hingegen lenken nicht einmal die mit Spiegelfolie überzogenen Stellwände, hinter denen die Models hervortreten, von der kunstfertigen Mode der Designerin Marina Hoermanseder ab. Auf den ersten Blick ist es eine liebliche und beschwingte Kollektion, die zu einem Remix von Cindy Laupers Girls Just Wanna Have Fun von erfolgreichen Models wie Antonia Wesseloh über den Laufsteg geführt wird. Weiße, gestärkte Kleidchen mit Blümchenprint, lachsfarbene ausgestellte Miniröcke, Hemdblusen und Shirtkleider in maritimem Blau und Weiß. Aber die Basics kommen mit besonderen Details und Subtext: die aufwendigen Schmetterlingsapplikationen, die über Röcke, Blusen und Kleider verteilt sind, sind der sogenannten Schmetterlingskrankheit entlehnt, einer degenerativen Hauterkrankung. Ihren Blick für das Abseitige hat die Designerin nicht vergessen, auch die orthopädischen Prothesen und Korsagen gehören weiterhin zu ihrer Design-DNA. In dieser Saison übersetzt sie die sonst starren Lederriemen in tragbare Spitze.

Dass Hoermanseders Mode inzwischen nicht nur im New Yorker Institute of Fashion and Technology ausgestellt, sondern auch in Hollywood-Filmen getragen wird, sind nur zwei Beispiele dafür, wie international die Berliner Mode inzwischen ist. Die Szene professionalisiert und internationalisiert sich. Dazu passt, dass seit dieser Saison die Messe Made, die in New York besonders die jungen Talente präsentiert und fördert, einen Berliner Ableger gegründet hat, die Made Berlin. Wie sehr die Förderung des Nachwuchses ein Anliegen geworden ist, zeigen Veranstaltungen wie der European Fashion Award, mit dem die Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie die "Nachwuchskräfte in der Modebranche" fördert. Oder der Designer for Tomorrow Award, den die Kaufhauskette Peek und Cloppenburg bereits im siebten Jahr vergibt. Diese Saison setzt sich die Norwegerin Edda Gimnes mit beschwingt bekritzelten Kleidern durch und darf sich nun auf vielfältige Förderungsoptionen freuen, zu denen neben der Finanzierung der nächsten Kollektion auch Öffentlichkeitsarbeit gehört. Auch das Fashion Council Germany hat eine weitere Förderung initiiert: Ab dieser Saison gibt es eine zweijährige Partnerschaft mit dem Textilunternehmen H&M, die ein Fellowship umfasst, in dem die Geförderten ihre eigene Marke auf- und ausbauen können.

International, aber nahbar

Doch bei aller Internationalisierung bleibt sich die Berlin Fashion Week auch nach neun Jahren treu. So sitzt die Schauspielerin Hannah Herzsprung ganz entspannt in der ersten Reihe der Präsentation des Labels Perret Schaad. Sie ist die Protagonistin des 3-D-Films, mit dem Johanna Perret und Tutia Schaad ihre aktuelle Kollektion präsentieren, ein schlaues Spiel mit urbanen Formen, die sie in grafische Muster übersetzen. Es gibt ein bisschen Blitzlichtgewitter in der ersten Reihe, aber keine Entourage, kein Kreischen und schon gar keine Absperrbänder, die VIPs und Publikum voneinander trennen. Das ist nicht nur bei Perret Schaad so, sondern kennzeichnet die Berlin Fashion Week im Allgemeinen: Die Veranstaltung und ihre Protagonisten bleiben trotz oder gerade wegen ihres Erfolgs, den sie auch der Friends-and-Family-Attitüde von Berlin verdanken, nahbar und unaufgeregt. Otto Drögsler, einer der zwei Designer von Odeeh, beschreibt es so: "Als deutsche Designfirma kann man sich hier gut platzieren. Selbst wenn die Einkäufer eher in Paris sind, die Presse hier ist hochkarätiger. Wir könnten es auch in Paris machen. Aber da wäre es nicht so nett." Veranstalter, Designer, Presse und Einkäufer haben sich damit angefreundet, eben nicht in Paris, Mailand, London oder New York zu sein. Sondern in Berlin, in der zweiten Modeliga. Und das ist auch gut so.

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