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New York Fashion Week Die Wut in jedem Saum

Die Modewelt besteht aus Frauen, Einwanderern und Homosexuellen. Kein Wunder also, dass die erste New York Fashion Week in der Ära Trump vor allem eins war: politisch. Von

Wenn Anna Wintour, Sarah Jessica Parker und Diane von Fürstenberg auf der Fashion Week in New York das gleiche Accessoire tragen, kann das kein Zufall sein. Die Botschaft auf dem Anstecker in Knallpink: "Fashion Stands With Planned Parenthood".

Kurz nach seiner Amtsübernahme strich Donald Trump der Organisation Planned Parenthood, die auch über Abtreibungen als Teil der Familienplanung informiert, staatliche Zuschüsse. Der  Zorn auf der einen und der Beifall auf der anderen Seite verdeutlichten einmal mehr, wie gespalten die amerikanische Gesellschaft ist. Zum Auftakt der Fashion Week in New York verteilte der Council of American Fashion Designers, dem seit 2006 Diane von Fürstenberg vorsteht, nun Anstecker aus Solidarität mit Planned Parenthood, das seit Trumps Wahl mehr Spenden eingesammelt hat als je zuvor. Besagte Anstecker leuchteten in jenem Pink, das schon die Frauenmärsche im Januar unübersehbar machte. Designer, Models, Journalisten, Blogger, das Publikum, sie alle waren eingeladen, Position zu beziehen.

"Frauen, Homosexuelle, Immigranten ... Sie sind bestürzt, wütend, verängstigt. Ihnen gefällt nicht, was sie da in Washington sehen."
Robin Givhan

"Lasst uns die Fashion Week politisch machen!" Dieses Motto schien über der ersten Fashion Week in der Ära Trump zu schweben. Überraschend ist das laut Robin Givhan, Journalistin der Washington Post, nicht. Schließlich sei die Modewelt bevölkert von Minderheiten: "Frauen, Homosexuelle, Immigranten ... Sie sind bestürzt, wütend, verängstigt. Ihnen gefällt nicht, was sie da in Washington sehen. Und sie verarbeiten es so, wie sie es am besten können: durch Mode."

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Ob Einwanderungspolitik, Frauenrechte oder Religionsfreiheit – das politische Erwachen der Mode war in New York allgegenwärtig. Der mexikanisch-amerikanische Designer Raul Solis von LRS druckte "No Ban, No Wall" auf Unterhosen. Das Label Public School zitierte die roten Baseballcaps der Trump-Anhänger, nur prangte auf den Kappen der Aufdruck "Make America New York".  Jeremy Scott machte seine Models zu wandelnden Telefonbüchern – auf den T-Shirts seiner Kollektion standen die Namen und Nummern von US-Senatoren. Eine modische Multiplikation des Aufrufs von Filmemacher Michael Moore, der forderte, dass jeder US-Bürger nun täglich seinen Repräsentanten im Senat über seinen Trump-Unmut informieren sollte. Bei Oscar de la Renta, einer Marke, die schon einige First Ladys in elegante Roben gehüllt hat, erklang zum Auftakt der Show die Stimme von Robert De Niro in der Rolle eines Immigranten, der von seiner Ankunft in Amerika berichtet. Prabal Gurung ließ T-Shirts mit Botschaften wie "The Future Is Female" und "My Boyfriend Is A Feminist" sprechen, dazu lief John Lennons Song Imagine, in dem es heißt: "Imagine all the people/ Living life in peace / You, you may say I'm a dreamer / But I'm not the only one / I hope someday you will join us / And the world will be as one".

Doch der Aktivismus schlug sich nicht nur in Entwürfen, sondern auch in der Wahl der Models nieder: Designerin Mara Hoffmann präsentierte ihre Mode an den Initiatorinnen der Frauenmärsche, Dana Donofree zeigte Dessous an Brustkrebs-Überlebenden und bei Christian Siriano waren Models aller Hautfarben, Konfektionsgrößen und Altersklassen zu sehen.   

In den USA ist momentan alles politisch: vom Sitznachbarn bis zur Unterhose

Donald Trump hat sich im Wahlkampf gegen Hillary Clinton immer wieder frauenfeindlicher Klischees bedient und sein Satz "Grab them by the pussy" hat sogar Republikaner wie John McCain auf Distanz zu ihrem Kandidaten gebracht. Für Feminismus war deshalb seine Tochter Ivanka Trump zuständig. Neben der Tätigkeit im Unternehmen ihres Vaters und der Inititiative #WomenWhoWork trägt auch eine Modemarke ihren Namen. Händler wie Nordstrom, Neiman Marcus und Sears haben sie mittlerweile aus dem Sortiment genommen. Trump zog der Konfrontation mit der New Yorker Modeszene vielleicht auch deshalb ein Treffen mit ihrem Vater und Kanadas Premierminister Justin Trudeau vor. Dafür war ihre Halbschwester Tiffany Trump auf der Fashion Week unterwegs. Erst hieß es, dass auf der Show von Philipp Plein niemand neben ihr habe sitzen wollen, was sich als Missverständnis herausstellte, aber trotzdem Trump-Kritikerin Whoopi Goldberg dazu verleitete, sich über die politischen Lager hinweg mit der Trump-Tochter zu solidarisieren. 

In den USA ist momentan alles politisch: vom Sitznachbarn bis zur Unterhose. Für die Mode als Kulturfaktor mag das unproblematisch oder sogar förderlich sein, für die Mode als Wirtschaftsfaktor könnte es noch zum Problem werden. Denn das Pendel schlägt auch in die andere Richtung aus: So rufen Trump-Anhänger etwa unter dem Motto #BuyIvanka im Netz zum Boykott von Nordstrom und Co auf. Solche Reaktionen riskieren auch Designer wie Marc Jacobs, der der neuen First Lady wie viele andere seine Dienste verweigert.

Auch für die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, Anna Wintour, ist die neue Situation kompliziert. Einerseits unterstützte sie Hillary Clintons Wahlkampf und solidarisiert sich mit Planned Parenthood. Andererseits erklärte sie gegenüber dem Wall Street Journal nun ganz diplomatisch, dass ihre Zeitschrift Melania Trump genauso behandeln werde wie alle First Ladys zuvor. So war Michelle Obama in den letzten acht Jahren drei Mal auf dem Cover der US-Vogue zu sehen. 

Die Schönheit dieser Kollektion ist in ihrer Vielfalt begründet, genauso wie die Schönheit Amerikas.
Raf Simons

Doch nicht alle amerikanischen Modemacher positionieren sich politisch. Ralph Lauren, ein Urgestein der US-Modeindustrie, entwarf das hellblaue Mantelkleid, in dem Melania Trump zur Amtseinführung ihres Mannes erschien. Und auch Calvin Klein würde sie einkleiden, wäre er noch an der Kreativspitze seines Unternehmens. 

Da steht aber nun der Belgier Raf Simons, dessen Debüt für die amerikanische Marke sehnsüchtig erwartet wurde. Es war das modische Highlight dieser Fashion Week. Denn statt sich zur Causa Melania oder zu Trump und seiner Regierung zu äußern, begeisterte er die Kritiker mit einem Streifzug durch die amerikanische Modegeschichte, von Cowboystiefeln über Jeanshemden bis hin zu Siebziger-Jahre-Anzügen. Die Schönheit dieser Mode sei in ihrer Vielfalt begründet, genauso wie die Schönheit Amerikas, erläuterte Simons seine Entwürfe. Simons Botschaft – Vielfalt zu schätzen, statt Spaltung zu provozieren – war subtiler verpackt als bei vielen anderen Designern. Ihre Wirkung verfehlte sie indes nicht. Sie war vielleicht die modischste der ganzen Fashion Week.

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