© Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Pullover Die neue Masche

Hoffnung hilft gegen den Winter. Und ein guter Pullover. Wenn Männer sich nun auch noch an die richtigen Farben wagen, ist bald schon wieder Frühling. Versprochen. Von
Aus der Serie: Jacke wie Hose

Verzweiflung ist der schlechteste Einkaufsberater. Und nie ist die Verzweiflung größer als im Februar, dem Monat, der so schlimm ist, dass der Kalender ihn extra kurz gemacht hat. Nur zwei Tage länger, und den Februar würde niemand heil überstehen.

Verzweiflung indes hat einen schon im Januar gepackt, als man im größten Sale-Trubel in einem Klamottenladen stand. Da hat man dann wahlweise den Norwegerpulli aus der Winterkollektion gekauft, den man endlich auch als vermeintlichen Standard in der Männermode anerkennen wollte, oder den knuffigen Motivpulli mit dem Teddybären drauf oder dem Wolfskopf.

So billig, dachte man, kommen wir nicht mehr zusammen. Hinterher saß man in seinem überheizten Wohnzimmer, im viel zu warmen Norwegerpulli, und hat, weil das ja passen würde, im Internet nach Reisen mit dem Ziel Irgendwas-mit-Fjord gesucht. Oder ist zum Spiegel im Flur geschlichen, hat sich selbst im Teddybärpulli betrachtet und gedacht: Man kann gar nicht alt genug werden, um noch mal wie zwölf auszusehen.

In beiden Fällen, Fjord wie Teddybär, hat man sich anschließend in Fötusstellung auf der Couch zusammengerollt, um in der Position bis mindestens März durchzuschlafen. Am nächsten Morgen ist man dann leider doch aufgewacht, ist zum Kleiderschrank gegangen und hat erneut aus purer Verzweiflung die alte Pullovertrikolore Dunkelblau, Dunkelgrau, Schwarz wieder hervorgekramt. Keine Motive, kein folkloristisches Tralala, keine crazy Farbverläufe, keine wilden Strickmuster, einfach glatt und uni. Hilft ja nichts.

Sehr selbstbewusst, dieses Rot des Strickpullovers von PS by Paul Smith (130 Euro). Aber im Februar eben auch ein Lichtblick. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Verzweiflung treibt die echten fashion victims nun im Februar zurück in die Klamottenläden zu den neuen Pre-Season-Sachen und den scheinbar immer noch schnelleren Kollektionswechseln der Modeindustrie. Als könne man die Witterung draußen einfach wegkaufen, lassen sich bewundernswert leidensfähige Designerlabelfans jetzt die Designerlabeltüten vollstopfen mit windigsten dünnen Oberteilen. Hauptsache, sie sind die Ersten, die sie tragen und stolz im Büro vorführen.

Rundhalsausschnitt ist nicht Rundhalsausschnitt: Der Strickpulli von Filippa K (190 Euro) hat am Kragen eine dezente Überlappung. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Voller Preis, volles Risiko. Und dann stehen die schicken dünnen Jungs zwei Tage später bei der Rauchpause im total vorhersehbaren nächsten Kälteeinbruch, schlottern sich in ihren erheblich zu optimistischen Frühlingsoutfits einen zurecht und warten darauf, dass irgendjemand endlich sagt: Aber schon toll, das dünne Oberteil – ist das von Raf Simons, Balenciaga oder doch, äh, Acne Studios?

Doch keiner der Kollegen fragt, denn sie wissen nichts von Mode. Auf die Idee, in ihrer Freizeit Fotos von Menswear-Runway-Shows anzuschauen, kämen sie nicht mal, wenn sie wüssten, dass man die lustigerweise mittlerweile alle auf Vogue.com findet. Man könnte es glatt für symbolisch halten, dass man Designermode für Männer am leichtesten auf einer Frauenmagazinseite findet.

Wer es farblich dezenter mag, für den ist dieses militärische Grün ein guter farblicher Kompromiss. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Hoffnung ist das Einzige, was nun noch hilft. Und ein guter Pullover. Ein realistischer, also ein den klimatischen wie befindlichkeitsmäßigen Wahrscheinlichkeiten der Jahreszeit bis zum plötzlichen Frühlingsausbruch circa Mitte April angepasster. Zunächst mal also ein nicht zu dünn und nicht zu dick gestrickter Pulli.

Ein im Zweifel etwas zu weiter denn etwas zu enger, er muss zwar bitte nicht wie in früheren Saisons total oversized sein, doch nichts ist trauriger als eine männliche Gestalt in einem spack sitzenden Pullover. Da schrumpfe ich noch rein, diese Devise funktioniert einfach nicht: Mode sollte weder ein Hilfeschrei sein noch Selbstbetrug, noch öffentlich zur Schau getragene Motivationshilfe für die Wiederaufnahme regelmäßiger sportlicher Betätigung. Mode sollte einfach komfortabel sitzen und aussehen.

Wärmt auch noch an kalten Frühlingstagen: der blaumelierte Kaschmirpullover von J. Crew (250 Euro). © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Egal welcher Pullover es am Ende wird, er wird auf jeden Fall einen Rundhalsausschnitt haben. Denn erstens bieten die Modehäuser ohnehin kaum Modelle mit einer anderen Kragenversion für Männer an, weil die zweitens offenbar keine andere haben wollen. Schalkragen: gab es kürzlich wieder welche, haben sich aber erneut nicht durchgesetzt, zu verspielt, nun auch definitiv zu winterlich. V-Kragen: bisschen altväterlich, außerdem bedingt der fast zwangsweise ein Hemd darunter, ein T-Shirt würde unpassend wirken, unharmonisch.

Lieber weiter tragen als zu eng. Nichts ist trauriger als ein Mann in einem spack sitzenden Pullover. © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Rollkragen: komischerweise auch nicht richtig revivalfähig, obwohl er den dicksten Stiernacken optisch in ein schlankes Hälschen verwandelt, doch viele Männer scheinen beim Rolli gleich an Kratzen und/oder Ersticken zu denken. U-Boot-Kragen: wirkt schnell ein bisschen nackt und aufdringlich, wenn Männer den Blick auf ihre Halspartie seitlich so öffnen; man kann unter Pullis mit U-Boot-Kragen ja auch eigentlich nichts tragen, deshalb sind sie vielleicht auch bei manchen Muskelprotzen beliebt, die gern ihre wulstig aufgepumpte Nacken- und Schulterlinie betonen wollen. Also dezenter runder Halsausschnitt. Hilft ja erneut nichts.

Mutiger Kontrast zum Winter: der gelbe Baumwollpulli von A.P.C. (210 Euro) © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Da bleibt als einzige echte Gestaltungsoption und buchstäblicher Hoffnungsschimmer: Farbe. Also nicht das Dunkelgrau-Dunkelblau-Schwarz-Dreierlei, das hat man ja eben schon im Schrank und kann es für weniger triste Tage gebrauchen. Ein leuchtendes Rot wie das des Modells von PS by Paul Smith funktioniert zum Beispiel als Aufhellung in einem ansonsten dunkelblauen oder schwarzen Outfit. Ist einem das zu schrill, kann man auch ein militärisch wirkendes Grün dafür benutzen, aus dem das Stück von Filippa K gemacht ist. Das zurückhaltend optimistische Bleu des ganz leichten Kaschmirpullovers von J. Crew ist eine dezentere Variante und lässt sich erheblich leichter kombinieren, es passt zu Blue Jeans in jeder Waschung und wird in frischen Frühsommernächten auch zu beigefarbenen oder ausgewaschen grünen Chinos passen.

Eine wirklich mutige Farbaussage schließlich ist das knallige und trotzdem fast verträumt wirkende Gelb des Baumwollpullis von A.P.C. (210 Euro), das wie aus einem Wes-Anderson-Film wirkt. Die Filmcredits von Die Tiefseetaucher hatten ebenso wie der Bademantel, den abwechselnd Jason Schwartzman und Natalie Portman im Vorfilm zu Darjeeling Limited trugen, und die Pfadfindertücher in Moonrise Kingdom ungefähr denselben Gelbton.

Ein Traum in Gelb: nicht Dotter, nicht Butterblume, sondern eine Farbe wie aus einem Wes-Anderson-Film © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

Nun spielen die Filme von Anderson zwar in Fantasiewelten, die stets so bunt sind, als existierten sie in einem Paralleluniversum aus Technicolor, weit entfernt vom Grau des deutschen Februars. Doch genau die Fluchtmöglichkeit, die Filme für zwei Stunden bieten, eröffnet im Alltag in den wachen Stunden des Daseins die Mode.

Hoffentlich ziehen wir uns nicht alle sogenannt typgerecht an. Es wäre doch trist, würden wir stets genau die Mode tragen, die zum Menschen passt, der wir im Stillen zu sein glauben. Viel schöner wäre es, wir kleideten uns als der Mensch, der wir am liebsten wären. Und der trüge jetzt im Moment zum Beispiel Gelb – die Farbe der Hoffnung auf ein Ende des längsten kürzesten Monats im Jahr, des elenden Februars.

In welcher Farbe könnte man besser auf den Frühling warten? © Silke Janovsky für ZEIT ONLINE

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