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Azzedine Alaïa Der Meister der Kurven

Hautnah in Leder, Stretch und immer schwarz: Keiner brachte Frauen so sirenenhaft wie Azzedine Alaïa in Form. Nun ist der "King of Cling" mit 77 Jahren gestorben. Von

Es gibt eine berühmte Fotografie von Jean-Paul Goude, auf der Azzedine Alaïa dem Supermodel Farida Khelfa in die weit ausgebreiteten Arme springt: sie, riesengroß, wie aus dem Film Angriff-der-20-Meter-Frau, er wie ein glücklicher Grundschüler mit ihr auf Augenhöhe, völlig losgelöst vom Boden. Alaïa war ein nicht sehr groß gewachsener Mann von 1,58 Meter, den Models stets weit überragten, er hat mit diesem Effekt bei vielen Aufnahmen – in diesem Business ungewöhnlich selbstironisch – gespielt, sich neben Frauen gestellt wie ein Anbeter von Göttinnen. Und wie Skulpturen hat er oft auch ihre Körper in Szene gesetzt.

Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben. Das bestätigte am Sonnabend die Fédération française de la couture, ohne weitere Details zu nennen.

Er und seine Mode waren so zeitlos modern, dass man darüber schnell vergessen konnte, wie lange Alaïa schon im Modegeschäft war. Er selbst sah sich als einen Pharao der Mode, erhaben über ständig wechselnde Trends. Schon 1957 war Azzedine Alaïa, geboren 1940 in Tunis, aus Tunesien nach Paris gezogen. Berühmt wurde er aber erst in den achtziger Jahren durch seine hautengen Stretchkleider. Seine Modelle waren maximal figurbetont, mitunter provozierend sexy, dabei niemals vulgär.  

Er formte den weiblichen Körper durch seine Schneiderkunst und durch damals noch schockierende Materialien. Leder, Latex, Lycra und immer wieder Reißverschlüsse. Alaïas Entwürfe wurden zu einer zweiten Haut. Das sollte sein Markenzeichen werden, genau wie das raffinierte Spiel des Verdeckens und Entblößens. Bevor Frauen wie Grace Jones, Madonna, Tina Turner oder Naomi Campbell  – Lieblingsmodel und beste Freundin – seine Kreationen trugen, hatte er auch schon Kleider für Greta Garbo, Cécile de Rothschild oder Claudette Colbert gefertigt.

Die Schwester hatte Alaïa das Schneidern beigebracht, das Studium an der École des Beaux-Arts in Tunis – er hatte sich für die Zulassung als älter ausgegeben – finanzierte er, indem er für ihre wohlhabenden Kundinnen Couture-Roben nacharbeitete. So perfektionierte er nebenbei auch noch sein Handwerk. In Paris war seine erste Station eine kurze Assistenz bei Christian Dior, später arbeitete er für Guy Laroche und Charles Jourdan. Bei Dior war Alaïa nach nur fünf Tagen rausgeschmissen worden, Jahrzehnte später wurde ihm der Posten als Chefdesigner angeboten. Zu spät. Azzedine Alaïa hatte nun alles, was er sich erträumen konnte. Er war selbst ein großer Name.

Azzedine Alaïa läuft mit seinen beiden Yorkshire Terriern und einem Model durch die Straßen von Paris. Sie trägt eine seiner Kreationen, ein Lederkleid mit diagonal verlaufendem Reißverschluss. © Arthur Elgort/Conde Nast/Contour

Bevor es so weit war, verdingte er sich in den sechziger Jahren allerdings sogar einige Jahre als Haushälter und Schneider einer Comtesse. Die wiederum verschaffte ihm weitere Kontakte in die Pariser Oberschicht. Die Damen der Gesellschaft erkannten sein Talent und ließen bei ihm arbeiten. Thierry Mugler macht ihm schließlich Mut, ein eigenes Label zu gründen. 1980 war es so weit. Azzedine Alaïa präsentierte im Atelier in der Pariser Rue du Parc-Royal erste Entwürfe unter eigenem Namen, er fand Unterstützung bei Celebrities und der Modepresse, Boutique-Eröffnungen in New York und Beverly Hills folgten, Luxuskaufhäuser wie Bergdorf Goodman oder Barney’s New York verkauften seine Kollektionen. Im James-Bond-Film Im Angesicht des Todes von 1985 trägt Grace Jones von Alaïa entworfene Kostüme, 1986 spielt die weibliche Begleitband im Kult-Video Addicted to Love von Robert Palmer in schwarzen Alaïa-Kleidern auf, und im Film Clueless von 1995 erklärt die mit einer Pistole bedrohte Alicia Silverstone, sie könne nicht niederknien, weil ihr Alaïa-Kleid das nicht zuließe. Azzedine Alaïas superenge Bandagen-Kleider aus schwarzem Stretch waren überall: Sie waren maximal körpernah und formten zugleich den Körper einer Powerfrau, bei ihm waren die Schultern immer breit, die Taille immer schmal, die Haltung durch korsettähnliche Elemente immer machtvoll.

Azzedine Alaïa und Grace Jones bei den Fashion Oscars © Peter Turnley/Corbis/VCG/Getty Images

Seine Kleider waren Kunststücke, die im wahrsten Sinne des Wortes wie angegossen saßen und die Silhouette der Frau feierten. Seine späten Entwürfe waren weniger provokativ, dafür umso zeitloser und auch jenseits des Showbusiness tragbar. Michelle Obama etwa trug zum Empfang bei der Queen einen Alaïa-Cardigan. Seit 2011 durfte er seine Mode als Haute Couture führen, was die Einmaligkeit und handwerkliche Qualität noch einmal besonders herausstellte. Mit Alaïa, oft als König des Stretchs bezeichnet, ist nach Yves Saint Laurent vielleicht wirklich der "letzte große Couturier" gegangen. Auch so wurde er gerne bezeichnet.

Die größten Erfolge feierte Azzedine Alaïa in den achtziger und neunziger Jahren. Mitte der neunziger Jahre zog er sich aus persönlichen Gründen – vermutlich spielte der Tod der geliebten Schwester eine Rolle – von der großen Bühne des Modebusiness zurück. Einige Jahre lang zeigte er nur einem handverlesenen Publikum in privaten Rahmen neue Entwürfe. Mit dem Verkauf des Hauses an Prada gab es im Jahr 2000 wieder eine große Modenschau. Azzedine Alaïa kaufte schließlich seine Firma wieder zurück, zuletzt gehörte sie dann dem Luxusgüterkonzern Richemont.

Alaïa folgte seinen eigenen Regeln und nicht dem Rhythmus der Branche. Seine Präsentationen fanden außerhalb der offiziellen Schauenkalender statt, sie waren saisonunabhängig, er machte so gut wie keine Werbung. Hatte er auch nicht nötig. Gerade Models liebten seine Modelle, die sie noch besser aussehen ließen. Vielen von ihnen, wie etwa Stephanie Seymour, Naomi Campbell oder Veronica Webb, hatte er selbst zum Durchbruch verholfen. Als sie ihre Karriere starteten, beherbergte er sie in seiner Wohnung. Und auch wenn man das sich beim Zuschnitt seiner Kleider kaum vorstellen kann, die Küche, das Essen spielte im Leben des Azzedine Alaïa immer eine zentrale Rolle. Er versorgte Freundinnen und Freunde großzügig mit Nahrung, und an seinem Tisch blieb die übliche Hackordnung der Modebranche unberücksichtigt. Supermodels saßen neben Mitarbeitern, Celebrities neben ganz normalen Freunden.

Er blieb freiwillig ein Außenseiter der Mode. Gerade dieser Individualismus machte ihn bis zuletzt – und auch gerade jetzt – so modern. Entschleunigung, Klassik und klare Stilistik sind die zentralen Themen, mit denen sich die Modemacher gerade beschäftigen. Azzedine Alaïa hat darauf schon seit Jahrzehnten seine eigenen Antworten gefunden. Mit Ratgeberinnen, in deren Arme er sich nur zu gern begab: Es sei wichtig, dass Frauen sich selbstsicher fühlten, hat er einmal gesagt: "Ich glaube, sie sind nun mal wichtiger als Männer."

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