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Orchideen Die Dramaqueen am Fenster

Das Ende der Hipsterpflanze: Die brave Monstera bekommt Konkurrenz. Mit der Renaissance von Samt und Seide in der Mode erlebt auch die glamouröse Orchidee ihr Comeback. Von

Marcel Proust wurde mit Orchidee porträtiert, jeder Ball beim Großen Gatsby damit ausgeschmückt. Oscar Wilde lässt seinen Lord Henry Wotton im Bildnis des Dorian Gray sagen: "Gestern schnitt ich mir eine Orchidee für mein Knopfloch. Es war eine wundervoll gesprenkelte Blume, so wirkungsvoll wie die sieben Todsünden." Das Zitat konzentriert die Wirkung, die Orchideen ausüben: Ihre Schönheit kann neidisch machen; mit ihren üppigen Blütentrauben sind sie ein Sinnbild von Überfluss, und manche Arten duften betörend, geradezu wollüstig. Die Orchidee ist die verführerische Blume des Fin de Siècle, luxuriös, kostbar und dekadent.

Die Zeiten, in denen Dandys sie am Revers trugen und Salondamen sie von ihren Verehrern erwarteten, sind lange vorbei. Doch in schillernden Zeiten, in denen die Mode Seide, Samt und Rüschen trägt und schlichtes Schwarz plötzlich sehr langweilig findet, erlebt auch die Orchidee eine Renaissance.

Mag sein, dass das Diven-Image der Phalaenopsis und ihrer vielen Verwandten darunter gelitten hat, dass sie nicht mehr aus tropischen Regenwäldern importiert werden muss, sondern in heimischen Gewächshäusern produziert werden kann und als Massenware in jedem Baumarkt steht. Wie eine echte Dramaqueen war die Orchidee aber jederzeit für den nächsten großen Auftritt bereit.

Der Dschungel zu Hause

Kerzen, Kissen und warme Socken in Beige und Naturweiß mögen ja besonders hyggelig sein. Und nichts gegen Zimmerfarn, Fensterblatt und Kakteenecke, aber tropische Opulenz hat eben deutlich mehr Glamour und passt viel besser zur neuen Prächtigkeit, die statt der schlicht weißen Wand Tapeten sehen will, auf denen Jugendstil-Blumen ranken.

Auch die Mode liebt solche schwüle Exotik. Auf den seidenen Edelpyjamas des italienischen Labels For Restless Sleepers finden sich Palmenwälder und Blüten, von denen schwerer Duft auszugehen scheint. "Luxurious Jungle" heißt eine Interieur-Kollektion von Roberto Cavalli. Der stand noch nie unter Verdacht, Minimalist zu sein, aber mit diesem Slogan erweist er sich auf der Höhe der Zeit. Tropische Blätter und Früchte, Zebras, Papageien oder Löwen finden sich aber gerade auch reichlich bei anderen Marken: als Prints auf Bettwäsche, Kissen oder Plaids. Sie verwandeln das traute Heim in eine exotische Destination.

Die bei bartpflegenden Hipstern gerade so beliebte Monstera deliciosa darf übrigens auch bleiben. Sie ist ja tatsächlich –  man mag es kaum glauben – nicht im Wintergarten geboren, sondern ursprünglich ebenfalls ein Kind der Tropen. Aber ihr schmuckloses Dunkelgrün muss ergänzt werden, zum Beispiel durch Palmen und Bananenpflanzen, denn der Hang zum Luxus-Dschungel lebt von großzügiger Ausstattung. Und deshalb passen zu diesem leicht manierierten und ein wenig neureichen Look auch kristallene Leuchter, weiche Samtsofas, geschliffene Whisky-Tumbler und goldene Champagnerbecher.

Die Monstera deliciosa wirkt bescheiden, kann aber eine Orchidee sehr hübsch begleiten. © Getty Images

Das Thema Orchidee bestimmt auch die Farbwelt der Einrichtung und bietet damit eine ungeheure Bandbreite. Orchideen haben nämlich eine schier endlose Vielzahl an pudrigen Farbschattierungen und Musterungen zu bieten: vom reinen Weiß über Rosé und Pink, von fast Gold bis hin zu Schwarz. Ein violettfarben bezogener Sessel kann also treffend als orchideenfarben beschrieben werden, genauso wie bei dem Vorhang in zartem Gelb und mit braunen Tupfen das Thema überzeugend gespielt wird. Die Villa des Großen Gatsby ist die stilistische Inspiration, vom Autor des Romans, F. Scott Fitzgerald, detailliert ausgemalt. Oder ein eleganter Nachtclub, in dem Tom Fords schweres, die Sinne verwirrendes Parfüm Black Orchid in der Luft liegt.

Verschwenderische Besetzung

Die Orchidee selbst verbreitet vor allem als Schnittblume ihre zeitgemäß verschwenderische Wirkung, mit dem kargen Plastiktöpfchen aus dem Sonderangebot wird das atmosphärisch nichts. Aber ein Stiel in einer eleganten Vase reicht für den Anfang völlig aus, und er hält sich mitunter erstaunliche drei Wochen und ist mit Dutzenden von Blüten verschwenderisch besetzt. Es gibt weltweit rund 30.000 Orchideenarten. Darunter kleine, zarte, hübsche, auch heimische. Wir wissen sie zu schätzen, überlassen sie aber den Botanikern. Es sind die großen, tropischen, farbig so lauten Exemplare, die die nötige stilistische Aufregung ins Zimmer bringen.

Der nächste Schritt ist dann ein Bouquet, vielleicht noch ergänzt mit großen Blättern, und schon fühlt man sich zu Hause wie im Boudoir eines Filmstars. Für die Garnitur lässt sich übrigens ganz hervorragend was von der Monstera nebenan auf der Fensterbank abknipsen.

 

 


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