Wintermäntel Ein Mantel für gewisse Stunden

Mit restbunten Winterjacken kann man als Mann viel falsch machen. Aber mit den richtigen Mänteln kommt man stilsicher und warm durch die unnötigste aller Jahreszeiten. Von

Winter in Deutschland ist eine absolut sinnlose Erfindung. Da können sich die Leute auf ihren ausgedehnten Spaziergängen durch eher kahle als zauberhafte Landschaften und in ihren quietschbunten Skianzügen auf schneekanonisierten Mittelgebirgsgipfeln noch so sehr einreden, das seien romantische Abenteuer, die sie da unternehmen. Sie müssen sich die ganze Zeit bewegen, damit sie nicht festfrieren. Und sehen nicht nur deswegen auch noch bescheuert dabei aus. Das ist nicht mal ein Ansatz, geschweige ein Weg, das Glück zu finden.

Schnee, wenn er denn überhaupt mal fällt im deutschen Flachland, ist auch nur exakt einen Tag lang ganz toll. Er bremst kurz die Zeit, verlangsamt jede Bewegung, hach, ist das schön, murmeln die Menschen in den Städten, ins große weite Weiß blickend. Am nächsten Morgen aber schon kriegen sie nasskalte Füße, der Schnee verwandelt sich in grauen Matsch, und an der Ampel rutscht ihnen dann ein witterungsunerfahrener Linksabbieger ins Auto. Und über all das kann man sich nicht mal im Internet beschweren. Zu Restaurants, Ferienanlagen, Onlinetexten darf man dort schlechtgelaunte Kommentare hinterlassen, nur nicht zum Winter. Der hat keine Pinnwand und keine Kommentarfunktion, er ist nicht mal auf Facebook.

Den Winter in Deutschland gibt es offenkundig nur, damit man sich auf den Sommer freuen kann, der dann doch nicht kommt. Und damit man sich was Warmes zum Anziehen kaufen muss.

Im Grunde jedoch würde man bei dem Wetter, falls man unvernünftigerweise doch mal vor die Tür geht, gern gleich die Decke anbehalten, in die man sich auf dem Sofa sitzend zuvor eingemummelt hat. Frauen haben ja echt manchmal Decken an im Winter, oder zumindest so was ähnlich Ausschauendes. Stattdessen stoppt man als Mann an der Garderobe und sieht das ganze Elend der vergangenen Winter aufgereiht vor sich hängen: einen ausgebeulten Parka, einen kratzigen Dufflecoat, eine restbunte Daunenjacke, einen doppelreihigen Peacoat, den man mal gekauft hat, als man sich kurzzeitig für einen Seemann im Geiste hielt und heißen Tee mit Rum ernsthaft für lecker. Da kann man sich wirklich nicht entscheiden, was nun trister ist, der Frost draußen oder der modische Kälteschutz dagegen.

Ein Mantel mit dem Zeug zum Klassiker: Der "Chestford Face" von Joseph ist ein grauer Einreiher, drei Knöpfe, schmales Revers, hoher Gehschlitz. Und mit 30 Prozent Kaschmir verfügt er über genügend Wollweichheit.

Ein guter Wollmantel wäre ja mal was. Nur sehen die meisten Mäntel für Männer nach wie vor aus, als seien sie entfernte und nur etwas verweichlichte Abkömmlinge des Urtyps Soldatenrock. Kerzengerader, körpernaher Schnitt, kantige Schultern, fester Stoff – letztlich ein jämmerlicher Stoffersatz für eine Ritterrüstung. Nun sind fast alle Grundformen der sogenannten Herrengarderobe, das ist kein großes modehistorisches Geheimnis, ursprünglich Uniformen entlehnt, und bis heute hat sich die westliche Männermode nie wirklich entmilitarisiert. Doch bei keinem Kleidungsstück ist das so unnötig wie beim Mantel: Unter dem richtigen, weil universell einsetzbaren kann man ja alles Mögliche tragen, einen Anzug genauso wie Freizeitkleidung. Der Mantel dient nur als Verhüllung des eigentlichen Outfits und wird beim Betreten eines Gebäudes sofort abgelegt. Er ist nützlich, könnte dabei aber bitte auch schön sein und bequem, warm und weich. Er könnte recht formlos fallen und eine entspannte Silhouette besitzen. Die sehr modischen Oversized-Mäntel vergangener Jahre gibt es kaum mehr, das ist ganz gut so. 

Der "Sintrax" von Hugo Boss ist ein kürzer geschnittener Mantel aus Schurwolle mit Kaschmiranteil.

Der Witz ist, dass es den in dieser Hinsicht idealen Männermantel gibt – aber nur für Frauen. Er heißt wie zum Hohn "Masculine coat in wool" und ist von Céline, einer Marke, die selbstverständlich keine Männermode macht. Wenn man diesen minimalistisch-eleganten Mantel im Laden anfasst und nach dem Blick auf das Preisschild (2.700 Euro) seine eigene Schnappatmung wieder in den Griff bekommen hat, gibt es genau zwei Handlungsalternativen als Mann. Erstens: Man rennt wutschnaubend und zeternd aus dem Laden. Zweitens: Man kauft das Ding aus purem Trotz. Selbst wenn das bedeuten würde, aus Budgetgründen zum Beispiel auf die Winterflucht nach Südostasien im kommenden Januar verzichten zu müssen. Dafür hätte man ja dann den perfekten Mantel, in dem man als mobiles Mahnmal für mehr Klimaerwärmung (aber bitte ohne Stürme, die bekämen der Wolle schlecht) durch deutsche Winterlandschaften schleichen könnte. Und als Symbol eines etwas anderen, hier modischen Geschlechterverhältnisses.

Nicht ganz klassisch, aber cool: Der "Sintrax" hat einen knöpfbaren Stehkragen.

Die eingeübteste Lösung bei Männern wäre allerdings die erste, nämlich vorm Geschäft gegen die Ungerechtigkeit der Modewelt anzubrüllen. Bis man richtig schön durchgefroren ist. Und klitschnass. Oder eingeschneit. Aber auf sein Recht gepocht hat! Dreckswetter, schnaufte man zum Abschluss dunstspeiend in die kalte Luft. Und: Scheiße. Schei-hei-heiße! Hoffentlich riefe niemand die Polizei: "Können Sie bitte schnell kommen, da steht ein verwirrter Mann in einer restbunten Daunenjacke auf dem Bürgersteig und schreit was von ,Wollweichheit’ oder so."

Der "Carlo" von Calvin Klein hat einen schmalen Schnitt, Reverskragen und Leistentaschen.

Zum Aufwärmen stapfte man dann wutentbrannt nach Hause und guckte im Internet nach Wollmänteln, die explizit für Männer entworfen wurden. Da gibt es auch ein paar schlichte, dezent sogenannt dekonstruierte und sich auch offline gut anfassende Exemplare. Den "Chestford Face" von Joseph zum Beispiel: Einreiher, drei Knöpfe, ausreichend hochgeschlossen, dass einem der Wind nicht um den Hals bläst und zu dessen Abwehr ein Schal oben hineinpasst; schmales Revers, zwei simple Pattentaschen vorn rechts und links, ein recht hoher Gehschlitz hinten, der für Bewegungsfreiheit sorgt; 30 Prozent Kaschmiranteil für die Geschmeidigkeit, und die graphitgraue Farbe ist vielseitig kombinierbar – gegen den Winter mit Kreischfarben anzustänkern, ist eine so hilflose wie hässliche Geste. Dieser Mantel hat genau die leichte Kittelhaftigkeit, die ihn modisch und zugleich höchstbequem macht. Angezogen wirkt er effortless. Und genau darum geht’s ja, unangestrengt möchte man doch stets aussehen als Mann, vor allem aber im Winter, der anstrengendsten der Jahreszeiten. Allerdings kostet der Joseph-Mantel fast 1.000 Euro, doch das ist immerhin nur knapp ein Drittel des Preises des Céline-Frauenmännermantels.

Es geht auch noch erheblich günstiger, doch die untere Grenze sind derzeit rund 300 bis 350 Euro: Weniger kann die notwendige Menge an qualitativ akzeptabler Wolle gut verarbeitet einfach nicht kosten. Ohne Herstellern mit preiswerteren Mänteln zu nahe treten zu wollen, aber: Ganz sicher, dass bei eurer Produktion alles mit rechten Dingen zugeht?

"Carlo" besteht aus Wolle mit einem kleinen Kaschmiranteil. Von der Farbe Rot oder Camel rät unser Kolumnist höflichst ab.

Genau 350 Euro kosten zum Beispiel die Modelle "Carlo" von Calvin Klein und "Sintrax" von Hugo. Wie der Mantel von Joseph sind das Einreiher, nur sind die von Klein und Hugo etwas kürzer, sie reichen nämlich nicht bis zum Knie, sondern haben Oberschenkellänge. Der Klein-Mantel besitzt eine leicht schmalere Silhouette als die anderen beiden, was ihn trotz seiner vermeintlich lockeren seitlichen Taschen etwas klassischer erscheinen lässt als die anderen beiden. Es gibt ihn außer in Grau auch in Schwarz, Rot und Beige, doch in Rot wirkt er etwas grell. Und als Kamelhaarmantelersatz unfreiwillig komisch: Eigentlich wollte ich Richard Geres Armani-Momente in American Gigolo nachspielen, dann wurde jedoch German Abteilungsleiter draus.  

Nichts gegen deutsche Abteilungsleiter. Aber wir sind nun mal nicht in Los Angeles. Sonst hätten wir nämlich keine Mäntel nötig. Weil niemals Winter wäre, sondern immer nur die Jahreszeit Kalifornien herrschte. Wie langweilig gleichförmig das wäre. Und wie schön.


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