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New York Fashion Week Mehr als Pussy Power

Wie läuft die New York Fashion Week in den Zeiten von #MeToo? Sie entdeckt, dass Pink so mächtig wie Schwarz ist. Und dass Haltung auch ein Geisteszustand ist. Von

Vielleicht sind all die Pussy Hats dieser Welt noch wirkungsmächtiger, als man dachte. Die pinkfarbenen Strickmützen, verfertigt aus Protest gegen Donald Trumps frauenfeindliche Verbalausfälle, scheinen ihre Auswirkungen zu haben auf die soeben zu Ende gehende New York Fashion Week: Es gab sehr viel Pink zu sehen und auch sehr viel zarteres Rosa. Allerdings nicht in Barbiepuppenniedlichkeit, sondern als Powerfarbe für schlicht geschnittene Anzüge und gerade, fließende Kleider ohne Schnickschnack. Bei Alexander Wang wurde aus dem Pink eine militärisch strenge Abwandlung der klassischen Chanel-Jacke, Jeremy Scott kombinierte kühles Rosé mit Bondage-Elementen, indem er etwa wollig warme Oberteile mit schwarzen Sicherheitsgurten besetzte.

Doch keinem gelang es besser als Prabal Gurung, Pink zum politischen Statement umzudeuten. Er schwelgte in plakativen Kombinationen von Pink mit Lila, Orange oder Rot – und erteilte dem "All Black"-Motto der Golden Globes eine elegante Absage: Schwarz zu tragen, respektiere er als Akt der Solidarität, sagte der nepalesische Designer der New York Times. Doch in seiner Heimat werde nun mal Farbe als Zeichen der Stärke gedeutet. Je leuchtender, desto besser. Auch die für Frauenrechte kämpfende Gulabi Gang, ein Zusammenschluss indischer Frauen und eine seiner Inspirationen, trägt Saris in Pink – und  wird deshalb auch The Pink Brigade genannt.

Denn schließlich war das das Überthema dieser Modewoche im Land von Trump und Weinstein: wie Mode in Zeiten von #MeToo aussehen kann. Wie sie spiegeln kann, dass Frauen um ihre Rechte kämpfen. Und wie sie zugleich damit klarkommen muss, dass die Modebranche sich derzeit nicht nur mit Schönheit und Faltenwurf befassen darf, sondern sich zu den Nachrichten sexueller Übergriffe von Fotografen verhalten muss. Haltung zeigen – teilweise gelang das durchaus.

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Gegen Prabal Gurung wirkten Toms Fords Reminiszenzen an die Achtziger und Neunziger etwas vermufft. Und kein bisschen mutig oder solidarisch. Genau wie Victoria Beckham und Oscar de la Renta zeigte er reichlich Animal Prints, mit großflächigen Leoparden- oder Schlangenmustern – die allerdings sind längst auch dem Fast-Fashion-Markt einverleibt und deswegen alles andere als aufregend. Ford färbte sie zwar smaragdgrün oder orange und erinnerte mit Cut-outs an den Anzügen an den scharfen Porno-Chic, den er in den Neunzigerjahren bei Gucci etabliert hatte – aber eine Handtasche mit "Pussy Power"-Applikation ist nicht gerade ein blendender Einfall zur #MeToo-Debatte, wenn es bei ihm auf dem Laufsteg sonst nur um gesellschaftsfähige Sexyness geht.

Die New Yorker Fashion Week ist traditionell auf Tragbarkeit ausgerichtet, die US-amerikanische Mode setzte dem Pariser Chic stets das Sportive, Cleane, Adrette entgegen. Das spiegelten die bodenlangen Röcke bei Carolina Herrera wider, deren Farben und Textur an Bonbonpapiere erinnerten, und die, zusammen mit breiten Gürteln und weißen Hemdblusen getragen, in Michelle Obama eine idealtypische Trägerin finden könnten. Polished nennt man einen solchen Look in den USA ja gern: tadellos, fleckenlos, auf stilistischen Hochglanz gebracht, dabei aber immer noch vernünftig und tragbar, nicht so überspannt wie die europäische Mode, die etwa auf den Fashion Weeks von Paris und London gezeigt wird. Auch Ralph Lauren hält sich an diese Maxime, seine Color-Blocking-Kleider sind in Tuschkastenfarben gehalten, über asymmetrische, blütenweiße Oberteile verlaufen Wimpelkettchen, perfekt für die Sause im Segelclub.

Gleichzeitig verliert dieser Polished Chic in New York an Boden, denn nicht gerade wenige Label haben angekündigt, ihre Kollektionen künftig in Paris oder London zeigen zu wollen: Es sind Proenza Schouler, Rodarte, Delpozo, Thom Browne, Altuzarra und Victoria Beckham. Man könnte also darauf hoffen, dass dieses Vakuum Raum für jüngere, wütendere Designer entstehen lässt, für Botschaften, die zeigen, dass Mode Macht hat – die Macht, die Welt zumindest ein bisschen zu verändern.

Dafür reicht ein Statement-T-Shirt natürlich nicht aus, dafür muss man kulturell tiefer schürfen. So war es bei Calvin Klein, wo der Designer Raf Simons Comichelden und Sturmhauben in Grobstrick kombinierte mit Sicherheitswesten und Reflektionsstreifen, die an Feuerwehruniformen erinnerte. Er wolle damit eine "Sicht auf die amerikanische Gesellschaft" eröffnen, sagte der Belgier. Es ging um Freiheit und ihre Beeinträchtigung, was sonst – allerdings etwas popcornkinomäßig.

Auch das Label Pyer Moss arbeitete sich an US-Ikonen ab, die Schnitte erinnerten mit ihren Schulterpartien an Cowboy-Ausstattungen, andere Entwürfe zerlegten die amerikanische Flagge. Die Show begann mit einem Gospelchor, mit Gil Scott-Herons Home Is Where The Hatred Is und Bruce Springsteens Born In The U.S.A. – und leitete hin zu einem plakativ auf die Accessoires gedruckten Diversifikationsslogan, der keiner weiteren Worte bedarf: "AS USA AS U".

Um Vielfalt und um eine Welt, die nicht nur dünne weiße Mädchen auf den Laufsteg schickt, ging es auch bei Myriam Chalek, die Missbrauchsopfer im Abendkleid und mit Engelsflügeln für sich laufen ließ – mit Männern mit Schweinemasken an deren Seite. Krammer & Stoudt hatten non-binary-Models casten lassen, die sich keiner geschlechtlichen Identität zuordnen ließen.

Echte Diversität war dann beim Duo Eckhaus Latta zu sehen, deren zwischen grob und schmusig changierende Strickkreationen von Models verschiedenster Nationalitäten, Körpergrößen und Altersstufen präsentiert wurden. Diese Mode ist nicht nur schön – sondern auch gut.

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