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Rudi Gernreich Der Mann, der die Zukunft sah

Er entwarf schon in den 1960ern unisex. Für Frauen war seine Mode eine Befreiung. Rudi Gernreich war ein Visionär. Und geriet in Vergessenheit. Heute wäre er 95 geworden. Von

Ein Hauch von Stoff. Ein kleines Dreieck vorne, ein noch kleineres Dreieck hinten. Das tragen Bella Hadid, Kendall Jenner, Emily Ratajkowski diesen Sommer. Nicht nur unterm Sommerkleid oder an der Copacabana,  sondern auch in Cannes und Positano. Der Tanga ist zurück.

Dass der wohl kleinste Diskussionsstoff der Modegeschichte von einem Österreicher entworfen wurde, als politisches Statement gedacht war und auch für Männer gemacht, ist so unbekannt wie der Name seines Designers: Rudi Gernreich. Gernreich wurde 1922 in Wien geboren und in den 1950er Jahren in den USA zu einem der wichtigsten und umstrittensten Modemacher seiner Zeit.

Den Tanga entwarf er 1974. Nachdem der Strand von Venice Beach wegen entblößter Körper in die Schlagzeilen geraten war, hatte der Stadtrat von Los Angeles nacktes Sonnenbaden verboten. Gernreich reagierte. Mit Badebekleidung, die nur das Nötigste verdeckte. Aufreizend war das nicht gemeint. Im Gegenteil: Gerade mit der Normalisierung von Nacktheit wollte er die dauerhafte Sexualisierung nackter Körper überwinden. "Die Befreiung des Körpers wird unsere Gesellschaft von ihrem sexuellen Komplex heilen", so seine Hoffnung. Nackte Emanzipation. Eine Idee, die 2017 immer noch genauso Zeitgeist und genauso nötig ist, wie sie es 1974 war. Damals ließen sich für diesen Zweck sogar die Supermodels Jerry Hall und Lisa Taylor als kämpfende Amazonen in schwarzen Tanga-Badeanzügen von Helmut Newton fotografieren.

#freethenipple 1964

Rudi Gernreich muss das gefallen haben: Er sah seine Mode am liebsten an Frauen, die mit Erwartungen und Regeln brachen. So wie er selbst. 1964 hatte er schon mal mit Badebekleidung für Aufsehen gesorgt, dem Monokini. Ein klassisch geschnittener Badeanzug, der den Oberkörper der Trägerin freiließ. Das sollte dem schamhaften Bedecken der Brüste ein Ende machen. #freethenipple 1964. Gernreich war ein Mann vor seiner Zeit.

Das verstand schon damals nicht jeder. Der Spiegel nannte Gernreich 1964 einen "Entkleidungskünstler" und "Erfinder der Oben-ohne-Mode" und vermeldete mit Schadenfreude, dass sich der Monokini kaum verkauft habe. Anders als  Gernreichs no-bra bra, ein bügelloser BH aus transparentem Nylon. Er befreite die Brüste von einengenden, deformierenden Drähten und den damit einhergehenden Schönheitsidealen. Für Gernreich sollten Frauen sich bekleidet genauso frei bewegen können wie entkleidet. Eine Revolution unterm T-Shirt.

Unisex, Transparenz, Cut-outs

Tanga, Monokini, BHs – wer Rudi Gernreich nun für einen Bademoden- und Unterwäschedesigner hält, irrt. Denn der Sohn jüdischer Eltern, dessen Vater sich 1930 das Leben nahm und der 1938 mit seiner Mutter vor den Nazis aus Wien nach Los Angeles floh, entwarf seit den fünfziger Jahren Kleidungsstücke, die die Mode bis heute prägen und längst Klassiker sind. Ohne großes Couture-Haus im Rücken und weit weg von den europäischen Modehauptstädten Paris, Mailand und London wird man in der schnellen Welt der Kleider jedoch leicht vergessen. Damals gefeiert, wird Gernreich für seine epochemachenden Entwürfe heute kaum noch gewürdigt: Transparente Chiffon-Blusen bei Chloé? Machte Gernreich schon 1968. Cut-outs bei Gucci? Gernreich hatte die Idee dazu bereits 1960. Unisex-Look bei Rei Kawakubo? Den setzte Gernreich 1970 erstmals in Szene. T-Shirt-Kleider, Hüfthosen, Strick-Kleider: Mindestens eine von Gernreichs visionären Ideen findet sich heute in jedem Kleiderschrank.

Das Model Veruschka 1968 in einem Badeanzug von Rudi Gernreich im Atlantischen Ozean vor Itapoa, Brasilien © Franco Rubartelli/Condé Nast via Getty Images

Deshalb zählt ihn das Time Magazine auch zu den "All-TIME 100 Fashion Icons", neben Coco Chanel und Cristóbal Balenciaga. Doch während Balenciaga in Dreißigern schon als "König der Haute Couture" gefeiert wurde, verdiente Gernreich sein Geld noch auf ungewöhnliche Weise: Er wusch Leichname, bevor sie obduziert wurden. "Manchmal muss ich lachen, wenn die Leute mir sagen, dass meine Kleidung so körperbewusst ist, als hätte ich Anatomie studiert. Und wie ich Anatomie studiert habe", erinnerte Gernreich sich später an diese frühen Jahre.

"Kleider dürfen nicht nur hübsche kleine Dinge sein. Sie müssen kühn und mutig sein."
Rudi Gernreich

Er studierte Kunst an der Los Angeles Art Center School und arbeitete als Kostümdesigner für Hollywood-Filme. Für ein sechsjähriges Intermezzo als Tänzer in der legendären Martha Graham Modern Dance Company schmiss er sein Studium, Ende der vierziger Jahre widmete er sich dann wieder ganz der Mode. Trotzdem prägte seine Tanzkarriere ihn. Seine Entwürfe passte er von nun an den Bewegungen des Körpers und seinem Rhythmus an. Zu dieser Zeit gab in der Modewelt Christian Dior den Takt vor: Ausgelassene Bewegungen wurden bei ihm in eine damenhafte Silhouette gezwängt. Rudi Gernreich leistete Widerstand. Erst im Dienst anderer Designer wie Vivienne Westwood, ab 1960 mit seinem eigenen Label. Und mit einer festen Überzeugung: "Kleider dürfen nicht nur hübsche kleine Dinge sein. Sie müssen kühn und mutig sein." Er zog Frauen Kampfstiefel an und Kleider, die sich dem Körper anpassten, oder ließ Kurven hinter weiten Kaftanen verschwinden.

Kaftane kamen auch 1970 in seinem "Unisex-Projekt" zum Einsatz. Für das Life Magazin entwarf er seine Vision einer Mode der Zukunft – und hob die Grenzen zwischen den Geschlechtern komplett auf. Ein männliches und ein weibliches Model, jeweils kahl rasiert, in identischer Kleidung: Mini-Rock zum freien Oberkörper, wild gemusterte Kaftane, bauchfreie Tops zu langen Hosen. Gernreich spielte nicht mit Klischees, er strich sie einfach aus seinem Stilvokabular.

Zwei Models in Entwürfen von Rudi Gernreich in der "Glamour" im Jahr 1976 © Getty Images / Franco Rubartelli

Das, was wir heute als queer bezeichnen und in langen Texten kompliziert erklären, fasste Gernreich schon 1969 mit einfachen Worten zusammen: "Jungs mit langen Haaren, Mädchen mit kurzen, alle in schlabberigen Sweatshirts. Diese Kinder sind nicht sexuell verwirrt. Sie sehen einfach keine Notwendigkeit darin, so eine große Sache aus Männlichkeit und Weiblichkeit zu machen." Gernreichs Sätze wirken auch heute noch progressiv.

Gernreich selbst war homosexuell, was Mitte der fünfziger Jahre in den USA noch unter Strafe stand. Gernreich lebte trotzdem offen schwul. Man sehe es ihm ja sowieso an, soll er mal gesagt haben. So war er auch Gründungsmitglied der Mattachine Society, einer der ersten Organisationen für Homosexuellen-Rechte in den USA, ins Leben gerufen von seinem damaligen Freund Harry Hay.

Erfinder des "total looks"

In Sachen Sex und Körperlichkeit plädierte Gernreich stets für mehr Gelassenheit, beim Marketing aber überließ er nichts dem Zufall. Als einer der ersten Designer führte er mit dem "total look" jeweils zur Kollektion passende Unterwäsche, Strumpfhosen, Schuhe, Taschen und Parfums ein. Heute stammt ein Großteil des Umsatzes der meisten Luxuslabels aus dem Verkauf von dazugehörigen Accessoires und Lifestyle-Produkten.

Wer etwas auf sich hält, setzt zudem auf Kurzfilme, die klassische Werbespots in Länge und Aufwand übertreffen: 2011 führte Karl Lagerfeld bei Train de Nuit Regie, mit Audrey Tatou und dem Duft-Klassiker Chanel No.5 in den Hauptrollen. 2016 tanzte Margaret Qualley für Kenzo durch ein leeres Theaters, Regisseur Glen Luchford ließ sich 2015 von "Christiane F." inspirieren und ließ eine ganz in Gucci gekleidete Clique durch ein Einkaufszentrum rennen. Das erste Modevideo dieser Art entstand 1967. Basic Black heißt es, inspiriert ist es vom pulsierenden London der Swinging Sixties. William Claxton führte Regie, das Model Peggy Moffit tanzt und posiert in knallbunter Mode von – natürlich – Rudi Gernreich.

"Mode kommt aus der Mode."
Rudi Gernreich

Scheinbar gibt es kaum eine Idee, die er nicht als einer der Ersten hatte. Das gilt sogar für die vielbeschworene Demokratisierung der Mode. 1966 brach er mit der bis dato ungeschriebenen Regel, dass namhafte Designer nicht in regulären Kaufhäusern verkauften: Mehrere Saisons lang war seine vergleichsweise bezahlbare Mode in Filialen der Kaufhaus-Kette Montgomery Ward zu haben.

Als Rudi Gernreich 1981 seine letzte Kollektion zeigte, lagen seine großen Jahre schon hinter ihm. Vielleicht war er seiner Zeit einfach zu weit voraus. Vielleicht haderte er auch zu sehr mit dem eigenen Tun. "Mode kommt aus der Mode", lautet eines seiner berühmtesten Zitate. Die Menschen würden immer weniger Wert darauf legen, was sie tragen. Und auch wenn das seiner Arbeit die Grundlage nahm, fand er diese Entwicklung richtig. Weg von den Oberflächlichkeiten, dem Luxus, dem Ausstaffieren. Im Januar 1985 wurde bei Gernreich Krebs diagnostiziert, wenige Monate später starb er. In einem Nachruf brachte die legendäre Modejournalistin Marylou Luther, eine enge Freundin von Gernreich, sein Schaffen auf den Punkt: "Wir leben in einer Welt der referenziellen Mode. Rudi schaute in die Zukunft."

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