Jeder Tag an Bord hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigene Farbe. Jede Insel in dem weit verzweigten Labyrinth der Kanäle, dem Flickenteppich der Eilande, die der Antarktischen Halbinsel vorgelagert sind, hat ihre eigene Geschichte. Die Szenerie wechselt ständig wie das Wetter, das an einem Tag dreimal wechseln Kann. Man wacht morgens bei Schneetreiben und Nebel auf, so dass man den nächsten Eisberg kaum erahnt, doch kurz danach strahlt die Sonne über mittelmeerblaues Wasser. Eis und Gletscherhänge leuchten in der Sonne, die bizarre Vielfalt der Eisbergformationen spickt das Wasser bis zum fernen Horizont.Auf der Penguin Insel faszinieren die Pinguine. Auf Aitcho Island, der nächsten Station, sind es neben den niedlichen Tieren See-Elefanten und Robben. Ganz anders Deception Island: ein riesiger Kraterrand aus eisbedeckter Lava. Man könnte sagen: gefrorenes Santorin. Die Caldera - der Kratersee - hat einen Durchmesser von zehn, zwölf Kilometern. DIE HANSEATIC muss sich durch eine schmale, kaum 200 Meter breite Einfahrt hindurchzwängen, Neptuns Bellow’s, Neptuns Blasebalg.In der Whalers' Bay sind die Überreste einer alten Walfangstation zu bewundern: die Anlage, in denen der Walblubber zu Tran verkocht wurde, das Tanklager, die hölzernen Behausungen derer, die hier ihr Glück zu machen suchten. Das Öl für Tranlampen, Maschinenschmieröl und vielfältige andere Verwendungen wurde in sechs Riesentanks für den Abtransport gesammelt. Sie stehen, wie die Speckkocherei, noch immer in der schwarzen Lavalandschaft, verrostet, obendrein von Schlammlawinen aus dem Lot gedrückt und halb verschüttet Vor einem alten Hangar liegt das Wrack eines englischen Flugzeuges. Durch die alten Bretterhütten der Unterkünfte pfeift der Wind. Einen Friedhof, auf dem vierzig Walfänger begraben liegen, haben die Schlammlawinen unter sich begraben. Der Vulkan ist noch aktiv. Immer wieder kommt es auf der Insel zu gewaltigen Ausbrüchen, zuletzt 1991/92. Es bräuchte einen Herman Melville oder einen Edgar Allan Poe, um das Leben der Menschen zu schildern, die hier schufteten, reüssierten oder starben.Am Strand der Walfängerbucht erhitzten Fumarolen, Dampfschlote aus dem Vulkan, das Meerwasser. Matrosen graben eine Kuhle von der dreifachen Größe einer Badewanne für uns. Wer will, kann sich darin suhlen und anschließend in das eiskalte Meer springen. Siebzehn gönnen sich den Spaß.Wieder anders ist die Natur in Paradise Bay - in der Tat ein in Eis erstarrtes Paradies, das wir im Zodiak durchmessen - an den Abbruchkanten enormer Gletscher vorbei, zwischen Eisbergen, vorsichtig navigierend. Die Bucht liegt an der Westküste der Antarktischen Halbinsel, wir betreten also zum ersten Mal das Festland. Wir halten an der ehemaligen argentinischen Forschungsstation Almirante Brown. Im Eiskoller hatte sie einst ein durchgeknallter Stationsarzt l984 in Brand gesetzt. Sie wurde dann wieder aufgebaut, war aber gegenwärtig nicht besetzt.Schließlich die bisherigen Höhepunkte; der Lemaire-Kanal, eine schmale Wasserstraße, beiderseits gesäumt von 1.500 Meter hohen, vergletscherten Bergen, und vor allem Dingen der Besuch der ukrainischen Forschungsstation Vernadskij. Die weite Bucht nach den Nullpunkt-Temperaturen von einer wärmenden Sonne in gleißendes Licht getaucht. Die Ukrainer haben ein kleines Postamt, der Welt südlichsten Souvenirshop und eine Bar, wo sie für den Wodka einen Dollar nehmen. Der wärmt den Magen, das Herz aber wärmt die Zodiak-Fahrt durch den Eisberg-Park, an Robben auf Eisschollen vorbei und Pinguinen, die übermütig im Wasser tollen. Es ist schwer, die Empfindungen in Worte zu fassen. Zu abwechslungsreich sind die Gedanken, die mir an diesem Tag, in solcher Landschaft, durch den Kopf gehen. Man muss es erleben. Es ist buchstäblich: out of this world .