Mütze und Schal Der Mut zum großen Wurf

Die Wolle vom Bauch der Kaschmirziege hält nicht nur warm. In Form von Mütze und Schal macht sie aus dem Mann einen Helden. Man muss nur wissen, wie man sie überwirft. Von

Das Beste und Bescheuertste, was man in dieser seltsamen Zeit gerade sagen kann, ist womöglich: endlich wieder Kaschmirwolle. Im Grunde sollte alles im Leben von uns Weichlingen aus Kaschmir sein. Oder wenigstens das, was man so anhat: Socken, Pullover, Sakko, Mantel – und wenn es dann richtig kalt wird, auch Mütze und Schal. Das ist nicht nur so, weil Kaschmir sich fabelhaft weich anfühlt auf der Haut und niemals kratzt. Die Wolle der Kaschmirziege, an deren Bauch ihr dieses feine Unterfell wächst, hält die Wärme sehr gut und nimmt kaum Gerüche an. Was, wenn man ehrlich ist mit seinen Talgdrüsen als Mann, eine höchst begrüßenswerte Eigenschaft ist. 

Jacke wie Hose

Unsere monatlich erscheinende Männermodekolumne Jacke wie Hose widmet sich einzig dem Herren und seinem Kleiderschrank. Unser Kolumnist Dirk Peitz nimmt sich dabei jeweils eines Kleidungsstückes an, egal ob Anzug, Chinos oder Sneakers. Er warnt vor Stilfallen und rät zum Besten. Wir können allen Männern nur empfehlen: Glauben Sie ihm!

Mützen und Schals, die in direkten Kontakt mit Haut kommen, sollten nicht nach einem selbst müffeln oder im Falle der Kopfbedeckung nach den eigenen Haarpflegeprodukten. Wenn man überhaupt noch Haare hat, mit denen man irgendwas anderes tun könnte, als sie zu zählen und verzweifelt zum Bleiben aufzufordern. Gegen stinkige Wolle hilft übrigens außer Waschen auch eine schonende Auffrischung, zum Beispiel mit dem Wool & Cashmere Spray der New Yorker Firma The Laundrette, das ganz leicht nach Zeder duftet. Gerade Mützen sollten neutrale Alltagsbegleiter sein, nicht nur geruchstechnisch. Denn mit Kopfbedeckungen darf man nicht versuchen, seine Persönlichkeit auszudrücken – oder das, was man dafür hält.

Bitte keine Bommeln

Eine Mütze zu tragen, das ist nichts anderes als ein widerwilliges Zugeständnis an die Realitäten winterlicher Witterung. Als rein funktionaler Gebrauchsgegenstand sollte eine Mütze vor allem nicht vom Gesicht ihres Trägers ablenken, sondern es rahmen und bestenfalls dezent hervorheben. Denn was bleibt dem Mann denn, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen? Bunte Farben oder gar irgendetwas, das einem vom Kopf absteht, Bommeln oder so ein Quatsch wirken bestenfalls kindisch, schlimmstenfalls albern.

Unauffällig also muss die Mütze sein, einfarbig in Schwarz oder Dunkelblau, vielleicht auch Grau. Ein schlichter Beanie ist die perfekte Form. Fertig, aus, danke. Von der Hutmacherfirma Lock & Co Hatters zum Beispiel gibt es ganz einfache, schmalgerippte Kaschmir-Beanies für 120 Euro, viel preiswerter wird es auch nicht, wenn man bei dem Material bleibt. Teurer geht's natürlich immer. Das italienische Kaschmirlabel Loro Piana etwa hat Beanies für 300 Euro im Programm. Doch von Loro Piana möchte man vielleicht doch irgendwann, wenn es mit den eigenen Finanzen mal besser steht, einen dieser aberwitzig soften Pullover besitzen. Da muss man schon zwangsweise Geld sparen bei der Mütze, und so einem Durchschnittskopf, wie die meisten von uns einen besitzen, kann man auch was Günstigeres überstülpen. Merkt keiner, am wenigsten man selbst.

Auf die Schalgeste kommt es an

Im Unterschied zur Mütze ist der Schal eine gerade von heterosexuellen deutschen Männern grob vernachlässigte Möglichkeit, wirklich mal so was wie ein Fashion Statement zu setzen. Das im Übrigen nur praktische Vorteile hat: Wieso zum Henker kaufen deutsche Männer fast alle viel zu schmale und viel zu kurze Schals? Okay, es nervt natürlich etwas, wenn man im Büro ständig gefragt wird, ob man krank sei oder werde, bloß weil man einen Schal umgebunden hat. Die Antwort "Nein, ich mag es nur gern warm obenrum" scheint dann auch niemanden zu überzeugen. Die meisten machen einen großen Bogen um schaltragende Männer, offenbar aus Furcht sich anzustecken. Andererseits: Das hat ja auch seine Vorteile, wenn Kollegen Abstand halten. Da kann man endlich mal in Ruhe arbeiten.

Unser Autor empfiehlt Schwarz, Blau oder Grau als Mützenfarbe. Unserem Model stand aber auch die rote Moray Cashmere Beanie sehr gut.

Ein großer, mächtiger Schal, und wir reden da von Maßen ab 150 mal 60 Zentimetern aufwärts, gibt einem überhaupt erst die Chance, mit verschiedenen Arten des Bindens und Überwerfens zu spielen. Schmale, kurze Schals hingegen kann man im Grunde nur am Hals einmal knoten, und das ist nicht nur langweilig, es sieht eigentlich immer arg nach Abteilungsleiteranwärter aus. Ein Ende oder gar beide Enden eines großen Schals expressiv über die Schulter geworfen zu tragen, das ist eine aus unzähligen alten Filmen bekannte Geste des freiheitsliebenden, seiner selbst sicheren und im engen Kontakt zu seinem Gefühlsleben stehenden Helden. Auch wenn mutmaßlich kein einziges dieser Charaktermerkmale auf einen selbst zutrifft, ist es doch grob fahrlässig, so eine rasante, expressive Schalgeste nicht wenigstens zur Vortäuschung falscher Tatsachen zu benutzen. Man muss da auch mal taktisch denken: Erwartungen, die man dergestalt schürt, kann man hinterher immer noch enttäuschen.

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