Magermodels Erst Arzt, dann laufen

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Zwei französische Luxuskonzerne wollen Magermodels nicht mehr dulden. Ist das mehr als ein schickes Versprechen? Bisher wollte die Branche nur eins: bleiben, wie sie ist. Von

New York, London, Mailand, Paris: Der September ist auch der Monat der Fashion Weeks, der Mode vom nächsten Jahr, die nun auf den Laufstegen zu sehen ist. Paris, die Stadt, in der Kleidung gern zur Kunst erklärt wird, beschließt traditionell diese tour d’horizon. Und die Deutungshoheit in sämtlichen Fragen möchte man dort selbstverständlich sehr gern für sich beanspruchen: Bevor es am 26. September in Paris losgeht, bringt man sich wirkungsvoll ins Gespräch und verspricht, dass es endlich ein Ende haben solle mit den Magermodels. Auf dass die Mode nur schöne Träume beschert, haben die Luxuskonzerne Kering und Moët Hennessy Louis Vuitton SE (LVMH) eine "Charta für die Zusammenarbeit mit Models und deren Wohlbefinden" formuliert. Kurz zusammengefasst steht drin: Wer auf den Laufsteg will, muss ein Attest vorlegen können.

Dass die beiden französischen Konzerne sich um das Wohl freiberuflich für sie tätiger Menschen sorgen, möchte die Branche nun als mutigen Vorstoß deuten. Einflussreich genug sind diese Firmenkonglomerate auf jeden Fall: Zu Kering gehören Marken wie Gucci, Saint Laurent, Balenciaga und Alexander McQueen; zu LVMH beispielsweise Marc Jacobs, Céline, Givenchy und Fendi. Bei ihnen versammeln sich jene Labels, die Prêt-à-porter-Kollektionen vorführen lassen.   

Mutig aber erscheint an diesem hochseriös auf Schwarz-Weiß verbreiteten Communiqué gar nichts: In Frankreich ist ein entsprechendes Gesetz bereits 2015 auf den Weg gebracht worden, seit dem Frühjahr 2017 gilt es. Es besagt, dass die Agenturen nur noch Frauen ab Größe 34 und Männer ab 44 beschäftigen sollen, mit einem Body-Mass-Index nicht unter 19 bei Frauen und 20 bei Männern. Dass es backstage keinen Alkohol mehr gibt und keine Nacktheit, dafür gesundes Essen und einen garantiert anwesenden Psychologen. 

Chipstüten und Körbchengrößen

Länder wie Spanien und Israel haben sich früher als Frankreich schon an ähnlichen Reglements versucht. Hat irgendwas davon die Branche verändert? Kann man nicht sagen. Den Modedesignern ist die Diskussion so lästig wie kratziger Polyester. Es gibt von ihnen viele Begründungsversuche für das Dünnen-Diktat in der Mode. Sie klingen zuerst logisch, dann aber gemein. Dass Kleidung an Dünnen einfach schöner falle? Es entspricht kaum der durchschnittlichen Körbchengröße – in Deutschland liegt sie bei 75 C –, dass irgendwas einfach so am Leib herabfällt. Dass sich mit zunehmendem Gewicht Körper individuell verändern, hier an der Hüfte zulegen, da an der Taille und deswegen der Musterschnitt nur in kleinen Größen funktioniert? Spricht nicht dafür, dass daraus etwas wird, das individuell schmeicheln kann. Der fleißige Aphorismenspender Karl Lagerfeld hat zu dem Thema einmal gesagt, es seien "die dicken Mütter mit ihren Chipstüten" vor dem Fernseher, die sagten, dünne Models seien hässlich.

Die New Yorker Fashion Week ist gerade zu Ende gegangen. Gefeiert wurde Kaia Gerber, die Tochter des Neunziger-Jahre-Supermodels Cindy Crawford, die mit 16 Jahren nun endlich auf den Laufsteg "durfte" und dabei so zart wirkte, dass man über ihren Body-Mass-Index lieber erst gar nicht nachdachte. Es gab transsexuelle Models, schwarze Models und ein, zwei Frauen, deren BMI bei mehr als 24 gelegen haben dürfte, das wird als leichtes Übergewicht definiert: Ashley Graham etwa lief in der Schau des Designers Michael Kors, ebenso Kate Upton. Über die hieß es hinterher in den Berichten, ihre Schenkel sähen schlanker aus als früher. Wer nicht Größe 34 bei mindestens 1,80 Meter hat, wird in der Mode noch lange ein Fremdkörper bleiben.

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