»Da is de buph!«, sagte der Philosoph Günther Anders einmal, da war er 14 Monate alt. »Fuß« konnte er noch nicht richtig aussprechen, aber der ganze Satz kam ihm, für sein Alter ziemlich früh, flott über die Lippen.

»Kapitalismus«, sagt die zweijährige Anna aus Bamberg zu ihren perplexen Eltern. Und ab sofort lässt sie das Wortungetüm immer dann fallen, wenn Mama und Papa in ernste Gespräche verwickelt sind - offenbar hat Anna begriffen, dass »ernsthaftes Gespräch« und »Kapitalismus« bei ihren Eltern irgendwie zusammengehören.

»Ist denn der Tee nun abgekühlt?«, fragt die dreijährige Lea aus Hannover ihren Vater streng. Das Kind hatte sich bislang nur in Fragmenten geäußert, mit dem Kommando »Du pusten!« etwa. Jetzt dieser wohlgeformte Fragesatz - jedes Wort an seinem Ort, das Verb richtig in die Vergangenheitsform gesetzt, und dann hat sie auch noch dieses leicht drängelnde »denn« hineingestreut. Lea zieht alle Register der Sprache.

Günther Anders konnte es, Anna und Lea können es auch: Ganz plötzlich fangen sie an zu sprechen. Leas Vater Andreas Bode wundert sich darüber wie viele Eltern: »Die Kinder scheinen da etwas mitzubringen.« Als könne man selbst gar nichts beisteuern, so selbstverständlich bemächtigen sie sich ihrer Muttersprache.

Offenbar sind wir zur Sprache verdammt: Wie eine robuste Maschine setzt sich der Spracherwerb in Gang, und kein gesundes Kind kann sich davor drücken. Lange vor dem ersten Deutschaufsatz entwickelt es ein Gefühl dafür, was in seiner Muttersprache richtig und was falsch ist - so etwas wie »Apfel essen will den ich« würde ihm nie über die Lippen kommen. Bevor ein Kind das erste Mal gerüffelt wird, weil es »wegen dem Apfel« sagt statt »wegen des Apfels«, bevor man seine Jugendsprache bekrittelt, seine Rechtschreibfehler beklagt und im Pisa-Test seine Lesefähigkeit prüft, hat es schon eine fantastische Leistung vollbracht. Kein noch so kluges Tier entwickelt mal so ganz nebenbei eine ausgefeilte Grammatik.

Wie funktioniert das? Wieso schmettert der vierjährige Zag aus Bristol plötzlich ein geschmeidiges »deoxyribonucleic acid« in die Runde; ein Wort, das doch eigentlich zu lang sein sollte für so einen Knirps? Auch der kleine Fritz überraschte mal eine Düsseldorfer Künstlerparty mit der gestanzten Phrase: »Dummerweise mag ich keinen Blumenkohl!« Die Erwachsenen sahen sich erstaunt an: Wo hat der Junge das nur her? Allein durch Nachahmung kann das wohl nicht entstanden sein!

Irgendwo aus den Tiefen seines kleinen Hirns holt Fritz das Sprachwissen: Dass man »dummerweise« in seiner Muttersprache an den Anfang setzen kann, dass Blumenkohl Blumenkohl bedeutet, dass »mag« im Deutschen vor dem »ich« kommen kann - Zag aus Bristol etwa müsste das »like« immer hinter das »I« setzen.