Supervulkane Rom zu Asche, München zu Staub
Östlich von Neapel liegt der Vesuv, aber westlich der Stadt liegt die Hölle: Der größte Vulkan Europas. Als der Supervulkan vor 39 000 Jahren explodierte, bedeckte seine Asche den halben Kontinent. Heute rauchen über der Magmablase immer noch ein paar Schlote. Der nächste Ausbruch kommt bestimmt
Der Mann redet langsam, als müsse er seine Worte erst mit dem Spaten aus dem gelblichen Boden graben. Seine Augen liegen tief in viel zu großen Höhlen, sie wirken verloren wie ein Ruderboot im Ozean. Tut mir leid, sagt er, leider ist dieser Teil des Vulkans Privatbesitz. Ich kann nichts erzählen über das Gelände, ich bin nur Aufseher.
Er bewacht ein Gelände, auf dem die Griechen einst den Zugang zur Unterwelt vermuteten. Hier spielte eine Schlacht, in der es um die Weltherrschaft ging, Zeus gegen die Giganten. Die Schlacht war blutig, sie wurde mit Hilfe von Feuer geführt, das aus dem Boden kam. Zeus gewann. Die Griechen nannten den Platz »Die brennenden Felder«, und so heißt er heute noch: Campi Flegrei, Phlegräische Felder.
Das Feuer ist immer noch dort, tief unter der Erde brennt es, und wenn es an die Oberfläche tritt, wird es wieder Unheil anrichten. Die Phlegräischen Felder, nördlich von Neapel, sind der größte Vulkan Europas. Der Aufseher steht auf einem Quadratmeter Supervulkan.
Über ihm hängt die Sonne im blauen Himmel wie eine fette Spinne in einem zu kleinen Netz. Der Gestank fauler Eier wabert über das Gelände, in Löchern blubbert heißer Schlamm, Schwefelgase zischen aus dem Boden. Der Aufseher ist hier, um Leben zu retten, er soll aufpassen, dass niemand in die Gase gerät und erstickt.
Im Hintergrund liegt ein Campingplatz, viele Franzosen verbringen hier ihre Sommerferien. Auf einem Hügel, keine 50 Meter von den Zelten der Franzosen entfernt, bricht ein Feuer aus. Die Flammen breiten sich schnell aus, die Feuerwehr lässt sich Zeit. Der Aufseher guckt zu. Ich freue mich immer, wenn so was passiert, sagt er, hier ist es sonst recht unspektakulär. Er kenne diesen Vulkan und wisse, dass man sagt, der Vulkan werde Europa eines Tages mit in den Untergang nehmen.
Unter uns, sagt der Mann, für mich sind die ganzen Phlegräischen Felder nichts als ein Haufen stinkender Sand.
Hier ist ein tiefes Tal, es gibt keinen hohen Berg, was für ein komischer Vulkan soll das sein? Wegen seiner heißen Dämpfe haben die Römer Teile des Geländes als natürliche Sauna benutzt. Angeblich. Im Hintergrund wird die Feuerwehr hektischer, die Flammen nähern sich dem Camp, sie fressen sich durch das Unterholz wie eine Raupe durch ein Salatblatt. Als sie eine staubige Schneise zwischen Unterholz und Camp erreichen, verhungern sie.
Der Aufseher wirkt zufrieden. Da unten ist etwas, sagt er und deutet auf den Boden. Man könnte fast meinen, es atmet. Aber trotzdem: Als Neapolitaner hast du eine Beziehung zum Vesuv, nicht zu den Phlegräischen Feldern. Der Vesuv ist deine Frau und dein Kind, du fühlst dich zu Hause.
Der Vesuv, hat der Taxifahrer Mario am Tag zuvor auf Deutsch gesagt, der Vesuv hält mich fest. Ich konnte nicht weggehen, mein Vater hatte eine Pizzeria in Landau, ich habe es wirklich versucht, aber es war nicht die Sonne, die ich vermisst habe, und es war auch nicht Neapel, der Vesuv hat mir gefehlt. Mario ist ziemlich dick, er trägt ein blaues Hemd, durchgeschwitzt, und eine goldene Halskette. Am Armaturenbrett seines Taxis klebt ein Kreuz. Der Vesuv und der SSC Neapel, das macht für mich Heimat aus, sagt er.
Die Phlegräischen Felder, das ist nur eine große öde Fläche, nicht spannend. Mit dem Taxi einmal drum herumfahren kostet 70 Euro. Ist das interessant? Nein. Hier ist meine Telefonnummer, falls doch. Natürlich hat man Pech, wenn der Vesus ausbricht, dann sind wir verloren, aber ich bin stolz darauf, hier zu wohnen. Es gibt einen Spruch für uns Vesuvianer: Besser einen Tag als Löwe leben, denn einhundert als Schaf. Dann fährt er weg.
Der Vesuv liegt östlich von Neapel, rund 15 Kilometer entfernt. Er ist 1279 Meter hoch, sein Umfang am Fuß beträgt etwa 50 Kilometer. Wenn der Vulkan ausbricht und die Winde schlecht stehen, wird ein Großteil der Stadt völlig zerstört. Knapp eine Million Menschen leben hier. Die Neapolitaner lieben ihren Vulkan.
Die Phlegräischen Felder gehen im Norden durch die Stadt hindurch und erstrecken sich nach Westen bis in den Golf von Neapel. Sie sind 150 Quadratkilometer groß und setzen sich aus 40 Einzelvulkanen zusammen. Wenn einer ausbricht, könnten die anderen ebenfalls hochgehen. Der Krater ihrer letzten gemeinsamen Explosion ist zu groß, um ihn vom Boden aus zu sehen; er hat einen Durchmesser von 13 Kilometern. Wenn dieser Supervulkan ausbricht und die Winde schlecht stehen, wird ein Großteil Europas zerstört. Knapp 700 Millionen Menschen leben auf dem Kontinent. Den Neapolitanern sind die Phlegräischen Felder egal.
Als ein Vulkan der brennenden Felder das letzte Mal ausbrach, 1538, war die Explosion lokal begrenzt, ein Ausbruch, wie es ihn weltweit 50-mal im Jahr gibt. Aber als die Gegend vor etwa 39 000 Jahren ihr pockennarbiges Gesicht bekam, war hier die Hölle los. Der Supervulkan spuckte mindestens 200 Kubikkilometer Magma aus, andere Schätzungen gehen von bis zu 500 Kubikkilometern aus. Zum Vergleich: Als der Vesuv im Jahr 79 Pompeji und Herculaneum begrub, schleuderte er knapp fünf Kubikkilometer Magma in die Umgebung.
Kurz nach dem Ausbruch der Phlegräischen Felder war von Süditalien nicht mehr übrig als ein großes Loch im Boden. Die Asche der Explosion, dreimal so viel wie die ausgeworfene Lava, flog im Osten bis zum Ural und im Norden über die Alpen. Der Wind wehte von Westen zu dieser Zeit, wie meistens in Süditalien. Die iberische Halbinsel blieb daher ohne Schaden, aber der gesamte Mittelmeerraum bis nach Syrien und Nordägypten wurde von einer mehrere Zentimeter dicken Ascheschicht zugedeckt.
Die so genannten pyroklastischen Ströme, 500 Grad heiße und bis zu 300 Stundenkilometer schnelle Wolken aus Gas und Gestein, die dem Ausbruch vorausgingen, fegten wie die apokalyptischen Reiter über ein 30 000 Quadratkilometer großes Gebiet und töteten auf der Stelle alles Leben. Die Wucht war so groß, dass das Gestein fast 50 Kilometer in die Höhe flog.
Die nun leere Magmakammer stürzte auf einer Fläche von 230 Quadratkilometern ein. Auch die Überlebenden außerhalb des Verwüstungsradius bekamen nun die Folgen zu spüren. Die Durchschnittstemperatur fiel weltweit um drei Grad Celsius, in Europa um das Doppelte. Im grönländischen Eis ist die Klimakatastrophe dokumentiert. Bohrungen dort haben gezeigt, dass die niedrigsten Temperaturen der letzten Eiszeit direkt nach dem Ausbruch der Phlegräischen Felder erreicht wurden.
Jeder Vulkanausbruch beeinflusst das Klima. Ein globales Frösteln setzt allerdings erst ab einer bestimmten Eruptionsgröße ein. 1815 brach der indonesische Vulkan Tambora aus. Es ist die größte Explosion, die der moderne Mensch je miterlebt hat, etwa hundertmal so stark wie die des Mount St. Helens 1980. Die Durchschnittstemperatur in Europa sinkt 1816 um zweieinhalb Grad. Im Sommer schneit es in den USA. In Europa ist der Himmel ständig bedeckt, es regnet ununterbrochen. Das Jahr geht in Europa und den USA als »Jahr ohne Sommer« in die Geschichte ein. Die fortwährende Dunkelheit soll Mary Shelley zum Schreiben des Bestsellers Frankenstein inspiriert haben. Bis 1819 führt die Kälte zu Missernten und Hungersnöten.
Das älteste Eis in Grönlands Klimaarchiv ist etwa 160 000 Jahre alt. Nur ein einziges Mal in diesem Zeitraum war es kälter als nach dem Ausbruch der Phlegräischen Felder. Schuld war diesmal der Ausbruch des Toba auf Sumatra vor 74 000 Jahren. Er explodierte mit einer Sprengkraft von 40 Millionen Atombomben des Hiroshimatyps und schleuderte dabei etwa 2800 Kubikkilometer Magma in die Luft. Asche regnete auf Südostasien, Indien und Südchina wie schwarzer Pulverschnee und bedeckte einige Landstriche kniehoch. Die Explosion hinterließ einen Krater von 100 Kilometer Länge und 60 Kilometer Breite, die Temperatur sank weltweit um vier Grad, in Europa um zehn. 1000 Jahre hielt diese Abkühlung an.
Der Toba hätte die Menschen der Steinzeit fast ausgerottet. DNA-Analysen belegen, dass es in der Geschichte der Menschheit mindestens einmal zu einer großen Krise kam, in der das Fallbeil über dem Nacken der Menschheit baumelte. Den Zeitraum des Niedergangs kann man relativ genau datieren: Vor 70 000 bis 80 000 Jahren muss das gewesen sein, zur Zeit des Toba-Ausbruchs. Man nimmt an, dass es damals 200 000 Menschen auf der ganzen Welt gab. Innerhalb kurzer Zeit wurden sie auf höchstens 15 000 dezimiert. Amerikanische Wissenschaftler vermuten, dass die Folgen des Ausbruchs für diesen Niedergang verantwortlich sind.
Das ist eine Theorie, sagt Giovanni Macedonio, Leiter des Vesuv-Observatoriums, mehr nicht. Sie klingt ganz schlüssig, aber der letzte Beweis fehlt. Das sei eher ein Herumspekulieren mit Fakten.
Wenn Macedonio von seinem Büro im Stadtteil Fuorigrotta aus dem Fenster blickt, sieht er auf eine Bahnstation namens Campi Flegrei. Nicht die beste Gegend Neapels. Der Putz blättert von den Wänden, überall liegt Müll, streunende Hunde kämpfen um Essensreste.
Das Observatorium mit seiner Fassade aus Stahl und Glas wirkt hier wie ein Fremdkörper. Früher war nicht weit entfernt ein großes Stahlwerk, es musste schließen. Zu teuer, zu unrentabel, zu schwach für den Weltmarkt. Italienischen Stahl will niemand mehr haben. Es gibt Schlimmeres als einen Vulkan, der niemals ausbricht, sagen die Leute hier. Wie eiserne Totempfähle stehen die Strommasten für das Stahlwerk in der Gegend herum.
Dieses ganze Supervulkangequatsche, sagt Giovanni Macedonio, finde ich etwas anstrengend. Tatsächlich ist Supervulkan ein von den Medien gemachtes Wort, das vor gut zehn Jahren zum ersten Mal auftauchte. Mittlerweile nutzen aber auch viele Wissenschaftler den Begriff. Macedonio gefällt das nicht. Es gibt Vulkane, sonst nichts, sagt er, Vulkane mit kleinen Eruptionen, Vulkane mit großen und Vulkane mit sehr großen Eruptionen. Das ist alles.
Panikmache ist nicht Macedonios Sache, und Zweifel sind sein Beruf. Als oberster Vulkanexperte Süditaliens ist er verantwortlich für alle italienischen Vulkane. Er hat gut zu tun, Stromboli, Ätna, der Vesuv. Und dann die Phlegräischen Felder.
Wir haben alles im Griff, sagt er, der Vulkan ist überwacht. Er meint den Vesuv. Es gibt Pläne zur Evakuierung. Es gibt verschiedene Gefährdungszonen. Falls sich eine Explosion ankündigt, werden die Menschen in den bedrohten Gemeinden um Neapel zu Partnerstädten in den Norden geschickt.
Giovanni Macedonio sitzt entspannt in seinem schwarzen Ledersessel. Um ehrlich zu sein, sagt er, wir wissen nicht, wie sich eine Explosion der Phlegräischen Felder ankündigen würde, wir wissen nicht, wie groß ihre Magmakammer wirklich ist, wir wissen nicht genau, wie tief die Kammer im Boden ist. Aber wir spekulieren auch nicht, wir versuchen zu beweisen. Dass der Boden sich hebt, heißt gar nichts, er tut das immer mal. 1985 hat er sich mitten in der Stadt an einigen Stellen um zwei Meter gehoben, ein Zeichen für einen baldigen Ausbruch, sollte man meinen, aber es ist nichts passiert, der Boden hat sich wieder gesenkt.
Aber noch mal, sagt Macedonio, wir unterhalten uns hier über eine Sache, die statistisch gesehen nur alle 100 000 Jahre vorkommt. Das Risiko ist zu vernachlässigen. Er muss telefonieren. Supervulkan, sagt er leise und kopfschüttelnd zu sich selber, als er den Hörer schon am Ohr hat.
Ein Supervulkan entsteht, indem aus dem Erdmantel Magma in die Erdkruste aufsteigt wie bei normalen Vulkanen auch. Im Gegensatz zu diesen stößt es allerdings nicht bis zur Oberfläche durch, sondern bleibt in der Kruste hängen. Das Magma schmilzt das Gestein rundherum auf, und ständig fließt von unten neues Magma nach, die Kammer aus zähem Gesteinsbrei wird größer und größer. Das Magma ist so zäh, dass die in ihm eingeschlossenen Gase wie Kohlen- und Schwefeldioxid nicht entweichen können. Im Laufe von Jahrtausenden baut sich ein hoher Druck auf: Irgendwann wird er für die darüber liegende, immer dünner werdende Erdkruste zu stark. Er entlädt sich explosionsartig wie eine geschüttelte Flasche Sekt, die entkorkt wird. Der Hohlraum wird instabil und bricht zusammen, deshalb hinterlässt ein Supervulkan keinen Berg, sondern Täler oder Ebenen, riesige Einsturzkrater, die man Caldera nennt. Nach der Eruption geht es wieder von vorne los.
Wie viele Supervulkane es gibt, weiß niemand genau.
Man muss sich da nichts vormachen, sagt Paolo Gasparini, Vulkanologe an der Technischen Universität von Neapel. Gasparini ist die Ikone der italienischen Vulkanforschung, 68 Jahre alt, er hat weltweit geforscht und viel erlebt. In seinem aufgeräumten Büro hängen Bilder von explodierenden Bergen bei Nacht. Gasparini lächelt gütig. Man muss sich nichts vormachen, sagt er, die Phlegräischen Felder und der Vesuv haben eine gemeinsame Magmakammer. Sie liegt acht Kilometer tief in der Erde und ist 20 Kilometer breit, wir wissen nicht genau, wie tief sie ist, aber wir gehen davon aus, dass sie 400 Quadratkilometer groß ist, ein Gigant. Wir waren ziemlich überrascht, als wir die Kammer entdeckten.
Draußen schieben sich dicke Wolken vor die Sonne. Die Universität liegt neben Fuorigrotta, dem Stadtteil der streunenden Hunde. Links das Fußballstadion, es war mal modern, SSC Neapel, der Verein, geschüttelt von Skandalen und in der Zweiten Liga, ein Bild von Maradona vor dem Stadion, bessere Zeit, ist lange her und schade, dass wir das nicht erlebt haben, sagen die Jungen, die im Foyer der Universität ihre Zigaretten rauchen.
Paolo Gasparini steht auf, er geht zu seiner Sekretärin, unterschreibt etwas, kommt zurück, streicht über ein Luftbild der Phlegräischen Felder, streichelt es fast. Man kann nicht sagen, dies und jenes passiert dann und dann, sagt er, das ist keine Wissenschaft, wir waren alle nicht dabei, als es zum letzten Mal eine Supereruption gab, und sind das hoffentlich auch nie. Wir können von der Vergangenheit auf die Zukunft schließen, das ist alles.
Sicher ist: Das Gebiet um Neapel würde bei einem Ausbruch völlig zerstört. Verheerende Schäden für die Landwirtschaft Europas wären die Folge. Die Asche läge mehrere Dutzend Zentimeter hoch, die fruchtbaren Böden der Ukraine, Russlands, Deutschlands und Polens wären direkt betroffen, vom Mittelmeerraum gar nicht zu reden. Schon eine Ascheschicht von einem Zentimeter zerstört die Ernte. Die Lebensmittelpreise würden in die Höhe schießen, die Versorgung wäre nicht mehr gewährleistet. Südlich der Alpen bräche die Infrastruktur komplett zusammen. Hungersnöte wären die Folge. Im Mittelmeer würde ausgeworfener Bimsstein schwimmen und die Schifffahrt auf Monate hinaus blockieren. Die Energieversorgung aus dem Mittleren Osten würde unterbrochen.
Wegen der Ascherückstände in der Atmosphäre käme der Flugverkehr für Wochen oder gar Monate zum Erliegen, Elektrizitätswerke, Wasseraufbereitung, nichts ginge mehr. Flüchtlinge aus den zerstörten Gebieten machten sich auf den Weg, die mobile Gesellschaft wäre von heute auf morgen ausgebremst. Die anschließende Abkühlung des Planeten würde, zusammen mit der weltweiten Energiekrise, die Zivilisation bedrohen. Wie kalt es genau würde, ist nicht zu sagen, allerdings ist eine Abkühlung um bis zu zehn Grad in Europa durchaus realistisch.
Paolo Gasparini sagt, alles, was einmal war, wird ungefähr in derselben Größenordnung wiederkommen, solange der Vulkan noch aktiv ist. Der Ausbruch eines Supervulkans gleicht in seinen Auswirkungen einem nuklearen Winter. Nur ohne Radioaktivität. Er lächelt. Natürlich wird das Gebiet überwacht, sagt er, wir messen, ob der Boden sich hebt, ob vermehrt Gase austreten, wie die Entwicklung der Tektonik ist, ob die Topografie sich verändert und das Magma sich bewegt, der ganze Kram, der wichtig ist, um vielleicht eine Vorhersage machen zu können.
Der Evakuierungsplan, den es gibt, heißt »Weg vom Vesuv«, nicht »Raus aus Italien«. Er ist nicht auf große Eruptionen ausgelegt, sondern auf kleinere. Das liegt einfach daran, dass kleinere sehr viel gefährlicher für die Menschen sind. Weil sie häufiger vorkommen und die Wahrscheinlichkeit, von ihnen betroffen zu sein, höher ist. Wenn man von Risiken spricht, muss man sich vor Augen halten, dass alles immer passieren kann. Die Frage ist nur: Wie oft?
Alle paar Millionen Jahre fällt ein Meteorit auf die Erde, er kann jetzt genau auf das Büro von Paolo Gasparini stürzen. Das wäre fatal, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist vergleichsweise gering. Es lohnt sich einfach nicht, darüber nachzudenken. Genauso ist es mit einem Ausbruch der Phlegräischen Felder, die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs ist fast null - aber eben nur fast.
Hätte, könnte, würde, sagt Gasparini. Wenn sie jetzt sofort ausbrechen, und das kann natürlich auch passieren, dann haben wir eben Pech gehabt, Schicksal. Es kommt auf das Zeitintervall zwischen zwei Ausbrüchen an. Ist es zu klein, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit zu sterben auf 99 Prozent. Reine Statistik. Sein Büro wird heller.
Die Sonne drängt draußen die Wolken zurück, ihre Strahlen schneiden sich den Weg frei, der Himmel ist wieder blau. 20 Kilometer entfernt, in einem Vulkan namens Solfatara, hebt sich der Boden. Es ist ein schöner Tag.
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- Quelle © ZeitWissen 01/2006
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