© Matthias Ziegler

Vater-Sohn-Beziehung Papa, bist du das?

Mit 16 sieht Kameramann Kaspar Kaven einen krisseligen Film, den er nicht mehr vergisst: Eine Gruppe Menschen Ende der sechziger Jahre in New York, die Stars aus Warhols Factory, nackt, verspielt und verschmust. Auch Jimi Hendrix ist zu sehen. Und mittendrin: Kasper Kavens eigener Vater, Nikolaus Holzhauser. Was ist das für ein Verhältnis, wenn der Vater wilder war, als man es je sein wird? Von
ZEITmagazin Mann Nr. 2/2017

Kaspar war 16 Jahre alt, als sein Vater Nikolaus Holzhauser ihm zum ersten Mal diesen kurzen Film aus seiner Zeit in New York Ende der sechziger Jahre zeigte. Sie saßen in seinem Zimmer im Haus der Mutter am Ammersee. Der Film, abgespielt von einer VHS-Kassette, reihte Szenen eines sehr nackten und sehr berauschten Vaters aneinander: Nikolaus knutschend und schmusend in einer Menge ebenfalls sehr nackter und sehr berauschter und vor allem sehr berühmter Leute. Da ist zum Beispiel Schauspieler Taylor Mead, der vor laufender Kamera seinen Körper nach Flöhen absucht, und die Künstlerin Brigid Berlin, die sich ihre Brüste bunt anmalt, Maß von Nikolaus’ Penis mit einer Banane nimmt und ihren weichen Körper auf seinen legt. Mead und Berlin waren damals die Superstars in Andy Warhols Factory.

Und dieser kurze Film erzählte nicht nur, wer der Vater vor dem Vatersein war, sondern von einer Ära der Selbstbefreiung. Und statt, wie es sich für einen Teenager gehört hätte, diese Szenen, die da vor ihm auf dem Bildschirm abliefen, furchtbar peinlich zu finden, dachte Kaspar nur, "ziemlich freakig". Er wusste ja schon, dass sein Vater ein wildes Leben hatte. Sie hatten oft darüber gesprochen. Sehr offen, ohne Prüderie. Kaspar wusste, dass es Abenteuer gab und Frauen und Drogen und Sex. Nur war ihm noch nicht bewusst, dass die Spielgefährten seines Vaters die Untergrund-Helden des 20. Jahrhunderts waren und dass das Leben seines Vaters eigentlich ins Kino gehörte.

Die Fußstapfen, in die Kaspar gerade anfing zu treten, waren also sehr groß, weil zwischen ihm und Nikolaus nicht nur 36 Jahre lagen, sondern sehr eigenwillige Formen von Dasein. Kaspar hat sich diese Frage damals noch nicht gestellt, aber von außen betrachtet, stellt sie sich unweigerlich: Für welchen Weg entscheidet man sich als Sohn, wenn der Vater schon so viele Winkel des Lebens ausgeleuchtet und irgendwie auch weggelebt hat? Und wie hält man diesen Vater bei sich?

Es ist Ende Januar, fast zwanzig Jahre später. Ein grauer, früher Nachmittag. Kaspar ist nicht mehr 16, sondern 34 Jahre alt und ein erfolgreicher Kameramann für Dokumentarfilme, Werbespots und Spielfilme wie König Laurin oder Ein Geschenk der Götter. Er sitzt im Wohnzimmer seiner großen Altbauwohnung in der Maxvorstadt in München, wieder vor einem Fernseher, wieder zusammen mit seinem Vater, wieder vor diesem Film. Diesmal als erwachsener Mann. Diesmal soll es der Versuch sein, nicht nur das Leben des Vaters zu greifen, sondern auch das des Sohnes.

Kaspar sitzt seinem Vater gegenüber auf einem Holzstuhl, die langen Beine übereinandergeschlagen. Er trägt eine enge dunkelgraue Jeans und einen dunkelblauen Blouson. Anders als sein Vater ist er sehr groß und sehr schmal. Er hat den Körper eines Leichtathleten. Im Gesicht erste kleine Fältchen, die von vielen Stunden auf einem Snowboard in den Bergen erzählen. Die Augen wachsam und blau, beobachten alles sehr genau. Er ist derjenige, der die Situation, also dieses Treffen, zusammenhält und lenkt. Der weiß, wie man den Vater zurückholt, wenn er abschweift. Und der sich um die Gäste sorgt. Er bietet Tee an und Kaffee und Saft und Käsebrote und Hausschuhe. Er tut das, was sonst Eltern tun.

Nikolaus Holzhauser © Matthias Ziegler

Sein Vater Nikolaus sitzt auf dem weichen Sofa. Er hat schulterlange, graue Haare, trägt helle Jeans, ein hellblaues Hemd, darüber eine dunkelblaue Fleecejacke und auf dem Kopf eine schwarze New-Era-Kappe. Neugieriger Blick, sehr freundliche Augen, den rechten Mundwinkel ganz leicht nach oben gezogen, zu einem angedeuteten Lächeln. Die Beine hat er vor sich ausgestreckt. Er wirkt entspannt. Wie ein sehr lässiger Märchenerzähler, der statt Pfeife viele Zigaretten raucht.

Es ist klar, dass Nikolaus’ Leben zuerst erzählt werden muss. Dass man erst mal verstehen muss, wer dieser Vater eigentlich war. Also erzählt er. Und Kaspar hört zu. Das hat er immer getan.

Dieser Text stammt aus dem ZEITmagazin MANN – ab 5. September 2017 am Kiosk

Nikolaus wird von allen Nikki genannt. Er wächst in Schwabing auf. Ein Nachkriegskind, geboren 1946, aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie, für das der Krieg einen Abenteuerspielplatz aus Ruinen hinterlassen hat. Einzige Regel: Er kommt nach Hause, wenn es dunkel ist. Sonst ist er frei. Neben dem Leben in Banden, dem Leben auf der Straße, auf der Suche nach den schaurigen Resten dieses Wahnsinns, gibt es das Leben im Kino. Und für Nikolaus ist Kino die eigentliche Welt. Kino ist seine erste große Liebe. Eine, die ihm zum Ausbruch aus dem Münchner Halbschlaf, aus der Bürgerlichkeit der fünfziger Jahre verhilft. Der Eintritt kostet achtzig Pfennig. "Und dafür haben wir alles gemacht, die Mutter heimlich beklaut, tagelang Tennisbälle aufgehoben", sagt er, und seine Stimme, die sich nicht auf eine Tonlage festlegen will, tönt durch dieses kleine Wohnzimmer. Nikolaus ist ein wunderbarer Erzähler. Er weiß genau, wann er innehalten und den Oberkörper nach vorn beugen muss, wann die Arme zur Seite fliegen sollten, damit die Pointe gelingt. Man ist sofort bei ihm. Der Film im Kopf, er läuft.

Als er elf Jahre alt ist, schicken seine Eltern Nikolaus in die Schweiz, aufs Lyceum Alpinum im Engadin. Seine Mitschüler sind John Kerry, der spätere amerikanische Außenminister, und Richard Oetker, der Sohn des Fabrikanten Rudolf-August Oetker. Auf das wilde Leben in Ruinen folgen Jahre der Strenge.

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