Ob und wie "Dog-Man" zu Lebzeiten herumgelaufen ist, wissen wir nicht. Jetzt, im Tod, ist er ein befremdlicher Anblick: Hände und Füße des zerbrochenen Skeletts fehlen, ebenso der Kopf. Vervollständigt wird seine Anatomie erst wieder durch Pfoten und einen Hundeschädel.
Dog-Man lebte vor 7000 Jahren und war ein Bandkeramiker. Diese steinzeitliche Kultur von Landwirten und Töpfern, benannt nach den charakteristischen Ornamenten ihrer Tongefäße, ging 5000 v. Chr. ihrem Ende entgegen, und zwar ziemlich langweilig. Jedenfalls unterstellte die Wissenschaft das bislang.
Offenbar etwas voreilig, denn am Fundplatz von Dog-Man, im südpfälzischen Herxheim, kann von Langeweile keine Rede sein. Archäologen stießen hier auf die Überreste eines der größten Rätsel der Steinzeit. Der für sich genommen schon merkwürdige Knochenbausatz liegt in üppiger Gesellschaft: Mit ihm wurden die Reste von mindestens 1350 weiteren Menschen bestattet. Und die Toten im Massengrab waren nicht einfach nur tot. Jemand hat ihre Knochen zertrümmert. Regelrecht zerschmettert und in Kleinteile zerlegt. Und die Schädel zu Gefäßen behauen.

Ein grausiges Geschehen. Aber kein Massaker. Was die Ausgräber in Herxheim fanden, ist vielmehr das Resultat eines Sternmarsches mit verwesenden Leichen, der halb Europa überzog. Sie wurden aus Böhmen, aus dem Saarland und von der Schwäbischen Alb über Berg und Tal herbeigeschleppt. Erst am Ende der Reise zerschlugen die Bestatter die Gebeine, schabten wo noch vorhanden das Fleisch ab und vergruben die Reste in zwei ringförmigen Gräben, welche die vier Häuser der Siedlung umschließen. 50 Jahre dauerte dieser Spuk. Danach legte sich Todesstille über Herxheim und über alle Bandkeramiker. Das Mittelneolithikum hatte begonnen.
Zu ihren besten Zeiten galten die Bandkeramiker als cleveres Völkchen. Dog-Mans Vorfahren hatten einst um 5600 v. Chr. aus dem Südosten Europas Ideen und Technologie importiert. Reisende Steinzeitler und ihre Waren gelangten selbst in entlegene Winkel der damals bekannten Welt. Doch dann, gegen 5000 v. Chr., gerät ihre Kultur auf einmal ins Taumeln. Handelsrouten verwaisen, Siedlungen werden aufgegeben. Keiner weiß, warum. Es wird still in Europa, zumindest scheint es so. Jeder werkelt fortan nur noch auf seinen eigenen paar Quadratkilometern vor sich hin. Daher der Eindruck von den bieder-bräsigen Bandkeramikern am Ende ihrer Epoche: Dorfbewohner, die sich statt für Politik oder exotische Handelsgüter allenfalls für die eigene Scholle begeistern. Als die letzten sterben, wächst Gras über ihre Gräber. Kultur vorbei, über allen Wipfeln herrscht Ruh'. Kein Paukenschlag, so sah es die Wissenschaft bisher, beendete die Kultur der Bandkeramiker. Keine Belagerung, kein frühes Troja, keine schöne Helena.
Auch in Herxheim gab es noch Mitte der neunziger Jahre keine sonderlich aufregenden Spuren vom Ende der frühen Pfälzer. Bis auf die ungewöhnlich hohe Zahl von Knochen, die zutage kam, sobald man den Spaten in den Boden steckte. Als im Zwickel zwischen dem Flüsschen Schambach und der schwefelhaltigen Quelle Eierbrünnel eine Traktorenhalle gebaut wurde, "müssen die Gebeine den Arbeitern nur so um die Ohren geflogen sein", sagt Jörg Orschiedt vom Archäologischen Institut der Universität Hamburg. Er ist gemeinsam mit Miriam Haidle von der Universität Tübingen fürs Aufarbeiten der menschlichen Skelettreste aus der Grabung verantwortlich.
Im Jahr 1996 war das Gelände eigentlich zum Gewerbegebiet erklärt und zum Bau freigegeben worden. Zuweilen wird in solchen Fällen mit einer "Notgrabung" geprüft, ob das Bauvorhaben womöglich wissenschaftliche Werte unterpflügt. Dazu kam es auch diesmal, denn es musste die Frage geklärt werden, ob die vielen Menschenknochen im Erdreich auf irgend etwas Interessantes hinwiesen. Man grub. Und staunte. So viele Knochen! Sie waren mitnichten lose verstreut, sondern fanden sich in zwei Gräben. Tonnenweise. Die Notgrabung führte zu dem Schluss: Hier muss sich etwas Bizarres zugetragen haben. Eine Art steinzeitliches Splatter-Event.

Erste Indizien waren Hände und Füße. Genauer gesagt: deren spektakuläre Abwesenheit. "Wenn ein Leichnam verwest, sind die dünnen Gelenke die ersten Stellen, die vergehen. Exhumiert man in diesem Zustand den Toten, fallen Hand- und Fußknochen oft ab; sie bleiben im ursprünglichen Grab zurück", erklärt Orschiedt. Die Hinweise verdichteten sich, dass die Toten von Herxheim tatsächlich schon zuvor einmal bestattet worden waren. Und anschließend, mehr oder weniger verwest, wieder ausgebuddelt und auf Reisen geschickt wurden in die Südpfalz.
Lose zwischen den Knochen liegen vor allem viele Köpfe. Immer wieder stießen die Ausgräber auf Schädelkalotten, die fein säuberlich bearbeitet worden waren. Ein Schlag vorne gegen das Gesicht, ein Schlag hinten gegen den Halsansatz, je zwei an den Seiten fertig ist die Schüssel. An einigen Stellen waren diese Gebeingefäße sogar ineinander gestapelt. Wieder gilt: Nicht alle waren schon gleich lang tot. Und wo der Schädel noch frisch, also mit Haut bedeckt war, verraten Ritzlinien die Handgriffe der Skalpierer. Ein Schnitt längs über die Mitte, zwei schräge je vorne und hinten, so ließ sich die Kopfhaut problemlos abziehen. Etwa jeder fünfte Tote wurde auf diese Weise enthäutet. Wozu? Um Gefäße daraus herzustellen? Gar nicht so abwegig. Schließlich wurde in Herxheim auch eine Tonschüssel gefunden, deren Form einen behauenen Schädel imitiert.
Besonders interessieren sich die Forscher für die Frage, welche Rolle Hunde für die Bandkeramiker vom Eierbrünnel spielten. Unter den Beigaben finden sich nämlich außergewöhnlich viele Unterkiefer von Hunden. Zum Teil sind sie mit Rötel gefärbt, erfüllten also wohl einen rituellen Zweck so wie auch die Ergänzung im Skelett des Hundemanns. Frönten die Herxheimer einem Hundekult?
Was die Forscher dort finden, ist jedenfalls manchmal ganz schön gruselig. Ein Torso beispielsweise war zum Zeitpunkt seines zweiten Begräbnisses offenbar schon weitgehend in Auflösung begriffen. Die Arme fehlen, auch der Kopf war bereits vom Hals gefallen. Doch das genügte wohl noch nicht. Wer auch immer den Toten in den Graben packte, hackte ihm die Oberschenkelknochen durch. Glatte Schnittstellen verraten die Gewalttat. Nicht immer bedienten sich die Bestatter scharfer Werkzeuge. "Meist sind die Verstümmelungen spiralige Brüche, wie sie beim Splittern von noch halbwegs frischen Langknochen entstehen höchstens einige Jahre nach dem Tod", sagt Jörg Orschiedt. Immerhin: Der kalkhaltige Löß hat die Knochen 7000 Jahre lang konserviert, als warte er nur auf einen Forensiker, der die Spuren lesen kann.

Wie sich zeigt, hatten die Toten von Herxheim ihr Leben als erstaunlich gesunde Menschen geführt. Keine Knochenschäden durch Mangelerscheinungen, kaum Scharten oder Brüche, wie sie für Kriegsopfer typisch sind. Im Gegenteil, an einem Schädel ist noch zu erkennen, dass ein früherer Bruch problemlos verheilt und der Mann wahrscheinlich friedlich in seinem Bett gestorben ist. Nichts deutet darauf hin, dass diese Menschen kein erfülltes Leben gehabt hätten. Sie waren keine Mordopfer, hatten keine rituelle Massenselbsttötung begangen. Was in aller Welt trug sich also damals zwischen Schambach und Eierbrünnel zu?
Die Antwort steckt im Boden. Gräbt man einen Toten aus, so gelangen in der Regel auch Beigaben auf den Spaten: Gefäße, Schmuck, Steingeräte, auch Knochennadeln und sogar Mahlsteine sind so untrennbar mit den Knochenresten vermengt, dass sie ebenfalls ausgehoben und später in das neue Grab gekippt werden. Und tatsächlich, was sich an Keramik und Werkzeugen im Graben fand, trug jedenfalls nicht den Stempel "Made in Herxheim". Die dort hervorgeholten Gefäße, durchgängig von hoher Qualität und überwiegend mutwillig zerschlagen, stammen aus Regionen im Norden und Osten. Plaidter Keramikobjekte aus dem Mündungsgebiet der Mosel fanden sich ebenso wie Töpfe aus dem heutigen Böhmen. Noch abenteuerlicher liest sich die Liste der Feuersteinlagerstätten, aus denen das Material der gefundenen Werkzeuge stammt: aus dem Pariser Becken, aus dem heutigen Belgien, aus dem Saarland und von der Schwäbischen Alb. Die große Mehrheit der Geräte trägt Gebrauchsspuren, sie waren also bei weitem keine prestigeträchtigen Ziergegenstände. Die Feuersteine und die Keramik erzählen mithin, wo die Toten aus der Steinzeit zum ersten Mal bestattet worden waren: fernab vom Eierbrünnel jedenfalls.
Vor 7000 Jahren schallte offenbar von der Südpfalz aus ein Ruf quer durch Europa: "Bringt Eure Toten her!" Daraufhin gruben im späteren Frankreich, an der Elbe und auf der Alb die Bandkeramiker ihre Vorfahren aus: die Verwesten, Halbverwesten und die noch warmen. Sie legten die Berge von Erde und faulendem Fleisch auf Schlitten und der Treck begann. Wer unterwegs starb, wurde wohl gleich mit dazu gelegt. Der Gestank, der den Leichenzügen nachwehte, muss bestialisch gewesen sein.
Aber was sollte das Ganze? Was waren die Motive? Niemand weiß es. Und es kommt noch verrückter: Ähnliches geschah bis vor kurzem in Nordamerika. Als beliebte "Vergleichskultur" für die Bandkeramiker muss immer wieder der Indianerstamm der Irokesen herhalten. Tatsächlich ist von dem nordamerikanischen Stamm ein Ritual bekannt, das verdächtig nach Herxheim klingt: Etwa alle sieben Jahre beschloss der Rat der Ältesten, dass es an der Zeit sei, das Totenfest zu feiern. Dann kamen die Irokesen aus allen Stammesgebieten an einem zentralen Ort zusammen und brachten ihre Toten der vergangenen Jahre mit. Eine riesige Grube wurde ausgehoben, und die halb verwesten Leichen wurden von einer Plattform aus hineingeworfen. Unten standen Männer und rührten die Masse mit langen Stöcken um. Amerikanische Archäologen haben jedenfalls eine ähnlich helle Freude an den Puzzlespielen irokesischer Leichengruben wie die Herxheimer Forscher an ihren Gräben.

Das Rätsel um Herxheim wird nun vielleicht bald gelöst. Von Juni an wird weiter gegraben. Bislang zählten die Archäologen schon Knochen von mindestens 450 Individuen. Aber erst ein Drittel der Anlage ist untersucht. Und wie der steinzeitliche Leichenzug ist auch seine wissenschaftliche Aufklärung ein überregionales Unternehmen. Hamburger und Tübinger Archäologen kümmern sich um die Menschen-, Baseler um die Tierknochen. Die Bearbeitung der Knochenartefakte geschieht im nahe gelegenen Speyer. Die Keramik wird in Straßburg und Freiburg ausgewertet, das Steingut in Köln. Zuständig für die Befunde ist eine Straßburgerin. Die Archäobotanik schließlich wird in Wiesbaden analysiert.
Die Ergebnisse werden unser Bild der Steinzeit verändern. "Mit den neuen Erkenntnissen müssen wir nun auch die Auswertungen anderer Grabungen noch einmal neu untersuchen", sagt Jörg Orschiedt. "Schon jetzt gibt es Hinweise, dass wir ähnliche Szenen auch an anderen Orten vermuten können. Bislang hatte nur niemand die entsprechenden Indizien beachtet. Mit der Archäologie ist es wie mit so vielen anderen Dingen auch: Wir finden meist nur das, wonach wir suchen." ?