Vor ein paar Tagen habe ich das Abendessen auf dem Couchtisch serviert. Einfach so. Hab alles aufs Tablett geschmissen, den Käse im Plastik, und die Salami habe ich auch in der Verpackung gelassen. In meiner Familie stört das kein Schwein. Außer mir. Meine Jungs jubilierten. Am liebsten würden sie immer so essen und sich auf dem Sofa vor der Glotze die Nahrung nebenbei von mir reinschieben lassen. Aber ich, die blöde Kuh, verderbe ihnen den Spaß. Weil es da doch ums Prinzip geht!

Wozu das gut sein soll? Das habe ich auch meinen jüngeren Sohn gefragt, elf ist er: Ob er weiß, was ein Prinzip ist? Ob er das Wort öfter hört bei uns? Man möchte das ja nicht. Kein moderner Mensch möchte diesen altmodischen, autoritären, zumeist hohlen Satz von sich geben: Wir haben hier unsere Prinzipien! (Und solange du deine Füße unter unserem Tisch hast, wird auf Pünktlichkeit, Anstand und korrekte Scheitelführung geachtet!) Mein Sohn dachte nach und sagte: "Nee, ich hab das hier noch nicht gehört." Dann fiel ihm aber ein: "Ich sage es selbst manchmal. Wenn mir einer bei einer Rangelei das T-Shirt zerreißt und dann sagt: 'Aber das kann man doch nähen!' Dann werde ich wütend und sage: 'Aber du verstehst das Prinzip nicht! Es geht hier nicht allein ums T-Shirt. Sondern darum, dass ich nicht geschubst werden will.'"

Das Prinzip ist in dieser instinktiven Definition also die Vorstellung von einer gewissen Werteordnung unter den Dingen. Manche behaupten sogar, sie stehe darüber. Das sind, denke ich, eher die Autoritären. Die an Prinzipien im Plural hängen. Prinzipienreiter, die sich nur stark fühlen, wenn sie hoch zu Ross auf irgendwelchen Werten herumreiten können. (Die sie meist selbst nicht befolgen.)

Ich bin froh, dass mein Sohn das mit dem Prinzip begriffen hat. Und noch froher, dass er offenbar nicht mitbekommen hat, dass es zwischen mir und seinem Vater jahrelang ums Prinzip ging. Das Prinzip reicht irre tief, habe ich zu ihm gesagt. Und dass ich glaube, dass es sogar mehrere Schichten hat. Die man ausbuddeln kann wie ein Archäologe. Zum Beispiel anhand meiner superspießigen Alle-zu-Tisch-Ansage.

An der Oberfläche ist das sinnliche Erleben. Essen ist ja nicht nur Nahrungsaufnahme. Sondern ein regelmäßiger sozialer Akt. Eine Gabe. Für die jemand gesorgt hat. Die man würdigt und genießt. Und eine Gelegenheit zu kommunizieren. Am Esstisch passiert Familie, und zwar regelmäßig, immer wieder, so oft und so lange, bis aus der immer gleichen Übung eine Ordnung entsteht. Bis du dich eines Tages so sehr daran gewöhnt hast, dass es dir als etwas Selbstverständliches erscheint. Ich glaube, habe ich zu meinem Sohn gesagt, der langsam wegzunicken schien, so ein Prinzip gibt Halt im Leben, Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Und eine gewisse Erwartungshaltung.

Unter der Oberfläche, und das habe ich nur so für mich gedacht, liegt die Schicht von Mama und Papa. Die strukturiert alles. Wer macht was? Wer übernimmt wofür die Verantwortung? Wer erledigt die Wäsche, den Einkauf, das Wickeln, das Putzen, das Kochen, das Grillen? Die Termine, die Finanzen, die Post, den Müll, das Auto, die Reparaturen? Ist dir aufgefallen, mein Kind, dass das eine fast immer und überall die Mama und das andere fast immer der Papa macht? Weil die Papas und die Mamas das so gelernt haben.

Im Elternhaus deines Vaters, beispielsweise, geht das immer noch so: Der Opa sitzt auf dem Sofa vor der Glotze, und die Oma wuselt den ganzen Abend stundenlang zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, um dem Mann, dem Sohnemann und ihren beiden Enkelsöhnen Essen nach Wunsch zu liefern. Jedem zu seiner Zeit. Und gern noch einen Nachtisch. Aber für mich den anderen.

Und weil ich das so auf keinen Fall bei uns zu Hause haben will; und weil ich wie die Prinzessin auf der Erbse was an der alleruntersten Schicht vom Prinzip ändern will, schalte ich beim Wohnzimmertisch auf stur. Und schreie deinen Vater an: Siehst du denn nicht, dass es hier nicht um den einen Abend vor der Glotze geht? Um die eine Windel? Die eine Waschmaschine? Die eine Vase mit den seit Tagen vertrockneten Blumen? Sondern um das Grundprinzip ganz tief da drinnen im Kern der Gesellschaft: Mann – Frau, Licht – Finsternis, Superman – Spaßverderberin, richtig – falsch!

Dieser Artikel stammt aus dem ZEIT Spezial "Arbeit. Liebe. Geld".

Und dann schreit die Mama noch: Ich will das nicht!

Und der Papa schreit nicht: Ich schon!

Weil sich das nicht mehr gehört. Das weiß er, und dafür ist er viel zu klug. Stattdessen sagt er, total aufgeklärt und abgebrüht: Und wieso toppt dein Prinzip meines? Warum ist gekochtes Essen im Sitzen besser als abgepacktes Essen im Liegen? Warum muss es supersauber sein, wenn es auch ein bisschen angestaubt geht? Wieso soll ich jetzt die Jungs trösten, wenn du das viel besser kannst? Warum müssen wir uns am Tisch unterhalten, wenn wir gerade Fußball gucken wollen? Wieso ist dein verkrampftes Ordnungsprinzip eigentlich besser als mein lässiges Unordnungsprinzip?

Da ist mein Sohn plötzlich wieder da und stöhnt: "Dicke Luft." Kinder kriegen ja alles mit. Wie wir da rausgekommen sind? Mit der Zeit.

Unsere Kinder sind jetzt um die zwölf. Es ist das Alter, von dem Entwicklungspsychologen sagen: Da sei eine Persönlichkeit in ihren Grundzügen ausgebildet. Was man bis jetzt nicht intus habe, das lerne man nimmermehr. Ich glaube, dass unsere Kinder verstanden haben, was ihren Eltern wichtig ist. Und deswegen lasse ich sie jetzt auch mal allerhand Sachen machen, die ich im Prinzip blöd finde. Lasse sie vor dem Fernseher futtern, und das, interessanterweise, besonders gern, wenn ihr Papa nicht da ist. Und wenn sie ihre Füße mal nicht mehr unter unserem Tisch haben? Machen sie bestimmt alles anders. Aber dafür müssen sie das Prinzip erst mal aufgedrückt bekommen, eingeübt und durchschaut haben.