Montag, 11. August In der grünen Lunge

Naturerfahrung der anderen Art: Wir leben mitten im Dschungel. Eine Stunde lang ruckelten wir auf Ladeflächen uralter Pickups über steinige Feldwege, bis wir hier waren.

Ein Refugium besonderer Art ist das Privatreservat im Bosque Eternal del Ninos, dem Internationalen Regenwald der Kinder. In den siebziger Jahren kaufte eine schwedische Schulklasse ein paar Hektar Regenwald, um ihn zu schützen. Heute handelt es sich um eine Naturschutzgebiet von 22.000 Hektar. Die ehemalige biologische Station sollte vor zwei Jahren aus finanziellen Gründen geschlossen werden, nun dient sie dem Veranstalter Waschbär Reisen als exklusive Unterbringung auf Regenwaldtouren. Niemand sonst darf hier hin.

In der Gruppe ist Enthusiasmus zu spüren. Das Abenteuer ruft! Durch tiefsten Schlamm, enge Pässe und abenteuerliche Hängebrücken brachten uns die Ladeflächen uralter Pickups hier her. Das war mehr als einmal Zentimeterarbeit. Seit der Ankunft auf der biologischen Station herrscht Jugendherbergsatmosphäre mit allem, was dazu gehört: Die zwei auf Stelzen stehenden Häuser der Farm sind bestehen aus erfinderisch hergerichteten Schulhallen mit selbstgezimmerten Betten. Wir waschen uns gemeinsam im Flur und duschen kalt, genießen auf Hockern einfaches Essen an langen Tafeln. Gerangel um Betten und Zimmergenossen bleibt natürlich nicht aus. Fast enttäuscht stellen wir fest, dass eine Stromversorgung existiert: vier Stunden am Tag läuft ein Generator. Und auch ein Haustier ist da: Ein Nasenbaer kommt auf seiner Nahrungssuche regelmässig um die Hütte geschlichen. Besonders die weiblichen Reiseteilnehmer verlieben sich den Schnüffler und füttern ihn mit den letzten mitgebrachten Bananen.

Auf diesen Moment der Reise haben alle gewartet, manche freudig, manche ein wenig ängstlich. Hier ist es wild und ursprünglich, denn dieser Teil des Regenwaldes ist nahezu unberührt und anderen Touristen nicht zugänglich. Es wimmelt nur so von Insekten, von Moskitos, Spinnen, Faltern und Ameisen, und unsere Haut klebt von Luftfeuchtigkeit und Insektenspray. Es gibt einen erschlossenen Trampelpfad, der uns 3 Stunden durch den Dschungel führt. Mit jedem Meter scheint es wird es dichter und grüner, undurchdringlich und geheimnisvoll. Die Zikaden lärmen, Vögel schreien. Lianen und Farne überwuchern die Bäume, so dass sich links und rechts von uns grüne Mauern auftürmen. Und schon nach den ersten Metern hört man einen entsetzte Schreie von vorn, kurze Panik, jemand springt herum, suchende Blicke. Eine Schlange hatte sich kurz gezeigt und floh durch das Gras ins schützende Dickicht. Es war die Furtherlandsnake, sagt unser Führer Jonathan, deren Biss innerhalb einer Stunde tödlich wirkt. "Don't forget: you are in the jungle", erinnert er uns. "Be quiet." Trotz der Ermahnungen bleibt die Schlange für die nächsten Minuaten Gesprächsthema. Witzbolde entwerfen makabre Horrorszenarien von herabfallenden Vipern und strangulierenden Boas. Und dank der lärmenden Gespräche bleibt die Furtherlandsnake das einzige Tier, dem wir auf unserer Wanderung begegnen. Ein paar Spuren sind zu sehen: hier hängen Vogelnester so groß wie Kartoffelsäcke, dort liegt ein wenig Kot herum. "Das war ein Puma. Er kann nicht weit sein", flüstert Jonathan. Erfürchtig schleichen wir ein paar Minuten auf Zehenspitzen. Aber kein Puma lässt sich blicken.

Die Wanderung ist anstrengend, sie führt uns durch niedrigen Sekundärwald und später über steile Berge des Primärregenwald mit seinen 30 Meter hohen Baumkronen und riesigen Pfahlwurzeln am Boden. Mit diesen Wurzeln können sich die Bäume hier bis zu 25 cm im Jahr bewegen. Nach nur einer Stunde sind alle Kleider durchgeschwitzt, der Schweiß läuft die Gesichter hinab. Die aggressiven Moskitos haben kein Problem, uns auch durch die Kleidung hindurch anzugreifen, sie lassen sich von Autan und Anti-Brumm nicht länger abschrecken. Und während wir noch angestrengt durch die matschigen Hänge hinaufkraxeln, fängt der Himmel an zu grollen. Es blitzt und donnert - wir erleben einen Wolkenbruch im Regenwald. Laut und heftig prasselt er auf uns ein. Glücklich lassen sich alle durchweichen und freuen sich über die Erfrischung. Fast kindlich ist die Freude über etwas, das wir im erwachsenen Europa als so störend und hinderlich empfinden: einen Wolkenbruch. Noch im Regen kommen wir an einer Quelle vorbei. Heißer Schwefeldampf pufft hier unter dem Laub hervor, und der Schlamm ist voller vulkanischer Mineralien – ideal für eine Schlammmaske im Gesicht. Der warme Schlamm trocknet auf dem Gesicht sofort zu einer kribbelnden weißen Kruste. Eine Viertelstunde Fußweg später gelangen wir zum nahe an der Station gelegenen Kratersee. Wir werfen unsere Kleider fort und springen hinein, um unsere von Matsch, Schweiß, Sonnenschutz und Insektenspray verklebten Körper zu erfrischen. Eine Wohltat.

Stimme des Tages: Christine Rudolf (44), Unternehmensberaterin

Man taucht ein in die Welt des Dschungels, klettert bergauf, bergab, es ändert sich der Boden, die Vegetation, alles ist nass und klebrig, es dampft, man ist immer in Bewegung. Und dann setzt dieser wunderbare Regen ein und man steht da in seiner Plastiktüte und der weiche Regen tropft auf einen herab – es ist einfach wunderschön. Ich fühle mich so lebendig im Wald. Sonst bin ich viel getrennter von der Natur, und das Üppige hier entspricht auch irgendwie meiner Mentalität. Dann blubbert dort das heiße Wasser aus der Quelle mit dem warmen Schlamm – ich find’s verrückt, dass wir in so ein Erdloch greifen und uns das ins Gesicht schmieren. Auch das ist ein Teil vom hiesigen Eingebundensein in die Natur: ein Tier nimmt ja auch gelegentlich ein Schlammbad. Es passt alles organisch zusammen, die Haut ist von der Luftfeuchtigkeit und dem Regen aufgeweicht, dann der Schlamm, das Baden im See... wunderbar.

 
  • Serie Costa-Rica
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