Essay Menschen im Weltraum, wie peinlich!
Text Robert L. Park
»Die Vorstellung wirkt romantisch, dass menschliche Erkundungstrupps heroisch die Gefahren seltsamer Planeten überwinden - aber sie ist hoffnungslos altmodisch.« Bob Park
Raumfahrer der Zukunft werden neue Planeten erkunden - mit allen Sinnen, aber vom heimischen Kontrollzentrum aus. Ins All schicken sie diejenigen, die das am besten können: Ihre Roboter.
Schnell, sehr schnell nähert sich die Ära der bemannten Raumfahrt ihrem verdienten Ende. Wobei man sogar sagen könnte, dass sie bereits 1972 mit der Rückkehr von Apollo 17 vom Mond aufgehört hatte. In den 33 Jahren danach hat sich jedenfalls kein Mensch mehr weiter von der Erde entfernt, als es der Distanz zwischen Paris und London entspräche.
Was noch? Ach ja: Gefangen von der Erdanziehungskraft, nur knapp über der Atmosphäre, zieht die noch immer unfertige Internationale Raumstation ISS trost- und endlos ihre Bahn. Das hochgezüchtete Forschungslabor für 100 Milliarden Dollar, eine einzige Peinlichkeit! Die Flotte der amerikanischen Raumfähren, auf die sich die ISS stützen sollte - für Ersatzteile, Nachschub und steten Personalwechsel -, ist seit dem Columbia-Absturz im Jahr 2003 gelähmt. Also müssen die weitaus kleineren russischen Sojus-Kapseln die ISS versorgen - und ihre Besatzung, die wegen ihrer Putz- und Haushaltspflichten kaum Zeit zum Forschen hat. Gelegentlich überweist ein milliardenschwerer Tourist den Russen einen Haufen Geld, damit er auch mal hochfliegen und Astronaut spielen darf.
Nur wenige aus meiner Generation, die in einer magischen Sommernacht des Jahres 1969 am Fernseher miterlebten, wie Neil Armstrong den Fuß auf den Mond setzte, hätten sich dieses Ende der bemannten Raumfahrt vorstellen können. Allerdings hat der US-Präsident kürzlich angekündigt, 2018 wieder Menschen zum Mond entsenden zu wollen - für 100 Milliarden Dollar. Sein Vater hatte vor 16 Jahren übrigens den gleichen Plan. Diese Mondfahrt, so wurde uns damals und wird uns jetzt wieder weisgemacht, würde die weitaus schwierigere und natürlich teurere Reise zum Mars vorbereiten.
Man erinnere sich: Der Wettllauf zum Mond, den Sowjetunion und Vereinigte Staaten in den 60er Jahren austrugen, war ein Nebenprodukt des Kalten Krieges. Dieser wurde mehr mit Symbolen geführt als mit Atom-U-Booten, und die Vorherrschaft im Weltall war vielleicht das stärkste Symbol von allen. Aber dieser Kalte Krieg ist vorbei. Vielleicht sollte jemand Herrn Bush darüber informieren. Auch darüber, dass wir schon auf dem Mond waren. Und dass wir längst auf dem Mars angekommen sind. Spirit und Opportunity kennen keine Mittagspause, jammern nicht über kalte Nächte und ernähren sich vom Sonnenschein. Die beiden Roboter erkunden mittlerweile sogar einander entgegengesetzte Seiten des roten Planeten, auf dem sie sich nun seit zwei Jahren befinden. Sie 100 Millionen Kilometer weit zu entsenden war indes billiger als ein einziger Flug zur Wachablösung auf die ISS. Alles, was Menschen im All tun, kostet zehn- bis hundertmal so viel, als wenn Roboter es täten.
Die beiden Marsroboter können wir als die Verlängerungen verletzlicher Menschenkörper betrachten, nämlich der ihrer Bediener im Kontrollraum. Solche virtuellen Astronauten werden das Universum erkunden und niemand sonst. Und das ist auch besser so. In Raumanzüge verpackte Astronauten könnten auf dem Mars nichts fühlen, nichts riechen. Sie müssten sich allein auf ihre Augen verlassen. Maschinen hingegen können wir mit allen Sinnen ausstatten, die uns einfallen, und uns die Sinnesdaten ins Kontrollzentrum funken lassen. Virtuelle Realität: Wissenschaftler auf der Erde fühlen die Wärme der Mittagssonne auf dem Marssand, weil die Räder der Roboter mit Thermoelementen bestückt sind. Und wenn ein Roboter schließlich kaputt geht oder seinen Job erledigt hat, wird er einfach abgeschaltet. Niemand muss ihn zur Erde zurückfliegen und einen nationalen Trauertag ausrufen.
Der Fortschritt der Menschheit lässt sich daran messen, inwieweit Maschinen gefährliche oder stumpfsinnige Arbeit übernehmen..... Zwar wirkt die Vorstellung romantisch, dass menschliche Erkundungstrupps heroisch die Gefahren seltsamer Planeten überwinden - aber sie ist hoffnungslos altmodisch. Astronauten werden wegrationalisiert.
Abgesehen von den Apollo-Missionen zum Mond unternahmen Maschinen sämtliche Entdeckungsreisen ins All..... Das begann 1962, als die Raumsonde Mariner II das erste Mal an einem fremden Planeten vorbeiflog. Sie passierte die wolkenverhangene Venus, 100 Millionen Kilometer weit von der Erde entfernt, und kreist seitdem um die Sonne. Mariner II sandte Daten zur Erde zurück, die die Lehrbücher über die Astonomie der Planeten zu Makulatur machten. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass die Venus eine Art Sumpfplanet sei. Doch die Wolken, undurchdringlich für Teleskope auf der Erde, sind aus Schwefelsäure und nicht aus Wasser, und die Oberfläche des Planeten ist heiß genug, um Blei zu schmelzen.
Sechs Monate vor Mariners Vorbeiflug hatten die USA ihren Astronauten John Glenn gefeiert. Er war der erste Amerikaner, der die Erde im All umrundet hatte. Sein Flug baute das nationale Selbstbewusstsein wieder auf, das wegen der erfolgreichen Raumflüge der Sowjets reichlich angeschlagen war. Glenn avancierte zum Nationalhelden und wurde in den US-Senat gewählt..Mariner II,,, die millionenmal weiter gereist war, geriet dagegen in Vergessenheit. Roboter bekommen eben keine Parade auf dem Broadway.
Mit der Raumsonde Magellan kehrten wir später wieder zur Venus zurück. Sie schaute mit ihren Radaraugen durch die Säurewolken und erblickte eine Landschaft, die kein menschliches Auge jemals sehen wird. Viking kratzte vom Mars Bodenproben ab, um diese gleich nach Spuren von Leben zu untersuchen (sie fand nichts). Sonden navigierten geschickt durch den gefährlichen Asteroidengürtel, sendeten die ersten Nahaufnahmen von Riesenplaneten und überwanden die Grenzen des Sonnensystems... Galileo entdeckte Ozeane auf Jupitermonden, Cassini umkreiste den Saturn, untersuchte dessen Ringe und setzte eine Sonde auf Titan ab, dem größten seiner Monde.
Sehen wir vom Mars ab, dann gibt es praktisch keinen Ort im Sonnensystem, dem Astronauten einen Besuch abstatten könnten: Weg zu weit, Planet zu heiß, Schwerkraft zu groß, Radioaktivität zu stark. Selbst zum Mars ist keine Hin- und Rückreise garantiert. Drei Jahre müsste die Reise dauern, und die ganze Zeit wären die Raumfahrer starker kosmischer Strahlung ausgesetzt.
Was sollen wir dort überhaupt? Die aufregendste wissenschaftliche Unternehmung unserer Zeit ist die Suche nach Lebensformen, mit denen wir nicht verwandt sind. Mit jedem Lebewesen auf der Erde, selbst den primitivsten Bakterien, teilen wir Erbgut. Nun die Frage: Könnte die Natur noch eine andere Lösung für das Problem des Lebens gefunden haben? Wenn wir das wissen, wissen wir vermutlich viel mehr über uns selbst als jetzt. Manche Leute glauben, am ehesten finde man Lebensformen auf dem Mars. Gut, Spirit und Opportunity grasen ihn jetzt ab und suchen nach Anzeichen für Wasser, von dem Evolutionsbiologen annehmen, seine Existenz sei eine Voraussetzung für Leben. Tatsächlich haben sie Spuren gefunden, die auf Wasser in früheren Zeiten hindeuten - aber das ist bisher auch alles. Der Mars scheint ein komplett öder Planet zu sein.
Die Suche geht weiter, gewiss. Aber Menschen zu schicken wäre absolut unverantwortlich. Im Gedärm eines jeden von uns siedeln Milliarden lebender Organismen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Mars von irdischen Lebensformen kontaminiert würde, wäre riesig. Ein Besucher müsste zudem so lange ausharren, bis die Konstellation von Erde und Mars den Rückflug erlauben würde - mindestens eineinhalb Jahre. So, und nun stellen Sie sich bitte einmal - nur kurz - die Masse an Urin und Fäkalien vor, die ein Mensch in dieser Zeit produziert, alles voller Bakterien.
Sollte der Mensch den Mars auf diese Weise mit irdischem Leben kontaminieren, dann ist die Suche nach Leben dort vorbei. In Frage kämen dann noch die Ozeanmonde des Jupiters. Europa, so heißt einer von ihnen, ist beispielsweise vollständig von einem gefrorenen Meer bedeckt. Es schirmt den Himmelskörper vor der extremen Strahlung aus dem All ab, und es ist denkbar, dass sich irgendwo tief im Inneren Leben entwickelt hat. Wenn wir es jemals finden sollten, dann gewiss nicht mit Tauchern.
Eine der interessantesten Entdeckungen der vergangenen zehn Jahre war der Nachweis, dass auch andere Sterne als die Sonne Planeten haben, vielleicht sogar die meisten Sterne. Die Quoten für Wetten auf die Existenz von Leben außerhalb des Sonnensystems sind daher wieder gestiegen. Die schlechte Nachricht ist, dass die interstellaren Entfernungen sehr groß sind; so groß, dass wir niemals einen dieser extrasolaren Planeten besuchen werden. Die gute Nachricht lautet, dass wir von dort nie Besuch bekommen werden.
Zurück zur Peinlichkeit, die da oben schwebt: Früher dachte man einmal, dass eine Raumstation ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Eroberung des Weltraums sei. Von dort aus ließen sich Kommunikationsnetze rund um die Erde spannen, Wetterphänomene verfolgen, militärische Bedrohungen frühzeitig erkennen, Schiffe und Flugzeuge navigieren und die Himmelskörper frei von atmosphärischen Störungen beobachten. Mit der ISS geht das alles leider nicht. Macht aber nichts: Satelliten und ihre Roboter erledigen den Job. Und zwar weitaus effizienter und billiger, als das jemals von einer bemannten Raumstation aus möglich wäre. Stattdessen ist die ISS zum größten Hindernis für Entdeckungsreisen ins All geworden. Sie verbraucht die Energien und Ressourcen der Raumfahrtbehörden für nichts und wieder nichts.
Wieso um alles in der Welt hält der amerikanische Präsident dann an der bemannten Raumfahrt fest? Nun, würde sie während seiner Amtszeit offiziell beerdigt, dann ginge er in die Geschichte ein als jemand, der ein großes Abenteuer abgeblasen hat. Deshalb propagiert er stattdessen ein sinnloses und unfassbar teures Programm mit Flügen zum Mond und zum Mars - mit einem Zeitplan, der alles so lange hinausschiebt, bis Bush ohne politische Havarien das Weiße Haus verlassen hat.
Nein, diese Mission wird weder stattfinden, noch sollte sie es jemals. Unterdessen wird China zur Weltraummacht. Was für eine Demonstration der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsnation der Welt, dass sie es sich leisten kann, ihre Ressourcen nicht minder zu verschwenden als andere Supermächte! Tolle Sache. Lasst uns den Chinesen helfen! Schenken wir ihnen die Raumstation! Jeder Yüan, den sie in diesen Weltraumquark stecken, ist ein Yüan, der nicht für Waffen ausgegeben wird.
Robert L. »Bob« Park lehrt Physik an der University of Maryland (USA), vertritt die Gesellschaft amerikanischer Physiker in Washington und kommentiert seit vielen Jahren Politik und Gesellschaft in seinem Blog (www.bobpark.org). In seinem Buch »Voodoo Science« beschäftigt er sich mit Dummheit und Betrug in der Forschung.
Übersetzung: Gero von Randow
- Datum
- Quelle © ZeitWissen 01/2006
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