© Getty Images / Illustration Matthieu Bourel

Vorbilder Würde

Als unser Autor jung war, blickte er zu Sylvester Stallone und Marius Müller-Westernhagen auf. Ihre Kunst gab ihm eine Idee davon, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Doch dann nahmen die Vorbilder von damals falsche Abzweigungen. Ihre Biografien wirken heute wie eine Warnung, in der Mitte des Lebens richtige Entscheidungen zu treffen. Von
ZEITmagazin Mann Nr. 1/2017

Vor ein paar Jahren saß der Schauspieler Sylvester Stallone in der Talkshow von Reinhold Beckmann, um Werbung zu machen für die Musical-Adaption seines Filmes Rocky. Rocky. Rocky als Musical. Mit Singen und Tanzen.

In einer der schönsten Szenen des Originalfilms, es ist das erste Date zwischen Rocky und Adrian in einer Eislaufhalle, antwortet er auf ihre Frage, warum er eigentlich Boxer geworden sei: "Weil ich nicht singen oder tanzen kann."

Ich weiß das, weil ich jeden Satz aus Rocky kenne. Ich kann den Film mitsprechen, so oft habe ich ihn gesehen. Ich könnte ihn jetzt sofort als Ein-Mann-Stück auf einer Bühne aufführen. Ohne Singen. Ohne Tanzen. Rocky ist der Film meines Lebens.

Stallone, also der, der sich diesen Film ausgedacht hat, erklärte bei Beckmann dann noch, warum Rocky für viele Menschen so eine große Bedeutung habe: Das liege daran, dass man immer an sich selber glauben müsse und dass man dann schon alles schaffen werde, außerdem sei ja quasi jeder von uns Rocky.

Ich saß fassungslos vor dem Fernseher, denn alles war falsch. Und ich erinnerte mich, wie ich vor vielen Jahren auch fassungslos vor dem Fernseher saß, als ich Rocky zum ersten Mal sah. Denn damals war alles richtig. Ich war elf oder zwölf, und am Ende des Films habe ich geweint, danach konnte ich nicht einschlafen, aber das lag nicht daran, dass Rocky nicht Weltmeister wurde (er verlor den Kampf nach Punkten, ich glaube, auch das hat Stallone mittlerweile vergessen), sondern dass der Film vor allem die Geschichte eines Mannes erzählte, der liebt: Er liebt ein unscheinbares Mädchen, das in einer Tierhandlung arbeitet und am Anfang nichts von ihm wissen will. Und er liebt dieses Leben, das noch weniger von ihm wissen will. Seine Liebe und sein Humor tragen ihn, sie tragen diesen Film, so wie das Spiel von Stallone, der damals noch jung war und alles werden konnte – manche sahen in ihm den neuen Brando. Aber Stallone wurde dann eine Witzfigur, so wie er aus Rocky spätestens ab dem vierten Teil eine Witzfigur gemacht hat, als es nur noch um das Gewinnen ging, um das Anhäufen irrwitziger Muskelberge. In den ersten Rocky-Filmen ging es nicht um das Bilden von Muskeln, sondern um die Bildung des Herzens. Wenn ich den ersten Rocky schaue, mit gebrochenem Herzen, dann ist es danach zwar nicht geheilt, aber es schlägt immerhin wieder.

Dieser Text stammt aus dem ZEITmagazin MANN – ab 14. März 2017 am Kiosk

Sylvester Stallone hat vor über 40 Jahren Rocky erfunden. Doch im Laufe der Jahre muss Stallone vergessen haben, wen er da überhaupt erfunden hat, wer Rocky eigentlich war – und wer Rocky immer noch ist. Stallone hat sich irgendwann furchtbar verirrt, drehte grauenhafte Filme, und heute besitzt er dieses Gesicht, das nicht zu ihm gehört. Irgendetwas muss schiefgelaufen sein im Leben von Sylvester Stallone. Und es begann ungefähr, als er 40 wurde. Er drehte dann Rambo II, Die City Cobra, Over the Top, Rambo III, Rocky V. Er heiratete Brigitte Nielsen. Warum?

In meiner Jugend spielte Marius Müller-Westernhagen eine ähnliche Rolle wie Sylvester Stallone. Sie waren da, als es darum ging, was für ein Mann ich werden könnte. Und sie lieferten mir Hinweise dafür, Ideen. Stallones Rocky und Westernhagens Theo, den er in den zwei großartigen Filmen Aufforderung zum Tanz und Theo gegen den Rest der Welt umwerfend und schutzlos spielte, waren zwei Verlierer, die dem Glück hinterherjagten und es nie zu fassen bekamen. Doch anstatt darüber zu verzweifeln, lachten sie dem andauernden Pech einfach ins Gesicht. Als Westernhagen die Figur Theo spielte, Ende der siebziger Jahre, machte er auch bereits Musik, die aber noch nicht viele Menschen hören wollten. Damals schrieb er das Lied Endspurt, es ist auf der Platte Bittersüß von 1976, da war Westernhagen 28. Es geht um eine Frau, die sterben wird, und wenn Westernhagen singt: "Sie isst, soviel sie will / und tanzt die ganze Nacht", dann ist man wie vom Donner gerührt. Aber das hat Westernhagen nicht gereicht, er wollte solche Lieder nicht mehr singen, und er wollte kein Schauspieler mehr sein, sondern ein Rockstar, der Stadien füllt. Und dann sang er: "Sexy / was hast du bloß aus diesem Mann gemacht?"

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