Es war einmal ein Mann, der liebte zwei Frauen und wusste nicht, für welche er sich entscheiden sollte. Die eine liebte er aus ganz anderen Gründen als die zweite - wie sollte er da wählen? Dummerweise wussten die beiden voneinander und hatten dem Mann die Pistole auf die Brust gesetzt: Sie oder ich!

In seiner Verzweiflung entschloss er sich, auf einem Blatt Papier die Vor- und Nachteile der Alternative aufzulisten. So sammelte er alle Kriterien, die ihm wichtig waren. Er versuchte sich vorzustellen, wie lieb Kandidatin eins ihn auch nach Jahren der Ehe noch behandeln würde im Vergleich zu Kandidatin zwei. Er bewertete das Äußere und überlegte, inwiefern die Frauen im späteren Leben interessante Gesprächspartner für ihn sein würden. Er gewichtete die Kriterien, gab jedem Element eine Punktzahl, addierte die Werte und verglich das Ergebnis.

Dann geschah etwas Seltsames. Er sah das Ergebnis und wusste instinktiv: Es ist falsch. Sein Herz hatte eine andere Entscheidung getroffen als sein Verstand. 

Der Mann beschloss, seine Liste zu vergessen, und verbrachte viele Jahre glücklich mit der Frau seines Herzens. Er hatte auf sein Gefühl gehört.

Bittet man Gerd Gigerenzer, seine Forschungsergebnisse in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen, erzählt er die Geschichte von dem Mann und den beiden Frauen. Gigerenzer ist kein Märchenonkel, sondern Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er gehört zu den renommiertesten Experten für die Psychologie von Entscheidungen. Und der Mann mit den Frauen ist kein Märchenprinz, sondern ein Bekannter von ihm.

Gigerenzers Thema ist nicht Herzschmerz, sondern die Anatomie der Ratio. Und die Quintessenz aus 20 Jahren Entscheidungsforschung lautet auch nicht einfach: Geh, wohin dein Herz dich trägt. Gigerenzer und seine Kollegen, Psychologen, Kognitions- und Hirnforscher rund um die Welt, sind dabei, jene Prozesse zu entschlüsseln, auf denen unser Denken, unsere Gefühle und unsere Intuition beruhen, und sie stellen fest: In vielen Situationen fährt man mit dem Bauchgefühl besser als durch langes Räsonieren.

Manche von ihnen, Neuroökonomen etwa, die mit Kernspintomografen direkt in den Kopf von Konsumenten gucken, während diese zwischen Jever oder Becks wählen müssen, gehen noch einen Schritt weiter und behaupten: Entscheidungen ohne Gefühle gibt es gar nicht. Der Homo oeconomicus, der die Alternativen rein rational abwägt, erweist sich als Fiktion der klassischen Wirtschaftstheorie.

Neuroökonomen von der Universität Münster stellten vor wenigen Monaten in einer Studie im Journal of Neuroimaging sogar fest: Werden wir mit unserem Lieblingsbier oder unserer bevorzugten Kaffeemarke konfrontiert, schaltet sich der Verstand geradezu aus - Gefühlsareale werden aktiviert und übernehmen die Entscheidung.

»Alle Entscheidungen sind letztlich Gefühlsentscheidungen«, sagt Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen. Grundlage unserer Motivation sei immer das Gefühl, dazwischen komme eventuell die Ratio ins Spiel.

Es geht hier nicht um die viel bemühte »emotionale Intelligenz« oder die Wiederentdeckung der »sozialen Kompetenz«. Es geht um die vielen hundert großen und kleinen Entscheidungen, die jeder von uns Tag für Tag treffen muss. Es geht um das Wesen des Menschen: ums Denken.

Befand sich die Psychologie in den 80er Jahren noch inmitten einer »kognitiven Wende«, in der sich die Wissenschaftler dem menschlichen Verstand zuwandten, so zeichnet sich inzwischen eine »emotionale Wende« ab. In einem Übersichtsartikel für die Annual Review of Psychology kommt die Hirnforscherin Elizabeth Phelps von der New York University Anfang dieses Jahres zu dem Schluss: »Um das menschliche Denken zu verstehen, müssen wir die Emotionen berücksichtigen.« Immer mehr Kognitionsforscher erkennen: Wer denken will, muss fühlen. »Hier vollzieht sich auf breiter Front ein vollkommener Blickwechsel«, verkündet Roth. »Und es fängt gerade erst richtig an.«