Welt 2050 - Bevölkerung Platz für alle

Wie wird sich die Weltbevölkerung entwickeln? Kann der Planet die Menschenmassen ernähren? Die Aussichten sind erstaunlich gut - außer für die Menschen in Afrika.

1. Kann man heute noch von einer Bevölkerungsexplosion sprechen?

Der Globus quietscht und eiert war ein beliebtes Lied in den Kindergärten der 70er Jahre. Der Globus schien vor allem deshalb zu eiern, weil eine unkontrolliert wachsende Weltbevölkerung ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte - mit all den Folgen, die in Bestsellern wie Dennis Meadows' Grenzen des Wachstums beschrieben wurden: Verknappung der Rohstoffe, Verschmutzung der Umwelt, Hungersnöte. Die Bevölkerungsbombe hieß ein Buch des amerikanischen Biologen Paul R. Ehrlich. Der hatte von seinen Insekten gelernt: Eine Tierart, die keine natürlichen Feinde hat, vermehrt sich exponentiell, breitet sich immer weiter aus und frisst alles kahl, bis sie schließlich ihren eigenen Lebensraum vernichtet hat. Katastrophe.

Die Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre zeigen jedoch, dass der Mensch sich anders verhält als die Heuschrecke. Wenn es ihm gut geht, zeugt er nicht mehr Kinder, sondern weniger. Und so ist zwar die Weltbevölkerung seit den 70er Jahren weiter auf heute sechs Milliarden gewachsen, und sie wird auch bis zum Jahr 2050 noch weiter wachsen, aber die UN gehen (in ihrem »mittleren« Szenario, das den meisten Zahlenangaben dieses Artikels zugrunde liegt) davon aus, dass sie dann einen Gipfel von etwa neun Milliarden erreicht und nicht weiter wächst. Von Explosion kann keine Rede mehr sein. »Während die Hauptsorge der Demografen früher das Bevölkerungswachstum war, ist es heute der Bevölkerungsrückgang«, sagt James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für Demografie in Rostock.

Drei Größen beeinflussen die Bevölkerungszahl eines Landes: die Geburtenrate, die Lebenserwartung und die Migration. Die Geburtenrate gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Lauf ihres Lebens zur Welt bringt. Damit die Bevölkerung eines Landes langfristig erhalten bleibt, muss diese Zahl bei 2,1 Kindern pro Frau liegen. »Die meisten Menschen leben heute in Regionen, in denen die Geburtenrate kleiner als 2 ist«, erklärt James Vaupel. Das ist die wichtigste Zahl, die auf den weltweiten Wandel hinweist. In den Industrieländern hält dieser Trend seit 30 Jahren an, in Deutschland ist die Zahl mittlerweile auf 1,3 abgesackt.

Eine niedrige Geburtenrate bedeutet aber kurzfristig noch keinen Rückgang der Bevölkerung. In Deutschland etwa haben die »Baby-Boomer«, die heute 40- bis 50-Jährigen, zwar sehr wenige Kinder gezeugt. Weil sie aber selbst sehr zahlreich sind, war die absolute Zahl der Kinder immer noch groß, die Bevölkerung wuchs weiter. Wer nur auf die Bevölkerungszahlen starrte, dem blieb der Wandel, der schon begonnen hatte, verborgen.

2. Werden die Menschen in ärmeren Ländern weiterhin viel mehr Kinder haben als wir?

Weltweit ist ein Zusammenhang sichtbar zwischen Geburtenzahlen und Wirtschaftswachstum. In armen Ländern sind Kinder eine Art Lebensversicherung. Dort gelten nicht Bedenken der Art »In diese schreckliche Welt kann man doch keine Kinder setzen« - im Gegenteil, je schrecklicher die Bedingungen, umso mehr Kinder werden geboren.

Deshalb sagen die UN auch für die nächsten 45 Jahre das größte Bevölkerungswachstum in den ärmsten Ländern der Welt vorher: In Niger wird sich die Bevölkerung vervierfachen, in anderen afrikanischen Ländern liegt der Faktor immer noch über drei.

Aber auch die Bevölkerung von Ländern, die über eine einigermaßen gesunde Wirtschaft verfügen, wird in den nächsten 45 Jahren weiter wachsen - weil sie heute über viele Jugendliche verfügen, die in den nächsten Jahren Kinder zeugen werden. Das beste Beispiel ist Indien: Es wird um 2040 China als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen und bis zum Jahr 2050 auf rund 1,6 Milliarden Menschen anwachsen - 540 Millionen mehr als heute (siehe Grafik).

Allerdings wird auch die Bevölkerung Indiens älter werden: Heute gibt es elf Länder auf der Welt, in denen das mittlere Alter höher ist als 40 Jahre - an der Spitze liegen Japan, Deutschland und Italien. Im Jahr 2050 wird das in 90 Ländern der Fall sein, auf allen Kontinenten mit Ausnahme Afrikas.

3. Wird sich der Unterschied zwischen Arm und Reich vergrößern?

»In der Weltwirtschaft gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Trends«, sagt Pascal Hetze, Ökonom vom Rostocker Max-Planck-Institut. »Erstens: relativ stabile Wachstumsraten. Und zweitens: Die Ungleichheit wird immer stärker.«

Technischer Fortschritt und eine vernetzte Weltwirtschaft haben dafür gesorgt, dass trotz der Einbrüche durch Kriege und Wirtschaftskrisen insgesamt der Wohlstand gestiegen ist, zumindest in den Industrieländern. Auch so genannte Schwellenländer haben von diesem Fortschritt etwas abbekommen - die Ärmsten sind auf der Strecke geblieben. Als Beispiel für das wachsende Gefälle nennt Hetze Bangladesch, ein traditionell armes Land. Um 1850 betrug das Verhältnis zwischen dem Einkommen eines Bangladeschers und eines Briten 1 : 8, heute sei das Verhältnis 1 : 48.

Welche Länder den Anschluss an den Wohlstand der »westlichen Welt« schaffen und welche nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Unabdingbar für wirtschaftlichen Fortschritt sind stabile Regierungen und ein funktionierendes Bildungssystem. Hetze nennt als Beispiel die Tigerstaaten in Südostasien, deren Wirtschaftssysteme vor 100 Jahren noch denen der lateinamerikanischen Länder entsprachen - inzwischen sind die Asiaten davongezogen, und Südkorea ist weltweit das Land mit den am besten ausgebildeten Einwohnern.

Es besteht aber auch ein enger Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Lage und Bevölkerung. In Ländern mit hohen Geburtenraten frisst die Versorgung des Nachwuchses einen großen Teil des ohnehin bescheidenen Einkommens auf. »Wo die Zahl der Menschen schneller wächst als die Wirtschaftsleistung, sinkt der Lebensstandard, und die Armut nimmt zu«, beschreibt Reiner Klingholz, Leiter des unabhängigen Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, diesen Teufelskreis.

Die Schlüsselrolle für einen Weg aus diesem Teufelskreis sieht Klingholz bei den Frauen: »Wo Frauen mehr Rechte haben sowie Zugang zu Bildung und eigenem Einkommen, bekommen sie erst später und vor allem weniger Kinder.« Die Geburtenrate sinkt, und es öffnet sich für kurze Zeit ein »Fenster« fürs wirtschaftliche Wachstum, wie Klingholz es ausdrückt: Wenn weniger Kinder nachwachsen, werden Mittel für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes frei. Die UN haben das erkannt und auf der Konferenz von Kairo 1994 das Recht auf »reproduktive Gesundheit« in allen Ländern gefordert - ein Recht, das insbesondere religiöse Kräfte in allen Weltgegenden einschränken und verwehren.

4. Gibt es für ein Land eine ideale Bevölkerungsstruktur?

Die Klagen über den demografischen Wandel legen die Vermutung nahe, dass die gute alte Pyramidenform (mit vielen Kindern als breiter Basis und einer kleinen Spitze aus wenigen Alten) eine ideale Verteilung der Bevölkerung darstellt. Aber eine flache Alterspyramide, wie heute noch in den afrikanischen Ländern vorhanden, bedeutet, dass die Menschen relativ früh sterben und dass es eine verbreitete Armut durch zu viele Kinder gibt.

Langfristig die geringsten Probleme hätte eine Gesellschaft, in der die Geburtenrate etwa beim »Ersatzniveau« von 2,1 läge. Demografisch »goldene Zeiten«, wie wir sie heute haben (siehe Antwort 6), würde es jedoch auch dann nicht geben.

5. Sterben die Deutschen aus?

Die Trägheit des demografischen Prozesses bringt es mit sich, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland in den nächsten Jahren sogar noch steigen wird. Erst in etwa zehn Jahren beginnt ein langsamer Bevölkerungsrückgang, und bis zum Jahr 2050 wird Deutschland zwischen acht und zehn Millionen Einwohner verlieren. Das Statistische Bundesamt prognostiziert einen größeren Rückgang als die Max-Planck-Demografen, weil die Bundesstatistiker die Entwicklung der Lebenserwartung konservativer einschätzen. Eine wichtige Variable ist auch die Annahme über die Zuwanderung. Von »Aussterben« kann aber in keinem der Szenarien die Rede sein.

6. Können wir durch Geburtenförderung den demografischen Wandel in Deutschland aufhalten?

Die kurze Antwort: Nein. Weil demografische Prozesse so träge sind, ist es längst zu spät, den Bevölkerungsschwund noch zu stoppen. »In den letzten 30 Jahren wurden die Menschen nicht geboren, die jetzt als Eltern zur Verfügung stünden«, formuliert es Kristin von Kistowski vom Rostocker Zentrum zur Erforschung des Demografischen Wandels, einer gemeinsamen Einrichtung des Max-Planck-Instituts und der Universität Rostock. Selbst wenn die Kinder der Baby-Boomer nun eine neue Lust an der Fortpflanzung entwickeln würden - sie sind einfach zu wenige, um den Trend zu stoppen.

Aus der Bevölkerungspyramide ist in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren ein ziemlich ausgefranstes Gebilde geworden. Die beiden Weltkriege haben tiefe Scharten in den »Jahresringen« hinterlassen. Am auffälligsten aber ist ein Wulst, der sich in den vergangenen Jahrzehnten von unten nach oben geschoben hat. Im Moment ist dieser »Speckgürtel« in der Mitte angekommen - wir leben in »demografisch goldenen Zeiten«, sagt Kistowski. Die Mitglieder der geburtenstarken Jahrgänge sind (zum großen Teil) in Lohn und Brot, sie müssen für wenige Kinder und relativ wenige Rentner sorgen. Erst in etwa zehn Jahren wird es kritisch.

Auch wenn höhere Geburtenzahlen das Problem nicht lösen können, so ist es natürlich dennoch sinnvoll, junge Eltern zu fördern. Die Deutschen sind im Moment so fortpflanzungsscheu wie nie: Deutschland und Österreich sind die beiden einzigen Länder auf der Welt, in denen nicht nur wenige Kinder geboren, sondern sogar weniger als jene 2,1 Kinder gewollt werden, die zum Erhalt der Bevölkerung notwendig wären: Befragt man junge Frauen danach, wie viele Kinder sie bekommen wollen, dann ergibt sich nur ein Wert von 2,0. Die Lücke zwischen den geborenen 1,3 Kindern und den gewollten 2,0 Kindern ist das Feld für die Politik.

7. Und was ist mit den Einwanderern?

Hier zu viele Menschen, dort zu wenige - kann man das nicht ausgleichen, indem man die Migration erleichtert? »Man kann das nicht gegeneinander aufrechnen«, sagt Herwig Birg vom Institut für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik der Uni Bielefeld. »Das ist so, als würde man ein Bein in heißes Wasser tauchen und das andere in einen Behälter mit Eiswürfeln.«

Aus mehreren Gründen ist Zuwanderung keine Lösung des Problems. Erstens sind die meisten Immigranten ja keine Kinder, sondern im erwerbsfähigen Alter - wenn sie bleiben, gehören sie auch bald zu den Alten. Und die Erfahrung zeigt, dass Einwanderer sich bald an die Kultur ihres Gastlandes angleichen, auch was die Fortpflanzungswilligkeit angeht: Bei den spanischen Gastarbeitern in Deutschland geschah das binnen einer Generation, bei den Türken dauert es etwas länger.

Vor allem aber ist die Zahl der Einwanderer, die nötig wären, um die jetzige Altersstruktur Deutschlands bis 2050 zu stabilisieren, unvorstellbar hoch: Das Max-Planck-Institut schätzt den benötigten Zustrom auf 200 Millionen Menschen. Zurzeit wandern pro Jahr weniger als 100 000 Menschen nach Deutschland ein. Eine demografisch wirksame Einwanderung könnte selbst das multikulti-freundlichste Land nicht verkraften.

Schon in den letzten Jahren hat sich am Beispiel der Green Card gezeigt, dass Deutschland aus diversen Gründen gar nicht das bevorzugte Einwanderungsland - etwa für die begehrten asiatischen Computerspezialisten - ist. In Zukunft wird die Frage nicht sein, wie wir die Menschen von unseren Grenzen fern halten, sondern wie wir durch eine geschickte Einwanderungspolitik an gute Nachwuchskräfte kommen.

8. Steigt unsere Lebenserwartung immer weiter?

Die Lebenserwartung ist eine seltsame statistische Größe - sie gibt nicht an, wie alt die heute lebenden Menschen voraussichtlich werden, sondern spiegelt die heutigen Sterbeziffern wider. Die jetzt lebenden Menschen werden im Schnitt älter werden als die aktuelle Lebenserwartung - wenn der Trend der vergangenen 150 Jahre anhält. In dieser Zeit hat sich die Lebensdauer der Menschen kontinuierlich verlängert, und zwar auf fast lineare Weise um drei Monate pro Jahr (siehe Grafik).

Das ist deshalb so erstaunlich, weil es ganz unterschiedliche medizinische Durchbrüche waren, die zu dieser immer höheren Lebensdauer geführt haben. Zunächst ging es darum, die Säuglings- und Kindersterblichkeit zu senken. Später standen die Infektionskrankheiten im Vordergrund, an denen in den Industrieländern heute kaum noch jemand stirbt - von Aids abgesehen. Heute geht es vor allem um die Bekämpfung chronischer Krankheiten, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Altersdemenz und Krebs. Ein Beispiel: Würde in den nächsten Jahrzehnten der Krebs vollständig besiegt, so würde sich das durchschnittliche Menschenleben um drei bis vier Jahre verlängern.

Die Demografen gehen bei ihren Szenarien von einer mehr oder weniger gleichbleibenden Zunahme der Lebenserwartung aus. Es gibt auch Optimisten, die glauben, dass epochale Fortschritte in der Medizin eine noch viel radikalere Verlängerung der Lebenszeit mit sich bringen (siehe das »Orakel« von Ray Kurzweil auf Seite 56).

Eine gute Nachricht: Nicht nur die Lebenszeit wird sich verlängern, sondern auch die gesunde Lebenszeit. Das heißt: Die Zeit, in der die Menschen hinfällig und pflegebedürftig sind, bleibt konstant und verschiebt sich nur in ein späteres Alter.

9. Vergreist unsere Gesellschaft?

Vor einer langsam schrumpfenden Gesellschaft muss eigentlich niemand Angst haben. Aus ökologischer Sicht zum Beispiel wäre es durchaus sinnvoll, wenn sich weniger Menschen die natürlichen Ressourcen unseres dicht besiedelten Landes teilen würden. »Nicht die Schrumpfung, sondern die Alterung ist die demografische Herausforderung«, sagt Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs. »Vergreisung« ist das falsche Wort - der Durchschnittsdeutsche wird immer älter, aber er sieht nicht unbedingt älter aus. Der 70-Jährige im Jahr 2050 wird so fit sein wie der 60-Jährige heute. Nicht Greise werden das Land bevölkern, sondern »rüstige Rentner«, die auch zu einer neuen Zielgruppe für die Werbung werden.

10. Werden wir in Zukunft länger arbeiten müssen?

Der Übergang von unseren »goldenen demografischen Zeiten« in die gealterte Gesellschaft wird hart, wenn sich nichts an den Strukturen der Arbeitswelt ändert. Heute sorgen in der EU vier Arbeitnehmer für einen Rentner, im Jahr 2050 werden es nur noch zwei sein.

In den vergangenen Jahrzehnten sind die Menschen immer früher in Rente gegangen, obwohl sie immer älter wurden - eine absurde Entwicklung. »Wirtschaft und Staat nutzen ältere Beschäftigte heute überwiegend als Dispositionsmasse, um akute konjunkturelle oder strukturelle Probleme zu lösen«, sagt der Politologe Harald Wilkoszewski vom Rostocker Max-Planck-Institut. Mit dem Resultat, dass heute zwar offiziell ein Rentenalter von 65 Jahren gilt, aber nur noch 40 Prozent der 55- bis 64-Jährigen tatsächlich einen Job haben. (In Schweden sind es dagegen 70 Prozent).

Die Rostocker haben für einige Länder die Arbeitszeit pro Kopf der Bevölkerung verglichen: So arbeitete 2003 der Durchschnittsdeutsche (vom Baby bis zum Greis) 16,5 Stunden pro Woche, in den USA waren es 18,5 Stunden. Das Institut entwickelte den so genannten Rostocker Index, der misst, um wie viel die geleistete Arbeit unter neuen demografischen Bedingungen abnehmen würde, wenn ansonsten alle Bedingungen konstant blieben. In Deutschland würden dann im Jahr 2025 pro Kopf 8,8 Prozent weniger gearbeitet - das hieße: Der gesellschaftliche Wohlstand ginge zurück.

Wenn die geburtenschwachen Jahrgänge in die Arbeitswelt drängen, wird sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt entspannen. Dann wird sich auch die Frage stellen, warum wir lauter körperlich arbeitsfähige Menschen in einen immer längeren Ruhestand schicken. Dass das Rentenalter erhöht werden muss, haben auch die Partner der großen Koalition in Berlin eingesehen - aber noch trauen sie sich nicht, dem Volk die Wahrheit dieser Erkenntnis unverblümt mitzuteilen. Nach dem Koalitionsvertrag soll die Anhebung erst im Jahr 2012 beginnen, 2035 (!) soll dann das Rentenalter 67 Jahre erreichen. Ein lächerliches Schneckentempo, findet auch die OECD, die zu dem Thema eine internationale Untersuchung durchgeführt hat. »Wichtig ist es, das Rentenalter zu erhöhen«, sagt der Verfasser der Studie, Christopher Prinz. »Das sollte man automatisch mit der höheren Lebenserwartung verknüpfen.« Würde man das tun, müsste das Pensionsalter in 30 Jahren schon bei 72 liegen.

Die Regierenden täten gut daran, ihren Wählern die bittere Pille bald zu verabreichen - die für manche gar nicht so bitter ist: Wie die aktuelle Umfrage von ZeitWissen zeigt (siehe Seite 51), sind gerade die über 50-Jährigen in ihrer Mehrheit durchaus bereit, bei guter Gesundheit auch länger als bisher zu arbeiten.

Wie sich die Arbeitswelt verändert, wenn die Beschäftigten immer älter werden, lässt sich heute noch nicht absehen. Die frühere Standardbiografie, nach der der Mensch in den ersten beiden Lebensjahrzehnten lernt, dann 40 Jahre arbeitet und anschließend den Ruhestand genießt, ist heute schon nicht mehr die Regel. Die Menschen werden sich auf ständige Veränderungen und neue Herausforderungen einstellen müssen. In Sonntagsreden ist vom lebenslangen Lernen die Rede und von dem Wert, den ältere Arbeitnehmer aufgrund ihrer Erfahrung für die Firmen darstellen. Reiner Klingholz vom Berlin-Institut sieht das eher skeptisch: »Die Älteren haben mehr Erfahrungswissen, aber die wirklichen Innovationen kommen von Menschen, die jünger als 40 sind.«

Zahlen und Fakten

26% der deutschen Männer zwischen 20 und 39 wollen heute keine Kinder - 1992 waren es nur 13 Prozent.

48% der 1970 geborenen westdeutschen Frauen hatten mit 30 noch kein Kind - beim Jahrgang 1950 waren es nur 23 Prozent.

26% des Bruttoinlandsprodukts werden 2050 in Deutschland aus »alterungsbedingten Staatsausgaben« bestehen - im Jahr 2000 waren es nur 17,5 Prozent.

48% der deutschen Männer zwischen 55 und 64 sind erwerbstätig - 1980 waren es noch 70 Prozent.

50% der Menschen in Niger sind jünger als 15 Jahre - in Deutschland sind es 15 Prozent.

50% der Menschen, die 2050 die Erde bevölkern werden, leben schon heute.

ZEIT Wissen Serie: Welt 2050
Gefühlte Zukunftsaussichten: mäßig. Die Stimmung ist nicht gut im Land. Aber wie sehen die Fakten aus? Niemand kann vorhersehen, wie die Welt im Jahr 2050 aussehen wird, aber es gibt Szenarien der Wissenschaftler. Die präsentieren wir Ihnen in diesem Jahr in sechs Folgen.
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  • Quelle ZEIT Wissen 02/2006
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