WissenschaftIm Ramschladen der Phantasie

Zweites Interview mit Stanislaw Lem in Krakau von Der Autor

Herr Lem, Sie sagten einmal, Sie hätten sich im Ramschladen der Science-Fiction niedergelassen, weil Sie die Bezeichnung früher wörtlich genommen haben: schöpferische Freiheit und wissenschaftliche Strenge in einem. Liegen fiktionale Fantasie und harte Weltraumwirklichkeit in Wahrheit nicht Lichtjahre auseinander?

Stanislaw Lem: Das ist absolut wahr. Das fängt ja bereits mit den menschlichsten Vorgängen an, die uns hier unten auf der Erde keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Die größten Probleme hatten die Astronauten immer mit dem Stuhlgang. Die Russen haben eine Art Sauggerät erfunden, um das Problem zu lösen. Aber manchmal war der Saugmechanismus einfach verstopft.
Über all diese Probleme hört man natürlich auch heute nicht viel. Es menschelt im Weltall ebenso sehr wie auf der Erde. Egal in welchen Raum sich der Mensch begibt, er nimmt sich immer selber mit und zuerst einmal wird ihm von der Fliegerei im Weltall einfach nur schlecht. Seine inneren Verrechnungssysteme spielen verrückt.

Die amerikanischen Astronauten sprachen in den Siebzigern von ihrem Raumschiff als vomit comet , weil sie sich andauernd übergeben mussten.

Lem: Der Mensch eignet sich im Grunde überhaupt nicht für das All. Die Muskeln verkümmern. Ich habe im Film gesehen, wie ein Russe nach 280 Tagen im All vollkommen gelähmt war, man musste ihn aus der Raumkapsel tragen. Das ist mehr als peinlich.

Amerika, Russland und China haben neue ehrgeizige Pläne, was die geplanten Missionen zum Mars betrifft. Was denken Sie darüber?


Lem: Diese ganze Mär von den Marsflügen. Der Mars hat doch kein magnetisches Feld wie die Erde. Der Sonnenwind schlägt dort mit voller Kraft nieder. Das ist ja schrecklicher als ein Gulag. Man kann hier einfach nur noch von Folter oder von Krepieren sprechen.
Der Mars ist ein Kadaverplanet. Das ist meine Bezeichnung für einen, im wörtlichen Sinne, toten Planeten. Seit über 2 Milliarden Jahren gibt es dort keine Luft mehr zum Atmen. Es gibt dort praktisch nur CO² Athmosphäre. Was wollen die Menschen persönlich dort? Sollen sie doch Roboter oder Maschinen hinschicken. Aber  Gott sei dank gibt es für Flüge zum Mars kein Geld. Ein Marsflug würde Milliarden kosten. Und das Geld hat man dann nicht für die Dinge, die man dringend hier unten auf unserer Erde machen müsste.

Ist denn wenigstens der so genannte Weltraumspaziergang ein Spaß?


Lem: Unsinn. Wir sind irdische Wesen und ausserhalb der Erde sind wir halbe Krüppel. Weltraumspaziergang hört sich nur von der Wortbedeutung her nett an. Doch schon die Mondlandung war hier unten sehr schwer nachzuahmen. Die sind da herumgehüpft wie die Frösche. Als Erlebnis mag das ja interessant sein, aber wer möchte sowas schon tagelang machen, geschweige denn, sein ganzes Leben lang? Der Mensch macht sich hier falsche Hoffnungen und Illusionen.

Macht einem Astronauten dort oben nicht auch die Feinmotorik zu schaffen?

Lem: Ein interessanter Aspekt. Ich hatte vor drei Jahren eine Operation des Karpaltunnels. Es erfolgte eine Dilatation, eine Erweiterung für die Nerven am Handgelenk. Die Ärzte haben mich gewarnt, den Arm einen Tag lang nicht zu bewegen, da ich mir anderenfalls die Zähne ausschlagen würde. Doch leider habe ich nicht auf den ärztlichen Ratschlag gehört und habe eine genaue Punktlandung in mein Gesicht vollbracht. Die Anästhesie des Nervus Brachialis war noch akut vorhanden. Damit war eine Feinmotorik unmöglich.
Die armen Astronauten haben ja am Anfang mit ähnlichen Dingen zu kämpfen. Die Verrechnung einer Bewegung bezieht die Gravitation immer mit ein. Und so hauen sich Astronauten anfangs ständig auf die Nase wie die Tölpel.

Sie haben Raumflüge als einen Aufenthalt im Gefängnis bezeichnet...

Lem: Aber natürlich, das ist ein Kerker. Aber einer, aus dem der arme Delinquent noch nicht einmal entfliehen kann. Der Mensch macht sich gerne ein idealistisches Bild vom All. Nehmen Sie doch nur einmal die gravitätisch daherschreitende Besatzung des Raumschiffs Enterprise. Auf Dauer ist es falsch, mit idealistischen Bildern konfrontiert zu werden. Das schadet letztlich der Forschung.
Ich bin unschuldig an dem Schwachsinn, der dort gedreht und gezeigt wird, auch an dem was sie aus meinem Filmstoff Solaris gemacht haben.

Wie stehen Sie heute zum Illusionstheater, dem Kino? Wird es dem Menschen eines Tages gelingen, die perfekte Illusion zu erschaffen?

Lem: Propriozeptive Illusionen wird man niemals schaffen können. Auch die artifizielle Intelligenz steht vor dieser Körperlichkeits-Problematik. Es gibt kein reines Denken, unser Denken bleibt senso-motorisch und an die Grundlagen unserer Erkenntnis gebunden, also an Raum, Gravitation usw.
Unsere Gelenke und Muskeln speisen über die Afferenzen so viel an Informationen über Stellung und Spannung in unser Gehirn ein, wie sollte man das jemals imitieren?

Aber Sie haben die perfekte Illusion, ein zukünftiges Kino, das Sie "Real"nannten,  in einem ihrer Romane vorweggenommen.

Lem: Falls es dem Menschen doch einmal gelingen sollte, ein perfektes Illusionstheater herzustellen, also ein Real-Kino, so schwindet mein Optimismus, was die Inhalte der gebotenen Filme anbelangt. Der Mensch wird seine jetzige Aggressionswelt nur in potenzierter Form abbilden und spiegeln.
Wir werden dann schreckliche Dinge zu sehen und hören bekommen. Es wird ein Inferno für unsere Psyche sein. Sie können dann jemanden, wenn sie wollen, für zwei Euro ermorden.

Woher kommt diese Sehnsucht nach Illusionen beim Menschen? Es scheint so, als ob Jugendliche lieber um virtuelle Bäume am Monitor rasen, als im Wald spazieren zu gehen.

Lem: Ich weiß es nicht. Früher gab es schon diese Circumramas. Man stand mitten im Filmgeschehen, um einen die gekrümmte Leinwand. Dann raste man durch eine Stadt und einem wurde schwindelig und schlecht. Die Menschen mögen sowas. Warum auch nicht. Wesentlich gefährlicher sind schließlich die realen Geisterfahrer. Warum die Menschen Illusionen mehr lieben als die Realität, bleibt mir ein Rätsel.

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