Technik Der Euro rüstet auf
Als fälschungssicher wurden Euro-Scheine vor vier Jahren gepriesen. Tatsächlich tauchen jedoch immer mehr gefälschte Noten auf. Die Europäische Zentralbank will nun nachrüsten. Die neuen Tricks sind noch geheim, aber es gibt erste Hinweise. Als Vorbild könnten Scheine aus Bulgarien dienen.
Alles an diesem Hunderter scheint normal zu sein. Das Grün des barocken Torbogens stimmt, irgendein Wasserzeichen und ein dunkler Strich im Papier sind auch zu finden. Doch bei genauem Hinschauen wirkt das silbrige Hologramm unscharf. Sollte hier nicht das Barockmotiv der Banknote klar und deutlich zu sehen sein?
Der 100-Euro-Schein steckt in einer Klarsichthülle im Büro von Eduard Liedgens, im Bayerischen Landeskriminalamt zuständig für Falschgeld. Statt aus den Tresoren der Bundesbank stammt die Note aus einer mittlerweile ausgehobenen Fälscherwerkstatt in Litauen. Um ihn als falsch zu identifizieren, muss man sein Geld schon sehr gut kennen: Die purpurrote »100« auf der Rückseite schillert zwar, wechselt aber nicht ins Bräunliche wie beim Originalhunderter. Doch Hand aufs Portemonnaie: Wer kann auf Anhieb beschreiben, wie das Hologramm auf den Euro-Scheinen aussieht? Und wer nimmt sein Geld überhaupt so genau unter die Lupe?
Genau das machen sich Fälscher zunutze. Kunden, Kassierer und sogar Bankangestellte lassen sich regelmäßig täuschen. 40 000 gefälschte Euro-Scheine im Nennwert von 2,9 Millionen hat die Bundesbank im ersten Halbjahr 2005 aus dem Verkehr gezogen. Zwei Drittel davon waren falsche Fuffziger. Europaweit wurden nach Angaben der Europäischen Zentralbank 293 000 Blüten gefunden, Tendenz steigend.
Wer einen gefälschten Schein im Portemonnaie entdeckt, muss ihn bei der Polizei abgeben - er ist futsch, auch für Kaufhäuser und Händler, die abends ihr Geld zur Bank bringen. Bei 10 Milliarden Euro-Scheinen im Umlauf ist das Risiko für den Einzelnen überschaubar, tatsächlich eine falsche Banknote in die Hand zu bekommen. Doch die Qualität der Blüten wird besser, sodass sogar Profis sich täuschen lassen.
Im Mittel durchläuft eine Euro-Banknote alle drei Monate die Bundesbank. 35 Prozent aller Fälschungen werden erst durch deren Prüfgeräte aus dem Verkehr gezogen, schätzt Franz-Christoph Zeitler, der im Bundesbank-Vorstand für Bargeld zuständig ist. Das sind beunruhigend viele, denn die Scheine stammen meist von Händlern oder Bankfilialen. Selbst die Geschäftsbanken übersehen also viele Falsifikate.
»Fälscher sind heute in der Lage, nahezu alle Sicherheitsmerkmale nachzuahmen«, sagt der Falschgeldexperte Liedgens. Noch gibt es allerdings keine »Blüten«, die alle Feinheiten der echten Scheine zugleich imitieren. Experten siedeln die Euro-Banknoten im internationalen Sicherheitsvergleich in der ersten Liga an. Allerdings im Mittelfeld, nicht an der Tabellenspitze. Der Traum vom »fälschungssicheren Bargeld« - so wurde der Euro vor vier Jahren unters Volk gebracht - ist ausgeträumt.
Nur die Prüfmaschinen der Zentralbanken lassen sich nicht täuschen. Jede Note hat eine Reihe von Merkmalen, die nicht verraten werden. Vermutlich spielen magnetische Eigenschaften und die elektrische Leitfähigkeit bestimmter Elemente des Geldscheins eine Rolle. Diese werden automatisch kontrolliert, wenn er eine Runde durch die Bundesbank dreht. So wird fast jede Blüte entdeckt - denn auch die Fälscher kennen diese Eigenheiten nicht. Doch die geheimen, so genannten »M-Features« helfen der Kassiererin im Supermarkt nicht weiter.
Die Antwort der Europäischen Zentralbank auf die zunehmenden Fälschungen lautet: Aufrüstung. Längst hat die Planung für die zweite Euro-Serie begonnen. Design und Stückelung bleiben wohl gleich. Doch neuartige Sicherheitsmerkmale sollen Fälschern das Leben schwerer machen. Offiziell verrät niemand, wie der nächste Euro aussehen könnte. Verschwiegenheit ist erste Gelddruckerpflicht. Aber es gibt Indizien, darunter die neuen, öffentlichen Patente der Gelddrucker. Außerdem experimentieren andere Währungen bereits mit neuen Entwicklungen. Dass einige davon in unseren Brieftaschen auftauchen werden, gilt als sicher.
Fenster-Geld
Die bulgarische Nationalbank hat eine 20-Lewa-Gedenknote mit einem fingernagelgroßen Fenster ausgestattet, das vor hellem und dunklem Hintergrund unterschiedliche Motive zeigt (siehe Seite 104 und 107). Die Erfindung kommt aus Deutschland. »Die Folie ist mit einem speziellen Material beschichtet«, sagt Jürgen Zerbes von der Münchner Banknotendruckerei Giesecke & Devrient. Um welchen Stoff es sich handelt, verrät er nicht. »Auf dem Markt ist das natürlich nicht erhältlich.«
Der Fenstertrick gilt als aussichtsreicher Kandidat für den neuen Euro. Bundesbank-Vorstand Zeitler warb bei einer Fachtagung Anfang Oktober ausdrücklich dafür. Auch der Durchschnittsbürger könne das Merkmal ganz diskret im Alltag prüfen. »Dabei vermittelt man dem Geschäftspartner nicht das Gefühl von Misstrauen, was sicherlich der Fall wäre, wenn man die Banknote gegen das Licht hält, um das Wasserzeichen zu suchen.«
Seine Alltagstauglichkeit muss das Durchsichtfenster allerdings noch unter Beweis stellen. Das Papier wölbt sich unter der Folie ein wenig. Im Portemonnaie stört das kaum, die 223 000 Geldautomaten des Euro-Raums könnten damit jedoch Probleme haben.
Loch-Geld
Schweizer-Franken-Scheine gelten sicherheitstechnisch als Vorbild, obwohl sie älter sind als der Euro. Seit 1997 haben die Schweizer nach und nach alle Banknoten mit der »Lochzahl« versehen, einer sehr feinen Perforation mitten im Geldschein. »Die ovalen, winzig kleinen Löcher werden mit einem Laser in die Banknote gebrannt«, erklärt John Coleman, Geschäftsführer der Schweizer Sicherheitsdruckerei Orell Füssli. »Es ist ein für jedermann erkennbares Sicherheitsmerkmal. Die Nachahmung ist schwierig und zeitintensiv.«
Kritiker verweisen darauf, dass es nicht überall so reinlich zugeht wie in Schweizer Geldbörsen. Bei starker Beanspruchung verschmieren die feinen Löcher leicht. Die EZB entschied sich seinerzeit gegen die Schweizer Lochtechnologie. »Wie die Banknoten einer Währungszone ausgestattet sind, ist letztlich eine politische Entscheidung«, sagt Coleman. Mit anderen Worten: Nicht immer kommt die beste Technik zum Einsatz.
Glitzer-Geld
»Mit großflächigen Folien und Metall-Patches haben Fälscher Probleme«, sagt Eduard Liedgens vom Bayerischen Landeskriminalamt. Daher werden metallisch glänzende Elemente in den künftigen Bargeldgenerationen wohl noch häufiger zu finden sein. Schwer zu kopieren sind zum Beispiel Metallfolien mit eingeprägten Motiven. Viele internationale Zentralbanken sichern ihre Scheine mit einem wesentlich komplizierteren Sicherheitsfaden als die EZB. Den darf man allerdings nicht mit dem silbrigen Hologramm-Folienstreifen auf dem 5-, 10- und 20-Euro-Schein verwechseln: Der Faden ist nicht aufgebracht, sondern liegt im Papier. Bei der letzten DM-Serie trat der metallisch beschichtete Kunststofffaden an mehreren Stellen glänzend aus dem Papier hervor (Fensterfaden) - ein Detail, das dem Euro fehlt. Noch schwieriger zu kopieren ist der Sicherheitsfaden des kanadischen Dollars. Er hat eine Spezialbeschichtung, die je nach Blickrichtung ihre Farbe verändert. Außerdem ist er relativ breit und damit auffällig. Inzwischen gibt es auch Sicherheitsfäden, auf deren Oberfläche ein Hologramm Platz hat.
Chamäleon-Geld
Technisch ist er schon machbar: Ein Geldschein, der seine Farbe wechselt. Bei hellem Licht verblasst er rasch, um dann wieder den alten Farbton anzunehmen. Die Spezialfarbe gewinnt man aus der purpurnen Zellmembran von Halobacterium salinarum, einem Bakterium, das in Salzseen lebt. Das kristalline Protein Bakteriorhodopsin hilft ihm bei der Fotosynthese.
Im Sonnenlicht oder im Strahl einer hellen Lampe erbleicht Bakteriorhodopsin von sattem Lila zu blassem Gelb. Ein doppelter Vorteil: Zum einen gäbe es einen weiteren einfachen Test für Geldscheine. Zum anderen würde jeder Kopierer den Farbwechsel auslösen - die Kopien wären nutzlos. Noch ist die Spezialfarbe indes zu teuer für die Serienproduktion.
Plastik-Scheine
Weltweit drucken einige Zentralbanken auf Kunststoff. Australien ist Vorreiter bei Banknoten aus Polymersubstrat, in Europa eifert Rumänien diesem Vorbild nach. Vorteil: Die Durchsichtfenster lassen sich wesentlich einfacher in die Scheine integrieren. Außerdem sind die Banknoten haltbarer und verschmutzen nicht so leicht. Genau darin liegt aber auch ihr Problem: Alte Geldscheine können nicht so einfach in den Ofen wandern wie abgenutzte Papierscheine. Außerdem vertragen Polymernoten keine Hitze: Versehentliches Bügeln oder eine Mittagspause in praller Sonne auf dem Armaturenbrett übersteht so ein Schein nicht unbeschadet.
Gewöhnungsbedürftig sind die Polymerscheine allemal. Sie knistern und fühlen sich ein bisschen an wie die Einkaufstüte vom Billig-Supermarkt. Die meisten europäischen Gelddrucker setzen weiterhin auf ihr Spezialpapier. Daher ist fast ausgeschlossen, dass die EZB beim neuen Euro auf Plastik umschwenkt.
Funk-Geld
Man könnte auch flache Chips in die Geldscheine einbauen. Die dort gespeicherten Daten lassen sich per Funk auslesen - so wie im neuen Reisepass, in dessen Deckel sich die biometrischen Daten des Besitzers verbergen. Doch das würde die Geldsicherheit nicht fördern. Gesucht werden schließlich Merkmale, die jedermann auf der Straße erkennen kann. Außerdem sind die so genannten RFID-Chips für den Einsatz im Bargeld noch zu teuer. Die Herstellung eines Geldscheins darf nur wenige Cent kosten.
Hinter den Kulissen hat die Diskussion über die neuen Sicherheitsstandards längst begonnen. Bis die Europäer ihre aufgerüstete Barschaft auf glänzende Folien, trickreiche Fenster oder gar Schweizer Löcher prüfen können, brauchen sie noch Geduld. »Bis Ende des Jahrzehnts soll die neue Banknotenserie fertig sein. Wann sie ausgegeben wird, ist noch offen«, sagt Bundesbank-Vorstand Zeitler.
Das Datum wird ebenfalls die Politik bestimmen. Nach derzeitigem Stand dürfte die Gemeinschaftswährung 2008 oder 2009 auf Expansionskurs gehen: Wahrscheinlich wird sie die baltischen Währungen und den slowenischen Tolar, vielleicht auch den polnischen Zloty und die Krone in Tschechien und der Slowakei ersetzen. Der neue Euro wird schwieriger zu fälschen sein als der alte, so viel steht fest. Aber fälschungssicher? Das behaupten nicht einmal die Gelddrucker selbst. Hans Demanowski von der Bundesdruckerei erinnert an eine Grundregel seiner Branche: »Alles, was Menschen herstellen, können Menschen nachmachen.« ?
Die Geldfabriken
Wer druckt was?
Rund 90 Milliarden Banknoten werden weltweit pro Jahr gedruckt - ein lukratives Geschäft. Die Branche ist verschwiegen. Zu Kongressen kommen nur Insider, Vorträge bleiben unter Verschluss. Am Druck der Euro-Scheine mussten aus politischen Gründen Druckereien in allen Euroländern (außer Luxemburg) beteiligt werden. Das führte zu Abstrichen in der Qualität. Derzeit sind 14 Druckereien an der Produktion beteiligt. Größter Euro-Drucker ist die deutsche Firma Giesecke & Devrient. Der zweite deutsche Euro-Hersteller ist die privatisierte Bundesdruckerei in Berlin.
Auf der Rückseite eines Scheins verrät ein Buchstabe vor der Seriennummer, welche Zentralbank den Schein in Auftrag gegeben hat. Z steht für Belgien, X für Deutschland, S für Italien, N für Österreich. Damit ist aber noch nichts über die wahre Herkunft gesagt. Kurz vor der Euro-Einführung wurden die Aufträge kreuz und quer durch Europa vergeben. Um die Druckerei zu entschlüsseln, muss man den sechsstelligen Code finden, der sich auf der Vorderseite des Scheins versteckt. Beim Zwanziger steckt er in einem der EU-Sterne, beim Fünfziger über dem Hologrammstreifen. Der erste Buchstabe ist entscheidend. Gut ein Viertel aller Euro-Noten trägt das P für Giesecke & Devrient. Scheine mit einem R kommen aus der Bundesdruckerei, das F steht für die österreichische Banknotendruck GmbH. Häufige Buchstaben sind noch L für die Druckerei der Banque de France, J für die Banca d'Italia und M für die staatliche spanische Gelddruckerei.
- Datum 02.11.2006 - 13:37 Uhr
- Quelle © ZeitWissen 01/2006
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