Die Enden sind nah

Nach der Überschwemmung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina stellen sich die Bewohner vieler Metropolen die Frage: Ist unsere Stadt als Nächste dran? Nicht nur am Golf von Mexiko siedelt der Mensch im Bannkreis der Naturgewalten. Überall auf der Welt wachsen die Megastädte ausgerechnet dort, wo die Gefahr am größten ist. Neben Stürmen droht ihnen die Vernichtung durch Erdbeben, Vulkanausbrüche und Feuersbrünste. Unabhängig von der Frage, ob die Zunahme von Naturkatastrophen in den letzten Jahrzehnten durch den Menschen mit verursacht worden ist, fordern die Experten: Wir müssen vorsorgen für den Ernstfall. Doch wann wird der eintreten? ZeitWissen stellt diese Frage für vier Katastrophen-Typen

ERDBEBEN
Auf einmal wackeln die Wände, Glas klirrt, Möbel rutschen umher und fallen um - die Erde bebt. Draußen zerbersten elektrische Leitungen. Lichter gehen aus, Menschen schreien. Dann krachen Gebäude zusammen, Staub liegt in der Luft. Nach einigen Sekunden beruhigt sich der Boden. Die Stadt liegt im Dunkeln, örtlich lodern Feuer auf. Alarmanlagen unzähliger Autos jaulen. Glasscherben und Trümmer versperren den Weg - oder haben alles verschüttet.

Weltweit stehen Metropolen auf unsicherem Grund, müssen jederzeit ein vernichtendes Beben fürchten. Die Gefahr wächst, einige Städte werden gar nach Erwartung der Vereinten Nationen (UN) ihre Einwohnerzahl innerhalb von 15 Jahren verdoppeln. So werde es in zehn Jahren in Erdbebenregionen 25 Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern geben. Vor jährlich einer Million Toten durch Beben warnt der Geologe Roger Bilham von der University of Colorado in Boulder, USA. Es werde in diesem Jahrhundert so schreckliche Erdbebenkatastrophen geben wie nie zuvor.

Besonders gefährdet ist Tokyo, die »Stadt, die auf ihren Tod wartet«, wie es Bill McGuire, Gefahrenforscher am Londoner University College, formuliert. Die Region Tokyo mit ihren 35 Millionen Einwohnern ist besonders unglücklich platziert. Sie liegt in einem Gebiet, in dem drei Erdplatten zusammentreffen. Diese schieben sich wenige Zentimeter pro Jahr voran. Verhaken sich zwei ineinander, staut sich Energie. Irgendwann bricht schlagartig das Gestein, die Platte schnellt nach vorn wie ein reißendes Gummiband.

Tokyo wurde zuletzt am 1. September 1923 von einem starken Erdbeben erschüttert, 142 000 Menschen starben. Seither steigt die Spannung im Gestein unter der Metropole wieder an. »Ein Beben in Tokyo ist überfällig«, sagt Jochen Zschau, Seismologe am Geoforschungszentrum Potsdam. Die Münchener Rückversicherung kalkuliert die Schäden auf 2000 bis 3000 Milliarden US-Dollar - es wäre die mit Abstand teuerste Naturkatastrophe aller Zeiten.

Auch Los Angeles und San Francisco liegen an einer spannungsgeladenen Nahtstelle der Erdkruste. Jederzeit könnten die Metropolen von einem schweren Beben getroffen werden. Tausende Tote, Schwerverletzte und Schäden in Höhe von 200 Milliarden Dollar wären die Folge. Die 15-Millionen-Metropole Istanbul wartet ebenfalls auf den längst fälligen Schlag. Seismologen haben die besonders gefährdeten Stadtteile ermittelt. Wenigstens dort sollten baufällige Betonhäuser stabilisiert werden, fordern die Forscher. Denn die Menschen werden nicht durch das Beben, sondern durch einstürzende Gebäude getötet. Das verdeutlichten vor sechs Jahren die Erdbeben in Düzce und Izmit, unweit von Istanbul, bei denen zahllose Bauten wie Kartenhäuser zusammenfielen. 30 000 Eingeschlossene hatten keine Überlebenschance.

In wirtschaftlich starken Nationen wie Japan und den USA werden seit Jahrzehnten hohe Summen in erdbebensichere Gebäude investiert. Auch in ärmeren Ländern existieren entsprechende Bauvorschriften. Gleichwohl hapert es an der Umsetzung: Die Zahl illegal errichteter Häuser verdoppelt sich nach UN-Angaben alle sieben Jahre. In Kalkutta etwa werden zwei von drei Häusern ohne behördliche Genehmigung errichtet. Aus diesem Grund würden einer UN-Studie zufolge bei einem schweren Beben beispielsweise in Katmandu siebenmal so viele Menschen sterben wie in Tokyo, obwohl dessen Großraum zwanzigmal so viele Einwohner hat.

Ob reiche oder arme Stadt - Erdbeben kommen überall überraschend, eine Vorwarnung ist nicht möglich. Immerhin lassen sich die Gefahrenzonen stark eingrenzen: Fast alle Beben ereignen sich an den Rändern der Erdplatten. Seismologen bestimmen mit statistischen Methoden die Bebenwahrscheinlichkeit - sie ergibt sich aus der Abfolge von Starkbeben in der Vergangenheit in einer Region. Die Forscher nehmen an, dass die Spannung mit der Zeit zunimmt - je länger die Ruhephase, umso höher das Erdbebenrisiko. Als Hinweis auf zunehmende Spannung gelten die Signsale von GPS-Navigationssatelliten, die Plattenbewegungen registrieren.

Eindeutige Alarmsignale konnten die Seismologen indes noch immer nicht ausmachen. Alle vor Ort messbaren Anzeichen wie die elektrische Spannung des Untergrundes, die Dehnung der Erdkruste oder die Veränderungen des Grundwasserspiegels erwiesen sich als unzuverlässig. Taiwan, Mexiko und Japan bauen deshalb auf kurzfristige Vorwarnung: Ausgenutzt wird die Tatsache, dass die gefährlichen Erdbebenwellen langsamer sind als die harmlosen. So sollen im Notfall per Funk wenigstens die Gasversorgung unterbrochen, Züge angehalten und Ampeln auf Rot gestellt werden. Die Hoffnung, das Schlimmste sei mit diesem System zu verhindern, erhielt am 17. Januar 1995 einen herben Dämpfer, als im japanischen Kobe 6394 Menschen bei schweren Erdstößen starben. Das Beben ereignete sich direkt unter der Stadt - es blieb keine Vorwarnzeit. 
Axel Bojanowski

Istanbul, Tokyo, Los Angeles, San Francisco, den Großraum Osaka-Kobe-Kyoto, Mexiko City, Dhaka, Manila, Karatschi, Lima, Bogotá, Teheran.

FEUER
Im Dezember 1997 geriet in der Wildnis Australiens ein Lagerfeuer außer Kontrolle. Kurz darauf raste eine von heftigen Winden angefachte Feuerwalze mit bis zu 120 Kilometern pro Stunde auf die australische Millionenstadt Sydney zu. Vorstädte wurden evakuiert, bald brannten Dutzende Häuser. Tausende Feuerwehrleute und ein Wetterwechsel stoppten das Feuer schließlich 20 Kilometer vor dem Stadtzentrum. Im selben Jahr bedrohten weitere 600 Buschfeuer die australischen Großstädte Canberra und Melbourne. Im Dezember 2002 wurde Sydney gar von 80 Bränden eingeschlossen, nur zwei Straßen in die Stadt konnten offen gehalten werden.

Nicht nur in Australien greifen Buschbrände vermehrt auf Siedlungen über. Viele Städte breiten sich in die umliegende Wildnis aus. Besonders gefährdet sind Ortschaften, deren Bauten aus Holz, Bambus oder Ried bestehen - frische Nahrung für das Feuer. In den großen Waldgebieten der Tropen steht häufig kein anderes Baumaterial zur Verfügung, gerade in dortigen Siedlungen ereignen sich daher immer wieder Feuerkatastrophen. In Deutschland ist vor allem das niederschlagsarme und waldreiche Brandenburg bedroht.

Für die meisten Waldbrände ist der Mensch durch Brandrodung oder Brandstiftung verantwortlich, nur jedes siebte Buschfeuer wird auf natürliche Weise durch Blitzschlag entfacht. Besondere Gefahr besteht bei Wind und Trockenheit. Wind versorgt ein Feuer mit Sauerstoff und treibt es voran. Zudem erzeugt jeder Brand sein eigenes Windsystem: Heiße Luft steigt auf, kühle strömt nach und liefert neuen Sauerstoff. So kann das Feuer auf Tornadostärke beschleunigen. In Australien stieg 1983 so ein Feuertornado 380 Meter hoch, tötete 72 Menschen und vernichtete Hunderte Häuser. Im Oktober 1991 wütete ein Feuersturm in Kalifornien und brannte Teile der Ortschaft Oakland Hills nieder - 25 Menschen starben.

Je dichter eine Siedlung gebaut ist, desto schwerer ist Feuer zu bekämpfen. Kaum in den Griff zu kriegen sind so genannte Spot-Brände: Die Borke mancher Bäume ist so leicht, dass sie mit dem Wind quasi als fliegende Fackel 30 Kilometer weit verfrachtet werden kann. So ein Feuer breitet sich viel schneller aus als ein Waldbrand, der von Baum zu Baum springt. Eine besonders gefährliche Fracht transportierte 1990, 1991 und 1992 der Qualm aus Waldbränden nahe Tschernobyl: Radioaktivität, die 1986 bei der Havarie des Kernreaktors entwichen war und sich in der Umgebung abgelagert hatte, gelangte aus den brennenden Wäldern in die Atmosphäre und mit dem Wind in Hunderte Kilometer entfernte Ortschaften.

Eine viel häufigere Folge von Waldbränden ist Smog. 1997 legten Hunderte Waldbrände in Indonesien einen dichten Rauchschleier über weite Teile Südasiens. In einigen Städten Malaysias sank die Sichtweite auf unter fünf Meter. Zehntausende Menschen wurden wegen Atemwegserkrankungen, Ekzemen und Bindehautentzündungen behandelt. Schulkinder durften sich nur noch in geschlossenen Räumen aufhalten. Die Feuer setzten mehr Kohlendioxid frei als sämtliche Autos und Kraftwerke Westeuropas in einem Jahr. Als im Sommer 2002 in Russland die Wälder brannten, wurden die zehn Millionen Einwohner Moskaus aufgefordert, die Stadt zu verlassen.

Um einen Waldbrand nicht zur Katastrophe werden zu lassen, muss er rechtzeitig eingedämmt werden. Viele Länder richteten deshalb in den vergangenen Jahren Frühwarnsysteme ein: Aus Wetterdaten und Kenntnissen über den Zustand der Vegetation wird ein Gefahrenindex ermittelt, Satelliten helfen beim Aufspüren der Feuer.

Nicht immer, wenn ein Brand entdeckt wird, fährt die Feuerwehr los. Abgelegene Landschaften überlässt man bisweilen den Flammen, denn sie brauchen Feuer paradoxerweise zum Leben: Viele Samen keimen erst nach einem Brand, Nährstoffe werden freigesetzt. Die Flammen lichten den Wald, was vielen Pflanzen das Wachstum ermöglicht. Feuerökologen wie Christophe Neff von der Universität Karlsruhe fordern, gefährdete Regionen regelmäßig in Brand zu stecken, um das am Boden liegende Totholz zu vernichten. Das bewahre die Landschaft vor gefährlichen Großbränden.
Axel Bojanowski

Wald-, Busch- und Steppenbrände bedrohen besonders diese Metropolen:
Sydney, Canberra, Melbourne, Moskau, San Diego, Manaus, Cali, Kiew.

HURRIKAN
»Sie müssen entschuldigen«, sagt die Hurrikan-Forscherin, »aber in meinem Büro sieht es etwas chaotisch aus - Katrina hat alles unter Wasser gesetzt.« Berge von Papier türmen sich auf dem Schreibtisch von Shuyi Chen, hoch genug, dass die zierliche Meteorologieprofessorin von der University of Miami beinahe dahinter verschwindet. Vom Regenwasser, das Hurrikan Katrina mit Tempo 140 durch die undichten Fenster gedrückt hatte, ist nichts mehr zu sehen; nur die hastig auf den Tisch gestapelten Dokumente erinnern noch an einen Jahrhundertsturm, der von Anfang an unterschätzt worden ist. »Wir haben gelacht, weil da überhaupt nichts war«, erzählt Shuyi Chen, eine 46-jährige gebürtige Chinesin, »und auf einmal mussten wir alle das Gebäude verlassen.« Innerhalb von nur 24 Stunden war aus einem tropischen Tiefdruckgebiet vor den Bahamas ein ausgewachsener Hurrikan geworden, der mit unerwarteter Gewalt über Südflorida hinwegfegte, en passant neun Menschen tötete und anschließend Kurs auf New Orleans nahm, um dort erst richtig seine Wut zu entfalten.

Wieso unerwartet, wieso unterschätzt? So ein Hurrikan ist ja nie allein - von seiner Geburt als zarter Strömungswirbel irgendwo über dem warmen Wasser der Tropen bis zu seinem Ende als erschlaffende Schlechtwetterfront, meist viel weiter nördlich, steht der Sturm unter ständiger Beobachtung: Satelliten und Radaranlagen behalten ihn aufmerksam im Blick, Schiffe und Bojen messen seine Stärke, die Strömungsverhältnisse sowie die Atmosphäre, die ihn umgibt. Aus all dem errechnen Experten im National Hurricane Center in Miami alle sechs Stunden eine neue Vorhersage darüber, welchen Weg der Wirbelsturm voraussichtlich nehmen wird und mit welcher Kraft er zuschlagen wird, wenn er zuschlägt.

Einer dieser Experten ist Michael Nelson, ein gelassener, grauhaariger Mann von 48 Jahren, der die Hälfte seines Lebens mit dem Beobachten von Hurrikanen zugebracht hat. »Die Fortschritte, die wir bei der Vorhersage gemacht haben, sind enorm«, sagt er. »Wir verstehen heute ziemlich genau, wie ein Hurrikan entsteht und wohin er sich bewegt. Das Problem ist die Intensität. Wieso ist Katrina so schnell so stark geworden? Wir haben keine Ahnung. Da liegt unsere größte Schwäche.«

Genau deshalb lässt ein Forschungsteam, das Shuyi Chen leitet, Flugzeuge in den Sturm fliegen, im Idealfall drei zur selben Zeit, eines ins Auge des Hurrikans, zwei weitere in die äußeren Sturmwirbel, die so genannten Regenbänder. Rainex heißt das Projekt, das erklären soll, warum ein Hurrikan binnen Stunden von einem Durchschnittssturm der Kategorie 3 (Windgeschwindigkeiten bis zu 210 Stundenkilometer) zu einem Monster der Kategorie 5 wachsen kann: Mit 250 Stundenkilometern und mehr. Oder umgekehrt - eben noch ein Kraftprotz, plötzlich ein Schwächling. »Das Problem bei der Vorhersage der Stärke ist, dass man die Struktur des Sturms sehr genau kennen muss«, erklärt Chen. Satelliten und Doppler-Radar sind da keine große Hilfe, weil sie in die tosenden Wirbel nicht hineinschauen können.

Die Rainex-Forscher haben nicht viel Zeit: Ihr Budget von drei Millionen Dollar erkauft ihnen ein Fenster von gut sechs Wochen, das sie auf Mitte August bis Ende September gelegt haben - traditionell die Haupt-Hurrikan-Saison in der Karibik. Aber darauf scheint es in diesem Jahr gar nicht anzukommen. Es gibt keine Ruhe vor dem Sturm und auch keine nach dem Sturm, fast jede Woche braut sich neues Unheil über dem Atlantik zusammen. Natürliche Schwankungen in der Meerestemperatur begünstigen oder behindern von jeher die Bildung von Hurrikanen, die nur über Wasser mit einer Temperatur von mindestens 26,5 Grad Celsius entstehen. Nach etwa 25 Jahren relativer Ruhe stehen die Zeichen seit Mitte der 90er Jahre wieder auf Sturm.

»Wir hatten lange Zeit einfach irres Glück, und damit ist es jetzt vorbei«, sagt Hugh Willoughby, Klimatologe am International Hurricane Center der Florida International University in Coral Gables, einem Vorort von Miami. Früher ist Willoughby an der Seite von Captain »Shaky Jim« in einer Lockheed Super Constellation selbst ins Auge des Sturms geflogen, insgesamt 416-mal. Heute konzentriert er sich auf das, was ein Hurrikan anstellt, wenn er an Land rauscht - besonders in einem dicht besiedelten Gebiet wie dem Großraum Miami, in dem gut vier Millionen Menschen leben. »Das Albtraumszenario für Miami ist ein Sturm wie der von 1926«, sagt Willoughby. Das war ein namenloser Hurrikan der Stärke 4, der direkt über die Innenstadt hinwegfegte, 240 Menschen das Leben kostete und nach heutigem Dollarwert einen Schaden von 1,7 Milliarden Dollar anrichtete.

Damals war Miami noch eine Kleinstadt. Träfe ein solcher Monster-Wirbelsturm die heutige Millionen-Metropole, die sich über viele Meilen direkt am Wasser erstreckt, Glasturm neben Glasturm, als wollte sie den Elementen trotzig den Mittelfinger entgegenstrecken - die Folgen wären kaum abzusehen. »Im schlimmsten Fall«, sagt Willoughby, »werden Gebäude einfach platt gemacht, die Fenster fliegen aus den Hochhäusern, der Sturm zerstört den Hafen und den Flughafen und bringt den Tourismus ein ganzes Jahr lang zum Erliegen.« Bis zu 120 Milliarden Dollar, so Studien, könnte eine solche Katastrophe kosten - das Fünffache der Schäden von Hurrikan Andrew, der 1992 südlich an Miami vorbeischrammte und der teuerste Sturm aller Zeiten war, ehe Katrina New Orleans verwüstete.

Die gute Nachricht für Willoughby: »Es würde wohl hauptsächlich bei Sachschäden bleiben. Die Evakuierungen funktionieren in Florida recht gut.« Die schlechte Nachricht: »Der Volltreffer auf Miami wird kommen, das ist unausweichlich, denn wir werden mehr Hurrikane erleben, das steht fest. Wenn wir hierbleiben und nicht alle nach Minnesota ziehen wollen, dann müssen wir uns besser vorbereiten.« Von Wegziehen kann indes keine Rede sein, es kommen sogar immer mehr Menschen: Seit 1990 sind über 400 000 in den Regierungsbezirk Miami-Dade gezogen. Ihre Häuser werden sturmfest sein - jedenfalls diktieren das die Bauvorschriften, die nach Hurrikan Andrew drastisch verschärft wurden.

»Andrew hat uns wachgerüttelt«, sagt Denis Hector, Architekturprofessor an der University of Miami. »Wenn man 20 Jahre lang keinen Hurrikan erlebt hat, schleichen sich Nachlässigkeiten ein.« Dachschindeln wurden nicht mehr festgenagelt, sondern billig angetackert, Giebel nicht ausreichend verstärkt, Türen und Garagentore lückenhaft eingepasst. Andrew fand wenig Gegenwehr. »Regenwasser, das mit 160 Stundenkilometern auf Ihr Haus trifft, zeigt Ihnen ziemlich schnell, wo die Schwachstellen sind«, sagt Hector.

Doch die Bauherren hätten aus Fehlern gelernt, und vieles sei verbessert worden - was allerdings nicht heiße, dass ein Sturm von Andrews Stärke heute einfach so vorüberwehen würde. »Ich würde Gebäude niemals als ›hurrikansicher‹ bezeichnen«, sagt Hector. »Widerstandsfähig müssen sie sein, damit sie den Sturm überstehen. Vielleicht muss man sie reparieren - aber in erster Linie sollen sie die Bewohner schützen, das ist das entscheidende Kriterium.«

Wenn die Bewohner überhaupt noch da sind, denn eigentlich sollen sie sich dem Hurrikan ja nicht entgegenstemmen, sondern vor ihm fliehen. Aber dazu gehört natürlich, dass man die Bedrohung ernst nimmt. Katrina, Kategorie 1? »Ach, haben wir gedacht, das ist doch bloß ein bisschen Regen«, erinnert sich Rainex-Forscherin Shuyi Chen und schaut auf die Papierstapel auf ihrem Tisch. »Wenn's ein Kategorie-5-Sturm gewesen wäre, wären wir natürlich längst weg gewesen.«
Karsten Lemm

Hurrikane und Taifune bedrohen besonders diese Metropolen:
Manila, Kalkutta, Shanghai, Dhaka, Hongkong, Miami. Gefährdet sind alle Städte am Golf von Mexiko, an der US-Atlantikküste bis Philadelphia sowie am westlichen Pazifikrand von Papua-Neuguinea bis Nordjapan.


VULKAN
Der 20. Februar 1943 versprach schön zu werden, wie so oft in der Sierra Madre, 320 Kilometer westlich von Mexiko City. Der mexikanische Bauer Dionisio Pulido erwartete nichts Besonderes von diesem Tag. Was sollte schon passieren? Am Nachmittag bemerkte er eine kleine Vertiefung in der Mitte seines Ackers, aus der zischend Wolken von Schwefelrauch aufstiegen. Der Bauer erschrak. Er flüchtete. Am nächsten Morgen stand ein Aschekegel auf seinem Feld: zehn Meter hoch. Innerhalb von einer Woche war aus dem Kegel ein Vulkan von 170 Meter Höhe geworden, man nannte ihn nach dem Nachbardorf Paricutin. Binnen eines Jahres wuchs der Paricutin auf 370 Meter. Nach neun Jahren hatte er eine Höhe von 3292 Metern erreicht, war mehrere Male explodiert, und seine Lavaströme hatten zahlreiche Dörfer in der Umgebung ausgelöscht. 1952 setzte er sich zur Ruhe.

Auch wenn sein Fußweg besonders kurz war: Der Bauer Pulido war nicht der Einzige, der in unmittelbarer Nähe zu einem der weltweit 600 aktiven Vulkane wohnte; heute teilen 500 Millionen Menschen dieses Schicksal. Im Laufe der vergangenen 400 Jahre sind rund 250 000 Menschen unmittelbar durch Vulkanausbrüche getötet worden. Hungersnöte, Tsunamis und andere Unglücke, die einem Ausbruch folgten, haben diese Zahl etwa verdreifacht. Allerdings ist die Erde heute um ein Vielfaches dichter bevölkert, sodass durch die beiden aktuell gefährlichsten Vulkane ungleich mehr Menschen bedroht sind: Der Vesuv liegt nur 15 Kilometer von der süditalienischen Metropole Neapel mit knapp einer Million Einwohnern entfernt, der Popocatépetl in Mexiko bedroht knapp 20 Millionen Einwohner in dem 50 Kilometer entfernten Moloch Mexico City.

Von beiden Vulkanen ist zwar bekannt, dass sie zu gewaltigen Eruptionen in der Lage sind, aber während der Vesuv sehr gut erforscht ist, weiß man beim Popocatépetl noch nicht einmal, ob es überhaupt eine Magmakammer gibt. »Es muss eine geben«, sagt Thomas Walter vom Geoforschungszentrum in Potsdam, »aber wir können sie nicht finden.« Eine Magmakammer sei kein großer Hohlraum, in dem flüssiges Gestein herumschwappt. »Sie ist eher wie ein Schwamm, der teilweise durchnässt ist.« Das macht es den Forschern so schwer, sie zu finden.

Nach einer Magmakammer zu suchen ist schon beinahe das Einzige, was man tun kann. Trotz gewisser Gemeinsamkeiten gleicht kein Vulkan in seinem Ausbruchsverhalten dem anderen. Beobachtungen seismischer Aktivitäten sind daher nicht übertragbar. Verstärkt auftretende leichte Erdbeben oder zunehmender Gasausstoß werden zwar als Anzeichen einer bevorstehenden Eruption gedeutet; allerdings können diese Phänomene auch auftreten, ohne dass danach irgendetwas passiert. Aussagekräftiger sind Formveränderungen der Erdkruste unmittelbar über dem Magmaherd, obwohl es auch hier oft vorkommt, dass der Ausbruch danach ausbleibt. So gab es Mitte der 80er Jahre eine Deformation der Erdkruste rund um den Vesuv: Der Boden hob sich um fast zwei Meter, trotzdem blieb der Vulkan danach ruhig.

Mit Lasern und Satelliten wird in Vulkangebieten jede Veränderung registriert. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Mount St. Helens 1980 und des Pinatubo 1991 hatte sich die Erde über dem Magmaherd gewölbt. Trotz moderner Technik und intensiver Forschung ist die exakte Vorhersage eines Ausbruchs bis heute unmöglich. »Man kann die Vergangenheit studieren, um einen Blick in die Zukunft zu versuchen«, sagt Giovanni Macedonio, Leiter des Vesuv-Observatoriums. »Ausbrüche kann man nicht verhindern. Nur Evakuierungspläne erstellen, Gefährdungszonen einteilen und Notunterkünfte bereithalten.« Und wenn ein Vulkan im Vorgarten wächst, sollte man über einen Umzug nachdenken.
Philipp Kohlhöfer

Vulkanausbrüche bedrohen besonders diese Metropolen:
Mexico City, Manila, Jakarta, Neapel, Seattle. Ebenfalls gefährdet sind Hawaii, Teneriffa und Kreta.


 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle © DIE ZEIT
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service