Vermutlich ist der Satz "Suchen Sie sich doch besser einen neuen Beruf" sogar für eine Buchhalterin oder einen Supermarktverkäufer zumindest unerfreulich. Doch Eckart Altenmüller muss in seinem Sprechstundenzimmer just dies einem jungen Pianisten aus Riga sagen. Einem, der sein halbes Leben am Klavier verbracht, unzählige Stunden geübt und seine ganze Zukunft auf sein Talent aufgebaut hat. "Sie sind doch jung, sehen Sie die Diagnose als Chance", versucht der Neurologe den jungen Letten aufzumuntern. Doch als der Patient gegangen ist, zeigt auch Altenmüller Emotionen: Solche Momente seien hart, auch nach zehn Jahren als "Musiker-Arzt".

Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin in Hannover, musste dem jungen Künstler eröffnen, dass dessen "fokale Dystonie" an zwei Fingern bereits zu weit fortgeschritten ist. Diese neurologische Erkrankung ist mit schulmedizinischen Therapien selten heilbar. Sie ist eine der gefürchtetsten Krankheiten unter Musikern. Die betroffenen Geiger und Pianisten können plötzlich einen oder mehrere Finger nicht mehr wie gewohnt bewegen: Die Gliedmaßen hängen beim Spiel hinterher, rollen sich einfach zusammen oder sind immerfort überstreckt. Auch die Mundmuskeln von Bläsern oder die Muskeln im Kehlkopfbereich von Sängern können ein unkontrollierbares Eigenleben entwickeln, unter den Künstlern als "Musikerkrampf" gefürchtet. Wie bei dem Rigaer Pianisten brennen sich die falschen Bewegungsmuster mitunter so fest ins Gehirn ein, dass die Erkrankung das vorzeitige Ende einer hoffnungsvollen Musikerkarriere bedeuten kann.

Etliche private Zusatzversicherer schätzen Profimusiker hinsichtlich eines vorzeitigen Berufsendes ähnlich gefährdet ein wie Piloten: Beide gehören zur Hochrisikogruppe. Denn das Arbeitsleben eines Musikers ist höchst beschwerlich.

Für ihr Publikum wirken Musiker wie die Verkörperung eines Traums. Ein Mensch entdeckt sein Talent, noch dazu für eine der schönsten Beschäftigungen der Welt: die Musik. Er darf sein Leben damit verbringen zu musizieren, also das zu machen, was ihm am meisten Spaß und Freude bereitet. Er fährt in der Welt herum, darf auftreten, wird gefeiert - was kann es Schöneres geben?

Doch laut einiger Studien führt dieser Traum bei bis zu 80 Prozent der Musiker zu einer Erkrankung. Eine Zahl, die Fachärzte nicht ganz so hoch ansetzen würden. Dennoch gehört das Musizieren zu einem der körperlich ruinösesten Berufe. Über zehn Prozent der Angestellten in deutschen Orchestern sind krankgeschrieben. Nahezu jeder achte Musiker beendet sein Berufsleben aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig - ein Drittel mehr als der Durchschnitt der Arbeitnehmer. Die körperlichen Beschwerden hängen dabei eng mit der Spieldauer zusammen: Wer früh anfängt, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit krank. Krankheit ist unter Musikern ein Tabuthema. Viele haben Angst, wegen eines körperlichen Leidens nicht mehr mithalten zu können im Kampf um Orchesterstellen und Auftritte.

Der Körper eines Musikers wird ähnlich stark strapaziert wie der von Profisportlern: Viele Stunden spielen die Künstler unter höchster körperlicher und emotionaler Anspannung, oft hocken sie dabei auf engstem Raum zusammen.

Während sich der Sportler im besten Alter einem zweiten Berufsleben zuwendet, quält sich ein Berufsmusiker noch weitere 30 Jahre bis zur Rente. Und erwarten den Leichtathleten nach einem Wettkampf Massage und eine mehrtägige Ruhepause, eilt der Geiger nach einer anstrengenden Aufführung schon am nächsten Tag wieder zum Probenspiel. Bis zu 30 Stunden wöchentlich spielen Musiker in Proben und Konzerten, hinzu kommt das tägliche Übungspensum.