Jacke wie Hose Ganz schönes Geschoss

Die Bomberjacke ist ein problematisches Kleidungsstück: Sie verwandelt ihren Träger auf unvorhersehbare Weise. Früher symbolisierte sie Macht und Männlichkeit. Und heute? Von

Interessante Wirkung, die eine Jacke so haben kann, am helllichten Tag, morgens mitten in Berlin. Da wechselte eine Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschob, doch tatsächlich angesichts meines Aufzugs die Straßenseite.

Wobei erstens mein, nun ja, Kurzhaarschnitt in Kombination mit einer Bomberjacke womöglich missverständlich sein konnte. Auf so einer Glatze steht ja keine Gebrauchsanweisung für deren Träger, in meinem Fall mit der Aufschrift: Das ist genetisch bedingter Haarausfall und kein politisches Statement! Der Kurzhaarschneider rettet den letzten Rest meiner Würde! Meine letzte Prügelei hatte ich als Neunjähriger – ich habe sie verloren und erbärmlich geweint deswegen, also echte Gefühle gezeigt! Ich bin furchtbar sensibel, fragen Sie meine Redakteurinnen hier, die können Ihnen vielleicht Geschichten erzählen.

Zweitens bin ich dann natürlich nicht hinter der Frau hergerannt, um sie nach dem Grund für ihren Straßenseitenwechsel zu fragen. Ihre Bewegungen aber sahen hektisch aus. So als habe sie mir aus dem Weg gehen wollen. So als habe ich einen Kampfhund mitgeführt, nur dass ich Hund und Halter in einem gewesen wäre – eine Gefahr.

Ein Kennzeichen für alles, was man selbst nicht sein wollte

Wenn man als Mann für seine Mitmenschen alles Mögliche darstellen will, bloß keine Gefahr, ist es merkwürdig, als solche wahrgenommen zu werden. Unter anderem aufgrund des Tragens einer Jacke, die Gewalt eingeschrieben bekommen hat nach realen Ereignissen, die rund ein Vierteljahrhundert zurückliegen. Die Bomberjacke ist zusammen mit Glatze und Springerstiefeln das wichtigste Erkennungsmerkmal von Skinheads, und rechtsgerichtete von ihnen waren etwa in Ostdeutschland in den 90er-Jahren für Verbrechen verantwortlich gegen Geflüchtete und Andersdenkende. In dieser Zeit erschien es fast unmöglich, eine Bomberjacke zu tragen, ohne sie als politisches Statement zu meinen. Die Jacke war symbolisch aufgeladen, ein Kennzeichen für alles, was man selbst nicht sein wollte. Kann ein Kleidungsstück auch wieder symbolisch entladen werden? Und wie lange dauert das?

Die Mylon Navy Bomber von Acne Studios ist eine moderne Variante ohne Hüftbündchen

Die Szene mit der Frau und der Straßenseite ist zwei Sommer her, da hatte das Revival der Bomberjacke bereits begonnen. Heute ist es die eine Blousonform, die alle Modelabels und Designer im Programm für Männer haben, zumindest im Frühling und Sommer.

Jacke wie Hose

Unsere monatlich erscheinende Männermodekolumne Jacke wie Hose widmet sich einzig dem Herren und seinem Kleiderschrank. Unser Kolumnist Dirk Peitz nimmt sich dabei jeweils eines Kleidungsstückes an, egal ob Anzug, Chinos oder Sneakers. Er warnt vor Stilfallen und rät zum Besten. Wir können allen Männern nur empfehlen: Glauben Sie ihm!

Als ich an dem Morgen vor zwei Sommern im Büro ankam, zum ersten Mal mit einer Bomberjacke angetan, einer dunkelblauen, geradezu demonstrativ glänzenden – so als habe der Designer die kontaminierte Form der Jacke ironisch brechen und dabei laut Disco! ausrufen wollen – da machte mir ein Kollege gleich ein Kompliment. Geil sehe die Jacke aus, irgendwie sexy, sagte der Kollege. Das war ebenso verstörend wie die Sache mit der Frau zuvor. Heterosexuelle Männer machen anderen Männern ja selten Komplimente dafür, wie sie angezogen sind.

"Mächtig und määääännlich"

Die Wirkung der Bomberjacke lässt sich tatsächlich nur mit persönlichen Erfahrungen beschreiben. Mit Ausnahme der Uniform, die ich zu Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht bei der Bundeswehr tragen musste, hat nur das freiwillige Überstreifen einer Bomber (die als amerikanische Kampfpilotenjacke auch eine militärische Herkunft besitzt) bei mir eine unmittelbare Selbstbefragung ausgelöst: Ist es das, was man jetzt männlich nennt? Männlich in dem Sinne, wie es Christiane Hörbiger in dieser brüllkomischen Szene in Helmut Dietls Schtonk ausspricht, als Götz George stolz in einem riesenhaften Morgenmantel versinkt, der mal Göring gehört haben sollte, und George Hörbiger fragt, wie er aussehe. "Määääännlich siehst du aus", antwortet die, "mächtig und määääännlich." Also in Wahrheit: total bescheuert.

Die Überbetonung der Schulterpartie und der Oberarme bei der Bomberjacke signalisiert Tat-, ja Muskelkraft. Angezogen bekommt sie ein kugelförmiges Volumen, man kriegt als Träger etwas von einem überdimensionierten Geschoss. Der klassischerweise sehr kurze Schnitt staucht den Torso optisch, macht ihn beefy, und legt nicht nur hintenrum den Po frei – vornerum setzt er die Körpermitte auch eindeutig in Szene. Alle Körperstellen am Mann, die üblicherweise mit Sex assoziiert werden, sind markiert. Das macht auch die verwirrende, etwas obszöne Wirkung dieser Jacke aus: dass sie rohe Gewaltandrohung mit Sex zu verbinden scheint, beziehungsweise mit der aggressiven Behauptung männlicher Virilität.

Die MA-1 von Alpha Industries mit Tobacco Pocket hat noch das klassische orangefarbene Innenfutter, das die Piloten früher umkrempeln sollten, um im Notfall besser gesehen zu werden

Im progressiveren Teil der Männermode ist die Bomber seit Langem ein Standard, an dem sich Designer abarbeiten. Indem die sie umzuwidmen versuchen. Raf Simons etwa schnitt schon vor 15 Jahren die Jacke weiter und länger, fast sackartig, behielt aber klassische Elemente bei wie das Kragenbündchen, den robusten Reißverschluss, die beiden diagonal verblendeten Taschen oder die tobacco pocket auf dem Oberarm fürs Päckchen Zigaretten. Bomberpiloten rauchten offenbar früher ganz gern eine vor oder nach dem Abwurf ihrer todbringenden Lasten. Rick Owens folgte später mit einer schmaleren Silhouette, seine Bomberjacken hingen eher an Männern, statt sie aufzuplustern.

Beide bezogen sich dabei letztlich auf Helmut Lang. Der hatte, in den für die Bomberjacke problematischen 90er-Jahren, bereits so was wie die Essenz dieser Jackenform entworfen, indem er sie vom militärischen Firlefanz befreit hatte: dem orangefarbenen Innenfutter, das Bomberpiloten, sollten sie selbst abgeschossen worden sein, auf dem Boden angekommen nach außen stülpen sollten, damit sie von Suchteams aus der Luft gefunden werden könnten. Lang fügte der Jacke außerdem eindeutige Sex-Verweise hinzu, Bondage-Stoffstreifen zum Beispiel. Und er nahm der Jacke ihre ursprüngliche Bulligkeit.

Endlich symbolisch entladen

Simons und Owens veränderten dann nur noch die Größendimensionen. Ihre Modelle schienen dafür gemacht, dass man in ihnen als Mann verschwand. Deshalb sahen die Jacken an schmalen Jungs besonders gut aus, und schmale Jungs stellten Anfang bis Mitte unseres Jahrzehnts das alternative männliche Körperideal der Mode dar. In den Jacken sahen diese Jungs also überraschend zart und ein bisschen verloren aus. Die Bomber war damit symbolisch entladen.

Hier trägt unser Model die Thomasson Bomber von Soulland in Pink

Sie scheint heute eine modische weiße Leinwand zu sein, auf die man alle möglichen Ideen von Männlichkeit projizieren kann. Was, wenn Frauen sie tragen, eine schöne Verwirrung ergibt. Schaut man sich aktuelle Modelle an, gibt es einerseits viele verspielte Exemplare wie etwa eine Wendejacke von Dries Van Noten, deren bunt bedruckte Satinseite beinahe wirkt, als traue der Designer dem Frieden noch nicht ganz und müsse die Jackenform demonstrativ zu einer demilitarisierten Zone machen. Jeder Mann, egal wie dick oder dünn, sieht darin aus wie ein Träumer. Rick Owens und die erheblich preiswerteren von Acne Studio andererseits bleiben der zurückgenommenen Bomber-Tradition im Sinne Langs treu, sie updaten lediglich ihre Entwürfe der vergangenen Jahre.

Das genaue Gegenteil tut das mittlerweile ermüdend überhypte Designer-Kollektiv Vetements, indem es die Original-Bomber, mit der ab dem Jahr 1958 Piloten der US-Luftwaffe ausgestattet wurden, in Kooperation mit deren Hersteller Alpha Industries pompös aufbläst – zu einer Muckibudenheinijacke mit Kapuze. Beim Preis kriegt man auch Schnappatmung, 1795 Euro machen aus dieser Jacke ein Kunstwerk, allerdings nur im Marketingsinne. Für die Summe bekäme man zwölf Exemplare der MA-1 von Alpha Industries, plus Wechselgeld: Das bis heute gefertigte Original kostet 149 Euro. Nimmt man die schmalere, sachlichere, nur zehn Euro teurere Variante MA-1 VF 59 und entfernt entsprechend der Aufschrift ("Remove before flight") den albernen roten Stoffstreifen an der tobacco pocket ganz schnell, dann sieht man auch in der nicht doof määääännlich aus. Sondern so post-heroisch, wie es sich eigentlich ganz gut anfühlt.

Nur für den Notfall sollte man sich bei der MA-1 eine gute Ausrede merken, und der Notfall besteht darin, dass jemand behaupten könnte, Donald Trump habe bei seinem Besuch Anfang März auf dem gerade noch im Bau befindlichen Flugzeugträger USS Gerald R. Ford doch genauso eine Bomberjacke getragen. Hat er nicht, das war eine Fliegerjacke der US Navy, was man zum Beispiel am Umschlagkragen erkennen kann. Trump sah in der Jacke albern aus, määääännlich und gar nicht wie die Gefahr, für die man ihn halten kann.

Ein Kleidungsstück kann erst mal nichts für seine Träger; es wirkt aber stets wie ein Verstärker dessen, was man selbst über diese Träger denkt. Und wenn man selbst es überstreift, fürchtet man sich manchmal sogar vor dem eigenen Spiegelbild. Aber, ach, könnte man Donald Trump nur aus dem Weg gehen, indem man schnell die Straßenseite wechselt. 

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