Spracherwerb Das Babylabor
In Tricia Strianos Leipziger Institut werden Babys verkabelt und Spielzeuge beschimpft. Dafür bekam sie Deutschlands begehrtesten Preis für Nachwuchsforscher. Sie untersucht, wie die Kleinen ohne Sprache kommunizieren und ob Autismus noch früher diagnostiziert werden kann.
Millionen Steiff-Teddys droht das Ende ihres faulen Daseins. Weiches Fell - schön und gut. Treuer Kamerad der Kinder - auch nett. Aber wenn es nach der Entwicklungspsychologin Tricia Striano geht, ist der Teddy, überspitzt formuliert, eine Zeitvergeudung für Kinder. »Was könnte man alles erreichen, wenn dieser Teddy Französisch spräche?«, sagt sie, »oder Englisch oder Japanisch - damit die Kinder automatisch mehrsprachig aufwachsen würden?«
Die seit 2000 in Deutschland lebende Amerikanerin erforscht das enorme Lernpotenzial von Säuglingen - jenen Aspekt der Entwicklungspsychologie, der im Moment allerorten die höchste wissenschaftliche Aufmerksamkeit genießt. Striano leitet das jüngst in Leipzig gegründete »Forschungslabor für frühkindliche Entwicklung« an der Universität, betreibt dort mit rund 20 angestellten Wissenschaftlern soziologisch-psychologische Grundlagenforschung - und müht sich nebenher, die deutsche Sprache zu lernen.
»Es ist für meine Arbeit ganz hilfreich, dass ich auch gerade am Lernen bin«, sagt die 32-Jährige. »Ich habe, als ich aus Amerika kam, viel Sesamstraße geguckt und festgestellt: Mit diesen Puppen geht das ganz schwer, weil die synchronen Lippenbewegungen fehlen. Nachrichten sind viel zu kompliziert, Werbung geht schon leichter, wegen der abgeschlossenen Mini-Erzählungen.« Beim Kinderkanal fand sie das ideale Programm: Der Bär im großen blauen Haus. »Die haben alles Gelernte wiederholt und zudem noch als Schrift ins Bild gesetzt«, sagt Striano. »Die Frage, die sich mir dabei immer stellte, war: Ist es dasselbe, wenn Kinder und Erwachsene eine Sprache lernen?«
Von Geburt an haben Babys eine soziale Kompetenz: die der Imitation und die der Unterscheidung zwischen »Mutter« und »nicht Mutter«, also allen anderen. Babys schauen vom ersten Tag an jene Personen länger an, die sie ebenfalls direkt anblicken, der Blickkontakt ist also das wichtigste Tor zum Verstehen der Welt.
Mit ihrem Team untersucht Striano, wie Babys innerhalb von einem Jahr laufen, sprechen, hören und Gesten nachahmen lernen. Davon erhofft sie sich auch Erkenntnisse für Erwachsene.
»Für große Firmen, die international arbeitende Mitarbeiter brauchen, könnte diese Forschung sehr interessant sein, weil sie Wege aufzeigt, die Sprachfähigkeit schon im allerjüngsten Alter auszubilden«, glaubt Striano. »Keiner müsste sich später so quälen, wie ich es zurzeit mit dem Deutschen tue - oder zumindest viel weniger.«
Was sich fast ein bisschen beängstigend anhört, sind die ambitionierten Pläne eines jungen Teams, das beispielsweise herausfinden will, ab wann Babys zwischen relevanter und irrelevanter Kommunikation unterscheiden. Und wie man dies überhaupt erforschen kann. Denn nachfragen: »Sag mal, Baby, ab wann lernst du zu unterscheiden?«, das kann man nicht.
In einem Raum des Labors sitzt Isabel DeGroote, eine Mitarbeiterin Strianos, mit Patrick, einem drei Monate alten Würmchen in Pink. Er schaut, gluckst und sabbert. Links und rechts von ihm hängen zwei gleich aussehende Bälle. DeGroote spricht nun erst zu dem Baby und dreht dann langsam den Kopf zum linken Ball: »Oh, was ist das? Das ist ein Ball. Hallo Baby, siehst du diesen Ball? Er ist rund, der Ball. Und er ist blau. So ein schönes Blau, guck mal, Baby!« Drei Kameras zeichnen die Reaktion des Babys auf: Wendet es seinen Blick ebenfalls dem Ball zu, spricht man von joint attention (etwa: »geteilte Aufmerksamkeit«). Was bei Patrick untersucht wird, ist der frühestmögliche Erwerb dieser Fähigkeit, ohne die er keine Wörter lernen könnte. Doch mit drei Monaten ist er offenbar noch zu jung. Er gluckst und freut sich, aber folgt DeGrootes Blick nicht, egal ob sie freundlich über den Ball spricht oder ihn beschimpft.
»Tendenziell stellen wir aber fest, dass Babys den beschimpften Ball doch interessierter wahrnehmen«, sagt DeGroote, »was vielleicht mit einer evolutionär bedingten Vorsicht zu erklären ist. Nach dem Motto: Ist der Ball bedrohlich für mich? Wächst gleich eine Keule aus ihm heraus?«
Patrick darf nach 20 Minuten auf Mamas Arm das Labor wieder verlassen. Erst wenn er mit neun Monaten oder gar einem Jahr immer noch nicht gelernt hätte, dass »mein Gefühl dem Ball gegenüber nicht dasselbe sein muss wie das von der schimpfenden Tante«, gäbe das Grund zur Besorgnis.
»Natürlich ist das in erster Linie Grundlagenforschung«, sagt Tricia Striano, »aber es gibt Anwendungen, für die diese Versuche sehr interessant sind. Bei der Autismusdiagnose musste man bisher viel länger warten, um einen Verdacht zu haben. Der nächste Schritt wäre, zu untersuchen, ob Autismus heilbar oder zu lindern ist, wenn man ihn früher diagnostizieren kann.«
Im November 2004 bekam Striano den Sofja-Kovalevskaja-Preis, den mit einer Million Euro höchstdotierten deutschen Wissenschaftspreis für Nachwuchsforscher. »Er ermöglicht uns, noch drei bis fünf Jahre weiterzuarbeiten - was dann ist, hängt von unserem Erfolg ab, zusätzliche Forschungsfinanzierung zu finden.« Es gibt noch eine lange Liste von Fragen: Unter anderem will Striano herausfinden, wie Informationen auf neurologischer Ebene verarbeitet werden und wie Hirnfunktion und Verhaltensweise zusammenhängen. Deshalb werden bei vielen Tests die Gehirnströme gemessen.
Im Zimmer neben Klein Patrick lassen Studenten eine Mutter und ihr Baby per Videoübertragung miteinander kommunizieren. Die Mutter sagt: »Diddeldudeldideldei« und macht eine Pause, um abzuwarten, ob ihr Sprössling auf diese Mitteilung mitgluckst, lacht, sie imitiert oder ignoriert.
Dann schalten die Forscher einen Verzögerungsmechanismus ein, sodass die Unterhaltung wie bei Korrespondenten in den Fernsehnachrichten abläuft: Der Angesprochene bekommt die Frage erst mit zwei Sekunden Zeitverzögerung und reagiert entsprechend verspätet. »Diddeldudeldideldei«, Pause, Pause, Glucksen/Lachen/Ignorieren. Fragt man die Mutter nach dem Experiment, ob ihr etwas an ihrem Kind aufgefallen sei, antwortet sie in der Regel, nö, ach, mein Baby war heute nur etwas müde und unkonzentriert. »Mütter sind auf Geduld und Toleranz quasi naturgeeicht«, sagt Striano, »sie reden ja ganz oft mit dem Baby, als ob sie eine Reaktion erwarteten, und sprechen doch ins Leere.«
Bei Säuglingen, die älter als drei Monate sind, hat schon eine zeitverzögerte Reaktion der Mutter von nur einer Sekunde deutliche Auswirkungen: Sie lächeln seltener, fassen sich aber häufiger an, was Wissenschaftler als Form der Selbstberuhigung deuten: Mama ist jetzt nicht mehr, also die Ruhe bewahren, nicht losschreien, es wird wohl nichts passieren. Wenn zwischen Aktion und Reaktion mehr als drei Sekunden verstreichen, bemerken Babys gar nicht mehr, dass die Mutter zu ihnen gesprochen hat. »Babys leben im Hier und Jetzt«, sagt Striano. »Können Eltern nicht sekundenschnell auf ihr Baby reagieren, erleben sich die Kleinen nicht mehr als Urheber einer Interaktion und geraten in eine so genannte angelernte Hilflosigkeit: Egal, was ich tue, Mama reagiert eh nicht.«
Diese Erkenntnis ist vor allem im Zusammenhang mit depressiven Müttern interessant. Reagiert die Mutter nicht unmittelbar auf ihr Kind, kann das negative Auswirkungen auf das Sozialverhalten ihrer Kindes haben, es verliert an Selbstsicherheit.
»Unsere Erkenntnisse sind universell wichtig«, sagt Tricia Striano, »und ein Leben lang von Bedeutung, wenn wir unser Potenzial besser ausschöpfen wollen.«
Denn was ihr am meisten auffalle, seit sie mit Babys arbeite: »Obwohl sie durch die Gegend getragen werden, fangen sie eines Tages an zu krabbeln. Wenn sie krabbeln können, versuchen sie eines Tages trotzdem zu gehen. Obwohl sie sich sicher fortbewegen, probieren sie immer weiter. Diese buchstäbliche Stehaufmännchen-Mentalität haben wir Erwachsenen verlernt. Obwohl wir eigentlich viel mehr Selbstvertrauen in unsere zukünftige Projekte haben müssten als die Kleinen.«
- Datum 17.03.2007 - 11:57 Uhr
- Quelle © ZeitWissen 01/2006
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