© Enrico Labriola

Pitti Immagine Uomo It's a Pitti!

In Florenz schwitzen Modehändler, Blogger und Freizeitmodels auf der Herrenmodemesse Pitti Immagine Uomo. Die einen suchen neue Trends, die anderen vor allem Bestätigung. Von

Ein großgewachsener, bärtiger Mann Mitte 30 zerrt mit dem Zeigefinger der rechten Hand an seinen weißen Hemdkragen. Dann versucht er mit der linken Hand, ein bisschen kühlende Luft an seine Haut zu fächern. Es sind 35 Grad an diesem Dienstag im Juni, kurz nach 15 Uhr. Eduardo ist aus Madrid angereist und zum dritten Mal auf der "Pitti" – so nennen die zum Schaulaufen angetretenen Männer die drei Messetage im Januar und Juni, an denen sie Gelegenheit bekommen, ihren Hang zur Extravaganz auszuleben. Jetzt jedoch macht die Hitze das Tragen von mehreren Schichten zur Qual.

Das Sakko ausziehen, die Fliege ablegen, den Hemdkragen aufknöpfen, die Hemdärmel hochkrempeln: Wettergerechtes Verhalten kommt für Eduardo nicht in Frage. "Mir gefällt diese Entwicklung nicht, dass heutzutage bei Männern alles möglichst casual sein muss. Frauen bekommen ja auch selten den Tipp, bequeme Kleidung zu tragen. Dabei läuft es sich auf zehn Zentimeter hohen Absätzen wahrscheinlich auch nicht besonders gut." Mode ist für Eduardo kein Hobby, Mode ist seine Leidenschaft. Zur Abkühlung geht er ein paar Mal pro Stunde in eine der vielen Messehallen, dort sei die Luft angenehm kühl, der Klimaanlage sei Dank.

 

Auf sein Outfit angesprochen, gibt Eduardo zu: "Das wäre mir im Alltag zu laut und ausgefallen, im Büro würde ich das nicht anziehen." Man möchte sofort die Gegenfrage stellen: "Warum eigentlich nicht?" Er trägt einen mittelblauen Anzug vom neapolitanischen Label Borrelli mit leicht in Hellblau abgesetztem Großkaro, dazu ein weißes Hemd von Ermenegildo Zegna, eine Fliege mit Blumenmuster, ein farblich passendes Einstecktuch, die dunkelbraunen Slipper sind vom mallorquinischen Hersteller Lottusse und die ebenfalls dunkelbraune Aktentasche aus geflochtenem Leder, in der sich statt Akten nur Eduardos iPhone, seine Hotelschlüsselkarte, eine Wasserflasche und seine Geldbörse befinden, ist von Bottega Veneta. Rund 6.000 Euro hat Eduardo für all das bezahlt, zwei Nettomonatslöhne investiert. Heute trägt er das Outfit zum ersten Mal. "Wenn meine Kollegen wüssten, was für Summen ich für Mode ausgebe, würden sie mich nicht mehr ernst nehmen."

Herausgeputzte Herren vor historischem Mauerwerk

Viel ist in den vergangenen Jahren geschrieben worden über die sogenannten Pitti Peacocks (Pitti-Pfauen), die Männer, die zwei Mal im Jahr während der Pitti Immagine Uomo die Straßen von Florenz und das Messegelände durchstreifen in der Hoffnung, dass Modefotografen oder berühmte Blogger den Aufwand belohnen, mit dem sie ihr Outfit von langer Hand geplant haben. Viel Häme war dabei: "Eitel", "übertrieben", "dandyhaft", die Liste der leicht despektierlichen Adjektive ist lang – dabei darf die Frage erlaubt sein, was eigentlich gegen die Tatsache spricht, dass Männer wieder Freude an extravaganter Mode entwickeln?

Eduardo ist an diesem Dienstag schon mehr als zehn Mal fotografiert worden, für ihn ein Erfolg. Vor dem Eingangsbereich der Messe und auf dem Messegelände selbst sieht man ähnlich viele Fotografen wie männliche Models. Ihre Impressionen, viele davon sind auf Instagram unter den Hashtags #pittiuomo, #pu92 oder #pitti92 zu finden, vermitteln den Eindruck, die Messe bestehe größtenteils aus herausgeputzten Herren vor historischem Mauerwerk, als sei es schlicht ein Treffpunkt für geltungsfreudige Dandys aus aller Welt. Aber das ist nur ein kleiner Bildausschnitt.  

Die Pitti Immagine Uomo ist in erster Linie eine Fachbesuchermesse: Zutritt ist für Schaulustige nicht gestattet. Eintrittskarten für Aussteller, Einkäufer und Pressevertreter gibt es nur dann, wenn für die Veranstalter ersichtlich ist, dass die Besucher auf der Messe geschäftliche Termine haben. Die Messe findet zweimal im Jahr im Inneren der Fortezza da Basso statt, einer von einer Festungsmauer umschlossenen Anlage, erbaut im 16. Jahrhundert von Alessandro de’ Medici, Spross der Herrscherfamilie von Florenz. Heute verbirgt sich hinter alten Backsteinmauern moderne Messetechnik, flächendeckender WLAN-Empfang bereitet den sogenannten Influencern Glücksgefühle, in den mehrstöckigen Hallen brummen die Klimaanlagen.

Beim Gang über das Messeareal sieht man vor allem Einkäufer aus aller Welt, die an drei Messetagen zusammenstellen, was ein knappes Jahr später in Herrenmodeläden weltweit angeboten wird. Rund 30.000 Einkäufer treffen auf mehr als 1.200 Aussteller, es geht hier ums Geschäft. Und die Geschäfte laufen gut, nicht nur für die Modeindustrie. Die Macher der Pitti Uomo verweisen während der Eröffnungsfeier im prunkvollen Palazzo Vecchio selbstbewusst auf den Nutzen für die Stadt Florenz, allen voran Claudio Marenzi, seit März dieses Jahres Präsident der Pitti Immagine Uomo. 50 Millionen Euro habe man seitens der Regierung über die Jahre in die Pitti Immagine Uomo investiert, 500 Millionen Euro seien im Gegenzug verdient worden. Keine schlechte Rendite. Zudem beschäftigt die italienische Modeindustrie hunderttausende Menschen, es ist die zweiterfolgreichste Branche im Land. Kein Wunder also, dass den Modeschaffenden zweimal im Jahr der rote Teppich ausgerollt wird.

Weltweit erfolgreiche Labels wie Kiton, Hugo Boss oder Tommy Hilfiger, dazu Designer wie Karl Lagerfeld, Tim Coppens, JW Anderson und Raf Simons – sie alle veranstalten im Rahmen der Messe kostspielige Shows, um ihre neuen Kreationen zu präsentieren. Im Jahr 1972 wurde die erste Pitti Uomo veranstaltet, erstaunlich lange blieb die Messe für Modemagazine weitgehend uninteressant. Das änderte sich erst, als die Pitti Peacocks Anfang der 2010er Jahre auftauchten. In der Folge entdeckten Fotografen die männlichen Stilikonen als perfekte Motive, Journalisten konnten zudem mit ein paar humorvollen Absätzen über männliche Eitelkeit punkten. Die Bilder und Artikel gingen um die Welt. Und so war es eben jener aufsehenerregende Look der Pitti Peacocks vor der historischen Kulisse von Florenz, der seinen Teil dazu beitrug, dass die Fachbesuchermesse plötzlich im internationalen Fokus stand.

Stil im Alltag: mit Tech-Wear und neuen Materialien

Nun werden hier die weltweiten Trends präsentiert. In diesem Jahr: Casual- und Tech-Wear, neuartige Materialien, alltagstauglich und doch stilvoll. Raffaello Napoleone, Geschäftsführer der Pitti Immagine Uomo, spricht von einer Welle, die nicht aufzuhalten ist, die in alle Bereiche der Modeindustrie schwappt: "Es ist eine Entscheidung der Menschen, sich informeller zu kleiden, praktischer. Ohne dabei auf stilvolles Auftreten verzichten zu wollen. Wir haben es mit einer neuen, zeitgenössischen Art formeller Kleidung zu tun, mit neuen Materialien, die zum Teil sehr technisch und deshalb den Anforderungen des Alltags der Menschen gewachsen sind."

Bereits im Januar, während der Pitti 91, präsentierte der britische Modedesigner Paul Smith einen knitterfreien und wasserfesten Anzug, mit dem es sich frühmorgens auch ohne Funktionsjacke durch den Londoner Regen radeln lässt. Es ist Paul Smith selbst, der jeden Morgen mit dem Rad ins Büro fährt und sich nach Jahren durchweichter Schulterpolster und nassgespritzter Gesäßtaschen überlegt hat, wie man Funktionskleidung und Business-Outfit zusammenführen kann. Zum Anzug präsentierte er einen wasserfesten Mantel, der sich auf die Größe einer Bauchtasche zusammenfalten lässt, sollte in London doch mal die Sonne scheinen. 

Die Modewelt reagiert auf den Verbraucher – und von dem geht eine klare Botschaft aus: Kleidung soll praktisch, bequem, aber gleichzeitig elegant sein. Daher setzen nicht nur Branchen-Schwergewichte wie Paul Smith auf Materialien, die ähnliche Eigenschaften haben wie Kleidungsstücke aus dem Outdoor-Shop, aber deutlich besser aussehen. Junge, aufstrebende Labels wie der italienische Hersteller Traiano haben gleich ihre gesamte Kollektion danach ausgerichtet. Bei Traiano spricht man von "Formal Activewear", was übersetzt so viel bedeutet wie "Schicke Funktionskleidung". Wasserabweisende Stretchmaterialien, die knitterfrei und waschmaschinenfest sein sollen – vom Oberhemd bis hin zum Anzug. Das Label arbeitet nur mit Lycra und Nylon, also ohne Plastik. Mit bloßem Auge, das verspricht die Marke, seien die Materialien nicht von hochwerten Baum- oder Schurwollstoffen zu unterscheiden.  

Ein weiterer Trend, seit Jahren ungebrochen: Sneaker. Mittlerweile als Spezialeditionen längst Sammler- und Prestigeobjekte, bestimmen sie bei vielen Schuhherstellern auf der Messe das Geschäft. Kunden sind mittlerweile bereit, für Sneaker mehrere Hundert Euro auszugeben. Reine Sneaker-Labels wie Common Projects, Filling Pieces oder Golden Goose Deluxe Brand veranstalten seit einigen Jahren eigene Runway-Shows für ihre jeweilige neue Kollektion.

Das Geschäft ist mit den Turnschuhen ist so erfolgreich, dass auch eine Traditionsmarke wie der Schweizer Schuhhersteller Bally im freistehenden Pavillon nichts anderes präsentiert als Turnschuhe. Für Bally-CEO Frédéric de Narp ist dabei das firmeneigene Designarchiv eine wahre Goldgrube. "Wenn man als Unternehmen bereits 166 Jahre am Markt ist, liegt es nahe, in den Archiven zu graben und zu schauen, welche Sneakermodelle man neu auflegen kann. Bei uns waren es hundertprozentige Kopien aus den Jahren 1960, 1974, 1980 und 1988." Die Kunden lieben die Repliken. Und die Einkäufer müssen in der Mittagssonne anstehen, um die Modelle zu begutachten.

Eduardo überzeugt das nicht. Sneaker zum Anzug kommen für ihn nicht in Frage, auch wenn viele seiner Pitti Peacock-Kollegen sich dem neuen Trend längst gebeugt haben. Auch für Funktionstextilien hat er nicht viel übrig. "Am Ende sind es doch nur Kunstfasern, Polyester und Polyacryl, das ist ja streng genommen Plastik. Für mich kommt das Tragegefühl nicht an einen Anzug aus Super 180er Wolle oder an Mischgewebe aus Wolle, Seide oder Kaschmir heran." Nach zwanzig Minuten in der auf 21 Grad runtergekühlten Messehalle reicht es ihm jetzt. Er will wieder raus – zu den Fotografen.

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