© Nina Lüth für ZEITmagazin ONLINE

Übergangsjacke Wir Herbstzeitlosen

Es gibt Männer, die verbringen ihr Leben in einer Übergangsjacke – und oft auch in der falschen. Mit der richtigen hingegen kann man allen Stürmen des Lebens begegnen. Von

Dieses Wetter verdirbt einem langsam auch den Spaß an der Mode. Das, was wohl die Klimakatastrophe sein soll, scheint sich zunächst in der Abschaffung zweier Jahreszeiten auszudrücken, Frühjahr und Herbst. Und die beiden, die übrig bleiben, sind grob gesprochen: Sommer – und Scheiße. Und die sind an sich furchtbar eintönig. Nun hat also die triste Saison begonnen, ohne dass es einen wirklichen Übergang gegeben hätte. Das ging so rasch, dass man es nicht rechtzeitig zur Reinigung geschafft hat. Jetzt herrscht da offenbar Bearbeitungsstau, fünf Tage dauert es, bis der Winterparka abholbereit ist.

Der September, bestätigt auch die Monatsstatistik des Deutschen Wetterdienstes, war noch ein T-Shirt-Monat, zumindest in Berlin, nicht mal abends brauchte man einen Pullover oder gar eine Jacke. 18,1 Grad Celsius Durchschnittstemperatur, kaum 20 Liter pro Quadratmeter Niederschlag, 245 Stunden Sonnenschein. Schön war's.

Das ist es im Oktober überhaupt nicht mehr, es ist mit einem Schlag kalt geworden. Zu kühl fast für eine ungefütterte Übergangsjacke, deren große Zeit im Moment eigentlich sein sollte. Lässt sich in sie gehüllt doch eine letzte männliche Heldenpose simulieren, aber im grippal total ungefährlichen 15-Grad-Bereich: Was immer auch überraschend vom Himmel herunterprasselt, wie stark der Wind auch auffrischen mag, in einer Übergangsjacke kann man allen Stürmen des Lebens begegnen. Sie ist, wenn man so will, eine Ermöglicherin männlichen Stoizismus. Ist Horst Schimanski nicht in einer Übergangsjacke durch seine ganze Fernsehexistenz gestapft, so als lebe er zumindest seelisch in einer permanenten Herbstzeit? Aber nun ist Götz George tot, der letzte Alphamann, und seine Jacke, die M-65 der US-Streitkräfte, hergestellt passenderweise von Alpha Industries, hängt im Museum.

Auch die Männermode scheint die Übergangsjacke für museumsreif zu halten und nur noch zwei Jahreszeiten zu kennen. Für die Sommerzeiten gab es in den vergangenen zwei, drei Jahren fast ausschließlich Kurzes, Blousons und Bomberjacken vor allem, und dann ging es gleich mit irgendetwas Langem weiter, Parkas und Mänteln. Dazwischen, im Dreiviertelbereich, tut sich gar nichts mehr. Da sind kaum leichte Mäntel, die sich bestenfalls noch in den November hinein tragen lassen würden, mit einem Sakko drunter; kaum Trenchcoats, in deren Vordertaschen man die Fäuste ballen könnte bei miesem Wetter. Ein klassischer Regenmantel wie der Boston Mac von A.P.C. oder was Wetterfestes aus Wolle wie der Thor-Storm-Wool-Herbstmantel von Norse Projects sind krasse Ausnahmen. Klickt man beim Männermode-Onlinekaufhaus Mr Porter auf die Kategorie "Raincoats and Trenchcoats", werden derzeit exakt 33 Modelle gezeigt. Bomberjacken hingegen, die einem derzeit doch nichts als einen kalten Hintern bescheren, gibt es auf dieser Website mehr als 130 verschiedene.

Ein ernsthaft guter Mann sein und die Umwelt schonen: Mit einer Jacke aus Bio-Baumwolle und Recycling-Polyester geht das.

Weil man von Natur aus aber eher stur ist und sich von den Temperaturen nicht den Spaß an einer Übergangsjacke verderben lassen will, fragt man in der realen Welt in einem guten Klamottenladen doch noch nach etwas Wetterfestem für den nicht existenten Herbst. Da zuckt der Verkäufer mit den Schultern und raunt: "Haben Sie es schon mal im Outdoorladen probiert?" – "Nein", antwortet man tapfer, "ich wollte eigentlich meine modische Würde behalten."

Aber wenn nichts anderes hilft, dann eben der Outdoorladen. In der Funktionsjackenabteilung muss man erst mal die empfindlichen Augen schützen vor diesen Schreifarben, die als fröhlich gelten, obwohl man in ihnen tatsächlich stets deprimiert wirkt und farbloser als sonst schon. Und dass man jetzt, wo die Tage kürzer werden, Signalfarben tragen solle, um im Straßenverkehr besser sichtbar zu sein, ist bloß eine hässliche Ausrede. Das Rad ist doch längst für den Winter eingemottet im Keller. Ebenfalls ganz fürchterlich: reflektierende Elemente an Jacken. Reflektieren sollte man wirklich nur im Kopf.

Es regnet ein bisschen rein in mein Leben, so what?

Jackentaschen sind das nächste Problem. Das heißt: zu viele davon. Hinter dieser ganzen Ordnung, die wir andauernd in alles bringen zu wollen scheinen, verbergen wir doch nur die schiere Verzweiflung darüber, dass unsere Existenz im Kern halt- und sinnlos ist. Deswegen aber zehn Taschen an einer Jacke zu haben, um was auch immer darin ordentlich unterbringen zu wollen, ist weder praktisch (man fände ja doch nichts wieder) noch schön (ausgebeulte Taschen sind keine guten Spuren von Gebrauch, sondern erste Zeichen von Verwahrlosung). Wer eine Jacke mit mehr als vier Außentaschen trägt, gibt quasi offiziell zu, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben.

Bleibt eine letzte Sache, der Stoff. Riesenthema im Outdoorladen. An den Jacken dort baumeln ganze Pappschildchengirlanden, die die neuesten Hightech-Materialien anpreisen, die immer noch wind- und wasserdichter sein sollen, atmungsaktiver und leichter. HyVent! NanoPro-Beschichtung! PU-Membran! Dryedge! Nun, Outdoortextilien sind fast alle aus dem einen oder anderen Polymer gefertigt, die am häufigsten vorkommenden Stoffe sind Polyester und Polyamid. Deren Eigenschaften können, müssen aber nicht weiter verbessert werden. Die sind schon alle super. Der Stoff ist in Wahrheit also gar kein wesentliches Kriterium mehr bei Übergangsjacken.

Die Übergangsjacke Räven von Fjällräven kann man auch über einem Alltagsanzug tragen, ohne sportlich überambitioniert zu wirken.

Außer man will ernsthaft ein guter Mann werden und etwa die Umwelt schonen. Dann kauft man sich etwas aus Recycling-Polyester. Und landet zum Beispiel bei der Neuauflage der Räven von Fjällräven, sozusagen der zivilen, eben skandinavischen Variante der M-65. So viel Sentimentalität darf schon sein.

Das sandfarbene Modell wurde vor vier Jahrzehnten entwickelt, man kann es, wenn einem mal langweilig sein sollte, immer noch selbst wachsen, es ist mit rund 240 Euro relativ preiswert, und das einzig Neue an ihm heute ist der Anteil von Bio-Baumwolle und eben Recycling-Polyester. Die Räven funktioniert nicht nur als Freizeitbekleidung, man kann sie auch mal über einem Alltagsanzug tragen, ohne schlecht angezogen oder gar sportlich überambitioniert zu wirken. Die Räven ist das modische Äquivalent zu einem Schulterzucken, das ausdrückt: "Es regnet ein bisschen rein in mein Leben, so what?"

Die besten Sachen sind in der Männermode wohl fast alle längst erfunden worden. Das jedoch könnte man stoisch nehmen: Man zieht die Übergangsjacke, die gute alte, aus reiner Sturheit an, obwohl es sie in Wirklichkeit gar nicht mehr braucht. Den Mann darin braucht es in Wirklichkeit ja auch gar nicht mehr. Aber die größte Freiheit gewinnt man als Mensch ja mitunter in dem Moment, da man sich seiner eigenen Überflüssigkeit gewahr wird. Wie schön!

Und es könnte ja doch noch Herbst werden. Vielleicht morgen schon. Die Hoffnung stirbt auch beim Wetterbericht zuletzt.

Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Jahrein, jahraus eine Wachsbaumwollweste von "Hoggs of Fife" (40 Euro ...); für die paar Tage unter minus 10 eine warme Jacke vom selben Hersteller (70 Euro); die Hoggs-Ware schlägt jedes zehnmal so teure Leifschteil-Barbour-Teil, das nach zwei Jahren aussieht wie vom Clochard. Meine Hoggs-Weste ist jetzt sechs Jahre ohne Nachwachsen im Dauerdienst und zeigt noch keine der Barbour-typischen Durchscheuerstellen.

Schöne Empfehlungen dabei wenn man es sich leisten kann.

Mein Vorschlag: bei Amazon den Barbour Nachbau von Dickies für €59,--, darunter eine Fleece Jacke von Decathlon aus 100er Fleece für € 24,90. Klasse wenn es nasskalt ist aber schlecht bei körperlicher Aktivität. Mehr Übergang braucht es eigentlich nicht. Wenn es nur kalt ist vielleicht noch eine M65 wie die Delta Giant Herren M65 Regiment liegt bei €120,--.
Und wenn körperlich aktiv eine Fleece s.o. mit einer Softshell.

Ansonsten trägt jeder was er lustig ist.