9. Reisetag, Sonntag, 18. Mai 2003 Zum Kaffee bei Hans Kammerlander – ein etwas anderer Sonntagsbesuch

Die Gruppe hat einen weiteren Akklimatisationstag in Dingboche, das auf ungefähr 4350 Meter Höhe liegt. In der Nacht hat es ein wenig geschneit, so dass die Tragtiere uns morgens leicht bepudert begrüßen. Wir konnten die Nacht zum Glück in der komfortablen Snow Lion Lodge verbringen.

Nach einem üppigen Frühstück haben wir vier verschiedene Möglichkeiten, den Tag, der sich nun strahlend sonnig zeigt, zu verbringen: Wer sich noch nicht genügend fit für diese Höhe fühlt, kann rund um Dingboche kleinere Spaziergänge mit einem traumhaften Blick auf die Ama Dablam unternehmen. Die schon gut akklimatisierten Mitglieder unserer Gruppe können diese Wanderungen bis Chukhung, das auf 4730 Meter Höhe liegt, ausdehnen oder bei ungebremstem Wanderdrang den gut 5500 Meter hohen Chukhung Ri besteigen. Für die vierte Möglichkeit allerdings besteht zu diesem Zeitpunkt schon keine wirkliche Wahl mehr, da sich Reinhold Messner unmittelbar nach dem Frühstück mit unserem Sirdar auf die Suche nach dem Nuptse East Basecamp von Hans Kammerlander gemacht hatte, und der Gruppe um fast eine Stunde vorausgeeilt war. So mache ich mich, zusammen mit unserem Guide Sodama und zwei weiteren Mitstreitern, auf den Weg zum Chukung Ri.

Bei unserer ersten Rast trifft Sodama zufällig auf den Chefeinkäufer der Kammerlander-Expedition, der ihm detailliert die Route zum Basecamp beschreibt. Natürlich sind wir alle nun Feuer und Flamme für "Nuptse 2003": Dies ist der höchste noch unbestiegene Berggipfel des Planeten. Zwar ist er mit 7815 Metern keiner der legendären Achttausender, die jeder kennt, aber dennoch das "letzte ungelöste Problem" im Himalaya. Neben Hans Kammerlander, der schon 1997 einen ersten Versuch an der Wand unternahm, ist auch ein kleines russisches Team am Berg. Ein spannender Kampf um den Nuptse East scheint entbrannt. Mit Kammerlander ist ein bergerfahrenes Team vom Hessischen Rundfunk im Basislager, das den Aufstieg komplett dokumentiert.

So trekken wir äußerst motiviert am Chunkg Ri vorbei in unbefestigtes und wegloses Gelände - immer das Massiv des Nuptse vor Augen. Eine wilde, unberührte Berglandschaft umgibt uns. Wir umwandern Gletscherseen und klettern über garagengroßes Geröll.

Nach Stunden taucht in einer Senke ein kleines, gelbes Zelt auf. Dort treffen wir auf zwei ziemlich erschöpfte russische Bergsteiger, es sind Valeri Babanov und Vladimir Suviga, zwei absolute Spitzenbergsteiger - wobei Babanov zur Zeit sicherlich der absoluten Weltspitze im Klettern zugeordnet werden muss. Nun sind sie allerdings seit Mitte März an diesem Berg, der ihnen den Großteil ihrer körperlichen Kräfte schon genommen hat. Dennoch sind sie sehr freundlich und wir bleiben gern ein wenig zu Gast in ihrem kleinen Lager.

Rund 500 Meter weiter, lugt das Basislager des Kammerlander-Teams über einen kleinen Bergkamm und lockt uns weiter. Fast zeitgleich mit unserem Sirdar und Reinhold - sie haben noch eine kurze Schleife gedreht - erreichen wir das kleine Zeltlager direkt am Fuße des Nuptse. Die Freude ist groß - das gesamte Team ist im Lager, das schlechte Wetter lässt an diesem Sonntag keine Aufstiege zu. Natürlich ist der Besuch von Reinhold Messner die große Überraschung, aber auch wir Pauschaltouristen werden mit einer selten erlebten Herzlichkeit aufgenommen: Hans Kammerlander schneidet ununterbrochen Südtiroler Speck und Schweizer Hartkäse auf, das Team serviert heißen Tee.

Nachdem uns auch Valerie Babanov gefolgt war, sitzt nun eine illustre Bergsteigerrunde im Zelt und diskutiert die Chancen auf einen Gipfelsieg am Nuptse East. Da kann ich - als "bergerfahrener Nordfriese" - mit ein paar Tipps von meiner Besteigung der höchsten Erhebung Schleswig-Holsteins, dem 168 Meter hohen Bungsberg, natürlich meinen Teil beisteuern. Wir haben also viel Spaß - nach Wochen ohne Besuch in diesem abgelegenen Teil des Khumbu Solo sind wir Besucher eine willkommene Abwechslung.

Gegen 14 Uhr mahnt Reinhold zum Aufbruch. Unsere vorher festgelegte Umkehrzeit ist erreicht. Vor uns liegen immerhin noch über 1000 "Tiefenmeter" und ein kilometerlanger Rückmarsch durch halbwegs unbekanntes Gelände. Da möchte selbst Reinhold kein unnötiges Wandern in der Dunkelheit mit uns "Flachlandtirolern" riskieren.

Bis die letzten Erinnerungsfotos geschossen, Adressen ausgetauscht und noch kleine Stückchen Speck vertilgt wurden, ist es doch schon kurz vor 15 Uhr. Und so springen wir wie die Gemsen hinter Reinhold hinab nach Chukhung. Dort kehren wir bei beginnendem Schneetreiben in der Lodge ein, in der Peter Habeler mit seiner Gruppe wohnt. Ein paar Berichte aus dem Kammerlander-Lager, ein Tee und dann stürmen wir weiter bergab zu unserer Snow Lion Lodge, die an diesem Tag ihren Namen mit Fug und Recht trägt.

Müde und ausgepumpt, aber voll von unvergesslichen Erinnerungen kommen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit in der Lodge an. Nach einem stärkenden Abendessen auf Nudelbasis hat Reinhold noch die Muße uns eine "Kleine Logistikkunde bei Expeditionen" vorzutragen. Nach zwei unterhaltsamen Stunden weiß ich genau, wie ich meine nächste Antarktis-Expedition vorzubereiten habe. So endet dieser Tag harmonisch am wärmenden Lodge-Ofen, und die Herbergsmutter muss noch den ein oder anderen getrockneten Yakfladen nachlegen, damit das Feuer nicht erlischt.

Eine Fotoauswahl zum 9. Reisetag finden Sie hier»

Nächste Folge: Morgen berichtet Brigitte Nummer über den Aufstieg nach Lobuche.

 
  • Quelle © DIE ZEIT 26/2003
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