Psychologie »RHHRRRHHRRR!«
Wir verwenden es zum Flirten, um uns mit anderen zu solidarisieren oder sie zu verhöhnen. Lange galt das Lachen nur als Soundtrack des Humors. Doch Psychologen wissen jetzt: Es ist eines unserer ältesten Kommunikationsmittel. Und jeder von uns beherrscht es lange, bevor er sprechen kann
Der Mann und die Frau sind nicht zu sehen, aber zu hören. Sie müssen 20 Schritt entfernt am Fahrradständer des Gebäudes stehen. Es ist dunkel. Man hört ihr Lachen, ein Lachen, das neugierig macht und am Weitergehen hindert. Er prustet: »Rhhrrrhhrrr …« Und sie trällert: »Hahahihihihi …« Obwohl das Lachen des Mannes ein wenig eintönig wirkt, hat es etwas sehr Angeregtes. Ihres dagegen ist meisterlich, wie der Koloraturpart einer Sopranistin über mehrere Oktaven hinweg. Es scheint, als wollten beide mit ihrem Lachen einander etwas mitteilen. Aber was? Witze erzählen sie jedenfalls nicht. Flirten sie vielleicht? Trällert sie ihm zu: »Ich will mit dir schlafen«? Grunzt er zurück: »Das will ich auch, das will ich auch«?
Das Lachen hat die Wissenschaft bisher fast nur in Verbindung mit Humor untersucht. Ihr Interesse galt besonders der Mimik. Die Laute indes, die der Lachende ausstößt, erschienen kaum eine Studie wert. Sie wurden gering geschätzt, wie Körpergeräusche. Doch rückt ein Aspekt des Lachens in den Blickpunkt, der nicht an Humor gekoppelt und der weit wichtiger ist: Seine Funktion als Kommunikationsmittel, das der Mensch in seiner Geschichte schon eingesetzt hat, bevor er überhaupt sprechen konnte. Immer noch benutzen wir dieses präverbale Lachen, dessen Wirkung lange Zeit unterschätzt wurde. Mit ihm übermittelt man Botschaften, die trotz ihrer Lautstärke nur den Empfänger erreichen. Sie wirken wie verschlüsselt, weil sie direkt auf sein Unbewusstes zielen.
»Das ist ein großartiges Lachen«, ruft die Psychologin Jo-Anne Bachorowski und spielt die Videosequenz eines ihrer Experimente vor: Eine Frau beginnt zu lachen. Sie leitet es mit einer Art Husten ein. Doch dann schraubt sie den Ton rhythmisch in die Höhe, bis zu einem Zwitschern. Am Ende klingt es wie ein Zirpen. In nur 20 Millisekunden hat sie die Tonhöhe auf phänomenale 1000 Hertz verdoppelt – zehnmal so hoch wie ihre normale Sprechfrequenz, die bei 100 liegt. »Ich mag dieses Ende«, jubelt Jo-Anne Bachorowski, »oh je, ist das schön! Es ist genau das Lachen, das in anderen gute Gefühle auslöst.« Sie weist auf den Bildschirm, zum männlichen Teil des Experiments: »›Sie ist interessiert an mir‹, wird er gedacht haben.«
Jo-Anne Bachorowski von der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, gehört zu dem weltweit halben Dutzend Wissenschaftlern, die sich mit den Lauten von Lachenden beschäftigen: Tonfolgen, die offensichtlich weitaus vielfältiger und komplexer sind als die begleitende Mimik. Sie reichen von einzelnen Grunz-, Keuch-, Hust- oder Schnarchlauten bis hin zu vokalisierten, auf und ab pulsierenden Trillern – kleinen klanglichen Kunstwerken. Wollte der Urheber versuchen, solche gerade eben von ihm erzeugten Töne willentlich zu wiederholen, würde er jämmerlich scheitern, weil es ihm meist an der stimmlichen Fertigkeit dazu mangelt. Das Unterbewusstsein treibt ihn zu solchen Klangleistungen an. Jemand, der sich bewusst dazu aufschwingen will, wird von seinen Zuhörern meist instinktiv als Falschlacher entlarvt.
Um die Struktur dieser Lachlaute zu ermitteln, hat die Psychologin 109 Probanden belauscht. Mal saßen sie allein auf den grauen Futons des Labors, mal paarweise, mal waren es Freunde, mal Fremde. Sie sahen Clips etwa von Meg Ryan in Harry und Sally an und wurden währenddessen gefilmt. Lachsalven, so stellte Bachorowski fest, dauern von 0,04 Sekunden bis zu fast sechs Sekunden. Und manchmal enthalten sie acht einzelne sehr stimmhafte Rufe, die im Abstand von zuweilen nur fünf Millisekunden ausgestoßen werden. Darin gleichen sich die Geschlechter.
Doch während Männer im tiefsten Brummbass mit 43 Hertz lachen können, schrauben Frauen den Ton in den höchsten Falsett mit bis zu 2083 Hertz, so hoch, dass sogar Gläser zerspringen können. Außerdem gelingt Frauen ein solcher Ausbruch eher klangvoll, während Männer sich meist mit einfachen Grunzlauten begnügen. Die Gründe für diese Ungleichheit sind noch nicht erforscht. Vielleicht haben Frauen ein größeres Tonrepertoire entwickelt, weil an sie höhere soziale Anforderungen gestellt sind wie etwa die Stimulierung eines Babys durch Lachen.
Denn Lachen ist ein soziales Werk. Wer allein ist, dem zuckt nur selten der Kehlkopf. Das Wiehern, Glucksen und Trillern entsteht fast ausschließlich in Gemeinschaft mit anderen. Oft unterbrechen Lacher eine Unterhaltung oder setzen sie an deren Ende fort, und das so häufig, als seien sie ein ebenso wichtiges Kommunikationsmittel wie das Sprechen. Die Forscherin zählte bei einem Probanden 40 Lachausbrüche in nur drei Minuten. Normal sind ihr zufolge »einige Male pro Minute«. Die Urheber registrieren diese Aktivität oft gar nicht. »Offensichtlich sucht man nach Möglichkeiten zu lachen. Es scheint auch eine Art Ventil zu sein«, vermutet Bachorowski.
In einer weiteren Runde von Experimenten saßen einander erst rein männliche, dann rein weibliche und schließlich gemischte Paare auf den grauen Futonsesseln gegenüber. Jeder Teilnehmer sollte den anderen mit einem Bleistift skizzieren. Auf diese Weise förderte die Psychologin noch einen Unterschied zutage: Zwar lachen Männer und Frauen insgesamt gleich viel, doch Männer mehr, wenn sie unter ihresgleichen sind. Frauen hingegen lachen besonders ausgiebig dem anderen Geschlecht zu.
Gibt eine Frau beim Treffen mit einem ihr fremden Mann während der Unterhaltung einfache Hahaha-Laute von sich, demonstriert sie Desinteresse, das hatten bereits 1990 die damals bei der Max-Planck-Gesellschaft in München tätigen Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Karl Grammer in einer Studie ermittelt. Sie fanden heraus: »Je mehr eine Frau stimmhaft lacht, desto stärker ist ihr Interesse an dem Mann.« Am stärksten ist es, wenn sie ihr Trillern und Zwitschern synchronisiert mit ihm ausstößt.
Wie sich hier zeigt, ist die weibliche Kunstfertigkeit des Lachens möglicherweise darauf zurückzuführen, dass die Frau die Partnerwahl mehr als der Mann lenken muss. Denn für sie ist es höchst wichtig, jemanden zu finden, der an einer langfristigen Bindung interessiert ist und sie nicht beim Aufziehen von Kindern allein lässt. Männer dagegen gelten als nicht so wählerisch, was offensichtlich auch die Entwicklung ihrer kommunikativen Fähigkeiten – und so auch das Lachen – in einem eher kruden Stadium belassen hat.
Denn Lachen ist nicht nur ein Ausdruck des eigenen Wohlbefindens oder Vergnügens, sondern dient dazu, im Gegenüber bestimmte Emotionen zu erwecken. Es scheint, dass Frauen durch die Art ihres Lachens in Männern das Verlangen auslösen können, sie wiedersehen zu wollen. Ohne ihm durch Worte irgendetwas über ihre Absichten zu verraten, ja, ohne sein Bewusstsein direkt anzusprechen, kann sie ihn auf diese Weise subtil für sich einnehmen – oder auch ablehnen. Doch Bachorowski zufolge dient das weibliche Lachen nicht nur der Eroberung. Durch »affektauslösende Laute versucht eine Frau, das männliche Verhalten ihr gegenüber« zu steuern – auch, um seine eventuell sexuell aggressiven Pläne abzuschwächen. Das eintönige »Hahaha« erfüllt in solchen Situationen ebenfalls seinen abwehrenden Zweck, und der Mann verliert nicht das Gesicht, weil es sich nicht um eine schroffe Zurückweisung handelt.
Befreundete Männer, die einander mit Grunz- oder Hustlauten erfreuen, konditionieren ihre Gesprächspartner immer wieder neu zu positiver Haltung. Selbst wenn das Wiehern des einen nur angedeutet ist, löst es im anderen sofort gute Stimmung aus, glaubt Bachorowski. Solche maskulinen Lachallianzen formen sich vermutlich auch, um die zwischen Männern ausgeprägten Gefühle von Konkurrenz und Aggression zu hemmen.
In allen Bereichen des Lebens dient Lachen der Beeinflussung anderer. Das Hohnlachen düpiert Opfer und verbindet Aggressoren. Zuweilen lachen die Mitglieder einer ganzen Gruppe jemanden aus und verstoßen ihn damit aus der Gemeinschaft. Ihren Chefs, selbst wenn sie die größten Langweiler sind, pflichten Angestellte mit einem unterwürfigen Lachen bei – um sich positiv bei ihnen einzuprägen. Die Chefs wiederum lassen als Vorlacher die anderen ihre Dominanz spüren. Würden sie das nicht mit einfachen rhhrrrhh-Lauten, sondern vokalisiert und trällernd machen, also eher wie bei der Balz, wäre es mit dem Respekt vorbei.
Schon Babys glucksen ihren Eltern zu, damit die sie nicht vergessen. Noch vor dem ersten Wort löst sich der erste Lacher aus der menschlichen Kehle – meist im Alter von vier Monaten und meist durch kitzelnde Fingerspitzen hervorgerufen. Taub oder blind geborene Kinder lernen es ebenso.
In der Evolution des Menschen ist das Lachen vermutlich aus dem lautlosen Zähneblecken entstanden, einer Geste, die an vielen Primaten beobachtet wurde und Unterordnung signalisiert. Doch es kann sich auch aus dem so genannten »Spielgesicht mit geöffnetem, entspanntem Mund« entwickelt haben, das an jungen Schimpansen zu beobachten ist. Sie stoßen hechelnde Laute aus, nicht nur beim Ausatmen, wie wir, sondern auch beim Einziehen der Luft.
Jahrtausendelang haben unsere Vorfahren über das Lachen miteinander kommuniziert, bis sie artikulierte Laute und später Worte von sich geben konnten. Lachen und Sprechen entspringen jedenfalls verschiedenen Regionen des Gehirns. Während sich die Sprache im vorderen Teil, im Cortex, formt, hat das Lachen seinen Ursprung im entwicklungsgeschichtlich sehr alten Teil des limbischen Systems.
Doch obwohl das Lachen evolutionsgeschichtlich älter ist als das Sprechen, erweist es sich in den Forschungen mehr und mehr als Präzisionsinstrument der Kommunikation.
Könnten also die einzelnen Sequenzen einer Lachsalve möglicherweise einen differenzierteren Sinn transportieren, so wie Worte? Dann könnte die Botschaft einer getrillerten oder gewieherten Tonfolge vielleicht lauten: »Du bist bezaubernd!« Oder: »Bravo, Chef!« Die Lachexpertin Bachorowski schüttelt energisch den Kopf: »Ich bin sicher, die Laute selbst tragen keine Botschaft, keinen Sinn.«
Die Forscherin glaubt, dass sich das Singen einst aus dem Lachen entwickelt hat. Vermitteln also die Lachklänge Gefühle und Stimmungen, ähnlich wie Instrumentalmusik, die beispielsweise Angst erzeugt oder an einen plätschernden Bach erinnert? »Die Triller und Schnarrer erzeugen im Gegenüber eine emotionale Reaktion«, gesteht die Psychologin zu. Und das sei die enorme Leistung des Lachens: Es wirke als komplexer Signal-Code, der auf eine tiefere Ebene des Selbst trifft und große Gefühle auslösen kann. Ein Code, dessen Entschlüsselung vielleicht zu einem neuen Verständnis von uns selbst führt.
- Datum 19.01.2005 - 04:30 Uhr
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