Tests von Medikamenten - normalerweise macht man die vor der Zulassung oder während der Herstellung, nicht erst unmittelbar vor der Einnahme. So glaubte ich zumindest. Bis mehrere meiner Bekannten, die ich keineswegs für dumm oder leichtgläubig halte, mir von Ärzten vorschwärmten, die mit Hilfe von "physikalischen Methoden" angeblich herausfinden, welches Medikament bei ihren Patienten am besten wirkt. Ich wunderte mich, fing an zu recherchieren, schrieb ein Buch darüber: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik. Das war im Herbst 2003.

Heute bin ich skeptischer denn je. Drei Ärzte - nennen wir sie X, Y und Z - hatten mich auf mein Buch hin eingeladen, um mich von der Wirksamkeit ihrer Behandlung zu überzeugen.

Beim Ersten von ihnen muss man als Patient monatelang auf einen Termin warten. Wir trafen uns an einem Sonntag. Für unser Experiment untersuchte er mich etwa sechs Stunden an Händen und Füßen. Drei Akademiker, darunter ein ranghoher Beamter, die sich seit Jahren von X erfolgreich behandeln lassen, wirkten als Zeugen bei den Tests mit - sachlich und fair.

Ich saß als Versuchsperson auf einem Stuhl. Das fragliche Messgerät von der Größe einer Schreibmaschine hatte zwei elektrische Leitungen: Eine führte zu einer Elektrode in meiner linken Hand, die andere zu einem Taststift. Den drückte der Arzt X nacheinander auf zahlreiche Punkte meiner Hände und Füße, die als Akupunkturpunkte gelten. Ein Zeigerinstrument stellte den elektrischen Widerstand dar. Simpel. Die Besonderheit dieses Verfahrens, das Reinhold Voll 1956 erfunden hat (daher die Bezeichnung Elektroakupunktur nach Voll, kurz "EAV"), besteht darin, dass das Gerät mit einer "Messwabe" ausgestattet ist: einem Metallzylinder mit Bohrungen zur Aufnahme von Glasampullen. Sie werden in die Messwabe gesteckt wie Patronen in die Trommel eines Revolvers.

X hat einen ganzen Schrank voller Medikamente-Ampullen. Die "EAV"-Anhänger behaupten, die Proben würden "Schwingungen" aussenden, die mit den "Schwingungen" der Krankheiten im Körper des Patienten in Resonanz träten. Bei seinen Patienten stellt X zuerst mittels "EAV" jene Ampullen fest, die zur Krankheit des Patienten passen, und legt diese dann in den "Übertrager": Auf dessen linker Seite befindet sich ein Teller aus Kupfer von der Größe einer Untertasse - hier liegen die Medikamente-Ampullen. Auf der rechten Seite befindet sich ein ähnlicher Teller aus Aluminium. Auf diesem liegt eine gläserne Ampulle mit Kochsalzlösung. Auf dem Kasten befinden sich drei Einstellräder, je eins für die homöopathischen Potenzen D, C und Q. In der hier eingestellten Stärke überträgt das Gerät angeblich die "Schwingungen" der linken Ampullen auf die rechte Ampulle. Diese nehme die "Information" auf, so die Behauptung, daher müsse dem Patienten bloß die Kochsalzlösung gespritzt werden. X war von dem Apparat ganz begeistert und erzählte, dass er umgerechnet 3500 Euro gekostet habe.

Einen ähnlichen Medikamententest gibt es beim Verfahren der "Bioresonanz". Problematisch finde ich als Physiker die Messwabe, denn nach gegenwärtigem Kenntnisstand kann ein Medikament in einer geschlossenen Ampulle weder eine Reaktion im Körper des Patienten, noch eine Änderung des Zeigerausschlags hervorrufen. Auch am "Übertrager" zweifle ich. Ich kenne keinen Mechanismus, der den vermeintlichen Übertragungseffekt bewirken könnte. In der Praxis von X versuchte ich vergeblich, den Kasten zu öffnen. Wenn dieser "Übertrager" funktionieren sollte, müssten Physik und Chemie radikal geändert oder erweitert werden - eine Revolution in der Elektrotechnik wie seit der Erfindung des Transistors nicht mehr. Doch je radikaler eine Behauptung, desto skeptischer sollte man damit umgehen. Bei X kam ich mir vor wie im absurden Theater.

Elf Krankheiten, darunter Parasiten in der Galle, Spulwürmer im Dünndarm und ein Vorstadium von Dickdarmkrebs, "diagnostizierte" Arzt X bei mir - und wollte die Medikamente dagegen ebenfalls per EAV ermitteln. Statt darauf einzugehen, schlug ich Plausibilitätsversuche vor.

Wir einigten uns auf die Methode "Eins aus Zehn": X konnte die Messwabe nicht sehen. Einer der Zeugen stellte sich mit einer Ampulle, deren intensive Wirkung auf mich vorher "ermittelt" worden war, vor die Messwabe und gab ein Klopfzeichen. X untersuchte mich daraufhin und beobachtete den Zeiger, um festzustellen, ob der Gast die Ampulle in die Messwabe gesteckt hatte oder nicht. Bei zehn Anläufen steckte die Ampulle dabei nur einmal drin. Und siehe da, X lag daneben. Ein zweiter Versuch, hoffte er, werde mich überzeugen. Wieder Fehlanzeige. Am folgenden Sonntag wurde dann per "Eins aus Zehn"-Versuch geprüft, ob der EAV-Arzt erkennen konnte, welche von zehn Kochsalzampullen mittels "Übertrager" bestrahlt worden waren. Lauter Fehlschläge! Vergleich meiner Plausibilitätsprüfung: Wer würde sich aufgrund einer EKG-Diagnose behandeln lassen, wenn der Arzt nicht einmal feststellen kann, ob der Patient überhaupt an das Gerät angeschlossen ist?

Als ich auf Einladung der Berliner Zahnärztekammer einen Vortrag über alternative Medizin und Esoterik hielt, berichteten mir anschließend zwei Zahnärztinnen: Viele Patienten kämen zu ihnen, um sich aufgrund einer EAV-Diagnose gesunde Zähne ziehen zu lassen, in einem Fall sogar alle Zähne. Eine der beiden Ärztinnen sagte, sie habe die Wünsche der Patienten erfüllt. Die andere berichtete, sie habe sich geweigert - jedenfalls meistens.

Die Ärztin Y führte mir ein Gerät vor, das ähnlich wie EAV funktioniert, aber von einer anderen Firma hergestellt wird. Sie untersuchte mich ausführlich an Händen und Füßen und stellte interessante Einzelheiten über meine "Leber- und Pankreasmeridiane", meine Gallenblase und meinen "Energiemangel" fest. Ich erhielt ein umfangreiches, farbig gedrucktes Messprotokoll meiner "Meridianwerte". Ein Medikamententest war aber nicht möglich - die zugehörige Software war noch nicht eingetroffen.

Der Prospekt des Gerätes erklärte dessen Wirkungsweise mit der Quantenphysik, zwei Heisenberg-Zitaten, einer "Gravitationswelle mit 20-facher Lichtgeschwindigkeit" und einer "stehenden Vakuumkompressionswelle im hyperbolisch-logarithmischen Maßstab". Offenbar spekulierte der Verfasser auf das weit verbreitete Missverständnis, die Quantenphysik erlaube jede beliebige Behauptung.

Der Arzt Z wollte mich von der Richtigkeit der "angewandten Kinesiologie" überzeugen. Auch er verfügte über eine umfangreiche Sammlung von Ampullen mit unterschiedlichen Substanzen. Ich musste jeweils eine Ampulle mit meiner linken Hand auf meinen Bauch unterhalb des Nabels halten und den rechten Arm horizontal ausstrecken. Diesen drückte Z mit seiner Hand herunter. Manchmal gelinge ihm dies nur mit großer Kraft, manchmal mit geringer, sagte er. So stellte er eine "Allergie gegen Kuhmilchfett" fest, keine aber gegen Roggen. Auch Z stimmte einer Plausibilitätskontrolle zu. Ich hielt die Kuhmilchfett- und Roggen-Ampulle hinter meinen Rücken, vertauschte sie so oft, bis ich selbst nicht mehr wusste, welche ich in der Hand hatte, legte eine weg und hielt die andere vor meinen Nabel ("Eins aus Zwei"-Test). Z tippte aufgrund meiner Armkraft darauf, welche ich vor meinem Nabel hielt. Falsch. Wiederholung, wieder falsch. Das noch ein paarmal. Z landete nur Zufallstreffer. Erneut die Frage: Wie kann man sich nur auf Grundlage so einer Diagnose behandeln lassen? Solche wunderlichen Verfahren gibt es in vielerlei Variationen. Andere Ärzte schreiben die "Information" der Medikamente auf Magnetkarten (ähnlich Scheckkarten), die der Patient am Leib tragen soll.

Inzwischen habe ich erfahren, dass mit der Barmenia eine private Krankenversicherung die Kosten einer EAV-Behandlung bezahlt. Hier geht es also nicht mehr nur um einige Ärzte, sondern um das Gesundheits- und Wissenschaftsverständnis in Deutschland.

Ich verallgemeinere die Erfahrungen aus meinen Recherchen zu einer These, die im Gegensatz zur angenommenen Wirkung von "Schwingungen" der Medikamente auf "Schwingungen" im Körper steht. Meine These lautet: Es ist nicht möglich, die medizinische Wirkung von Medikamenten, Nahrungsmitteln und Zahnersatzmaterialien mittels "angewandter Kinesiologie", "EAV", "Bioresonanz" oder ähnlicher Verfahren zu testen. (Einzige Ausnahme: Der Patient hat zu der Substanz in der Ampulle emotionale Bindungen wie ein Diabetiker zu Zucker oder ein Alkoholiker zu Alkohol. Das könnte zu einer psychischen Reaktion führen, wenn er vom Inhalt der Ampulle erfährt.)

Meine These ist eine "Unmöglichkeitsaussage" und damit die wissenschaftlichste Form einer Behauptung, weil man sie durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegen kann. Falls meine These falsch wäre, würde diese Einsicht radikale Erweiterungen der Physik und Medizin erzwingen. Kurzum, sie wäre die Grundlage für mehrere Nobelpreise. Wenn meine These richtig ist, sollte man die Anhänger der esoterischen Medizin deshalb nicht lächerlich machen. Die Schulmedizin sollte ernsthaft erforschen, woher die scheinbaren und tatsächlichen Erfolge der EAV-Freunde stammen.

Je radikaler eine Behauptung, desto skeptischer sollte man damit umgehen. Auch ich kann meine These nicht allein auf meine Erfahrungen mit drei Ärzten stützen. Ich bin bereit, mich vor Publikum an Händen, Füßen und Armen untersuchen zu lassen, um meine These zu prüfen. Praktizieren Sie "EAV", "angewandte Kinesiologie", "Bioresonanz" und so fort? Beweisen Sie mir, dass Ihre Verfahren funktionieren, bevor Sie gutgläubigen Patienten schwere Krankheiten diagnostizieren oder ihnen die Zähne ziehen lassen! ?

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Martin Lambeck ist Professor für Physik an der TU Berlin und Autor des Buchs "Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik". Er ist Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Im Internet: www.skeptiker.de/lambeck .

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Fühlen Sie sich angesprochen? Widerlegen Sie die These! Martin Lambeck ruft praktizierende Ärzte, besonders die Vertreter der Fachgesellschaften für die genannten Verfahren, auf, in einem öffentlichen Experiment die Wirksamkeit ihrer Methoden zu beweisen. Schreiben Sie ihm unter lambeck@zeit-wissen.de - wir werden berichten!