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Zigaretten Es lebe die alte Schachtel!

Nachdem die EU nun Bilder auf Zigarettenpackungen vorschreibt, die Raucher von ihrem Laster abbringen sollen, feiert das Etui sein Comeback. Klappe auf, Kippe rein. Von

In Dr. No, dem ersten 007-Film, sitzt Sean Connery in seiner Rolle des Geheimagenten am Baccara-Tisch und greift, kurz nachdem er eine irrsinnige Summe Geld gewonnen hat und sich erstmals in der Filmgeschichte als "Bond-James-Bond" vorstellen wird, nach einem flachen silbernen Etui. Er entnimmt ihm eine Zigarette und steckt sie sich in den Mund. Man muss sich nur einmal vorstellen, James Bond hätte an dieser Stelle eine herkömmliche Schachtel vom Kiosk hervorgezogen, eine Schachtel mit jenen sogenannten Schockbildern, die seit einiger Zeit darauf abgedruckt werden: Fotos von fauligen Zähnen, tumorzerfressener Lunge oder Raucherbeinen. Sein Glamour würde sich sofort in Rauch auflösen.

Mit dem stilvollen Rauchen soll es jetzt endgültig vorbei sein. Seit Ende Mai gilt in Deutschland die EU-Tabakrichtlinie. Das bedeutet: Mentholzigaretten werden bis 2020 aus den Regalen verschwinden und zwei Drittel der Verpackungsfläche aller Tabakwaren werden mit Warnhinweisen und -bildern bedruckt. In Ländern wie Kanada oder Australien, in denen schon länger solche Hinweise und Fotos auf den Verpackungen prangen, sei der Anteil der Raucher gesunken, heißt es.

Eine Bevormundung, klagen die einen; ein Anlass für eine neue alte Geschäftsidee, hoffen andere. Wer nicht bei jeder Zigarette an deren gesundheitliche Risiken erinnert werden möchte, packt jetzt um. In Boxen, Hüllen oder Etuis. Diese sind nicht nur praktische Accessoires, sondern bieten dem modernen Raucher zudem eine weitere Möglichkeit des Selbstausdrucks. Bislang lieferten die Marketingstrategen der Tabakunternehmen das jeweilige Image mit – Liberté toujours versprachen etwa die französischen Gauloises – die man nun wegen zu viel Coolness vom französischen Markt zu nehmen gedenkt. Das sollte mal einem Popstar passieren! Zu cool für die Welt. Oder einem Politiker. Aber die rauchen ja heute auch nicht mehr. Zumindest nicht öffentlich.

Ob Cowboy oder Côte-d’Azur-Beau: Nun muss man sich das Image logofrei selbst generieren. Junge Frauen die sich für Mode interessieren und im Internet darüber schreiben, greifen nun notgedrungen zu feinen Lederhüllen von Yves Saint Laurent oder Louis Vuitton mit Monogrammaufdruck – abgestimmt auf die It-Bag. Als klassisch gilt das silberne Etui, damit beweisen Traditionalisten gerne ihren Sinn für hochwertige Details. Solch edle Stücke verlangen allerdings nach dem kompletten Look, sie harmonieren mit rahmengenähten Schuhen, nicht aber mit Trekkingsandalen. Letztere kombiniert man lieber mit einer Schatulle aus Holz und einem Bart. Beides gibt es mittlerweile in vielerlei Form und Farbe.

Wer schlau war, hat vorgekauft

In Zeiten, da man Lebensweisheiten nicht mehr nur auf dem T-Shirt oder dem Oberarm trägt, kann man sein persönliches Memento mori nun endlich auch auf der typografisch hübsch gestalteten Hülle sichtbar machen. Es gibt sie auch aus bedrucktem Silikon. Firmen wie Zibox liefern Boxen mit auf das hippe Publikum abgestimmten Motiven wie Moustache oder Anker oder selbstironischen Sprüchen, optimal geeignet für Instagram – #qotd #mood #HeuteSmoking. Zum Preis von etwa 10 Euro pro Stück kann man sich je nach Gefühlslage sogar gleich mehrere Hüllen leisten. Der moderne Mensch neigt ja zu Stimmungsschwankungen. Wenn er könnte, würde er sogar seinen Bauchnabel je nach Mood austauschen.

Wer schlau war, hat vorgekauft und füllt nun die Zigaretten einfach in eine alte, unbebilderte Schachtel um. Andere falten sich ihre Boxen aus robusterem Origamipapier, Grobmotoriker überkleben das Bild mit Paketband. Aber die haben auch ihren Brillenbügel seit etwa einem halben Jahr mit Gaffa gefixt, was grundsätzlich ja als sympathisch gilt. Bei Leuten, die Woody-Allen-Filme mögen. Die tatsächlich nur für diesen Zweck entwickelten Accessoires sind jedoch wirksamer, das muss man zugeben: Ein schmuckes Stück im eigenen Stil kann ganz vortrefflich vom eigentlichen Laster ablenken. Denn darum geht es ja beim modernen Etui.

Etuis schützen Zigaretten auch vor Nässe – allerdings nur bis zur Entnahme.

Erfunden wurden Zigarettenetuis indes in einer Zeit, als über die Folgen des Rauchens noch nicht gesprochen wurde. Es gibt sie im Prinzip ebenso lange wie Zigaretten. Im späten 19. Jahrhundert stammten die edelsten Hüllen aus dem Haus Fabergé. In der St. Petersburger Werkstatt wurden neben den bekannten Schmuckeiern kostbare Schatullen aus Silber, Gold und Edelsteinen angefertigt, in denen etwa die russische Zarenfamilie ihre Rauchwaren aufbewahrte. Ein – im wahrsten Sinne des Wortes – wertvolles Instrument der Distinktion.

Damals kaufte man mit den Glimmstängeln schließlich noch nicht gleich eine ganze Markenphilosophie mit. Zigaretten waren einst nur in Papier verpackt – viel zu banal für alle, die nichts einfach so mit sich herumtragen, und viel zu schlicht etwa für die Dandys, zu deren Grundausstattung das Edelmetalletui alsbald gehörte. Laut einschlägiger Ratgeberliteratur übrigens noch heute, sowohl Lennart Brand in seinen 111 Regeln für den Mann von Welt (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2015) als auch Bernhard Roetzel in Der Gentleman (H. F. Ullmann, 2016) raten zum Gebrauch des Accessoires.

Durch die Jahrzehnte blieben die Zigarettenetuis in den Händen der Reichen, Schönen und Stilvollen, und zwar längst nicht nur für Herren. Marlene Dietrich funktionierte ihre unzähligen Zigarettenetuis auch mal als Brieftasche um. Die Flappergirls der 1920er benutzten bevorzugt Exemplare im Stil des Art déco. Gleichzeitig sprangen auch Tabakunternehmen wie Camel oder Chesterfield auf den Trend auf und brachten eigene Etuis auf den Markt, sogenannte Flat Fifties, weil genau 50 Zigaretten hineinpassten. Von solchen Massenprodukten hob man sich weiterhin mit Einzelstücken vom Juwelier ab. Beispielsweise von Cartier. Sorayas goldenes, mit Diamanten besetztes Etui von dem französischen Luxusunternehmen kam 2012 bei Christies für 6.000 Euro unter den Hammer.

Das Etui als Erziehungsmaßnahme

Ganz so viel ausgeben muss man, um heute nachzuziehen, nicht unbedingt. Ein stilvolles Vintagestück aus Sterling-Silber macht gewiss mehr her als ein lediglich verchromtes aus dem Tabakgeschäft um die Ecke. Fündig wird man etwa auf Antikmärkten, Auktionen oder Online-Plattformen wie Etsy oder Ebay. Erschwingliche Traditionsmarken sind unter anderem Dunhill oder Evans.

Es gibt auch noch ein anderes Etui auf dem Markt, aus hochglänzend vernickeltem Stahlblech. Dieses Exemplar wird gleichsam als Erziehungsmaßnahme verkauft: Da in die Blechschachtel nur 18 Zigaretten passten, solle man dies doch als Gelegenheit nutzen, sich in Selbstdisziplin zu üben. Diesem puritanischen Anspruch zum Trotz wird dem 10-Euro-Etui auch ein Pendant für Streichhölzer an die Seite gestellt. Beide kann man uneingeschränkt auf dem Tresen oder der Parkbank liegenlassen, ohne bei jedem Blick auf die Verpackung den Ekel zu verspüren, den sich die Verfechter von den sogenannten Schockbildern gewünscht haben.

Die Fotos erfüllen ihren Zweck. Aus einer stilvollen Verpackung ist ein erhobener Zeigefinger mit Grind unter dem Nagel geworden, der sich durchsetzt. Vorbei sind die Zeiten des Knisterns des Papiers beim Herausklopfen einer Zigarette, der Raucher gewöhnt sich nun ans Klimpern. Die leise Ankündigung eines Lasters, das nur behält, wer es wirklich zu tragen weiß. Von nun an im Etui.

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Ich möchte hier nicht das Rauchen schönreden aber ich halte diese "Bildkampagne für absoluten Blödsinn. Die mir bis jetzt bekannten Bilder sind weit entfernt schockierend zu sein.
Es gibt ein Bild sogar das komplett eine gegenteilige Wirkung bei einen meiner Kinder erzeugt hat.
Aktuelle Situation derzeit ist das "Papa" raucht "Mama" nach der zweiten Schwangerschaft überhaupt nicht mehr angefangen hat zu rauchen und alle 5 Kinder (9-21) bisher als teilweise :) militante Nichtraucher zu bezeichnen sind. Das negativ Beispiel hat bisher super funktioniert. Bis eines Tages mein Jüngster dieses Foto auf der Verpackung gesehen hat (Baby mit Schnuller und darin eine Zigarette). Jetzt ist er der Meinung das das Zigaretten für Kinder sind. Ich muss der Fairness halber anmerken das mein Sohn etwa auf den Stand eines 5 Jährigen ist, aber vorher sehr gut zwischen Gesund und Ungesund unterscheiden konnte . Ich kann mir gut vorstellen, das dieses Foto ähnlichen Auswirkungen auf andere 3-6Jährige haben könnte.

"Erfunden wurden Zigarettenetuis indes in einer Zeit, als über die Folgen des Rauchens noch nicht gesprochen wurde. Es gibt sie im Prinzip ebenso lange wie Zigaretten. Im späten 19. Jahrhundert stammten die edelsten Hüllen aus dem Haus Fabergé. "

Vielleicht sollte sich die Autorin mal dieses Bild anschauen:

http://www.forensicgeneal...

Wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aufgenommen - Und bereits seinerzeit wurde Tabakrauchen mit Krebs in Verbindung gebracht.