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Berlin Fashion Week Knallfarben gegen die Depression

Nach zehn Jahren hat die Berlin Fashion Week zu sich selbst gefunden. Vorbei sind die Zeiten von Prosecco-Eskapaden und Minderwertigkeitskomplexen. Endlich! Von

Die Welt schaut nach Washington D.C. In Berlin geht die Fashion Week zu Ende. Selten war die Berliner Modewoche so überschattet von den aktuellen politischen Ereignissen der Gegenwart: Donald Trump wird als 45. Präsident der Vereinigen Staaten vereinigt, AfD-Politiker Björn Höcke hält in Dresden eine Rede, in der er das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" im "Herz[en] der Hauptstadt" bezeichnete. Lange hatten es die Modedesigner nicht so schwer, ihr Publikum aus den Sorgen der Gegenwart in fremde, seidene Welten zu entführen. Doch sie haben es geschafft.

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Wenn jede Mode ein Ausdruck ihrer Zeit ist, kann man nach dieser Berlin Fashion Week konstatieren: Die Designer lassen sich von den politischen Herausforderungen des kommenden Jahres nicht einschüchtern. Ganz im Gegenteil: Sie kleideten ihre Modelle seriöser und gleichzeitig farbenfroher und selbstironischer als je zuvor. Rechtspopulismus? Wird von überdimensionierten Mänteln wegumarmt und kalte Seelen von wadenlangen Wollkleidern gewärmt. Über "Lügenpresse"-Rufe werden transparente Trenchcoats gezogen oder Wollpullover mit durchsichtigen Rückseiten.

Die Botschaft? In diesen turbulenten Zeiten muss die Mode ein Grund zur Freude bleiben und Halt bieten. Sie soll Selbstbewusstsein signalisieren, aber nicht rechthaberisch wirken. Das Medium dieser Message?  Die Farbe Pink. Jedenfalls bei Malaikaraiss, William Fan und Marina Hoermanseder. Jeder dieser drei Designer interpretierte die Farbe und ihre politische Wirkung auf eigene Art und Weise. 

William Fan unterstrich ihre Partytauglichkeit, ihre Anschlussfähigkeit an die Popkulturen des asiatischen Raums und ihre Verfügbarkeit für den Mann. Marina Hoermanseder, die seit Beginn ihrer Karriere mit Lederkorsetts, Schnallen und Bondage-Elementen arbeitet, nutzte die Farbe Pink so, wie sie in Zeiten von geschlechtsspezifischen Kinderabteilungen gedacht ist, als Symbol des weltweit grassierenden Girlytums. Malaika Raiss' Pink entbehrte hingegen jeder Mädchenhaftigkeit. Ihr Pink hätte auch ein Schwarz sein können – so stark und streng wirkte die Farbe in Bleistifthosen und langen Kleidern mit plissierten Röcken.

Die Berlin Fashion Week hat in ihrem zehnten Jahr wieder zu sich selbst gefunden. Darüber muss man sich freuen.

Auch Perret Schaad und Odeeh wünschen sich den nächsten Winter in vielen Farben und Mustern: in Pannesamt und Strick, Brokat und Hahnentritt kombinierten sie Blau und Orange, Gelb und Lila. Beide Marken trieben ihren opulenten Minimalismus noch ein bisschen weiter, ohne dafür ihre Tragbarkeit zu opfern. Hien Le und Vladimir Karaleev setzten auf Perfektion in Schnitt und Ausführung – in Blau und Flaschengrün.

Die beiden sind alte Bekannte auf dem Parket der Berliner Fashion Week, das diese Saison weder im Zelt am Brandenburger Tor noch im Erika-Hess-Stadion im Wedding stattfand, sondern im alten Kaufhaus Jandorf an der Brunnenstraße in Mitte, dem ehemaligen Institut für Modegestaltung der DDR. In Mitte wurde auch der neue Berliner Stil in den neunziger Jahren erfunden – im altneuen Ostteil der Stadt, zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, in den unsanierten Hinterhöfen, zwischen Elektroheizung und bröckelnder Wand. Vergessen sind die Zeiten der überkandidelten Prosecco-Eskapaden im Zelt am Brandenburger Tor, verdrängt die einsame Abgeschiedenheit im Wedding. Die Berlin Fashion Week hat in ihrem zehnten Jahr wieder zu sich selbst gefunden. Darüber muss man sich freuen. Die deutsche Mode lebt – auch wenn das Geschäft in Paris, Kopenhagen oder Seoul gemacht wird – von vielen Berlinern.  

Der Durchschnittsberliner bekommt von alldem wenig mit und wenn, dann ärgert er sich über Verkehrsbehinderungen, noch weniger Parkplätze und volle Bürgersteige. Den Eindruck vermittelte jedenfalls der ehemalige Bürgermeister Klaus Wowereit. Er erklärte auf einer Podiumsdiskussion, dass die Berlin Fashion Week immer noch als "Störfaktor" wahrgenommen werde. Harte Worte von einem, der es besser wissen müsste. Denn wenn die Welt im Moment eines braucht, dann ist es Hoffnung.

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