article Der Autor 2005 02 Leben (c) OK Leben 02 2005 sadigh Ludwig-Boltzmann-Institute for Urban Ethology Aktuelle Forschungsprojekte zum Thema "menschliche Schönheit". (Auf Englisch) Virtuelle Schönheit Die schönsten Gesichter kommen aus dem Computer: Virtuelle Schönheiten und unser Schönheits-Ideal. Ein Forschungsprojekt an der Universität Regensburg. Perception Laboratory Die schottische Universität St. Andrews hat ein Online-Experiment zur Attraktivität ins Netz gestellt. (Auf Englisch) Blind-Date-Dinner Kuppelabende im Sieben-Minuten-Takt FastDating Fünf-Minuten-Dates in Deutschland und Österreich SpeedDating Single-Abende in verschiedenen Großstädten Abstract zu diesem Text Partnerwahl. Von wegen innere Werte 0 PSYS; sexualverhalten; partnerwahl Leben Von wegen innere Werte Von wegen innere Werte Wie finden Männer und Frauen zueinander? Auf diese scheinbar einfache Frage hat die Wissenschaft bisher nur unzureichende Antworten. Jetzt entdecken Psychologen die Speed-Dating-Partys der urbanen Single-Gesellschaft als Labor für ihre Forschungen. Die ersten Resultate zeigen: Auch noch nach 10 000 Jahren Kultur achtet der Mensch bei der Partnerwahl vor allem auf Äußerlichkeiten Von Ivo Marusczyk

Sanfte Schlager aus der Kuschel-Rock-Kollektion schnulzen sich durch den Raum. Dunkles Holz und Spiegel an den Wänden; ein Ventilator im Kolonialstil verquirlt Zigarettenrauchfäden. Kurz vor 19 Uhr, es ist früh für einen Kneipenabend. Nach und nach tröpfeln ein paar Männer und Frauen herein und schälen sich aus ihren Jacken. Der Wirt dimmt das Licht.

Mittendrin steht eine aufgekratzte Enddreißigerin im rosa Blazer. Sie hakt Namen ab, verteilt Prosecco-Gläser und Wangenküsschen: Gabrielle Freissle hat in der Vorstadtkneipe in München-Schwabing ein Speed-Blind-Date organisiert. Das heißt: Begegnungen im Takt der Stoppuhr, nach genauen Spielregeln. Sieben Männer treffen sieben Frauen und haben jeweils sieben Minuten Zeit zum Small Talk. Danach können sie auf einem Zettel verdeckt ankreuzen, ob sie den anderen wiedersehen möchten.

Noch läuft eine unsichtbare Grenze durch den Raum wie am ersten Abend in der Tanzschule. Die Männer stehen an der Bar, die Frauen sammeln sich gegenüber in kleinen Grüppchen. Ein schlanker Rothaariger sucht hinter dem Tresen Deckung. Alle paar Sekunden nippt er an seiner Sektflöte und wendet sich verlegen ab, wenn er sich beim Schauen ertappt fühlt. Nur Dieter, Ende 40, lehnt betont lässig an seinem Barhocker. Seine Geheimratsecken haben schon den größten Teil des Schädels erobert, und sein Bauch spannt das Hemd. Trotzdem taxiert er die Damen völlig unverhohlen.

Die Frauen stecken die Köpfe zusammen. »Warst du schon mal hier? Wie war es denn beim letzten Mal?« Handtäschchen werden geknetet, Haarsträhnen und Blusen zurechtgezupft. Auf beiden Seiten sind keinesfalls nur Mauerblümchen erschienen: Viele Akademiker, durchweg gepflegtes Äußeres. Aber alle haben genug vom Single-Dasein. Deswegen haben sie 29 Euro in den Abend investiert.

Angeblich hat ein New Yorker Rabbi vor fünf Jahren zum ersten Speed-Date-Abend aufgerufen er wollte damit junge Frauen und Männer innerhalb seiner Gemeinde verkuppeln. Daraus wurde weltweit eine Geschäftsidee mit hartem Wettbewerb. Und ein Medienphänomen.

Jetzt entdecken sogar Psychologen die Kuppelabende als das perfekte Experiment für eine der großen Menschheitsfragen: Was bringt Männer und Frauen zusammen? Wie suchen wir aus, wen wir uns aussuchen? Noch immer stehen hier zwei konträre Denkschulen in Konkurrenz. Die »Gegenstück-Hypothese« besagt, dass Menschen einen Partner suchen, der ihnen ähnlich ist. In sozialem Status und Intelligenz, Hobbys oder im Kinderwunsch. Also: »Gleich und Gleich gesellt sich gern.«

Im Gegensatz dazu behaupten Evolutionspsychologen, dass alle Männer und alle Frauen ähnliche Präferenzen haben. Und dass daher alle um die attraktivsten Partner buhlen. Das wird nur dadurch abgemildert, dass jeder seinen eigenen »Marktwert« einigermaßen kennt und keinen zu »teuren« Partner wählt, um nicht andauernd einen Korb zu kassieren.

Speed Dates könnten das Rennen zwischen diesen Theorien entscheiden. Sie liefern Daten in Fülle: Ein Forscherteam der University of Pennsylvania konnte die Entscheidungen von mehr als 10 000 suchenden Singles auswerten. Und auch der deutsche Großstadt-Single ist ins Visier der Wissenschaft geraten. »Wir konnten Menschen bei der Partnersuche in einer kontrollierten Situation beobachten«, sagt Lars Penke von der Berliner Humboldt-Universität, »bisher waren wir immer auf die künstliche Welt der Laborversuche angewiesen.« Gemeinsam mit seinen Kollegen Peter Todd vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Barbara Fasolo von der London School of Economics und Alson Lenton von der Universität Edinburgh hat er die Partnerwahl bei einem Kuppel-Abend in München unter die Lupe genommen.

Zunächst sieht es nach einem Sieg der ersten These aus. Singles wünschen sich einen Partner, der zu ihnen passt. Die Fragebögen, die Penke und Todd vor dem Speed Date verteilt haben, ergeben ein eindeutiges Bild: Die Partnersuchenden halten vor allem nach übereinstimmendem finanziellen Status, Gesundheit, Kinderwunsch und ähnlichen elterlichen Eigenschaften Ausschau. Auch die Intelligenz und der Humor des Partners sollten passen. Das wäre immerhin ein beruhigender Befund: Hurra, der Mensch hat sich vom Tier abgehoben. Er lässt sich nicht vom buntesten Federkleid, dem gewagtesten Balztanz, vom schönsten Gezwitscher oder größten Geweih beeindrucken. Er schaltet das Gehirn ein, bevor er entscheidet, mit wem er seine Gene mischen will. Frauen schielen nicht mehr nach dem breitschultrigsten Mammutjäger im Höhlendorf. Männer lassen sich nicht nur von vollen Lippen, wogenden Busen und wallenden blonden Locken animieren. Aber das ist nur das geschönte Selbstbild der Probanden.

Beim Speed-Date-Abend in München ist es Dieter, der Dicke mit der Halbglatze, der diese Illusion zerstört. Kurz vor der ersten Small-Talk-Runde verzieht er das Gesicht zu einem kumpelhaften Macho-Grinsen und raunt: »Das können wir uns doch sparen.« Wieso? »Ich weiß doch jetzt schon, von wem ich was will.« Nur wenige Minuten haben die Blitz-Dater, um herauszufinden, was in ihrem Gegenüber steckt. Bei manchen Veranstaltern schlägt der Gong schon nach fünf oder gar drei Minuten.

Drei Minuten Small Talk über Sport und Freizeit, Beruf und Reisen. 180 Sekunden, um sein Vis-à-vis abzuklopfen, zu bewerten, einzuordnen. Ihn oder sie anzuflirten, vielleicht zu überzeugen. Viele Gespräche klingen ähnlich. »Hallo, ich bin … Was machst du denn so? Wieso bist du eigentlich hier?« »Och, ich dachte, man kann's ja mal versuchen. Ich kenne noch nicht so viele Leute in der Stadt. Ganz nett hier, oder?«

Alle paar Minuten bimmelt Gabrielle eine neue Runde ein. Dann muss es schnell gehen. Platz tauschen, lächeln, Namen notieren und Eindrücke sortieren. Nadine, etwas gelangweilt, verbringt ihre Samstagabende am liebsten mit einer DVD auf der Couch. Sarah, ziemlich aufgebrezelt, angeblich Stammgast in einer Schicki-Disco. Warum sie hier ist? »Hier lernt man auch mal andere Männer kennen.« Dann Julia, jung, schöne lange Haare, etwas schüchtern, betreibt Taekwondo. Oder war das Pia? Manche haben sich schon eine Geschichte zurechtgelegt. Die dann meistens nach schlechtem Werbespot klingt. Aber noch schlimmer sind die Männer, sagen die Frauen: »Manche texten einen völlig zu. Einer wollte gleich wissen, was beim zweiten Date läuft.«

Gabrielle sitzt in der Mitte des Raumes, die Stoppuhr in der Hand, und beobachtet, was unter den Tischen passiert. »An der Fußhaltung kann ich sofort ablesen, ob eine Grundsympathie da ist. Nach 20 Sekunden weiß ich, ob's klappt.« Psychologen versuchen, aus der Satzmelodie ihre Schlüsse zu ziehen. Amerikanische Forscher haben sogar einem Computer beigebracht, auf das Auf und Ab der Stimme und auf die »positiven Gesprächsverstärker« zu achten. Das sind die Mhms, Ahas und Ohs, mit denen wir Interesse signalisieren. Überraschenderweise konnte der Computer daraus den Erfolg eines Gesprächs vorhersagen ohne den Inhalt zu verstehen.

Die Uhr tickt, die Glocke reißt unbarmherzig einen netten Plausch auseinander oder sie setzt einer zähen Aneinanderreihung von Floskeln und Allgemeinplätzen ein gnädiges Ende. Sieben Minuten können ewig dauern. Erst wenn der Countdown abläuft, kann jeder seinem Gegenüber noch einmal zulächeln und ihm im Verborgenen einen Korb geben: Kreuz bei »Nein«. Einer der großen Vorteile des Speed Dating. Überraschung und Ernüchterung kommen erst am nächsten Tag per Mail. Auch die Psychologen waren überrascht, als sie die Ja- und Nein-Kreuzchen auswerteten. Denn was die Teilnehmer sich vorgenommen hatten, galt beim ersten Flirt offenbar nicht mehr. Vom Vorsatz, sich nach einem passenden Partner umzusehen, blieb nichts übrig. Nur ein einziges Kriterium entschied über »Ja« oder »Nein«: die äußerliche Attraktivität des Gegenübers.

»Ich war selber erschrocken, wie ernüchternd die Daten waren«, erinnert sich Penke. »Wir konnten die Zahl der Kreuze, die eine Teilnehmerin bekommen hat, zu 85 Prozent durch ihre Attraktivität und ihr Alter erklären.« Auch ob Männern ein »Ja« vergönnt war, hing vor allem vom Äußeren ab. Mitarbeiter der Dating-Agentur hatten dafür insgeheim Punkte verteilt. Und mit ihrer Wertung genau vorhergesagt, wer wie oft zum Wunschpartner auserkoren wurde. Doch sollten sieben Minuten nicht reichen, um zumindest einen kleinen Blick unter die Oberfläche zu werfen? Vielleicht ein bisschen Schönheit im Charakter aufzuspüren? Eine romantische Illusion! Die suchenden Singles halten sich an Äußerlichkeiten. Die jungen Schönen sammeln reihenweise Einladungen. Status und Einkommen, Intelligenz oder Kinderliebe spielen plötzlich keine Rolle mehr. »Die Vorlieben, die die Menschen vorher im Fragebogen angegeben hatten, haben überhaupt nichts mit ihrer tatsächlichen Auswahl später zu tun«, resümiert Penke.

Vor allem die Männer achten beim Kennenlernen nur noch auf die Hülle. Die Ergebnisse aus den USA decken sich mit der Wahl der deutschen Singles: »Der Charakter hatte nur wenig Einfluss auf die Chancen eines Mannes und überhaupt keinen auf die Chancen der Frauen«, heißt es in der noch unveröffentlichten Studie der University of Pennsylvania. Zu einer realistischen Selbsteinschätzung sind Männer offenbar nicht fähig. Sich, ökonomisch gesprochen, auf die Exemplare mit einem Marktwert ähnlich dem eigenen zu beschränken, kommt ihnen nicht in den Sinn. Doch nicht nur bei Claudia Schiffer würde jeder sein Glück versuchen. Auch am unteren Ende der Skala scheinen die Herren beinahe beliebig zuzugreifen: »Die Auswahl der Männer deutet auf eine Art Schwellenmechanismus hin«, fasst Penke zusammen, »wenn die Frau eine gewisse Mindestattraktivität hatte, haben fast alle Männer ihr ein ›Ja‹ gegeben.«

»Die Frauen sind wählerischer«, ergänzt Todd. Zu den untersuchten Fast-Dating- Sitzungen kamen jeweils zehn bis zwanzig Männlein und Weiblein. Die Männer vergaben durchschnittlich sieben »Ja«-Kreuzchen. Die Frauen wollten aber nur drei Männer wiedersehen. Die amerikanischen Forscher haben genauer nachgerechnet: Je niedriger der Body-Mass-Index einer Frau war, desto weniger potenzielle Partner fanden vor ihren Augen Gnade. Frauen können sich auf dem Single-Markt offenbar gut selbst einschätzen und wählen sich aus den vielen Bewerbern einen mit einem Wert aus, der mit ihrem vergleichbar ist. Mit ihren Jas und Neins in Kreuzchenform geben die Speed Dater letztlich Darwin Recht. Der hatte behauptet: »Males compete females choose.« (»Männer wetteifern Frauen wählen aus.«)

Noch immer gelten die Regeln, die wir uns in Jahrmillionen der Evolution angeeignet haben. Weiche Gesichtszüge verraten den Östrogenspiegel der Frauen gute Chancen auf Nachwuchs. Ein kantiges Gesicht lässt auf einen hohen Testosteronspiegel schließen Gewähr für einen starken Versorger. Alles andere ist Märchenstunde.

Ein paar tausend Jahre Kulturgeschichte konnten diese Regeln nicht umstoßen (siehe Interview). Insofern hatte Dieter tatsächlich Recht. Wir brauchen keine sieben Minuten, um uns einen Eindruck zu verschaffen. Schon nach Sekunden machen wir uns ein erstes Bild vom Gegenüber. Das mag oberflächlich erscheinen. Doch genau darauf ist der Mensch trainiert. Und er liegt oft gar nicht so schlecht mit seinem Blitz-Urteil. Aussehen und Kleidung, Stimme und Auftreten, Haltung und Reaktionen des anderen geben uns entscheidende Hinweise. »Was Menschen nach 30 Sekunden über einen völlig Unbekannten sagen, stimmt erstaunlich präzise mit der Selbsteinschätzung der Beurteilten überein«, sagt Penke.

Auch am Single-Abend in der Münchner Vorstadt sind mittlerweile alle Urteile gefällt. Gabrielle sammelt die gelben Zettel ein, riskiert einen kurzen Blick auf die Kreuzchen, lächelt und lässt die Blätter in ihrer Tasche verschwinden. Erleichterung bei den Speed Datern. Einige werfen die Jacken über und verabschieden sich hastig. Andere bleiben noch in der Kneipe. Männer und Frauen sitzen jetzt gemischt. Keiner traut sich, direkt zu fragen. Einer der älteren Männer versucht, auf Nummer sicher zu gehen, und verteilt insgeheim seine Visitenkarte an die Damen. Für alle Fälle. Der Startvorteil der jungen Schönen mag ungerecht sein aber gerade damit kommt ein Speed Date dem Kennenlernen in der freien Wildbahn nahe.

Auch im Café oder auf einer Party, in der Disco oder im Bahnabteil muss man sich erst einmal dafür entscheiden, einen Menschen überhaupt kennen lernen zu wollen. Um den ersten Eindruck etwas aufzupolieren, gibt es wenige Möglichkeiten. Kleidung und Auftreten spielen eine Rolle. »Wir haben nicht einzeln untersucht, welchen Einfluss Stimme, Körpersprache oder Augenkontakt hatten«, sagt Todd. »Aber wie oft jemand lächelt, trägt sicher auch zur Attraktivität bei.« Penke ergänzt: »Die Stimme spielt eine wichtige Rolle. Beim Mann ist eine tiefe Stimme zum Beispiel ein Signal für Testosteron. Die genauen Parameter müssen wir noch erforschen.«

Ein Trost bleibt den Singles, die keine Telefonnummer erobert haben: Wenn es darum geht, aus dem Flirt eine richtige Partnerschaft zu knüpfen, haben attraktive Menschen dieselben Probleme wie sie. Vielleicht sogar noch größere. »Attraktivität«, erklärt Penke, »beeinflusst den ersten Eindruck sehr stark. Das sagt aber nichts darüber aus, wie es weitergeht. Vor allem nicht, ob sich eine stabile emotionale Bindung entwickelt.« Manche nennen es auch Liebe. ?

Und worauf achten Sie, wenn Sie jemanden kennen lernen? Auf innere Werte? Wirklich? Diskutieren Sie mit anderen Lesern die Thesen.

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