Weltraum Der Fremde von nebenan

Ein Blick ins Fernsehprogramm, in die Werbung, auf Frühstücksflocken-Verpackungen oder ins nächste Multiplex-Kino zeigt: Überall wimmelt es von Außerirdischen. Aber kommen die wirklich aus den unendlichen Weiten des Alls? Unser Autor hat erhebliche Zweifel.

Seit etwa 150 Jahren ist unser Planet offenbar ein zunehmend beliebtes Reiseziel für Scharen von Echsenartigen, Mollusken, Humanoiden, Gestaltwandlern, Insektenartigen und Fischköpfigen; für blaue, grüne, rote, pinkfarbene, schwarze und gestreifte Aliens, oft mit guten und nicht selten mit bösen Absichten. Sie sind ein relativ junges Phänomen, ihre Geschichte ist untrennbar verbunden mit der Evolutionstheorie. Leben auf anderen Himmelskörpern kommt in der fantastischen Literatur erst vor, seit die Wissenschaft davon ausgeht, dass sich auch anderswo Lebensformen entwickelt haben könnten. Dabei durchlief das literarische Alien-Motiv eine ganz eigene Evolution - es wandelte sich mit dem Zeitgeist.

Denn mangels gesicherter Erkenntnisse über das Leben auf fremden Planeten wenden Schriftsteller bei der Beschreibung von Extraterrestriern eben das an, was sie über das einzige halbwegs intelligente Leben wissen, dem sie bis jetzt begegnet sind. Sie unterstellen ddden Aliens also nur, was sssie auch dddem Menschen unterstellen: Bösartigkeit, Dummheit, Arroganz, Überheblichkeit, Rassismus, Sadismus, Skrupellosigkeit, Machtpolitik, Völkermord; seltener Mitgefühl, Intelligenz, Einsicht, Vernunft, Anstand, Hilfsbereitschaft oder Solidarität. Geschichten über Außerirdische werden dann populär, wenn die Aliens menschliche Züge haben. Ähnlich wie wir irdische Tier- und Monstergeschichten auch interessanter finden, wenn wir an ihnen Ähnlichkeiten mit uns selbst entdecken können.

H. G. Wells' 1897 als Fortsetzungsgeschichte veröffentlichter Krieg der Welten nahm die Weltkriege des 20. Jahrhunderts vorweg, Giftgas inklusive. Im Kalten Krieg standen die Aliens im Westen viele Jahre lang stellvertretend für Russen, Chinesen und andere Totalitaristen: Wie diese waren sie gefühllose Kollektivisten, wie diese waren sie viele, und wie diese bedrohten sie die freie Welt. Aber anders als diese konnten sich fiktive Extraterrestrier nicht über Verleumdung beklagen. Manchmal waren die zeitgenössischen Andeutungen auch so vage, dass sich die Deuter streiten, etwa bei dem Film Invasion der Körperfresser von 1956: Sollte der nun vor McCarthys Kommunistenjägern warnen oder vor der roten Bedrohung selbst?

Lange Zeit bewegte sich das Image der Aliens fast ausschließlich zwischen den Polen »moralisch überlegener Heilsbringer« (Beispiel Superman) oder »teuflischer Invasor« (typisch in Independence Day oder Starship Troopers), bevor die Mehrheit des Publikums es vorzog, in den Außerirdischen vor allem ganz normale Leute zu sehen: Sie sehen anders aus, sie verständigen sich anders - aber wenn man nur vernünftig mit ihnen redet, lässt sich eigentlich jedes Problem lösen. Die meisten Außerirdischen in den diversen Star Trek-Serien entsprechen diesem Grundsatz, aber auch die äußerlich sehr unterschiedlichen Wesen in der berühmten Raumhafenbar-Sequenz des ersten Star Wars-Films von 1975, die nach der Arbeit auf ein Bier in der Kneipe abhängen.

Wiederum einige Jahre später, angekommen im Heute, hat sich die vorherrschende Sichtweise weiter gewandelt: Aliens sind zwar immer noch Leute, aber eben nicht wie wir. Sie haben Sitten, Gewohnheiten, auch handfeste Interessen, die uns unverständlich erscheinen können, sogar unannehmbar - trotzdem müssen wir irgendwie mit ihnen zurechtkommen. Arthur Dent aus Per Anhalter durch die Galaxis gehört zu den ersten Erdlingen, die diese zeitweise durchaus beunruhigende Erfahrung machen müssen. Nicht genug, dass gleichgültige Menschen sein Haus und ebenso gleichgültige Aliens seinen Planeten abgerissen haben - fortan muss er sich mit einer verwirrenden Vielfalt Außerirdischer abfinden.

»Science« bedeutete in der Frühzeit der Science-Fiction, etwa von 1900 bis 1940, vor allem Naturwissenschaft - Physik, Chemie, Astronomie, Geowissenschaften. »Harte« Wissenschaften und Technikfantasien lieferten den Stoff und boten Anlässe zum Staunen: gewaltige Entfernungen, unvorstellbare Geschwindigkeiten, riesige Raumschiffe, unbegrenzte Möglichkeiten. Sie regten die Fantasie des vorwiegend jungen, männlichen Publikums an.

Erst später setzte die Auseinandersetzung mit Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ein: In einer Welt, in der UN-Friedensmissionen Thema in den Nachrichten sind und Sozialkompetenz als berufliche Schlüsselqualifikation gilt, bedeutet gute Unterhaltung für die mmmeisten Kinogänger außer spektakulären Effekten und gigantischen Kulissen vor allem glaubhafte Figuren - mit nachvollziehbaren Motiven. Die Außerirdischen gewinnen an psychologischer Tiefe. Das lässt sich zum Beispiel an der Entwicklung der Vulkanier in Star Trek llleicht nachvollziehen: SSSpätere Figuren wie Tuvok und T'Pol sind im Vergleich zum gefühllosen Spock Persönlichkeiten mit Problemen, Ecken und Kanten.

Die Geschichte der Ausserirdischen spiegelt so auch die Geschichte der Sozialwissenschaften wider - Handlungen müssen nicht nur plausible soziale Interaktion zeigen, sie dürfen heute auch die Themen Multikulturelle Gesellschaft und Interkulturelle Kompetenz nicht ignorieren. Während Masken immer besser, Computer immer schneller werden und damit die Fremdheit der äußeren Gestalt zunimmt, bleibt das Wesentliche die Gemeinsamkeit zwischen den Aliens und uns - als Reflexion der irdischen kulturellen Vielfalt. Beispielhaft wird die kondensiert auf die Enge der Multikulti-Raumstation Deep Space Nine oder im Alien-Gewusel der Men in Black. Dass man dabei durchaus ins Fettnäpfchen treten kann, musste George Lucas 1999 erfahren: Er wurde verdächtigt, mit dem geflügelten Händler aus Star Wars - Episode I antisemitischen Klischees Vorschub zu leisten. Hingegen wirken viele Folgen von Star Trek wie Katalogbei-spiele für Political Correctness.

Nun soll das alles aber nicht heißen, dass es in der Science-Fiction keine Geschichten gäbe, deren Außerirdische mehr als eine Metapher auf den Menschen wären. Gelegentlich kommen Wesen vor, die - entsprechend ihren bizarren Lebensbedingungen - auch wirklich anders sind. Da gibt es den intelligenten Ozean in Solaris, mit dem wir uns partout nicht verständigen können, oder ungeheuer alte, unglaublich mächtige Wesen, die sich keinen Deut für uns interessieren. Der vorherrschende Anthropozentrismus, der alles nur vom menschlichen Standpunkt aus erzählt, ist in diesen Geschichten einer anderen Sichtweise gewichen, bei der Menschen öfter mal am Rand und keineswegs im Zentrum stehen. Bislang ist allerdings mit solchen Geschichten, in denen das Fremde wirklich fremd ist, in Hollywood kaum Geld zu verdienen.

Seit 1995 hat sich ein grundlegender Umstand für das Nachdenken über Aliens geändert: In diesem Jahr wurde mit Pegasus 51 b zum ersten Mal ein Planet in einem anderen Sonnensystem nachgewiesen. Seither brauchen wir nicht mehr zu spekulieren, ob von den vielen Sonnen im Weltall auch andere von Planeten umkreist werden - immer mehr solcher Systeme können wir zweifelsfrei feststellen. Der nächste Schritt wäre der Nachweis von Leben auf diesen Welten. Dass dieses Leben einfach ein Spiegelbild irdischer Zustände ist, erscheint ernsthaften Wissenschaftlern wenig wahrscheinlich. Angesichts dieser Erkenntnisse wachsen die intellektuellen Ansprüche an Geschichten über tatsächlich mögliches außerirdisches Leben.

Die gegenwärtige Phase der Geschichte der Aliens, die vor anderthalb Jahrhunderten begann, wird wohl erst dann zu Ende gehen, wenn wir zum ersten Mal auf intelligentes oder zumindest selbstbewusstes außerirdisches Leben treffen. Können wir aus unseren Geschichten über Menschen und Aliens etwas darüber lernen, wie sich eine solche Begegnung sinnvoll gestalten lässt?

Bislang standen uns mit den Aliens in unserer Fantasie meist Nachbarn in Verkleidung gegenüber. Wenn wir dereinst unseren wirklichen kosmischen Nachbarn begegnen, werden wir uns wohl neue Verkleidungen für unsere Mitmenschen ausdenken müssen. Heute Nachmittag, in tausend Jahren - oder auch nie. 

Lässt sich die Vielfalt der Lebensformen im All ähnlich klassifizieren wie auf der Erde? Wir haben es versucht - das Poster liegt diesem Heft bei.

Und sobald es an der Wand hängt, spielen Sie bei uns mit Ihren Aliens weiter: Hier geht es los


 
  • Quelle © ZeitWissen 01/2006
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service