© Silke Janovsky für ZEITmagazin Online

Jacke wie Hose Ein Traum von einem Mann

In jeder Jeansjacke steckt ein Lebensentwurf, in den man nicht reingepasst hat. Zudem sind sie unnütz, nur etwas für Träumer. Aber was können Männer besser als träumen? Von

Eigentlich sehen Jeansjacken vor allem in Filmen richtig gut aus. In der Wirklichkeit machen sie oft nur schöne Menschen noch ein bisschen schöner. An mittelhübschen Leuten – und sind wir, die wir in keinen Filmen mitspielen dürfen, nicht alle irgendwie mittelhübsch? – wirken sie etwas gewollt. Als bloßes Kleidungsstück betrachtet ist die Jeansjacke ja nicht mal funktional. Sie ist zu dünn, um zu wärmen; die Taschen sind zu klein, um etwas darin zu verstauen; eigentlich kann man sie nur in Blau kaufen, alles andere schaut albern aus; und was anderes als ein T-Shirt oder Sweatshirt kann man nicht drunter tragen. Ein Hemd würde die Jacke darüber nur aufrüschen, diese aber lässt sich nicht in ein formelles Teil verwandeln. Und kombinieren kann man sie wegen ihres handfesten Materials auch nur mit Jeans oder Hosen aus grobem Stoff – Letztere gibt es jedoch im Sommer kaum.

Die Jeansjacke ist also total unpraktisch. Trotzdem gibt es sie immer noch und wenn der Anschein nicht ganz trügt, wird sie gerade wieder populärer. Wieso, ist egal, das ist Mode. Wofür sie steht, ist nicht egal: Wenn die Lederjacke unbedingten Freiheitsdrang repräsentiert, dann ist die Jeansjacke eine Willensbekundung, es mal mit Gefühl zu versuchen. Zum Beispiel als Mann. Klappt dann oft nicht.

Außer im Kino, dort sind es ja nicht die eigenen Gefühle, die vorgeführt werden. Da lässt sich gut träumen – von all den Lebensentwürfen zum Beispiel, in die man doch nicht reingepasst hat. Wobei man an der Stelle gleich mit einer anscheinend weitverbreiteten Annahme aufräumen muss: In Western wurden nicht so oft Jeansjacken getragen, wie viele meinen. Für die richtigen Cowboys kam die massenhafte Verbreitung des Denim-Stoffs Ende des 19. Jahrhunderts zu spät, die Arbeiter des Industriezeitalters waren die Ersten, die ihn anprobierten; Rodeoreiter, die Akrobaten unter den Pferdenostalgikern, trugen sie später auf.

Heath Ledger etwa auf dem Originalplakat zu Brokeback Mountain. Diese Storm Rider von Lee mit braunem Cord außen am Kragen, in der Form 1933 erfunden, war in dem Film bereits ein falsches Erinnerungsstück, eine rückwirkende Umdekorierung der längst historisch gewordenen Cowboyfigur. Und Brokeback Mountain war eben auch kein Western, sondern ein Film über Schafshirten in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Er handelte von Männern, die ihre Träume und ihre Liebe nicht in die Wirklichkeit gerettet kriegen. Er handelte also ebenso von uns wie vom Kino selbst: Sobald das Licht wieder angeht, ist alles vorbei.

Die Denim Trucker Jacket von Levi's in natürlicher Umgebung © Silke Janovsky für ZEITmagazin Online

Meine möglicherweise filmwissenschaftlich nicht ganz haltbare Privattheorie besagt, dass man anhand von Jeansjacken in Filmen das Bild des Mannes als verhinderten Träumer nachzeichnen könnte. Die Höhepunkte dieses denim dreaming wären in chronologischer Reihenfolge: Alain Delon in La Piscine, Jeff Bridges in The Last Picture Show, Martin Sheen in Badlands, Ralph Macchio in The Outsiders, Judd Nelson in The Breakfast Club und schließlich Javier Bardem in No Country For Old Men. Lauter Typen, die besser sein wollten als sie waren. Hätte es die verdammten Umstände nicht gegeben, wäre es gut ausgegangen mit ihnen. Doch dann ersäuften sie ihren besten Freund oder perforierten Wildfremden den Kopf mit einer Ladung aus dem Bolzenschussgerät.

Vielleicht muss man meine Theorie erst verkomplizieren, damit sie sozialverträglicher wird und so hoffnungslos romantisch, wie es sich gehört. Ungefähr so: Man könnte den Mann als unrettbaren Träumer erzählen anhand von Jeansjacken, die Frauen vor allem in französischen Filmen mal trugen – und von denen wiederum Männer im dunklen Kinosaal wünschten, es wären ihre Jacken gewesen, die sie diesen Filmfrauen über die Schultern geworfen hätten, als zugeneigt gemeinte, aber eigentlich eher paternalistische Geste. Alles klar?

Die Black Denim Variante von Levi's © Silke Janovsky für ZEITmagazin Online

Zur Vereinfachung nur ein Name: Sophie Marceau. Es gibt zumindest in Europa kaum einen zwischen 1965 und 1975 geborenen Mann, der als Junge nicht in Sophie Marceau verliebt gewesen wäre. Wegen des Films La Boum, der 1980 ins Kino kam. Die Jeansjacke, die Marceau in der Rolle zur Schule trug, war schlicht und dunkelblau, raw denim also, hatte noch einen recht breiten 70er-Jahre-Kragen und heute längst aus der Mode gekommene Druckknöpfe.

Der entscheidende Punkt aber war: Die Jacke war zu groß. Die unromantische Begründung dafür wäre gewesen, dass das im Film 13-jährige Mädchen das Ding von ihren Eltern bekommen hatte und erst noch reinwachsen sollte; die romantische Erklärung, dass die Jacke so aussah, als habe ein Junge dem Mädchen sie geliehen. Eine Boyfriend-Jeansjacke avant le lettre also. Denn Vic, so der Name von Marceaus Figur, musste ihren allerersten Freund ja erst noch finden: Mathieu! "Dreams are my reality" sang Richard Sanderson dazu, den jeansjackigsten Song aller Zeiten. 

Die Jeansjacke symbolisiert den endlosen Sommer, den es nie gab © Silke Janovsky für ZEITmagazin Online

Die Jeansjacke, so könnte man die Sache drehen, mag für den männlichen Betrachter im Kino wie im echten Leben immer schon eine rückwirkend konstruierte, nicht wirklich erlebte Simulation fabelhafter Erinnerungen sein. Sie symbolisiert den endlosen Sommer, den es nie gab, doch auf dessen Eintreffen man weiter sehnsüchtig wartet; sie markiert den zum Handeln stets wildentschlossenen, aber letztlich unfähigen Mann; sie steht für das Mädchen namens Vic, das nicht ins eigene Leben treten konnte, weil es halt nur eine Fantasie war. Und die erwachsene Abgebrühtheit, mit der Alain Delon in der Jeansjacke steckte, die will sich einfach nicht einstellen, solange man auch darauf wartet. Man wird mit dem Alter in Wahrheit ja nicht besser, sondern nur älter.

Gegen diese niederschmetternde Erkenntnis hilft dann auch wieder nur eine Jeansjacke zur Auffrischung der eigenen Laune. Deshalb jetzt noch schnell, ganz praktisch: Die französische Ich-trag-die-Jacke-schon-mal-für-meine-zukünftige-Freundin-ein-Variante wäre so eine mittelausgewaschene wie die von A.P.C. – die hat den besten Sommer noch vor sich, scheint von der Sonne des letzten mittelguten aber bereits ausgebleicht. Ihre Form steht zwischen den Zeiten, ist so nostalgisch wie gegenwärtig und nicht mehr optimierbar. Nicht zu kurz an den Hüften, ganz leicht überschnitten an den Schultern.

Unser Model trägt die Jeansjacke von A.P.C. in Indigo © Silke Janovsky für ZEITmagazin Online

Das Kernigkeit vorgebende Filmmännermodell Storm Rider hingegen, das Ledger in Brokeback Mountain trug, gibt es derzeit bei Lee schlicht nicht. Die Sommerversion wäre eine normale Rider. Oder besser: Eine Trucker Jacket von Levi's, die 1962 ersonnen wurde und schmaler und kürzer sitzt als die französische Variante. Trucker, das muss vor einem halben Jahrhundert noch nach Zukunft geklungen haben, als der Lasterfahrer als König des Highways die neueste Inkarnation des einsamen Helden war. Tja, vorbei: Der autonom fahrende Lkw wird auch den Trucker bald in eine Erinnerung verwandeln.

Einen modischeren Blick auf die Jeansjacke schließlich wirft das schwedische Label Our Legacy, doch auch bei dessen Modell klingt im Namen die Sehnsucht nach der Vergangenheit an: Rodeo Jacket. Die ist selbstverständlich nicht für diesen oder irgendeinen anderen echten Zweck gemacht, sie ist vielmehr eine rein dekorative Synthese aus drei Kleidungsstücken, aus Hemd, Blouson und eben klassischer Jeansjacke. Der weite Schnitt lässt den Träger angenehm unaufdringlich erscheinen, die Platzierung der drei offenen Taschen wirkt wie bei einem Laborarbeitskittel, und geschlossen wird die Jacke mit Sophie-Marceau-Gedächtnis-Druckknöpfen. Die Rodeo Jacket vereint also diverse modehistorische und funktionale Andeutungen, sie behauptet zumindest, eine Jeansjacke müsse sich nicht rein nostalgisch auf einen überkommenen Männertypus beziehen – aber ein bisschen simulierte Erinnerung schadet auch nicht.

So entspricht diese letzte Jeansjacke merkwürdigerweise wohl am ehesten dem, wie wir Männer uns in der Gegenwart gerade innerlich wie äußerlich zusammenbasteln als Vertreter eines merkwürdig unnütz gewordenen Geschlechts. Wir synthetisieren nicht zusammenpassende Erinnerungen, die nicht mal unsere eigenen sind, zu etwas, das wir dann Identität nennen.

Demnach wären wir also eigentlich alle Jeansjacke. Dann müsste sich nur noch das Leben mal endlich wie großes Kino anfühlen.

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