Mit dem weiblichen Orgasmus ist das so eine Sache: Erst hatten wir angeblich keinen - zumindest scherte sich niemand sonderlich darum, ob. Dann hatten wir einen. Dann hatten wir  sogar multiple Orgasmen. Und jetzt haben wir gerade wieder keinen. Ach, das ist Ihnen noch gar nicht aufgefallen?

Dabei haben Sie, verehrte Leserin, laut Statistik gute Chancen, krank zu sein - ohne es überhaupt zu wissen! Sie könnten an FSD leiden. Oder auch an FSAD. Vielleicht haben Sie auch HSDD. Wollen Sie alles nicht, stimmt's? Haben Sie vermutlich auch nicht. Lassen Sie sich da ja nichts einreden!

All diese Kürzel bezeichnen Sexualstörungen. FSD bedeutet female sexual dysfunction (weibliche sexuelle Dysfunktion), FSAD female sexual arousal disorder (weibliche Erregungsstörung) und HSDD hypoactive sexual desire disorder (verminderter sexueller Antrieb). Sie haben dazu geführt, dass Sexualkongresse heutzutage schon beinahe klingen wie ein Konzert der Fantastischen Vier.

In den vergangenen beiden Jahren sind diese Akronyme an die Oberfläche des öffentlichen Bewusstseins gespült worden - und beginnen wohl erst, dort richtig Schaden anzurichten. Denn Frauen, deren Sexualleben bislang vielleicht nicht wirklich aufregend, aber ansonsten "okay" ist, überlegen langsam, ob "okay" eigentlich noch "normal" ist. Schließlich leiden doch offensichtlich so viele andere an der einen oder anderen
sexuellen Störung - wie zahlreiche Untersuchungen immer wieder betonen.

Laut einer viel zitierten amerikanischen Studie von Edward Laumann, einem Soziologen der University of Chicago, aus dem Jahr 1999 litten 43 Prozent der befragten 1749 Frauen an einer sexuellen Dysfunktion. In einer Charité-Studie von 2004 gaben 90 Prozent der Befragten an, ihren Partnern schon mindestens einmal einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben, nur mit der Hälfte ihrer Partner hatten sie überhaupt einen.

Und in der "Cologne 20 000 Community Survey", einer Umfrage der Urologischen Klinik Köln, die 2003 auf einem Kongress in Paris präsentiert wurde, gaben knapp 60 Prozent der befragten Rheinländerinnen eine sexuelle Störung an. Die Zahl stellt nicht nur der Stadt kein gutes Zeugnis aus, sondern erschütterte selbst die Studienautoren und veranlasste sie dazu, den Standardfragebogen FSFI (Female Sexual Function Index) zu hinterfragen. Dieser wurde unter anderem mit Unterstützung der Bayer AG entwickelt und gilt international als Messlatte für "gestört" oder "nicht gestört".

"Störung - das ist ein ganz schön heftiger Begriff", sagt Ulrike Brandenburg, Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Aachen. "Egal ob Sie vor dem Kaufhaus oder in der Praxis oder im Krankenhaus eine Befragung machen - seit vielen Jahren kommen Sie auf ein Ergebnis von 30 Prozent der Männer und Frauen, die sagen, dass sie sexuelle Probleme haben. Und ich würde immer noch schlicht Probleme sagen. Denn Störung bedeutet, dass seit vielen Monaten ohne Unterbrechung ein massiver Leidensdruck besteht." In Brandenburgs Praxis kommen bereits 15-jährige Mädchen, weil sie keinen Höhepunkt haben. "Orgasmus ist zum Kult geworden", sagt die Ärztin. "Es ist wichtig, ihn wieder ein ganz klein wenig tiefer zu hängen. Dieses bedeutungsschwangere Monster, zu dem er teilweise schon  verkommt, hat mit der sexuellen Wirklichkeit von Frauen wenig zu tun."