Diana Wittstock, 39, kommt aus Litauen und arbeitet als Niederlassungsleiterin bei einer internationalen Spedition. Mit ihrer achtjährigen Tochter wohnt sie in Planegg bei München

Wörter wie Rabenmutter und Schlüsselkind kannte ich nicht, bevor ich nach Deutschland gekommen bin. Obwohl ich eine Tochter habe, wäre für mich ein Teilzeitjob schwer vorstellbar. Meine berufliche Selbstverwirklichung ist mir sehr wichtig. Und als alleinerziehende Mutter könnte ich es mir finanziell nicht leisten, weniger oder gar nicht zu arbeiten. Im Schnitt komme ich auf über vierzig Stunden pro Woche. Und jeden Tag stelle ich mir die Frage: Wie kann ich acht, neun Stunden ohne Störung arbeiten? Meine Tochter geht in eine Ganztagsklasse. Alles, was sie in ihrer Freizeit unternimmt, ist für mich ein Segen – ob Musikschule, Kommunionsvorbereitung oder Sportverein. Oft spreche ich mich mit Nachbarn und anderen Müttern ab, damit sie meine Tochter betreuen. Nur wenn sie krank ist oder Arzttermine anstehen, wird es brenzlig.

Was mich hier sehr wundert: die Öffnungszeiten von Kindergärten und Kinderkrippen. Viele schließen schon um 16 Uhr! Und was, bitte schön, soll ich danach machen? Da kann man als Alleinerziehende doch nur schwer Vollzeit arbeiten. Zum Glück ist mein Arbeitgeber flexibel: Ich kann bei Bedarf von zu Hause arbeiten oder auch mal später zur Arbeit kommen.

Was mich hier sehr wundert: Viele Kindergärten und Krippen schließen schon um 16 Uhr!
Diana Wittstock

In Litauen werden mittlerweile 39 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt – das ist ein Spitzenwert innerhalb der EU. Von Gleichberechtigung ist man in meiner Heimat trotzdem weit entfernt. An den litauischen Frauen bleiben zusätzlich auch noch Hausarbeit und Kinderbetreuung hängen. Aber über die Doppelbelastung jammern, das würde ihnen nie einfallen.

Im Arbeitsalltag fühle ich mich in Deutschland als Frau ernst genommen. Das finde ich toll! In Litauen ist das anders. Die Männer sind oft Machos und reichen sich beim Begrüßen nur untereinander die Hände. Eine Frau wird da schnell mal "übersehen".

Dieser Artikel stammt aus dem ZEIT Spezial "Arbeit. Liebe. Geld".

Rickard Björnekärr, 32, kommt aus Schweden und ist Co-Gründer eines Start-ups. Er lebt mit seiner Frau und der zweijährigen Tochter in Berlin

Es ist doch nicht Sinn des Lebens, auf seinem Bürostuhl zu sitzen und seine Kinder von anderen großziehen zu lassen! In Deutschland kommt mir das aber manchmal so vor. Dass meine Tochter den ganzen Tag in der Kita verbringt, während Mama und Papa schuften – das kommt für mich nicht infrage. Als Selbstständiger arbeite ich auch manchmal nachts, um tagsüber Zeit mit meiner Tochter zu verbringen.

Ich träume davon, eine Zeit lang zu Hause bleiben zu können. Zwölf Monate, die man, verteilt auf zehn Jahre, nehmen könnte, das wäre perfekt. Ich würde meine Tochter dann auf Reisen mitnehmen, damit sie verschiedene Kulturen und Sprachen kennenlernt. In Deutschland gibt es das Elterngeld aber nur bis zum 14. Monat. Für Männer ist das bescheuert: In der ersten Zeit brauchen die Kinder ja vor allem die Mutter.

Wer in Deutschland Kinder hat, ist deutlich älter als ich - und ziemlich ehrgeizig im Job
Rickard Björnekärr

Meine schwedischen Freunde haben da flexiblere Möglichkeiten: Sie können in bezahlte Elternzeit gehen, bis das Kind acht Jahre alt ist. Da bin ich schon neidisch.

Schwedische Väter unterscheiden sich stark von den deutschen: Wer hier Kinder hat, ist deutlich älter als ich – und ziemlich ehrgeizig im Job. Es kommt mir oft so vor, als wollten die Frauen möglichst schnell verbeamtet werden, um danach Kinder zu bekommen und die nächsten Jahre auszusetzen. Diese Art der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wird in Schweden nicht akzeptiert. Da gibt es viel mehr den Drang nach gleichberechtigten Beziehungen.