Jeans Bretthart war gestern

Was Jeans angeht, wurden Männer lange diskriminiert. Es gab nur einen dämlichen Schnitt und Hosen aus scheuerndem Stoff. Der moderne Mann ist endlich gleichberechtigt. Von

"Sie sind da falsch!" Die Verkäuferin eilte gemessen am üblichen Tempo von Modelädenpersonal schockierend schnell herbei und verhielt sich ganz entgegen ihres Dienstauftrags geradezu overprotective die hochpreisige Auswahl betreffend, die da an einer Stange aufgereiht hing.

Sie rief: "Das sind Frauenjeans!"

"Genau. Dann bin ich hier richtig."

"Ah, okay! Welche Größe hat ihre Freundin denn?"

"Ich habe 34, danke, mitunter geht auch 32. Die Größen führen Sie gerade noch so bei Frauenjeans, richtig?"

Eigentlich ist die Selbsterhöhung männlicher Kunden gegenüber Modeverkäuferinnen ja zutiefst unangebracht. Diese Frauen haben Expertise, sie machen auch bloß ihren Job, und mansplaining ist immer unsympathisch. Aber das hier konnte irgendwie als gerechtfertigte Aufklärungsarbeit durchgehen, so von einem biologischen Geschlecht zum anderen – in Jeansfragen.

"Ich kaufe seit einer Weile nur noch Frauenjeans, weil deren Stoff im Gegensatz zu vielen Männerjeans einen Stretchanteil enthält. Mir ist völlig unverständlich, weshalb es beim Tragen von Jeans überall drücken, scheuern und zwicken soll, vor allem an sensiblen Körperstellen. Gerade nach dem Waschen möchte ich nicht in etwas Bretthartes steigen müssen, das ich erst mal stundenlang weichsitzen muss."

Das Gesicht der Verkäuferin hellte sich auf. Doch statt nun ihre Beratungstätigkeit aufzunehmen, rief sie eine Kollegin herbei: "Das musst du dir ansehen, hier will ein Mann eine Frauenjeans anprobieren!" Die Aufmerksamkeit aller im Laden befindlichen Menschen war mir ab nun gewiss. Die Frage war nur noch, wofür die mich hielten: für ein respektables Beispiel männlicher Modeemanzipation; oder einfach einen Pragmatiker mit einer überraschend guten, wenn auch exotischen Idee; oder für einen Crossdresser.

Diese Begebenheit liegt eine Weile zurück. Mittlerweile ist auch in den Stoff vieler Männerjeans Elasthan eingewebt, es gibt also keinen praktischen Grund mehr, als Mann noch eine Frauenjeans zu tragen. Das ist aber auch schon so ziemlich die größte Revolution im Männerjeanswesen der vergangenen Jahre: Wir kriegen jetzt auch mal ein bis zwei Prozent Elasthan, wenn's gut läuft.

Die New Taper von Levi's ähnelt im Schnitt der 511, aber sie wirkt noch schlichter. Wenn man die Beine hochkrempelt, kommt eine weiße Innennaht zum Vorschein.

Währenddessen bieten mittlerweile H&M oder Zalando Boyfriend Jeans für Frauen schon fertig zum Kauf an. Cut out the middle man, lautet eine englischsprachige Weisheit, und hier passt sie mal buchstäblich: Es braucht nicht mal mehr einen Boyfriend für die Boyfriend Jeans. Was wohl irgendwann mal mit der jedenfalls für Männer romantisch erscheinenden Idee begonnen hat, dass Frauen ein Stück von ihnen auf der Haut spüren wollen – ist zu einer schlichten Formbezeichnung in der Frauenmode geworden. Von Girlfriend Jeans für Männer hingegen hat man bis heute nie gehört, und das kann nicht nur an vermeintlichen Größenunterschieden liegen. Gerade jüngere Männer sind doch oft so schmal gebaut, dass sie locker in die Hosen ihrer Freundinnen passen würden. So können wir wenigstens über Männerdiskriminierung in der Mode klagen – auch schön.

Männerjeans, sagte eine Kollegin, hätten aus weiblicher Sicht unfair viele Vorteile. Sie hätten zum Beispiel viel größere Taschen, und trüge man eine solche Hose als Frau, müsste man sein Smartphone endlich nicht mehr hinten in den bei Frauenjeans viel zu hoch sitzenden Po-Taschen transportieren. Frauenjeans, klagte die Kollegin weiter, würden auch noch zunehmend auf das ästhetische Ideal eines Birnen-Pos hin hochtailliert geschneidert. "Sie wollen, dass ihr alle Kim Kardashians absurde Körperform annehmt?", fragte ich und bekam als Antwort einen leidenden Blick. Männerjeans, sagte die Kollegin, seien am Hintern einfach runder, letztlich gutmütiger.

Das mag ja sein, dachte ich, sprach das Folgende aber aus Höflichkeit nicht aus: Doch dafür haben die weiterhin tiefer auf den Hüften sitzenden Männerjeans den Nachteil, dass deren Träger sich niemals bücken oder gar hinknien dürfen. Weil sonst, wenn Hemd oder T-Shirt nicht fest vertäut sind und die Unterhose nicht sehr hochgezogen ist, weite Teile des nackten Hinterns unschön entblößt werden – und das sähe auch bei Frauen nicht gut aus.

Die Slim Straight von Calvin Klein ist aus weichem Jeansstoff und mit einem Prozent Elasthan angenehm zu tragen.

Statt das auszusprechen, hob ich meinerseits zur Klage an: "Es ist aber leider so, als hätten die Modefirmen aufgegeben, Männern etwas anderes als Modelle in Slim-Fit-Passform verkaufen zu wollen: halbschmal, nicht zu weit, nicht zu eng. Total langweilig eigentlich. Die Labels haben uns Männer aufgegeben."

Klassische Five-Pocket-Jeans mit leichter Used-Waschung

Aus Sicht der Modefirmen muss das kaufmännisch vernünftig sein, richten sie sich doch nach der Nachfrage: Die Zyklen, in denen eine relative Mehrheit halbwegs modeaffiner Männer sich mit einer neuen Jeansform anfreundet, scheinen noch länger zu sein als die bei anderen Kleidungsstücken. Meine Schätzung lautet: Bei Jeans beträgt die Mindesttragbarkeit einer Form sieben, womöglich sogar zehn Jahre. Es dauerte bis ungefähr 2008, bis der allerletzte Mann aus den Baggy Jeans der mittleren Neunzigerjahre gestiegen war und sich eine Skinny Jeans übergestreift hatte, die zu diesem Zeitpunkt auch bereits ein halbes Jahrzehnt in den Läden gehangen hatte, jedoch lange nur von Wagemutigen gekauft worden war. Und nun stecken wir seit ungefähr fünf Jahren in der schier endlosen Übergangszeit der Slim-Fit-Jeans, die letztlich nur ein ungeliebtes Kompromissangebot von Designern an Männer ist. Im Grunde sagen uns die Label damit: Wir haben kapiert, dass ihr Jeans als Gut betrachtet, das man nur ersatzbeschafft, wenn die alten kaputt sind oder nicht mehr passen; demnach bleiben wir Modefirmen bei der am wenigsten extremen und also eingetragensten Form.

Die North von Acne Studios ist etwas schmaler geschnitten und höher im Bund.

Eine Männerjeans sieht demnach bis auf Weiteres ungefähr so aus: mittelschlankes Bein, nach unten leicht schmaler werdend, gerade so auf dem Schuh aufliegender Bund, oben endet sie ziemlich exakt auf dem Hüftknochen; die populärsten Waschungen (so dezent wie möglich) und Farben (dunkelblau oder schwarz) sind ebenfalls alles andere als exotisch. Mit anderen Worten: Die Jeans fällt nicht blöd auf.

Als modische Aussage ist das eigentlich zutiefst deprimierend, eröffnet andererseits aber alle Möglichkeiten, mit anderen Kleidungsstücken als der Hose blöd aufzufallen. Indem man zum Beispiel zur Jeans ein Sakko trägt, obwohl dieses Privileg traditionell eigentlich nur Sportmoderatoren im Fernsehen zusteht. Eine derer wesentlichen Funktionen ist es ja, doof auszusehen, in jedem Sinne. Besser tut man es, wenn man zur Jeans einfach nur Sneakers, Sweatshirt oder Pullover und ein Blouson obendrüber kombiniert. Das ist die sogenannt sportliche, also langweilige, aber würdevollste Tragweise von Jeans.

In der North von Acne Studios muss man seinen Hintern nicht verstecken.

Deren aktueller Idealform entspräche am ehesten eine Levi's 511. Doch der ewigste aller ewigen Jeanshersteller hat ja viele weitere Nebenreihen und Modellalternativen, und die derzeit vielleicht schönste ist die New-Taper-Jeans aus der Made-&-Crafted-Serie. Ihr Sitz ähnelt dem der 511, aber sie wirkt noch schlichter und ist deshalb eine sichere Wahl: ein Universalkleidungsstück und dank des einen Prozent Elasthans sogar ein sehr bequemes. Ähnlich kleidsam ist das Stretchmodell Slim Straight von Calvin Klein, dessen Bund jedoch zumindest dem Augenschein nach leicht höher sitzt und damit auch das Po-Ritzen-Enthüllungsrisiko senkt. Eine leicht schmalere, definitiv höher sitzende und modischere Variante für schlanke Männer ist die North von Acne Studios. Die lässt sich ohne Gürtel tragen und sogar mit Lederschuhen, weil ihr Schnitt entfernt dem einer Dresshose ähnelt. Ihr Besitzer kalkuliert zumindest die Möglichkeit mit ein, er könne auf andere Menschen Wirkung machen – und wolle zum Beispiel die Form seines Hinterns in der Jeans nicht vor allem verstecken. Eigentlich ist die North eine Frauenjeans, die für Männer gemacht wurde.

Damit wäre also die praktische Frage nach dem schnittbedingten Geschlechtertausch bei Jeans zumindest für Männer beantwortet. Nicht aber die größere danach, was genau eigentlich den Reiz ausmacht, ausgerechnet bei diesem Kleidungsstück, dass doch vermeintlich unisex gedacht ist, ein Modell des anderen Geschlechts überzustreifen. Die Unterschiede mögen in kleinen Details liegen. Und doch sind sie wesentlich: Frauenjeans stellen ihre Trägerinnen eher aus, Männerjeans verstecken ihre Träger eher. Was zeigt, dass die Mode heutzutage gar nicht unbedingt einem androgynen Ideal zustrebt, dem Verwischen der Geschlechtergrenzen. Vielleicht ist alles ja ganz einfach und banal: Wir Menschen wollen am Ende doch immer sein, was wir nicht sind. Wir wollen mehr sein. Oder bloß anders.

Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Baumwolljeans sind immer viel zu schnell durchgeschwitzt und werden dann stets "klamm", noch schlimmer mit Elasthangemisch, da gebe ich ihnen recht. An Leder scheint wenig dran vorbeizugehen auch wenn es nur sehr wenige tragen aber immerhin hat Sie nach 2 Wochen die richtige Passform und nichts zwickt und hält i.d.R. ewig, naja gut vielleicht mal ein neues Futter.

An Jogginghosen oder "normalen" Stoffhosen denkt man aber auch man trägt einen zusammengenähten Sack, damit wird man leider auch nicht glücklich und vor allem nervt es beim arbeiten wenn alles hin und herschlappert (und überall hängen bleibt).