Sneakers Der Jugend zu Füßen

Kein Kleidungsstück bestimmt den Takt unserer Zeit mehr als der Turnschuh. Doch welche Sneaker kann der nostalgische Mann tragen, ohne infantil zu wirken? Von

Da stehen sie wieder Schlange, die Jungs, in ihrer universellen 22-Jährigkeit. Manche sind biologisch mutmaßlich jünger, manche definitiv älter. Doch im Kopf müssen alle 22 sein. Sonst würden sich diese Typen morgens nicht vor einen Laden stellen, um aufs Öffnen der Tür zu warten, und zwar mutmaßlich mit dem Gedanken: "Diese Turnschuhe werden mein Leben verändern." Oder wenigstens: "Die muss ich haben, sonst passiert was, oder gerade nichts, denn dann habe ich kein Paar mehr abbekommen der neuesten, heißesten Sneakers!

Wohnt man gegenüber von drei Modeläden in Berlin-Mitte, kann man den Rudelbildungen zusehen. Seit zwei, drei Jahren gibt es immer wieder Sneakerschlangen auf der anderen Straßenseite, da weiß man schon: Irgendein neues oder wiederaufgelegtes oder nur minimal durch einen Künstler oder Designer verändertes Turnschuhmodell hat seinen analogen Verkaufsstart. Darauf warten fast ausschließlich Jungs. Und fast ausschließlich coole. Eigentlich müssten die um die Uhrzeit am Wochenende noch in Clubs rumhängen und coole Mädchen oder andere coole Jungs anbaggern, das ist doch die einzige echte Aufgabe, die man mit 22 hat. Stattdessen stehen sie für Turnschuhe an. Obwohl sie so aussehen, als seien sie eigentlich viel zu stolz, um sich für irgendwas auf der Welt anzustellen. Außer gelegentlich im Fußballstadion für eine Pausenwurst vielleicht oder vor dem Apple Store für das nächste iPhone.

Jacke wie Hose

Unsere monatlich erscheinende Männermodekolumne Jacke wie Hose widmet sich einzig dem Herren und seinem Kleiderschrank. Unser Kolumnist Dirk Peitz nimmt sich dabei jeweils eines Kleidungsstückes an, egal ob Anzug, Chinos oder Sneakers. Er warnt vor Stilfallen und rät zum Besten. Wir können allen Männern nur empfehlen: Glauben Sie ihm!

Geht man selbst rüber auf die andere Straßenseite und mischt sich unter die Leute, hört man sie ernsthaft über Turnschuhe reden. Warum zum Beispiel das Ergebnis der "Kollaboration"zwischen Nike und dem Künstler KAWS für den KAWS x Air Jordan 4 der Hammer ist. Und während man als alter Sprachnazi noch einwerfen möchte, dass im Deutschen streng genommen nur militärisch oder geheimdienstlich "kollaboriert" werden kann, blickt man durchs Schaufenster und denkt: "Leute, ernsthaft, ihr steht hier für graue Basketballschuhe mit einer grün fluoreszierenden Sohle an? Das ist kindisch."  

Doch das ist der ganz falsche Ansatz. Sneakers sind, weil es so unüberschaubar viele verschiedene Modelle gibt, das einfachste Konsumgut dafür, sich vermeintliche Individualität durch Unterscheidung zu erkaufen – während man zugleich über die begrenzte Anzahl von Sportbekleidungsmarken die Mitgliedschaft zu einer Gruppe signalisiert, zum Stamme Nike, Adidas, Puma, Converse, Under Armor, New Balance. Oder zu einem der Modelabels, deren Sneakers jedoch eigentlich nur etwas für Trottel sind, denn die sind meist bloß überteuert. Ein Merkmal des Turnschuhs ist ja, dass sein Material und seine Fertigung preiswert sind. Er ist ein Massenprodukt, weshalb Hersteller das Angebot künstlich verknappen. Denn die Fantasie von Exklusivität lässt sich nur erzeugen, wenn man Leute dazu bekommt, möglichst schnell eine möglichst limitierte Auflage eines Modells ergattern zu wollen. Sneaker-Fanboy zu sein, ist deshalb ein relativ demokratisches Hobby in diesen von uns feinen Pinkeln gern als spätkapitalistisch bezeichneten Zeiten. Abgestimmt wird hier noch, ja-ha!, mit den Füßen.  

Schlicht, elegant und passt zu allem: der Adidas Stan Smith, hier in der neuaufgelegten Boost-Variante.

Ist einem das alles zu albern, möchte man also bloß einen Freizeitschuh kaufen, muss man sich zunächst zwischen Alt und Neu entscheiden, Wiederauflage oder Neukreation. Erstere Variante ist immer die sicherere, da kann fast nichts schiefgehen. Dann kauft man sich mutmaßlich einen klassisch weißen Stan Smith von Adidas, ursprünglich 1971 entwickelt, der mittlerweile so was ist wie das modische Neutrum unter den Turnschuhen: Passt zu allem, zu Jeans, Chinos und notfalls auch zum Anzug, stört nie, kann im Sommer dank des festen Leders nur ein bisschen schweißtreibend werden.

Eigentlich alle jüngeren Modesneakers, die ähnlich universell einsatzbar sein sollen – der Achilles von Common Projects etwa, der Baskets Mark von Officine Generale oder der Adrian von Acne Studios – sind lediglich teurere Variationen des Stan Smith. Der Superstar, ebenfalls von Adidas und ebenfalls ein ewiges Original ursprünglich aus dem Jahr 1970, ist weniger neutral und wirkt bei älteren Trägern leicht berufsjugendlich, schon wegen seiner Hip-Hop-Vergangenheit als Run-DMC-Schuh. Im vergangenen Jahr war der Superstar dennoch das meistverkaufte Turnschuhmodell in den USA. 

Der Achilles low black von Common Projects ist die Luxusvariante des Adidas Stan Smith.

Die Nike-Varianten eines Old-School-Sneakers sind zum Beispiel der Basketballschuh Air Jordan 1, erstmals vorgestellt 1985, oder der etwas zurückhaltendere Air Max 1 aus dem Jahr 1987, den es derzeit in diversen 30-Jahre-später-Neuauflagen gibt. Und dann sind da ja immer noch die nicht tot zu kriegenden Chucks von Converse in der Halbschuhversion; die mit hohem Schaft hingegen sehen wirklich zu sehr danach aus, als wolle man als erwachsener Mann noch mal 17 sein und die Mädchen auf dem Schulhof mit seinen Skateboardtricks beeindrucken. Über diesen Punkt sind auch die universell 22-Jährigen längst hinweg, denn sie haben mutmaßlich alle bereits den schalen Geschmack einer Niederlage kosten müssen: Mit 17 kann man sich ja noch einreden, die Mädchen hätten sich einfach geirrt, wenn sie mit einem cooleren Jungen als einem selbst später Hausaufgaben machen gehen. 

Diese ganze Schulhofhaftigkeit ist aber genau das Problem bei Old-School-Sneakers: Es gibt eine schwer zu definierende Grenze zwischen einer sanft melancholischen Form von Nostalgie, mit der man heute als erwachsener Mann in die Schuhe der eigenen, unwiderbringlich vergangenen Jugend schlüpfen mag – und dem Anschein von Regression und Infantilität. Deshalb funktioniert wohl auch der Stan Smith als einziger Turnschuh in jedem Alter und jeder Lebenslage, weil er so schlicht ist, so zeitlos, dass man mit ihm keine spezifische Entstehungszeit verbindet.  

Air Jordan 1 gehört zu den großen Klassikern, hier als Air Jordan 1 Mid Armory in Navy zu sehen.

Die ist aber vielen Neukreationen eingeschrieben, die "Jetzt! Heute! Zukunft!" zu schreien scheinen, was ein Vor- und ein Nachteil sein kann. Einer der Trends der jüngeren Zeit etwa sind Sneakers, die gleichsam wie ein zweites Paar Socken über den eigentlichen sein sollen; sie sind meist keilförmig, mehrfarbig, kompliziert gemustert, und ihr Obermaterial ist oft aus neuartigen Materialmixen gefertigt wie etwa bei den Nike Sock Dart Premium Mesh Sneakers (auch der Name ist viel zu kompliziert). Diese Dinger vermitteln beim Reinsteigen ein wohliges Pantoffelgefühl, alles super, doch man sieht mit denen an den Füßen wie ein Vollidiot aus. So als wolle man Astronaut spielen, habe aber leider den Raketenstart verschlafen und wandele nun als traurige Gestalt vom Mars übers Erdenrund.

Auch Adidas hat weiterhin Modelle aus sogenanntem Primeknit im Programm, die ähnlich wie die Latschen aus dem NikeLab futuristisch wirken sollen. Doch die Zukunft, aus der die geformt sein sollen, möchte man vielleicht doch lieber nicht betreten. Denn sie schaut leicht dystopisch aus und so, als sei den Designern bei deren Herbeifantasieren die Farb- und Materialpalette explodiert. 

Der Adidas Original von Alexander Wang kam ganz ernst gemeint am 1. April heraus

Am Ende wünscht man sich vielleicht doch eher eine Mischung aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und findet sich absurderweise in einer Sneakers-Schlange wieder. Am 1. April (kein Scherz!) hat Adidas einige Modelle herausgebracht, die der Modedesigner Alexander Wang gestaltet hat. Die High-Top-Variante BBall ist der Form nach ein Basketballschuh, der sich jedoch nicht wirklich für diesen Sport eignet und für den Gebrauch allein wohl auch zu schade wäre. Hohe Zunge, Details aus Fleece, etwas seltsame asymmetrische Schnürung, nicht zu klobig, gute Passform, in Grau-Weiß oder monochrom Schwarz – ein modischer und dennoch erwachsener Sneaker.

Eigentlich ein Traum. Den Schlangen vor den Läden nach aber wahrscheinlich längst ausverkauft. Dann bleibt einem nur, bei Ebay in der Schuhabteilung beim Wettsteigern um die letzten verfügbaren Modelle mitzumachen. Oder man trägt einfach seine alten Turnschuhe weiter, das ist ja auch immer eine Möglichkeit: Konsumentsagung. Wenn man sich dabei nur nicht selbst so alt fühlen würde. Irgendwas machen diese universellen 22-Jährigen schon richtig.

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