© Chip Somodevilla/dpa

Michelle Obama First Lady aller Frauen

Michelle Obama hat mit ihrem Stil den Feminismus neu definiert und den amerikanischen Traum weitererzählt. Ihr ist gelungen, woran weiße Frauen bisher gescheitert sind. Von

Also, welches ist jetzt das Schönste der drei Michelle-Obama-Vogue-Cover? Das Letzte, in dem sich die coolste und taffste First Lady, die Amerika je hatte, in einem bodenlangen weißen Kleid ins Moos schmiegt? Hat jemand: "Vorsicht! Grüne Flecken!" gerufen? Das Erste, Frühjahr 2008, die Obamas sind gerade ins Weiße Haus gezogen, sie liegt da in einem bodenlangen scharlachroten Kleid von Jason Wu? Oder Cover Nummer zwei? Typ: textile Rüstung, geschlitzt vom Hals bis zur schmalen Taille, will sagen: Kriegerin! Die eigentliche Frage ist natürlich, wie es nur sein kann, dass Michelle Obama als Model auftritt, und niemand auf den Gedanken kommt, sie mit einem hübschen Kleiderbügel zu verwechseln, wie es der Herzogin von Cambridge passierte, arme Kate.

Vorsicht, Kriegerin! Michelle Obama, 2013

Michelle Obama ist glamourös wie es nur eine Jackie Kennedy war, aber ohne diesen Anflug von Zartheit oder Schwäche. Sie ist athletisch und 180 Zentimeter hoch, wieso also fühlen sich die Leute von dieser Frau nicht eingeschüchtert? Sie ist brillant und hochpolitisch, aber sie lässt keine, wirklich keine auch nur klitzekleine Möglichkeit aus, von ihren Töchtern zu schwärmen und ihre Mütterlichkeit zu beschwören. Niemand, der sie deshalb für eine Vorstadt-Mutti hielte. Sie hält ihrem Typ den Rücken frei, und keiner, der auf die Idee käme, von ihr als seiner Gattin zu reden. Er nennt sie "the boss".

Mein Lieblingsbild von Michelle Obama ist keines der legendären Vogue-Cover. Aber es ist auch ein Foto aus der Vogue, eines von Annie Leibovitz, das Bild zeigt Michelle Obama, wie sie mit ihrem gloriosen Arsch auf einem Säulenpodest ruht. Es zeigt, auf welche Weise sich Michelle Obama verschiedene Narrative zu eigen macht, Blackness und Glamour, Politik und Power, man spürt in der Anmutung dieses Bildes, bevor man es versteht, wie sehr aus dieser Verschränkung ihre erstaunliche Kraft erwächst. Links ist eine zweite Säule angeschnitten und nach hinten geht es in einen Garten runter, dies ist eine an Palladio erinnernde Säulenterrasse, wie sie George Washington, welcher der erste Präsident Amerikas war und übrigens auch ein Sklavenhalter, für die großen Landsitze des Südens populär gemacht hat. Es ist aber kein Landsitz wie der von George Washington, sondern das Weiße Haus, ein Haus, das, wie Michelle Obama neulich in einer berühmten Rede sagte, von Sklaven gebaut wurde. Und da sitzt sie in diesem hautengen, tief dekolletierten, dunkelgrünen Kleid, und ihr Kopf sieht aus, als habe Barack ihr gerade das Haar verwuschelt, einer der Träger ist schon freudig von der Schulter gerutscht.

Eine Art von Hausbesetzung

Das Bild, und das macht seine Stärke aus, sieht in jedem einzelnen Detail exakt nicht so aus, wie das klassische Bild einer schwarzen Frau vor einem säulengeschmückten Prachtbau, an das sich die Öffentlichkeit gewöhnt hat, spätestens, seit in Vom Winde verweht eine Mammy in einer Art Nachthemd ihren Auftritt hat, brabbelnd und jammernd, eine quadratisch formatierte Witwe Bolte in Schwarz und mit lebenslanger Festanstellung als Kindermädchen. So eine Mammy wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, sich auf der Terrasse zu setzen und auszuruhen, schon gar nicht auf dem Podest einer Säule, auf der Terrasse der Herrschaften.

Michelle aber ruht auf diesem Bild von Leibovitz auf der Prachtterrasse dieses Hauses, das acht Jahre lang ihr Haus war. Das Bild inszeniert eine Art von Hausbesetzung, also eine durch Wahl. Die böse Vergangenheit ist ein Jahrhundert her, aber noch nah genug, um als Folie für dieses Bild zu dienen, immerhin ist auch Michelle Obama eine Nachfahrin von Sklaven, die aus Georgia kamen. Die Vergangenheit wirkt als düsterer Fond in die Gegenwart eines Landes hinein, das zwar einen schwarzen Barack Obama zum Präsidenten wählte, aber doch so rassistisch ist wie eh und je und Schwarze zu Abertausenden in Gefängnissen verschwinden lässt. Das ist der Background, von dem sich Michelle so leuchtend abhebt. Black and beautiful.

Auf dem Weg zur Inauguration: US-Präsident Barack Obama und die First Lady Michelle Obama laufen die Pennsylvania Avenue entlang zum Weißen Haus. Washington, 20. Januar 2009 © Mitch Dumke/Reuters

Es heißt, ohne diese tiefe Schwarzheit seiner Frau wäre Barack Obama gar nicht ins Weiße Haus gekommen, weil er, Sohn einer Weißen, für schwarze Wähler zu weiß ist, um glaubwürdig zu sein. Schwarze vertrauen ihm gerade deshalb, weil er, der so hell ist, für sich eine so schwarze Frau gewählt hat, die jetzt eine Ikone ist wie es einst mal Angela Davis war. Was für Angela Davis, Professorin für Philosophie und Black Panther Supporter, ihr Marcuse war, ist für Michelle ihr Pragmatismus, ihr gesunder Menschenverstand. Sie präsentiert sich als ein Mädchen von ganz unten, von der South Side in Chicago, wo die Reporter nach der Wahl Obamas zum Präsidenten staunend durch die Straßen fuhren und verbarrikadierte Häuser bewunderten. Da kommt sie her. Tochter eines Arbeiters. Hausmeister im Pumpenwerk, der sich hochgearbeitet hat.

Michelle Obama kam über uns als ein unerwartetes Geschenk. Kaum hatte man verstanden, dass ihr Mann Geschichte schrieb, als er als erster schwarzer Präsident Amerikas in das Weiße Haus einzog, da gab es für uns, die sie noch nicht so kannten wie er, dieses erstaunliche Extra, besonders für uns Frauen. Sie war binnen Monaten die beliebteste Frau der Vereinigten Staaten von Amerika. Spätestens seit dem ersten großen Auftritt in einem mintgrünen Mantel-Ensemble zu farngrünen Handschuhen eine Ikone stylischer Weiblichkeit. Designer wer? fragten sich Journalisten unter Schock. Isabel Toledo! Aus Kuba? Immigrantin? Reporter verlesen seither stockend wie Schulkinder von Pressekommuniqués des Weißen Hauses die Namen der Couture-Häuser herunter, die Michelle Obama luxuriös umhüllen. Jason Wu. Narciso Rodriguez. Tracy Reese. Tom Ford. Laura Smalls. Diane von Furstenberg. Mimi Plange. Versace, bis hin zu jener goldschimmernden, um ihre straff trainierte Fülle drapierten Sensation, die sie für das letzte große Dinner im Weißen Haus trug. Heute wirkt Michelle Obama als modisches Wunder und zugleich als moralisches Orakel, das der verzweifelnden Welt erklärt, wo es langgeht, modisch und moralisch. "If they go low, we go high!" rief sie in der Schlammschlacht des Trump-Wahlkampfs den Gedemütigten zu. Man beleidigt Euch? Na und? Weiter!

Man musste nur gesehen haben, wie Obama mit ihren Säulenbeinen breitbeinig über den Gemüsereihen im Garten des Weißen Hauses stand, um zu verstehen, sie kriegt alles hin. Obama aus voller Seele singend, clapping her hands, nicht in der Kirche, wie schwarze Frauen es seit so vielen Jahren tun, sondern im SUV mit James Corden, wie sie auf der Bühne die Hüften schwingt, wenn sie mit Kids tanzt.  

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