Vlotho im Weserbergland ist wahrlich kein Moloch. Die Lange Straße, neues Verbundpflaster zwischen aufgehübschten alten Fachwerkhäusern, zwängt sich eng durch das Tal. Es ist dämmrig und leer. Nur aus dem umgebauten Ladenlokal der Pfingstgemeinde strahlt Licht.

»Hat die Bibel doch recht und Darwin sich geirrt?«, fragt ein Faltblatt und lädt zu einer »kritischen Dokumentation zur Diskussion um Evolution und Schöpfung«.

Christian Dreber, ein Endfünfziger mit dünnem Rollkragenpulli und Wolljackett, ist aus Bremen angereist, Digitalprojektor und Laptop im Gepäck. Er macht das nicht zum ersten Mal: Zitate und Fotos seiner Präsentation passen perfekt zusammen. Klick. Das Buch Vom Ursprung der Arten erscheint, jenes Werk, mit dem Charles Darwin 1859 Wissenschaftsgeschichte schrieb. Klick. Lob für Darwin auf der Leinwand. »Naturalistisch« steht da, »ganz famos« und die Namen der Zitierten: Karl Marx und Friedrich Engels. Weltbekannte Atheisten. Ein paar Zuhörer raunen. Der Boden ist bereitet. BILD

An dem Pult, das sonst der Prediger der Pfingstgemeinde besetzt, wirbt Dreber an diesem Donnerstagabend im Oktober dafür, die Entwicklung des Lebens nicht mit dem gängigen Modell von der Abstammungslehre zu erklären. Als Argumente hat er »neue Daten aus der Naturwissenschaft« und einen Artikel der Zeitschrift Geo aus dem Jahr 1984 (»Darwinismus - der Irrtum des Jahrhunderts«) mitgebracht.

Klick. Stammbäume, Fossilien, Tierfotos leuchten auf der Leinwand auf. Dreber zeigt die drolligen Mischlinge einer Wölfin und eines Pudels aus einem Kreuzungsversuch. »Die F1- und die F2-Generationen hat man dann wieder miteinander gekreuzt«, referiert er wissenschaftlich. »Das ist dann Inzucht«, flüstert ein großer Mann mit Dreitagebart seiner Sitznachbarin zu. Den Fotos der Mischlingskinder und -enkel sieht man an, dass sie entweder wieder stärker in Richtung Wolf oder Richtung Pudel tendieren. Da könne man sehen, dass es durch zufällige Kreuzung keine Höherentwicklung in der Natur gebe. Ein Mann in der vorletzten Reihe lacht kehlig. Nicht aus ersten Einzellern habe sich die Vielfalt des Lebens entwickelt, sagt Dreber. Nein, »in einem Schöpfungsakt« seien fertige »Grundtypen« auf die Erde gekommen, so etwa die »Hundeartigen«. Aus denen haben sich dann im Laufe der Zeit per »Mikroevolution« unterschiedliche Varianten wie Wolf oder Pudel gebildet. Eine »Höherentwicklung« habe es jedoch nicht gegeben: »Mutation ist in 99,99 Prozent der Fälle negativ!« - »Eben, so isses«, pflichtet eine Dame mit Batiktuch bei.

Im ersten Buch Moses, Genesis 1,24 heißt es: »Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes«. Grundtypen also.

Klick. Dreber schließt mit einem hübschen Beispiel, dem brasilianischen Schillerfalter Morpho didieus. In der mikroskopischen Vergrößerung werden unzählige Blättchen sichtbar, aus denen sich die bunten Flügel des Schmetterlings zusammensetzen. Passt perfekt. Könnte das alles bloß Zufall gewesen sein? »Ich persönlich beantworte diese Frage mit dem Hinweis auf einen Schöpfer. So was braucht Plan!« Ein letzter Klick. Applaus, dann gibt es Tee und Kekse.