Elefanten Sanfte Killer

Kein Tier lockt mehr Besucher in den Zoo als der Elefant - und keines hat mehr Pfleger auf dem Gewissen. Auch die Gutmütigsten töten scheinbar grundlos. Muss man sie von Menschen fernhalten?

In Hagenbecks Tierpark in Hamburg kommen sich Elefanten und Menschen ganz nah. Der zweijährige Knirps im Buggy schreit wie am Spieß, als seine große Schwester einem riesigen grauen Untier eine Möhre über den Wassergraben reicht. Das Mädchen genießt die Begegnung, die Berührung des rauen Rüssels, den warmen Atemstrom, das Kitzeln an der Hand, wenn der mächtige Elefantenbulle Hussein das Gemüse greift, es im Maul verschwinden lässt und den Rüssel gleich wieder ausfährt. Mehr!

Fütternde Besucher dienen bei Hagenbeck als Beschäftigungstherapie für Tiere, die sich, in Freiheit stetig im Gelände voranschreitend, durch ihren Tag fressen.

Chefpfleger Thorsten Köhrmann schlendert derweil mitten hinein ins Außengehege, wo die beiden Elefantenkühe Thura und Shandra Rohkost von den Zaungästen abgreifen, während Thai, Thuras Nachwuchs, aufgeregt zwischen ihren Beinen herumwuselt. Sein Rüssel reicht noch nicht über den Graben. Auf den Ruf des Pflegers kommt er eifrig angetrabt, hebt zur Begrüßung brav ein stämmiges Vorderbeinchen, bekommt als Belohnung etwas Leckeres zugesteckt und berüsselt auf der Suche nach Nachschub ausgiebig den artfremden Besuch.

Elefantenpfleger sorgen für die Futterbeschaffung, kümmern sich um Morgenwäsche und Fußpflege, befriedigen den Bewegungsdrang der Tiere, indem sie mit ihnen kleine und große Kunststücke einüben. Traditionell sind die Pfleger Sozialpartner der Großsäuger, Bezugspersonen auf Tuchfühlung. Umwerfend in jeder Hinsicht sind schon Elefantenkinder. Thai war bereits bei seiner Geburt Ende 2004 ein Brocken von 140 Kilo. Heute ist er noch mal 530 Kilo schwerer. Da bekommt der Satz »Der will ja nur spielen« eine ganz andere Wucht. Köhrmann merkt, dem Kleinen ist nach Schubsen und Balgen zumute. Mit einem Klaps bedeutet er ihm: Nichts da! Thai trabt trompetend zu Mutter und Tante zurück.

Abu, sein afrikanischer Artgenosse aus dem Wiener Tierpark Schönbrunn, war gerade mal zwei Jahre älter, als er Ende Februar 2005 seinen Pfleger Gerd Kohl umbrachte. Bei der täglichen Morgenwäsche traktierte er den 39-jährigen Familienvater mit seinen Stoßzähnen derart, dass dieser kurz darauf an seinen schweren Verletzungen starb. »Unerklärlich« ist die Attacke für den Wiener Zoodirektor Helmut Pechlaner, »ein schicksalhaftes Ereignis«. Zwei Jahre vorher war der erfahrene Pfleger Perry Haans nach einem Angriff der 16-jährigen Erna aus dem niederländischen Safaripark Beekse Bergen gestorben. Im Frühjahr 2001 verletzte die 7-jährige afrikanische Elefantenkuh Maya ihren Pfleger Thomas Ruby im Baseler Zoo schwer. Im selben Jahr tötete die 18-jährige Asiatin Mya, bis dahin die Zuverlässigste im Londoner Zoo, ihren Pfleger Jim Robson. Der Bulle Bindu brach 1984 im Zoo des englischen Port Lympne seinem Pfleger mit einem Rüsselschlag das Genick. Einen weiteren wollte Bindu mit dem Rüssel erdrosseln; das Opfer konnte sich gerade noch befreien. »Auf jeden in einem Zoo gehaltenen Elefantenbullen kommt ein toter Pfleger«, schrieb der 1992 verstorbene Verhaltensforscher Heini Hediger, der als Begründer der Tiergartenbiologie gilt und die Zoos Bern, Basel und Zürich leitete.

Sanfte Riesen als kolossale Killer. Elefanten sind »haltungsbedingt das gefährlichste Wildtier in Menschenhand«, denn kein anderes habe so viele Todesopfer gefordert - das ist kein Stehsatz militanter Zoogegner, sondern die Beobachtung der European Elephant Group (EEG), einer Art Nichtregierungsorganisation für Elefantenbelange. Seit 1982, so belegen deren Zahlen, starben bei 90 bekannt gewordenen Angriffen in Zoos 40 Menschen; über 50 wurden verletzt, 20 davon schwer. Alleine in den vergangenen zehn Jahren gab es 17 Tote, hauptsächlich Pfleger. »In keiner anderen Branche wären solche Verluste unter den Mitarbeitern denkbar«, heißt es im Elefanten-Magazin der EEG.

Für Alexander Haufellner von der EEG ist an dieser Schreckensbilanz eine jahrtausendealte Tradition schuld, verklärt zum Mythos vom symbiotischen Miteinander von Mensch und gutmütigem Dickhäuter. Schon vor rund 4000 Jahren dienten Elefanten in Asien als Kriegs-, Parade- oder Arbeitstiere - nicht gezüchtet wie Kamele oder Pferde, sondern als Jungtiere gefangen und gezähmt, oft mit brutalen Methoden.

Hunderte empfindliche Körperstellen kennen erfahrene Elefantentreiber, die Mahuts. Über die Generationen geben sie das Wissen weiter, an welchen Punkten man den Elefantenhaken (Ankus) ansetzen muss, um ein aufsässiges Tier gefügig zu machen. Mit den Elefanten gelangten auch diese Methoden nach Europa. In seinem Standardwerk Die Dressur der Thiere schilderte Pierre Hachet-Souplet 1898: »Ferner dienen mit stählernen Spitzen versehene Stöcke dazu, an passenden Stellen, namentlich am Halse oder Ohr, dem widerspenstigen Thiere Stiche beizubringen; man muss stets auf eine offene, blutende Wunde bedacht sein. (...) Um die Beine sind Gurte mit nach innen gehenden Spitzen, an den Gurten Riemen oder Stricke befestigt.«

Gehege oder Boxen betritt auch Thorsten Köhrmann nie ohne seinen Ankus, seine »Waffe«. Zwar wird der heute nicht mehr zugespitzt. Ein Erziehungsinstrument ist er nach wie vor. Immerhin, blutige Spuren von Misshandlungen würde man an Hagenbecks Elefanten vergeblich suchen.

Das kann die EEG bestätigen. Sie kümmert sich jenseits der offiziellen Verbände um das Wohl und Wehe der Tiere in Zoo und Zirkus. Ihre Mitglieder kennen nahezu jeden Elefanten in jedem europäischen Zoo persönlich. Sie beobachten als ganz normale Besucher den Zustand der Tiere und scheuen sich nicht, Missstände an die Öffentlichkeit zu tragen. Das kann zwar nicht den Grundsatzstreit klären, ob die Zoohaltung von Tieren überhaupt vertretbar ist. In der Debatte um verbesserte Haltungsbedingungen hilft aber jede Transparenz. »In einer Szene, in der eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, sind wir die einzige wirklich unabhängige Kontrollinstanz«, sagt Haufellner. In einigen Zoos werden EEG-Beobachter allmählich mit wachsendem Respekt behandelt, »in den besseren jedenfalls«.

Denn Opfer des problematischen Zusammenlebens von Homo sapiens einerseits und Loxodonta africana (afrikanischem Elefanten) oder Elephas maximus (asiatischem Elefanten) andererseits sind zunächst die Tiere. Ihre für Menschen gefährlichen Ausraster zeigen: Die Zoohaltung von Elefanten steht am Scheideweg, es geht um die Sicherheit von Pflegern, das Wohlbefinden und den Nachwuchs der Tiere - und schlicht darum, ob in 20, 30 Jahren überhaupt noch behaarte Rüssel in Europas Zoogehegen kleinen Mädchen Karotten aus der Hand fressen werden.

Die »Musth« (sprich: Mast) war die einzige Erklärung, die lange für den Killertrieb der Dickhäuter herhalten musste. Wenn die männlichen Tiere mit etwa acht Jahren geschlechtsreif werden, können sie mehrmals im Jahr für etwa einen Monat in diesem Zustand sein, in dem sie testosterondurchtränkt keinerlei Dominanz akzeptieren. Musth äußert sich bei Bullen durch ständig aus den Schläfendrüsen tropfendes Sekret, stetig tröpfelnden Urin, angeschwollene Hoden - und vor allem durch extrem schlechte Laune, vom griesgrämigen Einzelgängertum bis zum rasenden Tobsuchtsanfall.

Im April vergangenen Jahres riss sich in Guwahati im indischen Bundesstaat Assam ein solches Tier aus seinen Ketten los, warf Strommasten und Autos um, demolierte Häuser und Läden, trampelte dabei zwei Menschen zu Tode, verletzte vier weitere und versetzte Hunderte in Panik, bevor es per Narkosegewehr betäubt und wieder in Ketten gelegt werden konnte. Lange galten solche Bullen einfach als bösartig und absolut unberechenbar, wurden nach Attacken regelrecht hingerichtet - erschossen, erdrosselt oder vergiftet.

In Asien, wo die kräftigen Tiere als Arbeitskräfte dienen, sind schwere Unfälle an der Tagesordnung. Noch bis vor kurzem zählte niemand die getöteten Mahuts, die in Indien zur niedrigsten Kaste gehören. 2001 legte die Regierung eine erste, wohl unvollständige Statistik vor, wonach zwischen 1980 und 2000 mindestens 250 Unfälle sogar tödlich verliefen.

In Europa nahmen Angriffe vierbeiniger Testosteronbomber ab, seit Mitte der achtziger Jahre jeder direkte Kontakt mit geschlechtsreifen Bullen verboten wurde. Sie müssen in besonders gesicherten Gehegen und Boxen gehalten werden.

Doch tödliche Unfälle wie die mit den Weibchen Erna, Maya und Mya ereigneten sich weiterhin. Denn mittlerweile werden im Zoo lebende Kühe und Jungtiere zunehmend aggressiver. Gut drei Viertel der Attacken der letzten zehn Jahre gingen von weiblichen Tieren aus. Woran das liegt, ist unklar. Afrikanische Elefantinnen scheinen eher zu spontanen Wutausbrüchen zu neigen, während die Asiatinnen auf eine günstige Gelegenheit zum Zuschlagen warten, etwa wenn ein Pfleger allein mit ihnen ist.

»Der asiatische Elefant tötet selektiv, nicht wahllos«, sagt Fred Kurt, der Nestor der Elefantenforschung. Häufig sind aggressive Erwachsene als junge Tiere brutal behandelt worden. Kein Tier »vergisst« eine Misshandlung. Wann in den 80 Jahren eines Elefantenlebens diese Erinnerung hervorbricht, kann kein Pfleger einschätzen. So steht die herkömmliche Haltung infrage.

Generell sei eine sichere Einordnung in gefährliche und ungefährliche Elefanten nicht möglich, heißt es bei der EEG, die fordert: Hände weg von den Tieren! Hands- off statt hands-on. In den USA und im europäischen Ausland ist der protected contact schon üblich, das Prinzip des geschützten Kontakts: Die Tiere werden in einem entsprechend ausgestatteten Areal überwiegend sich selbst überlassen. Sie nehmen ihr Bad oder ihre Sanddusche nicht nach dem Stundenplan der Pfleger, sondern zu deren Sicherheit alleine und wenn ihnen danach zumute ist. Ihr Durchsetzungsvermögen erproben sie an den eigenen Artgenossen, nicht am Menschen.

So wie in Köln. Bislang einzigartig in Deutschland, werden hier die Elefanten im geschützten Kontakt gehalten. Seit September 2004 ermöglicht das der Elefantenpark des Kölner Zoos: ein fast zwei Hektar großes Areal mit einer Außenanlage und einem Innenfreilauf von rund 2000 Quadratmetern für die Kühe. Dort gibt es Paarungs- und Nebengehege, einen speziellen Behandlungskäfig, Wasserbecken, Sandboden und Felsenlandschaft. Einzelkäfige hingegen fehlen. Fachleute wie Elefantenpapst Fred Kurt haben an dem 15 Millionen Euro teuren - und ausschließlich aus Spenden finanzierten - Projekt mitgewirkt.

In Köln sind Menschen und Elefanten voneinander getrennt. Architektonisch und prinzipiell. Während die Pfleger im Innengehege für die Nacht frisches Gras, Heu und Leckereien verteilen, sind die Tiere - hands- off - in der Außenanlage.

Chefpfleger Brian Batstone stellt sie aus der Ferne vor: die Kuh Thi Hay Phyu und die hochschwangere Kahing Luing Htoo. Zusammen sind sie und ihre beiden Söhne aus dem niederländischen Zoo Emmen gekommen. Einträchtig drehen sie ihre Runden, gönnen sich ab und zu eine Sanddusche, während die Elefantenjungs das Publikum mit temperamentvollen Rangkämpfen unterhalten, die mit großem Geplansche in einem Wasserbecken enden.

Respektvollen Abstand halten die beiden jungen, kürzlich aus Myanmar (dem früheren Birma) eingetroffenen Kühe. Sie sind rangniedriger. Auch ein sechsjähriger Jungbulle aus dem Zoo von Singapur ist offenbar erleichtert, dass er die anfänglichen Rangkämpfe mit den anderen erfolgreich überstanden hat.

Innerhalb relativ kurzer Zeit scheint geglückt, was Experten an der hands-off-Haltung als schwierig bezeichnen: Aus den tierischen Individualisten hat sich eine intakte Gruppe gebildet. Eine Herde, deren »ruhender Pol« ausgerechnet der 36-jährige Zuchtbulle Bindu ist, wie die EEG-Leute erspäht haben. Der genickbrechende Rüsselschläger!

Als Batstone den tricky bastard ruft, schiebt sich seine mächtige Silhouette ins Blickfeld - ein ramponierter Riese mit kümmerlichen Stoßzähnen und abgebissener Schwanzquaste. Er mag keine Menschen, besonders keine Pfleger. Doch als Batstone jetzt einen leisen Laut ausstößt, antwortet der Elefant. »So begrüßen sich Bullen«, sagt Batstone und wirft trockenes Brot in Bindus Richtung, wobei er sorgfältig auf den Rüsselabstand achtet. Nach einer Weile kreuzt der Koloss die Hinterbeine. »Er entspannt sich, er fühlt sich gut«, erklärt der Pfleger.

Brian Batstone stammt aus Sri Lanka und weiß die Sprache der Elefanten zu deuten, denn er hat sein Leben lang mit ihnen gearbeitet - im direkten Kontakt. Zur neuen Elefantenhaltung in Köln sagt er bloß, dass »jede Form ihre Vor- und Nachteile« habe.

Sein Hamburger Kollege Thorsten Köhrmann - seit 20 Jahren bei Hagenbeck, wie vor ihm sein Vater und sein Großvater, seit zehn bei den Elefanten - ist da weniger schweigsam: Wenn ein Pfleger gut ausgebildet sei und aufpasse, sei der Beruf nicht gefährlicher als Malermeister oder Dachdecker. Neue Haltungsformen? »Futter übern Zaun werfen - das kann jeder.« Schon jetzt mangele es an qualifiziertem Nachwuchs, weil an den Gehältern gespart werde. Dann wird er richtig wütend: »Es kann doch nicht jeder Papageien- oder Pferdeonkel hier im Stall rumlatschen.« Unter den Menschen im Zoo sind die Elefantenwärter klar die Alphatierchen. »Seht, wir beherrschen die grauen Riesen. Ohne uns könntet ihr sie gar nicht halten«, beschreibt EEG-Mann Alexander Haufellner deren Selbstverständnis. Was bleibt im »geschützten Kontakt« von ihrem Image? Keine Frage, die den Zeitgeist interessiert.

»Wenn die Besucher sagen, dass die Tiere ihnen leid tun, haben wir etwas falsch gemacht«, sagt Gunther Nogge. Kölns umtriebiger Zoodirektor ist mit der neuen Elefantenhaltung auch der Mode gefolgt. Jahrzehntelange Aufklärungsarbeit von Tierfilmern wie Grzimek, Sielmann und Stern zeigt Erfolg. Besucher wollen keine eingepferchten, angeketteten Tiere mehr sehen, sondern sie in möglichst naturgetreuem Ambiente bewundern. Ob Affen, Raubtiere, Reptilien - die meisten Zoos versuchen, die Tiere aus den engen Käfigen zu holen.

Hinter den Kulissen läuft die Debatte um hands-on oder hands-off bei den Elefanten schon lange. Die Sicherheit der Pfleger ist dabei nur ein Nebenaspekt. Tatsächlich geht es darum, welcher Zoo künftig noch Elefanten halten kann. Denn seit 1976 ein Importstopp für asiatische und 1989 für afrikanische Elefanten verhängt wurde, müssen die Zoos durch Zucht ihre Herden intakt halten. Das wird von den 130 europäischen Zoos und Safariparks nur etwa 50 gelingen, prognostiziert die EEG. »Fortpflanzung ist ein Eckpfeiler einer artgemäßen Tierhaltung«, sagt Haufellner. Dabei zeichnet sich ab, dass die Zucht dort erfolgreicher ist, wo die Elefanten ihrem natürlichen Sozialverhalten in der Gruppe folgen können

Sogar Erfahrungen aus Zoos mit traditioneller Haltung liefern dafür Belege. Stephan Hering-Hagenbeck, der hanseatisch distanzierte Gegentyp zum Rheinländer Nogge, kann mit Stolz darauf hinweisen, dass »sein« Zoo der erste in Deutschland war, in dem die »Gruppengeburt« gelang. In der hands-on-Haltung wird eine kalbende Elefantenkuh angekettet und ihr das Junge sofort nach der Geburt weggenommen. Durch den Stress der Niederkunft töten Muttertiere in Panik immer wieder ihren Nachwuchs. In der Natur hingegen verhindern geburtserfahrene Elefantenkühe, dass Neugeborene verletzt werden. Keinen Augenblick weichen sie der Gebärenden von der Seite. Darum ließ man bei Hagenbeck 2003 erstmals zu, dass Nachwuchs ohne jede menschliche, dafür mit Elefanten-Assistenz zur Welt kam. Und 2004 beschützte eine ältere Tante Thai bei seiner Geburt vor der ruppigen Mutter.

Auch die Fortpflanzung ist bei Elefanten eine »soziale Großveranstaltung, eine Art Peep-Show«, sagt Fred Kurt. Hier lernen die Jungbullen durch Zuschauen, wie es funktioniert. Zooübliche Paarungsgehege für intimen Großsäugersex behindern das nur. Die Zucht, so viel kann man heute schon sagen, ist auch für die traditionelle Elefantenhaltung das Einfallstor für Veränderungen.

Auf dem Gelände vor dem Hamburger Elefantenhaus wird emsig gebaut. »Tradition mit Visionen« zitiert Stephan Hering-Hagenbeck das Motto des Tierparks. Wohl schon für den nächsten Winter werden auch die Hamburger Elefanten eine große Halle haben - mit Wasserbecken, Naturboden und Futter, das elefantengerecht von den Bäumen abgeweidet werden kann; alles womöglich noch schöner als in Köln, verspricht der Geschäftsführer. Und die Pfleger? Wird sich auch die Philosophie der Betreuung ändern? »Ob direkter oder geschützter Kontakt, ist doch Nebensache«, weicht Hering-Hagenbeck aus. Aber er lässt durchblicken: »Wenn der protected contact einmal offiziell Vorschrift wird, sind wir jedenfalls vorbereitet.«

Die Vision der Elefantenspäher geht derweil schon einen Schritt weiter: ein paar mehr Tierparks nach dem Vorbild von Cabarceno in Nordspanien, nahe der Hafenstadt Santander, wo die Tiere - no contact - in einem 20 Hektar großen Freigehege in einem ehemaligen Eisenerztagebau sich selbst überlassen leben, unbehelligt von Pflegern, von Menschen überhaupt. Außer, die Dickhäuter kommen freiwillig zum Rand ihres Geheges, um sich den neugierigen Zweibeinern zu nähern. Mehr als gucken, das wissen die Elefanten, können die aber nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie ist das denn dann in Zoos? Dort werden die Tiere ja auch sehr eng gehalten, zudem auch noch dressiert. Gibt bzw. gar es da auch so viele Angriffe bzw. Angriffsversuche auf Menschen, gar auch auf die Zuschauer?

  2. In Zeiten exzellenter Telekommunikationsmöglichkeiten sollte endlich Schluss gemacht werden mit dieser institutionalisierten Tierquälerei! Und komme mir da keiner mit jenen scheinheiligen Argumenten der "Arterhaltung".

  3. Elefanten töten nicht grundlos. Sie sind eingesperrt - Tiere, die eigentlich täglich große Strecken zurücklegen. Sie sind in engen Elefantenhäusern in Ketten gelegt und können sich kaum bewegen. Sie sollen Kunststückchen machen und man verkauft das dann als Beschäftigung für Zootiere. Man mag geteilter Meinung sein, aber für mich ist ein Zoo immer eine große Ansammlung von gequälten Tieren. Oder glaubt jemand, daß der Löwe tagein tagaus im engen Käfig hin- und herrennt, weil er sich so wohlfühlt? Man muß auch nicht die Menschen vor den Elefanten schützen, sondern die Elefanten vor den Menschen. Ein Tier tötet nicht grundlos, einfach so. Das macht nur der Mensch.

  4. Warum setzt die Autorin "vergißt" in Anführungszeichen, wenn sie schreibt, daß ein Elefant nie vergißt? Ist vergessen bei Tieren etwas "ganz anderes" als bei Menschen? Ein kleines Exempel für den grundsätzlichen Speziesismus, der in unseren Zeitungen die Tonart bestimmt, wenn es um Tiere
    geht. Seit rund zwei Jahrtausenden werden Elefanten von Menschen mißbraucht (vom ruhmreichen Abknallen für die Ehre grinsender Machos und für überflüssigen Schnickschnack aus Elfenbein hier nicht zu reden) und in entsetzlicher Gefangenschaft gehalten. War wohl zu wenig Zeit, um zu kapieren, daß die das nicht so mögen. Wirklich beeindruckend, daß jetzt der eine oder andere Gefängnisdirektor darüber nachdenkt, die Gefangenen nicht noch durch ihre Wärter und Begaffer belästigen zu lassen...Hands-on oder Hands-of ist nicht die Alternative (und übrigens Fred Kurt kein Papst für diese armen Sklaven , sondern ein Täufling des Zirkus Althoff, speziesistisch von Jugend auf) - die Alternative ist: Kein Elefant und überhaupt kein Wildtier in Menschenhand !

  5. Sicherlich ein interesantes Thema, nur wie die vorherigen Kommentare zeigen: Ideologische Naturromantiker, Naturfanatische Endzeitsektierer und die Fundamentalkritiker menschlichen Daseins sind einfach hierzu die falschen Ansprechpartner. Hier werden nur eigene Probleme und Defizite dem idealisierten Geschöpf Tier aufgelastet. Auch nur banalste Grundkenntnisse über tierisches Verhalten fehlen.

    Und ja : Auch Tiere töten grundlos !

  6. Können wir Tiere im Zoo wirklich artgerecht halten? Ich bin früher sehr oft nach Hagenbeck gegangen und habe diese Stunden geliebt als Kind.

    Aber die Tiere?

    Ein starkes hoch intelligentes Tier mit einem riesigen Lebensraum in der Natur, vom Menschen in ein kleines Verliess aus Beton und Stahl gesteckt.

    Möchte ich so leben, oder lieber sterben?

    Wir müssen den Tieren einen größeren natürlichen Lebensraun lassen, das gebietet uns langfristig auch die eigene Arterhaltung.

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  • Quelle ZeitWissen 02/2006
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